Martyna Marciniak ist die Artist-in-Residence der Vilém Flusser Residency for Artistic Research 2026 in Kooperation mit dem Vilém Flusser Archiv der Universität der Künste Berlin (UdK). Im Rahmen der Residency erweitert Martyna ihre laufende Forschung zu den Poetiken und Politiken visueller Fehlinformation und untersucht, wie Bilder Überzeugung fabrizieren und ein Gefühl von Hyperstition generieren: einen Raum, in dem das Gefälschte und das Reale untrennbar miteinander verwoben werden.
Martyna Marciniak wurde 2026 mit der Vilém Flusser Residency for Artistic Research ausgezeichnet – dem am längsten laufenden Residency-Programm der transmediale, nun in der dreizehnten Ausgabe. Ihre neue Arbeit Hyperstitions, Tsunamis & Y2K nimmt bekannte Fälle kollektiven Falscherinnerns und die Idee der Hyperstition erneut in den Blick: die rekursive Verflechtung von Fiktion und Realität, in der imaginierte Szenarien beginnen, Wahrnehmung und zukünftige Möglichkeit zu formen. Die popkulturellen und technologischen Verschwörungsnarrative, die in der Y2K-Ära verwurzelt sind, werden mit der Strenge untersucht, die gewöhnlich historischen Fakten vorbehalten ist, während ihre spezifischen Details in eine videobasierte Erkundung einer spekulativen Vergangenheit eingebettet werden.
Den zentralen Referenzpunkt der Arbeit bildet die KI-generierte Inszenierung des statistisch überfälligen Great Cascadia Erdbebens, einer Katastrophe, die „um das Jahr 2000 hätte eintreten sollen", es aber nicht tat.1 Von dort aus wird der Y2K-Crash nicht als technischen Beinahe-Unfall betrachtet, sondern als reales historisches Ereignis, herbeigeführt durch kollektive Angst statt durch Rechengrenzen oder versagenden Code. In diesem Sinne wird technologischer „Intuitionismus" in den Vordergrund gerückt, um dem technologischen Determinismus entgegenzutreten: mit dem Vorschlag, dass das kulturelle Missdeuten von Technologie diese aktiv umzugestalten vermag.
Die Videokomponente imitiert strukturell kollektive technologische Aussetzer – etwa die von Spieler:innen früher Ausgaben des Spiels Civilization halluzinierten Software-Bugs oder die Mechanismen hinter der Y2K-Datumskorrektur. Die skulpturalen Requisiten, die sowohl im Video auftreten als auch neben ihm gezeigt werden, materialisieren die Ideen hinter dem technologischen Intuitionismus sowie die Logik kollektiver Halluzination und der Panik der Y2K-Ära – und dienen als Spiegel der gegenwärtigen technologischen Unsicherheiten und Undurchsichtigkeiten, die durch KI-Werkzeuge und Überwachungstechnologie entstanden sind.
Jury
Tiara Roxanne, Künstlerin und Wissenschaftlerin; Anna-Lena Panter für transmediale; Mirjana Mitrović vom Vilém-Flusser-Archiv.
Credits
The Vilém Flusser Residency for Artistic Research ist eine Kooperation zwischen transmediale und die Universität der Künste Berlin (UdK).
- 1 (Die Cascadia Subduction Zone ist eine bedeutende Verwerfungslinie, die sich über rund 1.000 Kilometer entlang der Pazifikküste Nordamerikas erstreckt.)






