Podewil
15 – 25 February 1996
Die Auswahl der Installationen für das VideoFest'96 hatte zwei Schwerpunkte: die Suche nach Spuren und deren Sicherung, wobei das Interesse an forensischer künstlerischer Analyse im Vordergrund stand, sowie eine Präsentation der aktuellen Trends in der polnischen Videokunst.
spuren sind das vorläufig bleibende.
Spurensuche und Spurensicherung, diese zwei Begriffe stehen in diesem Jahr Pate bei der Auswahl von Installationen. Es ist gewiß kein neuer Aspekt der künstlerischen Auseinandersetzung und doch zeigen die Skulpturen, Objekte und Installationen aus dem elektronischen und computergestützten Kunstbereich zunehmend differenzierte Ansätze und neue Formen der Darstellung künstlerischer Positionen.
Christoph Girardet konzipiert mit seiner Installation up-current ein mehrdimensionales Raummodell, das eine Überprüfung unserer Erfahrungen von körperlich und visuell wahrnehmbaren Vorgängen erfordert. Die Arbeit Shift von Kjell Bjorgeengen erschließt sich mit dem gleichzeitigen Eintauchen des Videobildes und der Gedanken des Betrachters in einen visionären Raum hinter dem Monitor.
Die Skulptur Elizabeth Gardner von Nicolas Anatol Baginsky stellt sich mit Ihrer dominanten Erscheinung in das Zentrum struktureller Vernetzung. Ihre formalen und inhaltlichen Funktionen offenbaren ungewöhnliche Sichtweisen zwischen Ordnung und Chaos, Veränderung von Präzision bis Spontanität. An der Schwelle zu einem neuen Jahrhundert läßt Haruo Ishli in seiner neusten Arbeit Hyperscratch Vers.6 – the gate of 2000 ad Spuren gesellschaftlicher Vergangenheit und daraus entspringende Visionen zu einer interaktiven Projektionsinstallation verschmelzen, in der sich der Benutzer im Brennpunkt von Ursache und Wirkung widererkennt.
Abwesenheit als besonderer Aspekt menschlicher Spekulationen thematisiert Kirsten Geisler in ihrer interaktiven Installation Table of Memories. Mittels thermografischer Abtastung verändert sie von den Händen übertragene Körperwärme zum Videodokument.
Axel Bohse
neue videokunst in polen
Erste Videoarbeiten datieren aus den frühen 70er Jahren. Das vornehmliche Interesse der Künstler galt den Eigenschaften des Mediums mit seinen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten. Man verstand Video als ein eigenständiges Medium und behielt bis in die späten 80er eine bewußt kritische Distanz zum Fernsehen. Wie Jözef Robakowski, die Hauptfigur der Medienkunst in Polen, 1976 schrieb: „Videokunst Ist völlig inkompatibel mit dem Gebrauchscharakter jener Institution (Fernsehen), sie Ist eine künstlerische Bewegung, die durch Ihre Unabhängigkeit den Mechanismus der Manipulation anderer Menschen anprangert." Aus diesem Grund befaßten sich zahlreiche polnische Videokünstler mit der Beziehung zwischen Realität, ihrer audiovisuellen Darstellung und dem Betrachter. Sie versuchten, Arten von Wahrnehmung herauszuarbeiten und die sich daraus ergebenden Manipulationsmöglichkeiten von Wahrnehmung zu ergründen. Trotz dieses analytischen Ansatzes betonten In den 80er Jahren immer mehr Künstler die Bedeutung von Emotionen mit deren irrationalen Quellen. Nicht zuletzt unter diesem Einfluß entwickelte sich die Form der Videoperformance, die den intuitiven und spontanen Charakter künstlerischer Auseinandersetzung als neuen Bereich zu akzentuieren suchte.
Mehr und mehr kristallisierten sich schließlich Positionen einer neuen polnischen Videokunst heraus. Künstler, die sich um die Protagonisten des polnischen New-Wave-Video versammelten, waren überwiegend Absolventen der Kunstakademien und brachten ihrerseits fundiertes Wissen und engagierte Kreativität mit. Wichtiger als die puristische Untersuchung der Materialität und der damit verbundenen theoretischen Betrachtungen wurde die Absicht, Video als Medium des spontanen, persönlichen Ausdrucks zu nutzen. Es entstanden Arbeiten, deren Ursprung S8-Filmmaterial war, das auf Magnetband übertragen und nach musikalischen Rhythmen und eigenen Kompositionen geschnitten wurde. Das Cross-Over von Mitteln und Einflüssen dieser Bewegung prägte die polnische Kunst nachhaltig. Die jungen Künstler schöpfen nun aus der eigenen Sensibilität, die sowohl Versatzstücke der persönlichen Biographie wie auch Elemente universeller Archetypen kollektiver Erinnerung beinhalten. So ist es kaum verwunderlich, daß die Gruppe der polnischen Künstler, die sich mit den neuen Medien befassen, in den letzten 10 Jahren großen Zulauf hatte. Unter Ihnen finden sich nach wie vor einige der Medienkunstpioniere, Videokünstler der mittlerwelle zweiten Generation sowie ganz unerfahrene Newcomer aus anderen künstlerischen Bereichen. Heute spannt sich der Bogen unterschiedlicher Genres im Videobereich vom Musikvideo über Folk-Poetry und Videoanimation bis hin zu analytischen Inhalten. Mit der Geschwindigkeit technologischer Entwicklungen finden verstärkt auch polnische Künstler Interesse an Kommunikationsprojekten und interaktiven Konzepten. Die Ausstellung Video-Räume präsentierte, unter der Initiative von Jözef Robakowski, 1994 In der State Art Gallery Sopot Künstler aus unterschiedlichen Kunstbereichen zur Frage: Was bedeutet Video? Eine Auswahl von Skulpturen und Installationen stellt das 9.VideoFest vor.
Dr. Ryszard W. Kluszczynski Kurator für neue Medien Museum für Zeitgenössische Kunst, Warschau


