Haus der Kulturen der Welt (HKW)
31 January – 5 February 2012
Mit ihrem Schwerpunkt auf unruhige Energien in technologischen Zeiten reagiert die Ausstellung der transmediale 2k+12 unmittelbar auf in/compatible, das Rahmenthema des Festivals. Einerseits kann man davon sprechen, dass unruhige Energien das In/Kompatible selbst produzieren, während andererseits auch das In/Kompatible selbst unruhige Energien produziert. Zusammen generieren sie also einen Kreislauf des gegenseitigen Austausches. Die Frage, welcher Aspekt dabei zuerst da war und den anderen bedingt, ist unwichtig. Eher geht es darum, sich mit den vielerlei Momenten zu beschäftigen, in denen unruhige Energien und das In/Kompatible aufeinander treffen und Prozesse in Gang setzen, welche herkömmliche und standardisierte Vorstellungen von Technologie herausfordern. Somit ist die Ausstellung in den Kontext der Festivalthemas eingebettet, versucht aber gleichzeitig, das Vokabular des In/Kompatiblen durch die ausgestellten Kunstwerke und Objekte zu erweitern.
Was genau sind aber unruhige Energien in technologischen Zeiten? Anstatt mittels Verweisen auf die Philosophie oder Kunstgeschichte eine Definition zu versuchen, behauptet die Ausstellung durch eine weitläufige und diverse Mischung an Beispielen, dass Verzerrungen, Uneindeutigkeiten, Irritationen, Ironien und Unruhe bedeutende Trajektorien bilden, wenn es um unsere Beziehung zu modernen Technologien geht – und dies eigentlich seit der Entdeckung der Elektrizität schon immer so war. Es handelt sich um eine Trajektorie, die nicht auf konventionelle Weise formalisiert werden kann und die Ausstellung möchte ihre Besucher dazu herausfordern, eine Sensibilität und Intelligenz zu entwickeln, um auf kritische und erfinderische Weise mit dem Potential agieren zu können, dass in unruhigen Energien steckt.
So wie sich allerdings auch unruhige Energien nicht auf eine endgültige Gleichung bringen lassen, strebt auch die Ausstellung nicht nach einer Lösung. Sie enthält keinerlei Versprechen, die unruhigen Energien zu überwinden. Im Gegenteil, es wird behauptet, dass unruhige Energien unüberwindbar sind – integrales und konstitutives Element technologischer Zeiten. Die Besucher sind eingeladen, ihr Trajektorien und Horizonte aus dunklen Trieben zu erkunden.
Ausstellung, kuratiert von Jacob Lillemose
kuratorischer text
Die Ausstellung der transmediale 2k+12 beruht auf der Idee, dass unruhige Energien zu unserer technologisierten Zeit gehören. Wenn man an J. Robert Oppenheimers Beschreibung der Atombombe als „technisch süßem Problem“ und Ken Keseys Mix aus LSD, Klangaufnahmen und Rückkopplungen denkt, dazu an die zunehmende Umweltbelastung durch die Ansammlung von Elektroschrott und den Widerstreit um Plattformen wie The Pirate Bay, so hat die moderne Technologie die Gesellschaft nicht einfach nur glatt und vernünftig gemacht. Ganz im Gegenteil. Geschichte und Gegenwart bezeugen, dass der technologische Fortschritt in der Moderne von Anfang an mit Zuständen des Ungleichgewichts, mit Schwierigkeiten und Unsicherheiten verbunden war, auf produktiver Seite zudem aber auch mit aufsässigen Fantasien und unbändiger Expressivität. Die Ausstellung der transmediale 2k+12 trägt den Titel Dark Drives. Uneasy Energies in Technological Times und beschäftigt sich mit Themen abseits der großen Erzählungen technologischer Utopien und Dystopien. Darin äußert sich der Vorschlag, dass zu unserem privaten und öffentlichen Leben mit der Technologie eben auch uneindeutige und dunkle Trajektorien gehören, wobei „dunkel“ hier nicht so sehr den Endpunkt der Kultur bedeutet, sondern eher im Sinne eines Widerstandes zu verstehen ist, der sich gegen allzu klare Vorstellungen von Zweck, Richtung und Bedeutung richtet. Gegenläufig zu kulturellen Konsensprozessen lädt die Ausstellung dazu ein, bestimmte Fragestellungen näher zu untersuchen und etablierte Vorstellungen von Technologie zu hinterfragen.
Anstatt neueste technologische Entwicklungen zu bejubeln, bietet die Ausstellung eine thematische Interpretation: Nachgezeichnet wird eine Geschichte der letzten 50 Jahre, bei der es vor allem um eine kritische Haltung gegenüber existierenden Phänomenen und um mögliche Wege der Neuerfindung geht. Die Ausstellung folgt einer experimentellen Methode, inspiriert von der Montage-Technik der Surrealisten und von ethnographischen Sammlungen. Das Ergebnis ist eine heterogene Mischung aus Kunstwerken und Objekten. Mit seinen Gegenüberstellungen und Sequenzen stellt das gewählte Präsentationsformat somit weniger ein fertiges Argument dar, denn eine Art spekulativen Vorschlag und offene Untersuchung.
In der Ausstellung ist das gezeigte Material in drei sich überkreuzenden Achsen organisiert. Die erste Achse ist historisch. Sie verbindet Werke aus den 1960er Jahren mit Werken, die gerade erst Anfang 2012 fertiggestellt worden sind. Gezeigt wird hier, inwiefern unruhige Energien schon seit langem eine Reaktion auf sich verändernde Umstände und Entwicklungen in Technologie und technologischer Kultur darstellen. Die zweite Achse ist kulturell und reflektiert die kulturelle Breite des Festivals transmediale 2k+12 im Kontext des Haus der Kulturen der Welt. Daher zeigt die Ausstellung auch einige Objekte, die in erster Linie nicht in den Kunstkontext gehören. Diese Objekte werden zusammen mit den Kunstwerken ausgestellt, ohne zwischen den beiden Kategorien explizit zu unterscheiden. Denn die Ausstellung will im Wesentlichen zeigen, dass unruhige Energien sowohl in der Mainstream-Populärkultur am Werk sind, als auch in progressiven künstlerischen Praktiken – und zwar nicht zuletzt gerade deshalb, weil viele dieser Kunstwerke auf konkrete kulturelle Phänomene, Situationen und Themen reagieren. Die dritte Achse ist transmedial. Auch wenn sie womöglich etwas offensichtlich und redundant wirken mag, ist diese Achse trotzdem bemerkenswert, denn gerade sie unterstreicht, dass die Thematik nicht nur im Hinblick auf neueste Technologien relevant ist: Dass sie stattdessen vielmehr auch im Kontext klassischerer Medien eine Rolle spielt, verdeutlichen besonders die zur Ausstellung gehörenden Musikalben und die im Ausstellungskatalog abgedruckten Zitate aus Film, Literatur und Theorie.
Darüber hinaus eröffnet die Ausstellung fünf generelle Gebiete, in denen sich die unruhigen Energien manifestieren: das Gebiet der Psychologie, des Körpers, der Gesellschaft, des Materiellen und der Ästhetik. Die jeweiligen Gebiete haben in unterschiedlichen Bereichen der Ausstellung, mehr oder weniger Gewicht, doch ähnlich wie bei den Achsen gibt es auch hier Überschneidungen und die einzelnen Werke aktivieren meist mehrere von ihnen gleichzeitig.
In der von der Ausstellung vorgebrachten Behauptung, dass technologische Zeiten grundsätzlich von unruhigen Energien durchzogen sind, soll kein impliziter Versuch liegen, diesen Zustand zu überwinden oder zu transzendieren. Im Gegenteil: es geht um die Entwicklung einer darauf gepolten Sensibilität und Intelligenz, hin zu der Ausbildung einer Art technologischer Kompetenz, bei der es anstelle von Skills und Problemlösungen eher um die Fähigkeit geht, die komplexe Problematik unruhiger Energien und das von ihnen ausgehende Potential weitreichend reflektieren und auf subtile Weise artikulieren zu können.
Jacob Lillemose



