THE OPEN ZONE
Modell einer handlungsfähigen Stadt
Programmkuratorin Ela Kagel
Haus der Kulturen der Welt (HKW)
2 – 5 February 2011

Das Festivalthema RESPONSE:ABILITY ist auch eine Reflektion über das Internet als zunehmend politischer Ort. Unser gesamtes digitales Handlungsrepertoire – unsere Online-Profile, das Shoppen, Tauschen und Vernetzen – wird gesellschaftspolitisch immer relevanter und hinterlässt Spuren in der realen Welt. Das Internet ist zur strategischen Handlungszone geworden, die bei Status-Updatern und Prosumern der Web 2.0-Ära immer mehr nach einer „Haltung“ ruft.

  1. Impression of "Lost in The Open? Navigating the Open Web and Free Culture"

  2. The Currency of the Commons

  3. The Open Zone

Während Künstler, Aktivisten und Unternehmer diesen Veränderungsprozess als visionäre Versuchsanordnung nutzen, ist das Internet für Regierungen oder Rechteeigner eine problematische Zone, die entsprechend dem teilprivatisierten und normierten Stadtraum der Regulierung bedarf. Das Open Web, früher eine Art Systemvoraussetzung, wird dadurch immer mehr zur umkämpften Ressource.

The Open Zone ist eine gesellschaftliche Versuchsanordnung mit unterschiedlichen sozialen Territorien, die für die Dauer der transmediale von Künstlern und Medienaktivisten besiedelt werden. Im Mittelpunkt steht der kleine Wimpernschlag zwischen „Stand by“ und „On“ – der Moment, in dem sich ein Mensch zum Handeln entschließt und ein passives System aktiv wird. In offenen Ateliers, Projektbüros, Tauschzentren und Experimentierräumen werden die strategischen Voraussetzungen der Open Culture untersucht und für die Besucher des Festivals erfahrbar

gemacht.

Dieses Modell einer handlungsfähigen Stadt reflektiert die menschliche Fähigkeit, im verwirrenden Strom der Ereignisse verantwortlich zu handeln und selbstbestimmt agieren zu können. Das sind die Grundvoraussetzungen einer freien digitalen Kultur, die von uns allen mit geprägt wird.

Das Netz ist hier und jetzt. Es ist live. Andere haben es für uns gebaut – gestalten müssen wir es jetzt selbst.

Ela Kagel, Programmkuratorin, The Open Zone

  1. "Wanted & For Sale" by Kom.Post

  2. "Wanted & For Sale" by Kom.Post

  3. "Wanted & For Sale" by Kom.Post

  4. "Wanted & For Sale" by Kom.Post

  5. "Wanted & For Sale" by Kom.Post

  6. "Wanted & For Sale" by Kom.Post

  7. Heath Bunting at the Identity Bureau

  8. "interACTions" by and with Ursula Endlicher

  9. "interACTions" by and with Ursula Endlicher

  10. Open Design City

  11. Open Design City

  12. Open Design City

  13. Open Design City 'Make Your Own Market'

  14. Open Design City 'Make Your Own Market'

  15. Immediated Autodocumentary

The Open Zone besteht aus insgesamt 8 verschiedenen Arbeitsstationen und dem Open Web Award-Bereich im Foyer des Haus der Kulturen der Welt. Zusätzlich runden insgesamt drei Fokus-Gesprächen das breite Angebot von Workshops und Präsentationen in der Open Zone auch auf theoretischer Ebene ab. Nachfolgend das gesamte Programm im Kurzüberblick:

LOST IN THE OPEN? – Navigating the Open Web & Free Culture

Hier werden die Arbeits- und Lebensbedingungen der sogenannten Open Culture anhand von täglich wechselnden Projekten und Initiativen untersucht. Besucher haben die Möglichkeit, einige der bekanntesten Free Culture-Aktivisten zu treffen, Fragen zu stellen, Meinungen zu hören und gemeinsam Ansätze für offene Systeme zu entwickeln. Dabei geht es auch darum, ein tieferes Verständnis für die Themenwelten rund um „Free“ und „Open“ zu bekommen. Die einzelnen Workshops wenden sich sowohl an Künstler und Kulturarbeiter, die nach neuen Arbeits- und Kollaborationsmethoden suchen als auch an alle Interessenten und Skeptiker, die nicht so recht an die große Freiheit glauben. Hier gibt es fünf Tage lang die Möglichkeit, die große Bandbreite der Open Culture im Rahmen von praxisorientierten Workshops kennenzulernen, Menschen zu treffen und Projekte zu entwickeln. Dass es einen enormen Bedarf für solche neuen Lösungen gibt, wird spätestens beim Blick auf das breite Themenspektrum klar: Angefangen von den Utopien des digitalen Bürgers, über freien Zugang zu Informationen bis hin zu neuen Formen der Zusammenarbeit – wir haben jetzt die Chance, diesen gesellschaftlichen Wandel mitzugestalten.

RESPONSE: ACTIVITIES – Strategies of Political Participation

The Internet has evolved from the carefree online playground of the nineties to become a contested area of social and political action. In accordance with the festival theme, RESPONSE:ABILITY, a broad range of political activities is examined in this workstation. There is a particular focus on the activist potential available to each individual that can be used to make lasting changes – provided there is an awareness of their own responsibilities. In various workshops and presentations, projects and people from around the world concerned with making a difference – by giving a voice to those who would otherwise remain unheard or by working for the open web and open access to knowledge – are presented. All these initiatives demonstrate, in the end, the need to fully understand the Internet. It is more than the sum of our private social contacts and on-demand content – the Internet is our extended road, a public space whose survival we should all support.

THE CURRENCY OF THE COMMONS – The Price and Value of Free Culture

Bis vor Kurzem wäre niemand auf die Idee gekommen, die Free Culture mit Geldverdienen in Beziehung zu setzen. Aber „frei“ bedeutet ja nicht immer „frei von Preisen“ oder „frei von Werten“ – ganz im Gegenteil. Allerdings taugt der klassische Businessplan als ökonomische Bezugsgröße für diesen Bereich auch nur sehr begrenzt. Denn wie erstellt man eine Kalkulation für jemanden, der erst mal seinen ganzen Besitz weggibt um sich gut zu fühlen? Wie kann man kulturelle Werte messen und ermitteln? Und welche neuen Formen von Handel und Ertrag sind durch die digitale Kultur entstanden? In dieser Arbeitsstation werden temporäre Shops eröffnet, kurzfristige Wertetransfersysteme errichtet und in Form von alternativen Banken präsentiert. Für die gesamte Dauer des Festivals können Besucher in diesem Teil der Open Zone auf Medienaktivisten treffen, die ihre Visionen einer alternativen Ökonomie erfolgreich umgesetzt haben.

Identity Bureau

Unsere Identität als Mensch ist so konstruiert, dass wir eine oder mehrere natürliche Personen sowie eine oder mehrere juristische Personen (Unternehmen) besitzen können. Je höher ein Mensch im Klassensystem verortet ist, desto breiter ist dessen Zugang zu unterschiedlichen Identitäten. Heath Bunting's Status Project hat diese Klassensysteme des Menschen-Managements zum Inhalt. Für ein besseres Verständnis und mehr Beweglichkeit stellt er beispielsweise Karten her, die Einflusszonen verdeutlichen, oder macht persönliche Porträts.

Auf der transmediale.11 betreibt Heath ein Identity Bureau, wo er die vertriebsfertigen, natürlichen Personen, die er selbst geschaffen hat verkauft und Aufschluss darüber gibt, wie jeder seine eigene Identität entweder benutzen oder auch herstellen kann.

The Wanted & For Sale Office

Die Künstlergruppe kom.post collective betreibt das Wanted and For Sale Office. Dabei entsteht eine Wirtschaft im Sinne des altgriechischen Wortes 'oikonomia'. Das auferlegte Geldwährungssystem verwandelt sich, indem die Besucher gefragt werden, was sie geben können und was sie haben wollen. Alle, die ihre Fähigkeiten anbieten oder mithelfen, neue Lösungen für bestimmte Fragen zu finden, sind Teil des neuen Systems. Jedes Gesuch und Angebot ist im Office zu sehen, sodass Tauschpartner gefunden werden können und das Office mit jedem teilnehmenden Individuum ein lebendiges Kunstwerk wird.

Das Wanted and For Sale Office ist auch der Ort, wenn man eine Führung sucht, nur dass die Führer sich die Verantwortung für die erwartete Situation mit ihrem Publikum teilen. Besucher können an maßgeschneiderten Führungen mit Mitgliedern der Künstlergruppe teilnehmen. Besucher können auch Audioführer benutzen, um das Festival zu erschließen, bzw. selbst Audioführer für andere herstellen. Ein weiteres Angebot sind Festival-Informationshefte zum Selbermachen, die entweder genau an die eigenen oder die Bedürfnisse anderer angepasst sind. Das kom.post collective wird darüberhinaus auch andere Festival-Aktivitäten mit Mini-Performances und Mikro-Konferenzen unterstreichen.

interACTicons

Wie wäre es wohl, wenn die ganze Online-Kommunikation plötzlich auf Emoticons reduziert wäre? Oder besser, wie im Fall von interACTicons, auf JPGs, GIF-Animationen und Videos? Oder wenn Text plötzlich unlesbar würde, weil zu viele Algorithmen sich bei der Auswahl unzensierter Worte gegenseitig in die Quere gerieten und diese so limitierten Online-Aktivitäten zu guter Letzt auch noch unser Wissen und unsere Fähigkeiten im Offline-Leben verraten würden? Eine Zukunftsvision? Willkommen in Kafkas Internet? Klingt bekannt?

Bestehend aus drei Teilen (Online-Archiv, Workshop und finale Live-Performance) untersucht interACTicons die Tiefen sowie Oberflächen des Internets, unsere Aktivitäten im ‚Social Web‘, auf philosophische, partizipative und performative Weise. Bereits seit vor dem Festival gibt es die Online-Action-Library, bei der sich User an der Visualisierung unserer Online-Gewohnheiten beteiligen können. Der interACTicons-Workshop ist der praktisch-informative Teil des Projekts und zum Abschluss gibt es als Momentaufnahme noch die partizipative Performance InterACTicons, Live!.

Open Design City

Die Open Design City ist ein Ort für kollektives Arbeiten, neue Bürger-Beziehungen und -Projekte in Berlin. Inspiriert von den Prinzipien der freien Software und Open Source Bewegung, entsteht hier.

Jay Cousins und Christopher Doering, die Gründer und Bürger der Open Design City, ziehen während der transmediale.11 in die Open Zone im Foyer des Haus der Kulturen. An ihrem „Selbstmach-Markt"-Stand geben sie Einführungen in ‚offenes Design' und stellen Tools und Geräte zur Verfügung sowie neue Bezahlmethoden vor. Cousins und Doering schaffen demnach einen Raum, wo nicht nur das Geldsystem und die freie Kultur aufeinander treffen, sondern wo Festivalbesucher neue Skills erlernen, bzw. deren eigene Produkte und Dienstleistungen gegen Tausch oder Bezahlung anbieten können.

Angebotene Workshops reichen von Siebdrucken und der Plastikherstellung zu 3D-Drucken, Nähen und ‚Upcycling'. Spezialgeräte wie eine CNC-Schneidemaschine und ein 3D-Printer stehen allen Besuchern kostenlos zur Verfügung. Auch Materialien werden gestellt. Trotzdem sei aber empfohlen, selbst Gegenstände zum Upcyclen, Customisen oder Tauschen mitzubringen.

Spezielle Gäste der Open Design City: Das Graffiti Research Lab Deutschland mit ihrem Projekt SVG2BVG benutzt Standard-Bildsoftware um Graffiti Tags aufzuspüren. Die Software versendet dann die Muster an einen DIY Laserschneider, der das Stencil in Echtzeit exportiert. Die Stencils sind passend für die Bildschirme des Berliner U-Bahnfernsehens optimiert und ermöglichen es dir, deine eigenen günstigen, lichtbasierten Graffitis in der Schutzzone deines eigenen Transportsystems zu entwickeln. http://www.trial-error.org/

Open Design City transmediale.11 blog

Immediated Autodocumentary

with Gabriel Shalom (us) and Patrizia Kommerell (de) from KS12

Auf der transmediale.11 arbeiten KS12 an einem Video über die Zukunft der Kunst. Festivalbesucher, Künstler und Vortragende sind eingeladen, mit Meinungen, Kritikäußerungen und Visionen am Prozess teilzunehmen, Das Video wird im Schnelldurchgang geschnitten und der Rough Cut am Sonntagnachmittag vorgeführt. Es handelt sich hier um ein kollektives Erzählprojekt und somit in gewisser Hinsicht selbst um einen Prototyp für die Zukunft der Kunst selbst.

Immediation (eng.) = Unmittelbare Mediation; ein augenblicklicher, medialer Erfahrungstransfer, der Selbstreflexion und Perspektivwechsel erlaubt. Autodocumentary: von ‚auto’ wie in autodidaktisch und dokumentarisch oder Dokumentarfilm. Auto-Dokumentarfilme werden von denselben Personen gemacht, von denen sie handeln. Unsere Arbeit an ‚unmittelbar mediatisierten Auto-Dokumentarfilmen’ ist aus Werken hervorgegangen, die wir für Pictoplasma 2009 (Poems for Pictopia), Social Media Week 2010 (Delivered in Beta), DMY Maker Lab 2010 (Chasing the Buffalo) and the Sibos 2010 Finanzkonferenz (The Future of Money) geschaffen haben.