Conference
Conference Programme
Tatiana Bazzichelli und Kristoffer Gansing haben die Themenstränge des Konferenzprogramms in enger Zusammenarbeit mit den Chairs der jeweiligen Programmteile entwickelt.
Haus der Kulturen der Welt (HKW)
30 January – 2 February 2014

Was bedeutet es, wenn wir heute von „digitaler Kultur“ sprechen, und was impliziert der Begriff „postdigital“? Die Konferenz untersucht die gegenwärtige Situation der digitalen Kultur, ausgehend von der Metapher Afterglow. Im Fokus stehen Überlegungen zu den geopolitischen, infrastrukturellen und körperlichen Folgen der exzessiven Digitalisierung, die in den vergangenen drei Jahrzehnten stattgefunden hat.

Paolo Cirio, Mark Coré, Kate Crawford and Jussi Parikka (left to right) at "Uses and Abuses of Big Data"

Drei Themenstränge reflektieren unterschiedliche Aspekte digitaler Kultur im Stadium des Afterglow: An Afterglow of the Mediatic, geleitet von Jussi Parikka und Ryan Bishop von der Winchester School of Art, beschäftigt sich aus einer geopolitischen und geophysischen Perspektive heraus mit der Materialität des Digitalen. Hashes to Ashes, geleitet von Tatiana Bazzichelli, setzt sich mit der strategischen Infrastruktur des Digitalen und den Schattenseiten der schillernden Vernetzung auseinander. Will you be my TRASHURE?, geleitet von Francesco Warbear Macarone Palmieri und Katrien Jacobs, erkundet die Beziehung zwischen dem Körper und dem Digitalen, mit Blick auf Identität, Sexualität und Vergnügen, sowie die Möglichkeiten, die sich daraus für die kritische Auseinandersetzung mit Politik und Kultur ergeben.

Die Konferenz knüpft an den Afterglow an, den Moment der Dämmerung nach der digitalen Revolution, und versteht den „Staub“, der beim Bröckeln der Hochglanz-Oberfläche entsteht, als ein Produkt, das neue Blickwinkel für die Auseinandersetzung mit der Beziehung von Technologie und Gesellschaft bietet. Im Bereich des Digitalen wurde das, was zur Existenz gehört, nämlich Abfall, schon immer an den Rand gedrängt. Aufgewacht mit einem „digitalen Kater“ finden wir uns mitten in einer Situation wieder, die geprägt ist vom korrupten Handel mit technologischen Ressourcen (Mineralien, Metallen, Elektroschrott), Überwachung im großen Stil, dem Geschäft mit riesigen Datenmengen und dem von all diesen Phänomenen durchdrungenen postdigitalen Alltag. Das Konferenz-Programm will ausgehend von diesen miteinander in Beziehung stehenden Phänomenen zentrale Motive ableiten und den Afterglow als Moment des Übergangs durchleuchten, in dem sich was einst als kostbar galt in Abfall verwandelt. So wird der Afterglow zu einem postdigitalen Moment, von dem aus sich kritische Theorie- und Praxisansätze quer durch diverse kulturelle Bereiche entwickeln lassen.

An Afterglow of the Mediatic

Chairs: Ryan Bishop and Jussi Parikka, Winchester School of Art.

Minen und Bergbau sind heute wieder Gegenstand von Diskussionen und Untersuchungen. Seit dem 19. Jahrhundert versorgte der Bergbau die aufkommende Technologiekultur mit den Rohstoffen, die ihr Fortkommen sicherten, etwa mit Kupfer, Tantal und anderen Metallen. Aktivitäten der „Extractive Industries“, der mineralgewinnenden Industrie, und etwa auch die Erzeugung von Energie, werden nach wie vor ausgeführt, um verschiedene industrielle und unternehmerische Bedürfnisse zu befriedigen. Heute werden selbst ausgediente Computer ausgeschlachtet, um aus diesen Rohstoffen gemachte Produkte zu verwerten. Diese zeitgenössischen archäologischen Grabungen bringen kleine Reichtümer an Gold und Silber hervor. Während die Armen des 21. Jahrhunderts auf der Suche nach Metallen in den Müllbergen entsorgter IT-Konsumgüter wühlen, interessieren sich Unternehmen neben dem materiellen Abbau von Rohstoffen auch für den immateriellen „Abbau“ von Daten – die Spuren im Tech-Abfall geben Aufschluss über die physische Dimension von Daten.

Auch zeitgenössische Kunst und Politik befassen sich mit dem Geologischen und dem Geophysischen und darin bedingten (Un-)Sicherheiten. Dabei entsteht ein komplexes und nuanciertes Set geopolitischer extraktiver Imperative. Debatten über Erdbebengebiete sind heute so wichtig wie der militärische Gebrauch und Missbrauch geografischer Charakteristika – das war in Kriegszeiten schon immer so, hat im digitalen Zeitalter aber eine Hightech-Dimension erreicht. „Transparent Earth“ etwa, ein Projekt des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums, unternimmt den Versuch, fünf Kilometer Erde unter der Oberfläche zu kartografieren, um Untergrundstrukturen zu lokalisieren und physikalische, chemische und geologische Vorteile für militärische Operationen zu ermöglichen.

Dieser Themenstrang gibt Einblicke in Elektroschrott und Bergbau, Daten und Hardware – den ungewollten Rattenschwanz des Digitalen – und verknüpft Fragen zu Arbeit, Geopolitik, Wirtschaft, Medien sowie zur Erde zu einer seltsamen planetarischen Konstellation.

Hashes to Ashes

Chair: Tatiana Bazzichelli

Whistleblower, Hacker, Künstler und Aktivisten kommen zusammen und untersuchen die Kunst des Enthüllens als Erkenntnisstrategie und Möglichkeit, versteckte Bugs im sozio-politischen Gefüge aufzudecken. Gibt es nachhaltiges Handeln in der digitalen Infosphäre? Kann man noch behaupten, Information wolle frei sein?

Hashes to Ashes untersucht gegenwärtige Formen von Informationspolitik und Strategien der Selbsterfahrung im Digitalen und im Physischen. Rechte, die mit digitaler Kultur assoziiert sind, etwa Redefreiheit, Privatsphäre im Internet und freier Zugang zu Information, sind in den vergangenen Jahren radikal beschnitten worden. Unterdessen entstand eine Welt der Überwachung. Die durch Edward Snowdens Enthüllungen über die NSA ausgelösten Debatten über Netzüberwachungsprogramme wie PRISM, XKeyscore und TEMPORA lenken Aufmerksamkeit auf die wachsende geopolitische Kontrolle, die die Praxis von Hackern und Aktivisten verändert. Dabei entstehen neue Identitäten: Whistleblower, Cypherpunks, Hacktivisten und Individuen, die zweifelhafte Aktivitäten von Regierungen und Großunternehmen aufdecken und „Leaks“ zum zentralen Bestandteil ihrer Praxis machen. Gemeinsam mit Theoretikern und Praktizierenden, die für ein anderes Szenario eintreten, beleuchten wir die aktuell weit verbreiteten Prozesse des Mundtotmachens, oder, metaphorisch gesprochen, des „Einäscherns“, von Aktivitäten, die politisches, technologisches und ökonomisches Fehlverhalten bloßstellen, und fragen nach dem, was unter solchen Prozessen schwelt. Whistleblower, Hacker, Künstler und Aktivisten, die Enthüllungen zum Interesse ihrer Praxis machen, setzen sich kritisch mit den oft versteckten Strukturen auseinander, die in unserer Gesellschaft und in unserem Alltag existieren und beides gestalten. Sie formen eine Front der Künste mit, die ein neues Imaginäres, virale Interventionen und neue Bewusstseinsströme im Netz und darüber hinaus produziert.

Will You Be My Trashure?

Will You Be My Trashure? Chairs: Francesco Warbear Macarone Palmieri and Katrien Jacobs

Trash and treasures of the post-digital orgasm.

transmediale-Besucher nehmen an einem postorgastischen Moment Teil, und damit an einer neuen Art, Körper und Sexualität im postdigitalen Moment zu denken. Wie der hybride Begriff impliziert, oszilliert „TRASHURE“ zwischen „Trash“ und „Treasure“, zwischen Schrott und Schatz, und erkundet transkulturelle Geografien von Sexualität. Aus dieser Perspektive heraus muss Politik nicht dialektisch zwischen Norden und Süden ausgehandelt werden, sondern als eine fragmentierte, vielgestaltige, atomisierte und bereits in sich hybride Realität zeitgenössischer geopolitischer Ordnungen. TRASHURE ist ein radikal kritisches Bewusstsein und eine unaufgelöste Ambivalenz, eine spezifische Form der Betrachtung im Moment des „Afterglow“, die Kunst der Liebe und Fallgrube synthetischer Verfehlungen. Die Vorträge und performativen Statements knüpfen an Landkarten und Territorien sexueller Kontrolle, Themen wie Social Media-Management, New Media-Performances, Body Politics und Queeren Aktivismus an. Ziel ist es, den „Afterglow“ des postdigitalen Orgasmus’ zu erkunden. Will you be my TRASHURE?

Tatiana Bazzichelli und Kristoffer Gansing haben die Themenstränge des Konferenzprogramms in enger Zusammenarbeit mit den Chairs der jeweiligen Programmteile entwickelt.

Wir danken der Bundeszentrale für Politische Bildung für die Unterstützung unseres Konferenzprogramms sowie unserer Partner-Institution Winchester School of Art (WSA) für die Umsetzung des Programmteils An Afterglow of the Mediatic.