Während der Dreharbeiten zu Particular Waters in Hsinchu, Taiwan, traf ich am Ufer des Touqian-Flusses einen Bauern aus der Gegend. Er erzählte mir von seinen Erinnerungen an den Fluss und zeigte auf den Hochwasserwachturm, der unbeweglich am Flussufer stand:
Als ich neben dem verlassenen Wachturm stand, spülten mir die Erinnerungen an das Wasser Worte von Toni Morrison zu: „Den Mississippi hat man stellenweise begradigt, um Platz für Häuser und Anbauflächen zu schaffen. Und nun tritt er ab und zu über die Ufer; das nennen wir dann ‚Überfluten‘, dabei ‚überflutet‘ er nicht irgendetwas, sondern er erinnert sich. Er erinnert sich daran, wo er früher geflossen ist. Wasser hat ein ausgezeichnetes Gedächtnis und versucht immer, an frühere Orte zurückzukehren.“1 Wasser birgt Erinnerungen, auch jene, die wir zu vergessen neigen. Seit Tausenden von Jahren haben die Menschen das Wasser durch technische Anlagen und Geräte domestiziert, sie kontrollieren die Wasserströme und passen die jahreszeitlichen Verläufe der Flüsse ihren eigenen Bedürfnissen an. Dämme, Deiche und Schleusen, die alle geschaffen wurden, um den ungehinderten Wasserlauf zu kontrollieren, werden heute als Hindernisse betrachtet, die menschlichen Interessen im Weg stehen können.
Die Klimakatastrophe ist eine menschliche Katastrophe
Die Performance der fiktiven meteorologischen Agentur 洪火机构 (Agentur für Sturzfluten und Waldbrände) der Musiker:innen und Performance-Künstler:innen bela und Kloxii Li auf der transmediale 2024 öffnete die Schleusen zu einer mit verschiedenen Musikstücken unterlegten desaströsen Klimabilderwelt. Eine Projektion auf der Bühne streamte originales Videomaterial aus sozialen Medien und Nachrichtensendern: explosionsartige Waldbrände in Kalifornien, sich anbahnende Sturzfluten in Südkorea. Das nahtlose Verknüpfen der verschiedenen Aufnahmen aus Wetterberichten und sozialen Medien wurde von einer Suchmaschine gesteuert, die Rim Mustafin entwickelt hat. Dey Künstler:in machte einen live-Streifzug durch den Strom der Onlinevideos und rief Klick für Klick hoffnungslose Inhalte auf, die nur noch mehr Wetterkatastrophen offenbarten.
Die Visualisierung der überwältigenden Zerstörung verwischte jegliche vermeintliche Grenze zwischen Fiktion und journalistisch konstruierter Realität. Zu Beginn ihrer Performance erklärte bela: „Die fiktionale Agentur konzentriert sich auf die Entwicklung und Verbreitung einer zeitgenössischen Verwendung alter Rituale, um den zwangsläufigen Zusammenhang zwischen Klimaangst und dem Zerfall von allem aufzulösen.“ In drei Akten, in denen bela und Kloxxi Lii audio und visuelle Medien neu sampelten, hinterfragen sie die massenmedial bestimmten Zyklen von Krisen, die unsere psychologischen und emotionalen Reaktionen auf Klimaunsicherheit prägen. Heute, wo es immer dringlicher wird, den Klimawandel zu thematisieren, sind wir ständig Bildern ausgesetzt, die vorgeblich den Klimawandel darstellen und von irreführenden Erzählungen begleitet werden, die dessen Ursachen in der Natur verorten und seine Ursprünge entpolitisieren.
Es ist wahr, dass „der Klimawandel zahlreiche Ebenen aufweist – er findet sowohl auf molekularer als auch auf planetarer Ebene statt –, was ihn besonders schwer fassbar und darstellbar macht und daher neue Analyse- und Erzählweisen erfordert.“ 2 Aber es stimmt auch, dass der Klimawandel von Menschen auf der ganzen Welt körperlich und emotional als ein Wetterphänomen erlebt wird, für das es keinen nachvollziehbaren Ursprung oder verantwortliche Akteur:innen gibt. Die langfristigen Auswirkungen der Erderwärmung werden mit Bildern von hitzebedingten Wetterereignissen wie Dürren und Waldbränden vereinfacht dargestellt; drastische Wetterbilder werden missbraucht, um irreführende Klimasimulationen zu erzeugen. Die Performance auf der transmediale 2024 entfesselte einen überwältigenden Strom jener dramatischen Bilder, die fast täglich als aktuelle Nachrichten über „extreme Wetterereignisse“ gesendet werden und angeblich die Auswirkungen des Klimawandels zeigen, jedoch nur begrenzte Einblicke in die ihm zugrundeliegenden Ursachen bieten. Bilder von der Umwelt und visuelle Bearbeitungstechniken gehören ganz wesentlich zur Geschichte der Klimakrise und ihrer Entwicklung im Kapitalozän. Die Notwendigkeit einer Darstellung des Klimawandels sollte nicht die komplexen Ursprünge der Krise verdecken. In diesem Text möchte ich einige der Ursprünge untersuchen, die bisher übergangen werden: die Betonbauten und Technologien der Wasserbewirtschaftung, die in der westlichen Moderne für die Nutzung natürlicher Ressourcen eingesetzt werden. Wasser als natürliches Vorkommen war für moderne Bedürfnisse und eine zukunftsorientierte Weltsicht von vorrangiger Bedeutung.
Katastrophale Versäumnisse
Staudämme verändern den Wasserfluss. Ihr zementiertes Dasein fragmentiert die Ökosysteme der Flüsse und die Kulturlandschaften, die sich um die Gewässer herum gebildet haben. Die Künstlerin Carolina Caycedo untersucht in ihrem Forschungsprojekt Be Dammed seit 2012 die ökologischen, psychologischen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Staudämme an Wasserstraßen und zwar insbesondere im Zusammenhang mit der infrastrukturellen Entwicklung lateinamerikanischer Länder. Am Beispiel des El Quimbo-Staudamms, dem ersten Wasserkraftwerk am Río Magdalena in Kolumbien und Gegenstand ihrer Forschung, zeigt Caycedo, dass die extraktive Politik der Wasserkrafterzeugung mit einer „Militarisierung des Territoriums, der Vertreibung der Indigenen Bevölkerung und einer daraus resultierenden Fragmentierung von Ökosystemen, Gemeinschaften und lokaler Wirtschaft“ einhergeht. Es wird systematisch behauptet, dass Wasserkraft eine „grüne“ Energiequelle sei. Doch im Gegenteil scheinen große Staudämme und Stauseen einer der wichtigsten Verursacher der Klimakrise zu sein, da sie „kontinuierlich große Mengen Kohlendioxid (CO2 ) und Methan (CH4 ), die beiden wichtigsten nicht-synthetischen Treibhausgase, nicht nur speichern, sondern vor allem abgeben.“3 Flüsse spielen eine Rolle bei Kohlenstoffsenken. Wenn Baumstämme und andere organische Stoffe überschwemmt werden, bevor sie verrottet sind, wird der Atmosphäre Kohlenstoff entzogen und im Wasser sowie im Boden gespeichert. Durch Staudämme, die die Zersetzung von organischem Material aufhalten, werden jedoch erhebliche Mengen an Methan und Kohlendioxid freigesetzt.
Über Talsperren werden fast zwei Drittel der großen Wassersysteme der Welt angestaut, wodurch öffentliche Gewässer zu privaten Ressourcen gemacht wurden. Staudämme sind im kollektiven Bewusstsein sowohl ein Instrument als auch ein Symbol für Wachstum und Fortschritt. Sie wurden zum modernen Paradigma der Wasserwirtschaft des 20. Jahrhunderts.4 Die meisten großen Staudämme der Welt wurden in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut, d. h. zwischen 1950 und 1985. Nach einer 2021 veröffentlichten Studie des United Nations University Institute for Water, Environment and Health (UNU-INWEH) ging der weltweite Bau von Riesenstaudämmen von etwa 1.500 pro Jahr in den späten 1970er Jahren auf etwa 50 im Jahr 2020 zurück. 5 Zwischen 1912 und 2023 wurden in den USA mehr als 2.119 Talsperren abgerissen.6 Die meisten dieser Dämme sind überaltert und mit Schlamm verstopft, was die Kapazität der Stromerzeugung und des Wasserabflusses mindert. Wenn ein großer Staudamm (höher als 15 m) das alarmierende Alter von 50 Jahren erreicht, müssen die für seinen Betrieb Verantwortlichen aufgrund der Herausforderungen der Instandhaltung und potenziellen Gefahren durch die alternde Infrastruktur besonders wachsam sein. Im UNU-Bericht heißt es: „Bis zum Jahr 2050 wird die Mehrheit der Weltbevölkerung stromabwärts von großen Staudämmen leben, die im 20. Jahrhundert gebaut wurden und für die ein ‚zunehmendes Risiko des Brechens‛ besteht.“7 Die steigende Anzahl überalterter Staudämme stellt zunehmende Sicherheitsrisiken dar, da ihre Strukturen brüchiger werden und extreme Wetterbedingungen die Belastung der Dämme erhöhen, da sie zu mehr Wasser in den Flüssen führen.
Der Klimawandel wird oft als Hauptursache für die verheerenden Überschwemmungen verantwortlich gemacht, was die Aufmerksamkeit von den technischen Fehlleistungen ablenkt. Im September 2023 brachen zwei Dämme am Wadi Darna im Norden Libyens und lösten sintflutartige Überschwemmungen aus, bei denen mindestens 11.300 Menschen ums Leben kamen und über 10.000 vermisst wurden.8 Die Katastrophe ereignete sich durch das gleichzeitige Zusammenkommen eines historisch besonders starken Sturms, eines Bürgerkriegs und einer veralteten Wasserinfrastruktur: Die Dämme stammten aus den 1970er Jahren und Berichten zufolge waren sie seit 2002 nicht mehr gewartet worden.9 Ähnlich katastrophale Versäumnisse sind auf der ganzen Welt zu befürchten.
Ewigkeitskosten anthropogener Eingriffe
Jede Veränderung in einem bestimmten Ökosystem führt zu Konsequenzen in einer anderen Zeit. Je radikaler der Eingriff ist, desto stärker können die Auswirkungen ausfallen. Ewigkeitskosten ist der Begriff, der für die endlosen Aufgaben und ewigen Lasten steht, die durch radikale menschliche Eingriffe in das Erdsystem, wie z. B. den Stein- oder Braunkohleabbau, verursacht werden. Ich bin auf diesen Begriff dank einer kollektiven Feldforschung im Rahmen des Ausstellungsprojekts FLUID CIRCULATIONS – Hydrofeministische Erkundungen Post-Industrieller Landschaften 10 gestoßen. Im Zusammenhang mit der endgültigen Schließung von deutschen Kohlebergwerken verweisen Ewigkeitskosten auf die resultierenden Kosten für die Bergbaufolgelandschaft. Im Ruhrgebiet werden jedes Jahr etwa 60 Millionen Kubikmeter Wasser aus den Steinkohleschächten gepumpt, um zu verhindern, dass giftiges Grubenwasser das Trinkwasser verunreinigt. Um das aufrecht zu erhalten, sind laufende Wartungsarbeiten an den Pumpwerken erforderlich, damit das giftige Wasser von den Grundwasserleitern ferngehalten wird. Der immense Energiebedarf, der für die Instandhaltung der Infrastruktur erforderlich ist, damit das System im Gleichgewicht bleibt, ist scheinbar endlos. Gewässer tragen die unterirdischen Brüche und Geschichten der Materie an die Oberfläche. Sie können Zeugnis ablegen von den anhaltenden Störungen der Ökosysteme.
Wie kann uns Wasser zu Erinnerungen aus der Geschichte der Umwelt führen? Wie können uns die zahlreichen Erinnerungen des Wassers dabei helfen, kulturelle Gewohnheiten der Wiederherstellung zu entwickeln, die den vorherrschenden Technologiekulturen von Befehl und Kontrolle entgegenwirken? Auch wenn eine „technologische Lösung“11 verlockend erscheint, müssen angesichts unwiederbringlicher Umweltzerstörungen die Praktiken der Reparatur mehr als nur technologische Mittel einsetzen. Mit dem folgenden Gedankenexperiment möchte ich einige andere Wege der Welterzeugung vorschlagen, indem ich unsere Beziehungen zum modernen Wasser untersuche.
Erinnerungsträger
Fast 99 % der Wetterbeobachtungsdaten, die Supercomputer heute empfangen, stammen von Satelliten. 90 % dieser Beobachtungen werden mithilfe komplexer Algorithmen in digitale Wettermodelle integriert. Diese Algorithmen, bekannt als Numerische Vorhersagemodelle, wandeln die Beobachtungsdaten in eine numerische Darstellung der Atmosphäre in einem Zeitverlauf um, um Wettervorhersagen zu treffen.12 Die Klimawissenschaft stützt sich weitgehend auf Modelle, doch müssen diese Modelle aufgrund der Komplexität und Unvorhersehbarkeit des atmosphärischen Klimasystems ständig angepasst werden. Der weltweite Wasserverbrauch für die künstliche Intelligenz im Jahr 2027 könnte zwischen 4,2 und 6,6 Milliarden Kubikmeter Wasser betragen, was vier- bis sechsmal mehr ist als die gesamte jährliche Wasserentnahme Dänemarks.13 So gesehen ist die Datenverarbeitung sowohl Opfer als auch Mitverursacher der Klimakrise. Klimaberechnungen, KI-Industrie und globale Telekommunikation sind auf die Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC) angewiesen, die hochpräzise Chips herstellt. Auch in Wettersatelliten stecken häufig Mikrochips von TSMC. Mit meinem Forschungsfilm Particular Waters (2023) habe ich begonnen, die Materialwege von Computertechnologien zu untersuchen, um den massiven Ressourcenverbrauch bei der Herstellung von Chips darzustellen und zu kritisieren.
2021 war Hsinchu, die Heimat des weltweit gefragtesten Chipherstellers TSMC, von der schlimmsten Dürre seit Jahrzehnten bedroht. Normalerweise tragen drei Taifune pro Jahr zu den notwendigen Niederschlägen in Taiwan bei. Doch im Jahr 2021 zog kein einziger Taifun über die Insel, um den Stauseen den dringend benötigten Regen zu bringen. Angesichts der daraus resultierenden Dürre wies die taiwanesische Regierung die Industrie an, den Wasserverbrauch zu senken, und verhängte einen Bewässerungsstopp, von dem etwa ein Fünftel der bewässerten Flächen Taiwans betroffen war. Die Regierung versuchte mit Flugzeugen und dem Verbrennen von Chemikalien die Wolken über den Stauseen abregnen zu lassen und errichtete etwa zur gleichen Zeit in Hsinchu eine mobile Meerwasserentsalzungsanlage.
Das weltweit größte Halbleiterwerk TSMC kontrolliert 84 % des Marktes für Chips mit den kleinsten und effizientesten Schaltkreisen. Um seine Marktpräsenz aufrechtzuerhalten, benötigt das Unternehmen täglich 156.000 Tonnen Wasser, was etwa einem Drittel des gesamten Wasserverbrauchs von Taiwans wichtigsten Wissenschaftsparks entspricht.14 Während der Dürre musste TSMC Tag und Nacht Lastwagenladungen mit Wasser aus anderen Gebieten heranfahren. Laut Hsu Huang-Hsiung, einem Experten für Klimawandel der von der taiwanesischen Regierung finanzierten Denkfabrik Academia Sinica, „leidet Taiwan seit den 1960er Jahren unter einem deutlichen Rückgang der jährlichen Regentage“15 . Zynisch ließe sich anmerken, dass das Gewinnwachstum von TSMC besser vorhersehbar ist als die Regenfälle in Taiwan. Als es 2021 zur weltweiten Chip-Knappheit kam, war die Dürre ein Beweis für die deutliche Gefährdung der globalen Lieferketten. Zugleich offenbarte die Klimakrise den hohen Wasserbedarf der Chipherstellung und die Auswirkungen der Wasserknappheit auf die Produktionskapazität.
Wasser trägt die Geschichten der Umwelt in sich. Aber das heilige Wasser der Halbleiterherstellung – Reinstwasser – enthält keine Geschichten. Sein Gedächtnis wurde gelöscht. Durch die Entfernung von Natrium, Kalium, Bakterien, organischen Bestandteilen, metallischen Verunreinigungen und anionischen Verbindungen löscht das Filtersystem die Geschichten des Wassers, um saubere Herstellungsprozesse zu gewährleisten. Als von Menschenhand geschaffenes Produkt fehlen dem Reinstwasser die sozialen und historischen Bestandteile, weil es eine ausschließliche Kombination von Sauerstoff und Wasserstoff ist. Wasser ist ein Träger und ein Verbinder. Seine Eigenschaft als Träger wird bei der Herstellung von Halbleitern für die Reinigung genutzt. Die positiv und negativ geladenen Teile der reinen Wassermoleküle ziehen die unerwünschten Stoffe an, die die Chip-Produktion gefährden könnten. Das Problem dabei ist nicht nur das Auslaugen der Ressourcen, sondern eine Herangehensweise, die das Leben als Ressource im Dienste der Technik behandelt.
Kosmische Gewässer
Wasser wird normalerweise als natürliches Vorkommen beschrieben, als eine Ressource: Dieser Begriff verleiht verschiedenen Gewässern eine einzigartige, festgeschriebene materielle Identität, die abstrakt betrachtet und verwaltet werden kann. Domestiziertes und materiell technologisiertes Wasser als eine wirtschaftliche Ressource zu begreifen, verwandelt das Wasser in einen messbaren, teilbaren Vermögenswert und bringt die Möglichkeit einer Verknappung auf. Wie Jamie Linton feststellt: „Hinter Modernem Wasser steht die vermessene Annahme, dass jedes Wasser losgelöst von seinen sozialen und ökologischen Beziehungen betrachtet und auf eine abstrakte Größe reduziert werden kann und sollte.“16 Infolgedessen, so Linton weiter, „wird alles Wasser als eine abstrakte, isomorphe, messbare Größe bekannt gemacht, die auf ihre Grundeinheit – ein Molekül H2O – reduziert und als die Substanz dargestellt werden kann, die den Wasserkreislauf durchfließt.“17 Die Reduktion sehr verschiedener Wasser auf eine homogene chemische Verbindung nimmt den Gewässern ihre Besonderheit. Als Ergebnis des anthropozentrischen Ansatzes, natürliche Ressourcen in eine mathematische Formel zu übersetzen, verschleiert die chemische Darstellung von Wasser als H2O die ökologischen, sozialen und politischen Dimensionen von Gewässern. Die wissenschaftliche Darstellung von Wasser als H2O macht blind für die Diversität der Gewässer.
Eine kürzlich in Nature veröffentlichte Studie bestätigt die Theorie, dass Wasser in Planetensystemen vor Milliarden von Jahren, also vor der Sonne unseres Sonnensystems, im interstellaren Raum entstanden ist, und stellt die These auf, dass das Wasser auf der Erde von Kometen „geerbt“ wurde.18 Der Astronom John J. Tobin und sein Team vom National Radio Astronomy Observatory in Charlottesville, Virginia, untersuchten eine etwas schwerere Wasserausprägung, bei der eines der Wasserstoffatome durch Deuterium, ein schweres Wasserstoffisotop, ersetzt wurde. Schweres Wasser bildet sich unter anderen Bedingungen als Trinkwasser, so dass Tobins Team das Verhältnis der Wasseranteile nutzte, um herauszufinden, wann und wo das Wasser entstanden ist. Ihre Entdeckung erinnert uns daran, dass Wasser ein Träger von geologischen und interstellaren Geschichten ist. Die aus der Erzählung einer Welt entstandenen kosmischen Wasser laden uns dazu ein, über verschiedene Arten der Welterzeugung entsprechend der unterschiedlichen planetarischen Beziehungen nachzudenken.
Ein Nachdenken über die planetarische Verbundenheit anhand von Gewässern, seien es Flüsse, Seen, Wasserinfrastrukturen, Meeresströmungen, Wettervorhersagesysteme oder sogar globale digitale Netzwerke, hilft uns zu erkennen, dass wir als lokalisierte und globalisierte Subjekte verkörpert und eingebettet sind. Verschiedene Gewässer haben ihre eigenen Räume und fließen ineinander. Wie Astrida Neimanis beobachtet hat, ist die Beschäftigung mit ihnen eine Möglichkeit, „aus Beziehung Bedeutung zu gewinnen“.19 Gewässer sind wie Tragetaschen, die Partikel aufnehmen und speichern, und sie sind ständig in Bewegung. So bewegen sich beispielsweise Sedimente flussabwärts, feste Körper treiben mit der Strömung und Partikel interagieren durch Wasser und Luft miteinander. Wasser ist Medium und Träger zugleich. So gesehen sammelt Wasser Informationstechnologie, indem es driftet, vermischt, auflöst, erodiert, verwittert und die Sedimente flussabwärts befördert. Diese Wasserprozesse versammeln Informationen aus ihrer unmittelbaren Umgebung und geben die Geschichten der Materie weiter.
Durch Gedankenexperimente bringt uns Wasser dazu, die Ströme von Beziehungen, Macht, Abstraktion und kapitalistischer Logik zu untersuchen, die unseren modernen Wassermanagementtechniken zugrunde liegen. Dies ermöglicht ein tieferes Verständnis der unentwirrbaren Verbindungen zwischen dem Klimawandel und den sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Machtstrukturen. Der Klimawandel wird als fundamentales, in sich geschlossenes Problem dargestellt. Er lässt sich jedoch nur verstehen, wenn man die jahrhundertealten kolonialen und extraktivistischen Praktiken thematisiert, die uns darauf trainiert haben, die Welt und ihre vielen krisengeschüttelten Welten zu sehen, uns auf sie einzustellen und mit ihnen in Beziehung zu treten. Ich widme mich dem kollektiven Vorhaben, die komplexen Ursprünge der Klimakrise durch Archivrecherchen und Feldforschung in Zusammenarbeit mit lokalen menschlichen und nicht-menschlichen Akteur:innen und als Teil einer breit aufgestellten relationalen Gemeinschaft zu entwirren und zu entschlüsseln. Wir müssen diesen Prozess durchlaufen: Wir müssen einen Kosmos schaffen, in dem wir unterscheiden können, welche bestimmten Verfügungen, Ressourcenverteilungen und Machtverhältnisse sich im Zerfall oder Wandel befinden. Ein solcher Prozess der Differenzierung kann uns dabei helfen, verschiedene Möglichkeitsfelder zu erkennen: alternative Wege des Denkens, des Handelns und der Imagination.
- 1 Toni Morrison, „Fundstätte Erinnerung“, in: Selbstachtung, Rowohlt, Hamburg 2020, S. 382.
- 2 B. Levin, ‘The Pencil of Cheap Nature: Towards an Environmental History of Photography’, Philosophy of Photography, Special Issue: ‘Violence: Part 2’, vol. 14, no. 1, p. 20.
- 3 C. Caycedo, „Be Dammed“ (unveröffentlichte Masterarbeit, University of Southern California, 2014), S. 4. D. Perera, V. Smakhtin, S. Williams, T. North, und A. Curry, „Ageing Water Storage Infrastructure: An Emerging Global Risk“, UNU-INWEH Report Series, 2021. United Nations University Institute for Water, Environment and Health (UNU-INWEH).
- 4 P. McCully, Silenced Rivers: The Ecology and Politics of Large Dams, New York, Zed Books, 2001, p. 142. 77
- 5 P. H. Gleick, ‘The Changing Water Paradigm – A Look at Twenty-first Century Water Resources Development’, Water International, vol. 25, no. 1, pp. 127-138. // Josh Klemm und Isabella Winkler, „Which of the World's Hundreds of Thousands of Aging Dams Will Be the Next to Burst?“, New York Times, 17.09.2023, https://www.nytimes.com/2023/09/17/opinion/libya-floods-dams.html .
- 6 D. Perera, V. Smakhtin, S. Williams, T. North, und A. Curry, „Ageing Water Storage Infrastructure: An Emerging Global Risk“, UNU-INWEH Report Series, 2021. United Nations University Institute for Water, Environment and Health (UNU-INWEH). Lauren Leffer, „Dams Worldwide Are at Risk of Catastrophic Failure“, Scientific American, 15.09.2023, https://www.scientificamerican.com/article/dams-worldwide-are-at-risk-of-catastrophic-failure/ .
- 7 Siehe die Karte der seit 1912 zurückgebauten Staudämme in den USA der gemeinnützigen Umweltorganisation American Rivers https://www.americanrivers.org/threats-solutions/restoring-damaged-rivers/dam-removal-map/ .
- 8 Josh Klemm und Isabella Winkler, „Which of the World's Hundreds of Thousands of Aging Dams Will Be the Next to Burst?“, New York Times, 17.09.2023, https://www.nytimes.com/2023/09/17/opinion/libya-floods-dams.html .
- 9 Lauren Leffer, „Dams Worldwide Are at Risk of Catastrophic Failure“, Scientific American, 15.09.2023, https://www.scientificamerican.com/article/dams-worldwide-are-at-risk-of-catastrophic-failure/ .
- 10 Das Projekt FLUID CIRCULATIONS begann im Oktober 2022 mit viertägigen Exkursionen zur Erkundung der umstrittenen Wasserökologie an Rhein und Ruhr, den ehemaligen Steinkohle- und Braunkohleabbaugebieten. Im März 2023 wurde eine Ausstellung mit Arbeiten von Maria Lucia Cruz Correia, Su Yu Hsin, Margarida Mendes, Nina Paszkowski, Marta Niedvał, Nada Rosa Schrowe, Vanja Smiljanić und dem ZAKOLE Collective im KunstWerk in Köln eröffnet.
- 11 Alvin M. Weinberg, „Social Problems and National Socio-Technical Insitutes“, in: Applied Science and Technological Progress: A Report to the Committee on Science and Astronautics, U.S. House of Representatives, 1967. https://nap.nationalacademies.org/read/21281/chapter/20 .
- 12 Cheng Ting-Fang, „TSMC tackles Taiwan drought with plant to reuse water for chips“, Nikkei Asia, 22.04.2021, https://asia.nikkei.com/Business/Tech/Semiconductors/TSMC-tackles-Taiwan-drought-with-plant-to-reuse-water-for-chips .
- 13 Dänemark entnimmt jedes Jahr insgesamt 0,98 Milliarden Kubikmeter Wasser. Pengfei Li, Jianyi Yang, Mohammad A. Islam und Shaolei Ren, „Making AI Less ‚Thirsty‛. Uncovering and Addressing the Secret Water Footprint of AI Models“, University of California, Riverside, und University of Texas, Arlington, 2023.
- 14 Cheng Ting-Fang, „TSMC tackles Taiwan drought with plant to reuse water for chips“, Nikkei Asia, 22.04.2021, https://asia.nikkei.com/Business/Tech/Semiconductors/TSMC-tackles-Taiwan-drought-with-plant-to-reuse-water-for-chips .
- 15 Cindy Sui, „Why the world should pay attention to Taiwan’s drought“, BBC Asia, 20.04.2021, https://www.bbc.com/news/world-asia-56798308 .
- 16 J. Linton, What is Water. The History of a Modern Abrstraction, UBC Press, Vancouver 2010, S. 163.
- 17 Ebd., S. 14.
- 18 Diese Foschung beruht auf der Entdeckung von Wasserdampf um V883 Orionis, einem jungen Stern, der sich etwa 1,305 Lichtjahre von der Erde entfernt befindet. Laut einer Pressemitteilung des European Southern Observatory (ESO) haben die Wissenschaftler:innen mithilfe des Atacama Large Millimeter Array (ALMA) die chemischen Eigenschaften des Wassers und seinen Weg von der Sternwolke zu den Planeten ermittelt. John J. Tobin, Astrophysiker am National Radio Astronomy Observatory schreibt dazu: „Die Zusammensetzung des Wassers in der Scheibe ähnelt stark jener der Kometen unseres Sonnensystems“. Vgl. J. J. Tobin, M. Leemker und J. C. Muñoz Mateos, „Astronomers find missing link for water in the Solar. System“, European Southern Observatory (ESO), 08.03.2023, https://www.eso.org/public/news/eso2302/
- 19 A. Neimanis und S. Bezan, „Hydrofeminismus an der Küste. Ein Interview mit Astrida Neimanis“, in: Anthropozän - Menschlich, unmenschlich, posthuman, 2022, 3(1):8, S. 2.
To cite this text:
Hsin, Su Yu. “Water: A Geoarchive.” transmediale journal issue #7: Content (January 2025), edited by Elise Misao Hunchuck. https://transmediale.de/en/journal/water-a-geoarchive .

