transmediale 2k+12
in/compatible
Tagline: Festival für Kunst und digitale Kultur
Venues: Haus der Kulturen der Welt (HKW)
Date: 31.01. - 05.02.2012
Organisation: Kulturprojekte Berlin GmbH

Wenn alles scheitert

Inkompatibilität bezeichnet den Zustand, wenn Dinge nicht reibungslos miteinander funktionieren. Derzeit werden allerseits Krisen ausgerufen – in der Politik, der Wirtschaft, der Technologie und der Ökologie – und dadurch hat man schnell den Eindruck, dass wir es im Moment überall mit inkompatiblen Elementen und Situationen zu tun hätten und als ob gerade alles im Begriff wäre zu scheitern. Das Ironische dabei ist, dass besonders die angeblich immer kompatibler werdende Mediensphäre, wo sich sozusagen Alles miteinander verbindet, diese Krisen im Handumdrehen sichtbar macht. Mit dem Thema in/compatible untersuchte das Festival die produktiven und destruktiven Seiten der Inkompatibilität als fundamentale Voraussetzung kultureller Produktion.

in/compatible kuratorisches Statement

Inkompatibilität bezeichnet den Zustand, wenn Dinge nicht reibungslos miteinander funktionieren. Derzeit werden allerseits Krisen ausgerufen – in der Politik, der Wirtschaft, der Technologie und der Ökologie – und dadurch hat man schnell den Eindruck, dass wir es im Moment überall mit inkompatiblen Elementen und Situationen zu tun hätten und als ob gerade alles im Begriff wäre zu scheitern. Das Ironische dabei ist, dass besonders die angeblich immer kompatibler werdende Mediensphäre, wo sich sozusagen Alles miteinander verbindet, diese Krisen im Handumdrehen sichtbar macht. Man fragt sich, ob konnektive Medien und omnipräsente Datensammlungen nicht gar einen aktiven Part bei der Produktion der Krisen spielen. Wo genau treten Inkompatibilitäten auf und wie passen sie zu einer Weltordnung, die förmlich auf dem Paradox beruht, auf Konvergenz ausgerichtet zu sein und dabei doch gleichzeitig andauernd Divergenz hervorzubringen?

Derart schwierige Fragen, wollen wir auf der transmediale 2012 erörtern. Mit dem Thema in/compatible untersucht das Festival die produktiven und destruktiven Seiten der Inkompatibilität als fundamentale Voraussetzung kultureller Produktion. In/kompatibel zu sein, heißt, eine schnelle Rückkehr zur Tagesordnung abzulehnen und stattdessen das Wagnis des Ungewöhnlichen einzugehen: Wir interessieren uns für ästhetische, diffuse und nervöse Artikulationen von Politik und Technologie, die sensibel sind für die dunklen und zufälligen Seiten der Netzwerkkultur.

Das Zu Alte und das Zu Neue als zwei Seiten ein und derselben Medaille: Nichts funktioniert jemals perfekt.

Jahrelang schon verheißen uns Unternehmer aus dem New Media Bereich, neoliberale Wirtschaftsleute und Entwicklungsexperten das „gelobte Land“ konvergenter Technologie, Kultur und Wirtschaft. Dabei zeigt sich immer mehr, dass Konvergenzprozesse – anstatt nämlich einfach glatt abzulaufen – in Wirklichkeit neue Spannungen in den Alltag, die Wirtschaft, die Politik und die Technologie bringen. Daher bilden Spannungen und Krisenzustände auch keinen Widerspruch zur Konvergenz. Eher handelt es sich bei ihr selbst um einen Prozess, der von der Produktion des Inkompatiblen abhängt.

„Das Medienzeitalter ... läuft ruckhaft wie Turings Papierband,“ schrieb Friedrich Kittler und hätte sich damit genauso gut allgemein auf die technologische Entwicklung beziehen können, wo die Produktion von Inkompatibilitäten die Voraussetzung überhaupt darstellt.

Dass die Technologie gleichzeitig so fürchterlich versagt hat und trotzdem weltweit operiert, scheint uns über die Polarität von Utopie und Dystopie hinaus zu befördern. Stattdessen befinden wir uns in einer verschwommenen Welt des Unangepassten, Monströsen und „Un-Unternehmerischen“. Die vermehrt unklaren Spannungszustände zwischen dem Offenen und dem Geschlossenen, zwischen Freiheit und Kontrolle, dem Idealistischen und dem Kommerziellen, führen zu einer neuen Art „technokultureller Unruhe“. In diesem Kontext stellt das Inkompatible einen einzigartigen Moment transversaler Reflexion dar. Künstler, Hacker und Bastler setzen sich mit dem imperfekten Wesen der Technologie auseinander. Sie geben ihr eine kulturelle Form und entwickeln in Reaktion auf die sich sich immerfort verändernden, gesellschaftlichen und ökonomischen Bereiche der vernetzen Welt eine modulare Reflexivität.

transmediale 2012 ist ein in/kompatibles Wesen, das sich bewegt – wenngleich nicht unbedingt vorwärts. Anders als bei einem gescheiterten Unterfangen, sind Inkompatibilitäten beim Umgang mit den für die Netzwerkkultur so typischen Unterschieden von zentraler Bedeutung. Somit liegt das Inkompatible dem Netzwerk auch nicht Außen vor, sondern es bedingt einen internen, immerwährenden Zustand der Unterbrechung, der selbst erst das „offene“ Moment eines in seiner Entwicklung niemals fertigen Systems ermöglicht. Der Kapitalismus folgt dem Prinzip der „kreativen Destruktion“, wie Joseph Schumpeter formuliert hat. Inkompatibilitäten zuzulassen, ist für die kapitalistische Logik, sich gegenüber Geschäften „immer offen“ zu halten – also andauernd neue Produktionsfelder zu erschließen – extrem wichtig. Dies bedeutet allerdings nicht, dass Inkompatibilität immer zu Kooptation führen muss. Das in/kompatible Moment produziert eine Lücke in der kapitalistischen Produktion, einen temporären Stillstand, der sich für Reflexionen darüber eignet, wohin wir uns bewegen – wenn das überhaupt so der Fall ist – und zu welchen Bedingungen.

Als ein in/kompatibles Wesen stellt die transmediale 2012 Projekte und kulturelle Phänomene vor, die dieses Stehenbleiben im ununterbrochenen Fluss der Dinge auskosten und als einen Moment echter Spannung verstehen, in dem die grundsätzlichen Konditionen unserer Beteiligung neu verhandelt werden können. Das in/kompatible Wesen folgt in seinen Bewegungen der besonderen Rhythmik von Spannungsverhältnissen – was nicht unbedingt heißen muss, dass es dabei vorwärts geht. Im Gegensatz zu der Angst vor dem Inkompatiblen – so normal im Zeitalter des Cloud-Computing – fragt das Festival, was passiert, wenn man die Inkompatibilität in den Vordergrund holt, anstatt sie in der dunklen Ecke der digitalen Kultur zu vergraben.

Vorwort zum Festivalkatalog

Sperrig, intelligent, unbequem, unterhaltsam

Mit genau diesen Worten wurde einst das VideoFest ’92 beschrieben, das seit 1998 den Namen transmediale trägt. Die Aufzählung stammt aus einem Vorwort der beiden damaligen Festivalleiter Micky Kwella und Hartmut Horst, die damit seinerzeit das erste Jubiläum, das fünfjährige Bestehen des Festivals, hervorhoben. In diesem Jahr wird die transmediale 25. Es ist eine tolle Herausforderung und eine große Ehre, die zukünftige Entwicklung der transmediale als ihr neuer künstlerischer Leiter mitgestalten zu dürfen. Von 1987 bis 2000 leitete der visionäre Gründer Micky Kwella das Festival, bis 1994 mit der Unterstützung von Hartmut Horst. Unter den ihm nachfolgenden künstlerischen Leitern Andreas Broeckmann (transmediale 2001–2007; mit Assistenz von Susanne Jaschko bis 2004) sowie Stephen Kovats (transmediale 2008–2011) erlebte die transmediale kontinuierlich eine kreative Neugestaltung. Mit Respekt auf dieses Vermächtnis und das 25. Jubiläum kann ich versichern: Das Festival wird mit dem Jahr 2012 NICHT erwachsen! Als ein Ereignis zwischen Kunst, Forschung und Medienkultur, bleibt die transmediale der transdisziplinären Kulturproduktion verschrieben: ihrer sperrigen Bandbreite, ihren intelligenten Explorern sowie ihren unbequemen und unterhaltsamen Visionen.

Mit seinem Thema in/compatible erkennt das Festival von 2012 an, dass in Krisenzeiten gleichwohl ein Bedarf an kreativen Hacks und Veränderungen besteht, als auch an der Weigerung, schnell zur Tagesordnung zurückzukehren. Anstatt wieder einen Preis zu verleihen, haben wir gleich mit Planungsbeginn einen thematischen Ansatz verfolgt, um über die verschiedenen Programmbereiche hinweg eine kuratorische Kohärenz herzustellen. So soll unsere neue Projekt-Plattform reSource for transmedial culture ganzjährig Veranstaltungen organisieren und wir haben beispielsweise in Partnerschaft mit dem _ Vilem_Flusser_Archiv der Berliner Universität der Künste den Vilém Flusser Theory Award in ein Residency Programm für künstlerische Forschung umgewandelt.

Seit seiner 2005er Ausgabe wird die transmediale maßgeblich von der Kulturstiftung des Bundes gefördert. Heute ist die transmediale eines der weltweit als führend anerkannten Festivals im Bereich von Kunst und digitaler Kultur. Die anhaltende Unterstützung durch die Kulturstiftung ermöglicht eine nachhaltige Position und ein weiterhin hohes Programmniveau. Selbstverständlich verdankt das Festival seine Stärke neben der Grundfinanzierung durch die Kulturstiftung auch den vielen anderen Geldgebern, Partnern, Sponsoren und Unterstützern aller Art.

Unser Dank gilt zudem auch all denen, die in unserem Hauptveranstaltungsort, dem Haus der Kulturen der Welt, tätig sind. Wir bedanken uns ebenso bei der Bundeszentrale für politische Bildung für deren großzügige Unterstützung bei der diesjährigen Konferenz. Das Marketing und die visuelle Präsenz in Berlin wurden durch die erhöhte Förderung seitens des Medienboards Berlin-Brandenburg zusätzlich gestärkt. Aufgrund der beachtlichen, technischen Herausforderungen des Festivals freuen wir uns, die Firma serve-u auch dieses Mal wieder als langjährigen Partner an Bord zu haben. Besonders erwähnenswert sollen auch die Kulturprojekte Berlin GmbH, die dem Festival seine lebenswichtige institutionelle Basis bieten.

Kristoffer Gansing, Künstlerischer Leiter

25 Jahre transmediale

Die transmediale wird 25 Jahre alt. Aber wie geht man mit solch einem Jubiläum um? Wir haben uns dafür entschieden das inkompatible Wesen des Festivals sichtbar zu machen, statt die Kerzen auf der Torte zu zählen. In seiner Geschichte hat das Festival immer wieder die Perspektive zeitgenössischer kultureller Phänomene gegenüber eines Mainstreams und gegenüber institutionalisierter Beschränkungen herausgehoben. Die unterschiedlichen Programme im Rahmen der transmediale 2012 reflektieren daher auch die Geschichte einer produktiven Inkompatibilität, die das Festival auszeichnet. So wurde die transmediale vor 25 Jahren als Video-FilmFest gegründet, für Medienformen und -formate, die keinen Eingang zu den etablierten und standardisierten Formen der Filmfestival-Kultur und der Kulturproduktion der damaligen Zeit fanden. Wiederaufgeführt werden Videoprogramme aus den 1980er und 90er Jahren, Net Art-Installationen sowie medienarchäologische Performance- Programme.

Darüberhinaus gehört die Archivierung und Dokumentation von Kunstwerken, Projekten und Programmen der vergangenen Jahrzehnte zu den wichtigsten Aufgaben und Herausforderungen des Festivals. Gemeinsam mit Partnern in einem europäischen Verbund arbeiten wir derzeit das Archiv digital auf, um es in den kommenden Jahren verfügbar zu machen. Wir laden Sie ein, in den kommenden Tagen das Alte und das Neue der transmediale zu entdecken, und gemeinsam mit uns die produktive Inkompatibilität zu feiern.

festival impressions
Programmübersicht

Das breit gefächerte Programm der transmediale 2k+12 fasst die verschiedenen Ansätze zum Thema in seinen einzelnen Bereichen zusammen: Das Symposium konzentriert sich auf in/kompatible Systeme, Öffentlichkeit und Ästhetik; das Video- und Filmprogramm Satellite Stories wirft die Frage auf, wer eigentlich um wen kreist: die Technologie um den Menschen oder der Mensch um die Technologie? Das Performance-Programm The Ghosts in the Machine reflektiert die Beziehung zwischen „alten” und „neuen” Medien und verbindet die Vergangenheit und Gegenwart des Festivals. Dark Drives. Uneasy Energies in Technological Times ist der Titel der Ausstellung, die direkt auf das übergeordnete Thema in/compatible des Festivals eingeht. Die gemeinsame Initiative reSource for transmedial culture umfasst eine Reihe von Veranstaltungen, die sich mit Netzwerkmethoden befassen.

Festivalpublikationen

IN/COMPATIBLE präsentiert den ergänzenden Programmführer und Tagesplaner, damit sich das Publikum im Festivalprogramm zurechtfinden kann. Passend zum Thema präsentiert World of the News – Die weltweit beste peer-reviewte Zeitung für in/kompatible Forschung aktuelle Forschungsergebnisse aus dem Bereich der in/kompatiblen Forschung in einem leicht zugänglichen, kostenlosen Tabloid-Format.

transmediale Award RIP!

transmediale Award RIP! Für das Festival 2012 wird es keinen allgemeinen transmediale Award mehr geben. Diese Änderung spiegelt unsere neue Art der Produktion des Festivals wider: Mit der frühen Aneignung der thematischen Herangehensweise zielen wir auf eine kuratorische Kohärenz zwischen den einzelnen Programmbereichen und wollen uns gleichzeitig direkter in der transmediale Community engagieren. Somit ist der Call für die tm.12 eher an einen thematischen denn an einen Award-Wettbewerb gebunden und der Vilém Flusser Theory Award nimmt jetzt die Form eines Residency Programmes für künstlerische Forschung an. Für 2012 wird es ebenfalls keinen Open Web Award mehr geben, jedoch wird die kritische Diskussion über die Politik offener und geschlossener Systeme in neuen Formaten fortgesetzt. Die Entscheidungen, den transmediale Award und den Open Web Award zu streichen, sind auch mit der Entwicklung eines neuen, ganzjährigen Projekts verbunden, dem “resource” Projekt. Dieses richtet sich in Form von verteilten Projektstipendien an die lokale, regionale und internationale Community der transmediale.

Team

Kristoffer Gansing Artistic Director, Tatiana Bazzichelli reSource Curator, Sandra Naumann Performance Curator, Marcel Schwierin Video Curator, Jacob Lillemose Exhibition Curator, Syelle Hase Assistant Curator, Christine Bernauer Administrative Manager & Finance, Susanne Bernstein Administration & Fundraising Coordinator, Markus Huber Festival Program Manager & Research, Filippo Gianetta Communications Manager, Michelle O'Brien Project Manager Talks & Partner Events, Daniela Silvestrin Assistant resource, Lukas Grundmann Assistant Exhibition & Performance, Doreen Löwe Assistant Video, Sibylle Kerlisch Production Manager, serve-u: Phillip Sünderhauf, Andreas Buchholz, Marc Klische Technical Direction, Maria Rößler Event Management, Giannina Lisitano Head of Press, Katrin von Kotze Press Assistant, Sophie Springer Editor, Lina Zuppke Editorial Assistant, Sophie Springer, Dave Ball, Lina Zuppke Translation, Katharina Galla Community Manager, einskommanull: Laura Oldenbourg, Sebastian Göbel, Micz Flor Website Development, Laura Oldenbourg, Manuel Bürger, Timm Häneke, Till Wiedeck Web Design & Design Concept and Development, Tanja Katharina Lindner, Martin Genz Photo Documentation, Sophie Joos Guest Services, Ann-Christin Görtz Info Counter, Barbara Campaner, Sabine Kulik Arts Education, Ruth Kemper, Baruch Gottlieb DCA/Archive, raumlaborberlin: Andrea Hofmann, Markus Bader, Florian Stirnemann Festival Architecture, serve-u Live Streaming

Beirat Alex Adriaansens, Marie-Luise Angerer, Dieter Daniels, Jan Edler, Marie Cathleen Haff, Saskia Sassen

Support

gefördert durch: Kulturstiftung des Bundes, Medienboard Berlin-Brandenburg GmbH, Bundeszentrale für politische Bildung, European Union Culture Programme.

Partnern und Sponsoren: Mondriaan Stichting, Embassy of Canada, Kingdom of the Netherlands, Kunst Danish Arts Agency, Norden Nordisk Kulturfond, Infinite Opportunities Germany+India 2011-2012, Public Affairs Program of the Embassy of the Embassy of the United States, Aarhus University, Google, serve-u

Medienpartnern: Neural, arte Creative, Berliner Fenster, die tageszeitung, der Freitag, radio eins, 2010 Lab, Deutschlandradio Kultur, DRadio Wissen, De:Bug, Zitty Berlin, Digicult

Supportern: Werkleitz Gesellschaft e.V., SAT Albatros Dubai, Merz Akademie, Kgl. Norwegische Botschaft, Schwedische Botschaft, Italienisches Kulturinstitut Berlin, Kgl. Dänische Botschaft, Collegium Hungaricum Berlin, IN-BERLIN , Echoo Konferenzdolmetschen, Pro Helvetia, amiando GmbH, TOPIX Informationssysteme AG, Arab Shorts, Geier-Tronic Videotechnik GmbH, Goethe-Institut Kairo