groundstates & fragile currents
Zum 40 Jubiläum findet die transmediale RFC 40 in der letzten Januarwoche 2027 statt. Die Jubiläumsausgabe präsentiert das Festivalprogramm unter dem Titel groundstates im silent green Kulturquartier, kuratiert von Barbara Cueto, sowie fragile currents, eine Ausstellung in der Akademie der Künste (Hanseatenweg), die von Antonina Stebur kuratiert wird und bis März zu sehen ist.
| Di, 26. Jan | Marshall McLuhan Lecture in der Botschaft von Kanada |
| Mi, 27. Jan | Ausstellungseröffnung in der Akademie der Künste (Hanseatenweg) |
| 28. Jan – 7. März | Ausstellungslaufzeit |
| Do, 28. Jan | Festivaleröffnung im silent green Kulturquartier |
| 29. Jan – 31. Jan | Festivaltage im silent green Kulturquartier |
more comments on the forthcoming protocol
RFC 40 ist ein Dokument aus den Anfängen der Geschichte des Internets. Request for Comments (RFC) ist eine inoffizielle Notizreihe zur Entwicklung des ARPANET. Sie zirkulierte in einer kleinen Gruppe von Forscher:innen und versammelte Dokumente mit technischen Spezifikationen, Protokollen und Ereignissen, die die Funktionsweise des heutigen Internets mitgeprägt haben. Der Name RFC wurde gewählt, um jede Determiniertheit zu vermeiden: Request for Comments erhob keinen Anspruch auf Endgültigkeit. Vielmehr wurde so hervorgehoben, dass keine einzelne Perspektive das vollständige Bild überblicken kann und dass sich jedes Protokoll nur durch kollektive Rückmeldung und Revision stabilisiert. Diese Textdokumente waren bewusst als offene Entwürfe angelegt, die Widerspruch als Bedingung des Fortschritts einluden. Das im März 1970 veröffentlichte RFC 40 trug den sonoren Titel more comments on the forthcoming protocol und bildet den Ausgangspunkt der Jubiläumsausgabe von transmediale in 2027
In dem Dokument ging es um Fehler, also wie ein Netzwerk über das spricht, was scheitert, und dabei offen und funktionsfähig bleibt. Fehler werden hier als kommunikatives Ereignis verstanden – als etwas, das das Netzwerk benennen und übermitteln können muss, um weiter zu funktionieren. Welches Vokabular teilen vernetzte Systeme für das Versagen? Wie bleibt ein Netzwerk integer, während Dinge auseinanderfallen? Das sind die Fragen, mit denen RFC 40 rang; Fragen, die gewissermaßen ungelöst und aktuell geblieben sind.
Die erste Ausgabe der transmediale fand 1988 statt, damals noch unter dem Namen VideoFest. Zu diesem Zeitpunkt wurden Medientechnologien vor allem als Werkzeuge der Übertragung verstanden: zentralisiert, unidirektional, von Institutionen kontrolliert. Das Festival verweigerte sich diesem Medienverständnis von Anfang an und schuf stattdessen einen Raum für Künstler:innen und Forscher:innen, die auf kritische, oft spielerische Weise fragten, was Medien sonst noch sein und tun könnten. Über vier Jahrzehnte baute die transmediale ein Netzwerk von Künstler:innen, Forscher:innen und Praktiker:innen auf, die an den Rändern der dominanten Technologiekultur arbeiten und Formen des Austauschs, der Wissensproduktion und der kollektiven Vorstellungskraft aufrechterhalten, die unsere durch Technologie vermittelten Gegenwart auf andere Weise gestalten.
Blicken wir auf diese Entwicklung zurück, zeigt sich transmediale als eine Gegen-Infrastruktur. Nicht als feststehende Entität, die Infrastrukturen aus einer komfortablen Position heraus kritisiert, sondern als eine sich stetig wandelnde Praxis, geformt durch und reagierend auf sich verändernde Bedingungen und Anforderungen ihrer jeweiligen Zeit. In diesem Kontext versteht sich Gegen-Infrastruktur vor allem als ein generativer Raum: eine Praxis des Aufbaus und Sich-Auseinandersetzens, die die Räume offenhält, in denen Menschen die technologischen Bedingungen ihres Lebens verstehen, ihnen entgegentreten und diese mitgestalten können.
28 – 31 Januar 2027
silent green Kulturquartier
Unter dem Titel groundstates entfaltet sich das Festival als dezentralisiertes System, das von einer Vielzahl von Internets ausgeht und der Erwartung eines singulären technologischen Zukunftsnarrativs widersteht. Es richtet den Blick auf Communities, die unter der Oberfläche agieren, und auf die Unterströmungen ihrer Vorstellungskraft, die kollektive Geschichten, Gedankenspiralen und Gegenspekulationen hervorbringen. Im Mittelpunkt steht, wie sie autonome Räume schaffen und gemeinsame Sprachen formulieren, um sich zu organisieren und Widerstand zu leisten. Den Kern des Festivals bildet ein diskursives und performatives Programm über vier Tage, das eine Bandbreite von Ansätzen für alternative technologische Zukünfte erkundet. groundstates nimmt den menschlichen Maßstab von Technologie zum Ausgangspunkt, um neue Formen der kollektiven Verantwortung im Umgang mit Technologie hervorzubringen.
In der Physik impliziert der Grundzustand (engl. ground state) ein latentes Potenzial. Er bezeichnet den Moment vor der Anregung, in dem ein System auf seinem niedrigsten Energieniveau die Kapazität besitzt, ein Netzwerk zu aktivieren. groundstates nutzt das Gitter (engl. lattice) sowohl als Metapher als auch als Methode, um alternative technologische Zukünfte an den Rändern dominanter Infrastrukturen aufzubauen. Ein Gitter ist eine Struktur, die das Gerüst bildet, auf dem Komplexität wachsen kann. Gitter existieren überall in Natur und Wissenschaft – von Kristallformationen über neuronale Netze bis hin zu kryptografischen Systemen. Ein Gitter ist durchlässig: Es trägt durch das, was es verbindet und offenlässt, und hält Gewicht durch Relation. Diese Struktur spiegelt die Bedingungen wider, die wir digital bewohnen: Die vernetzte Welt scheint gesättigt, und doch existieren weiterhin Zwischenräume. Diese Lücken sind schlecht indiziert, nicht optimiert, nicht gamifiziert und häufig übersehen. Dennoch tragen sie die experimentelle und politische Vorstellungskraft der digitalen Kultur. Wie der Grundzustand sind sie nicht leer; sie halten vielmehr, was noch nicht aktiviert wurde.
Die 40 Jubiläumsausgabe des Festivals lässt sich von diesen Räumen inspirieren und baut eine Gegen-Infrastruktur auf. groundstates versammelt Communities, die an den Rändern agieren: Systeme, die nicht extrahieren, Protokolle, die Optimierung verweigern, Infrastrukturen, die ohne Versprechen auf Profit aufrechterhalten werden. Technologie wird als gelebte Bedingung verstanden, die kontinuierlich durch Gebrauch und Missbrauch neu geformt wird – und in der die Bedingungen des Zusammenlebens organisiert und verhandelt werden.
Lattice Labs – ein kollektiver Prozess auf dem Weg zum Festival
Als Vorbereitung auf das Festival verfolgen die Lattice Labs einen prozessbasierten Ansatz für kollektives Lernen und Wissensvermittlung. Die Labs sind eine Reihe experimenteller Arbeits- und Lerngruppen, die sich der Überarbeitung und dem Erproben von Alternativen zu technologischen Monokulturen der Extraktion und Überwachung widmen. In den Monaten vor dem Festival bringen sie Künstler:innen und Forscher:innen zusammen, um gemeinsam zu denken und tätig zu werden. Die Labs bestehen aus jeweils fünf Teilnehmenden, die über einen Open Call ausgewählt wurden, und werden von erfahrenen Künstler:innen oder Technolog:innen geleitet.
Die Lab-Leads sind Olia Lialina, Alex Declino, Viola He, selfservice.studio sowie Sepp Eckenhausen und Geert Lovink.
28 Januar – 7 März 2027
Akademie der Künste (Hanseatenweg)
Zum 40 Jubiläum fragt fragile currents nicht, was die transmediale war oder ist, sondern was sie tun kann, worin ihr Potenzial für die Zukunft liegt.
In einem Moment, in dem politische und technologische Realitäten zunehmend auf infrastruktureller Ebene miteinander verschränkt werden, treten die komplexen Netze von Abhängigkeiten, Asymmetrien und ungleichen technologischen Positionen in den Blick, die sie weltweit miteinander verbinden. Gegenwärtige Kriege und Repressionen werden über Energienetze, Kommunikationsnetzwerke, Überwachungssysteme und unterbrochene Lieferketten geführt und offenbaren Infrastrukturen nicht als neutrale technische Trägersysteme, sondern als Terrains politischer Auseinandersetzung.
fragile currents reaktiviert die transmediale als Gegen-Infrastruktur: nicht als Plattform für die Präsentation von Kunst und Forschung, sondern als Versammlung von Praktiken, Widerstandsmethoden und Solidaritäten. Gegen-Infrastrukturen werden als fragile und provisorische Arrangements imaginiert, durch die alternative soziale und politische Verhältnisse unter Bedingungen von anhaltender Ausbeutung, Militarisierung und ökologischem Zusammenbruch entstehen können. Die Strömungen (engl. currents) des Titels verweisen gleichzeitig auf Fluss und Kraft, auf elektrische Ladung, auf Zeitlichkeit und auf die fragilen Systeme, die entfernte Geografien und körperliche Erfahrung durch historische Konstellationen miteinander verbinden.
Das Archiv der transmediale wird als Werkzeugkasten potenzieller politischer Praktiken begriffen. fragile currents arbeitet mit Ruinen als Methode: nicht im Sinne von Trümmern, sondern von Überresten, die zeigen, was war und was noch wirkt. Infrastruktureller Zusammenbruch erscheint so nicht als Kollaps, sondern als Bedingung, aus der andere Organisationsformen entstehen können. Ruinen legen verborgene Abhängigkeiten frei und halten Taktiken lebendig, die noch anwendbar sind. Die Ausstellung organisiert sich um ein lebendiges Zentrum: eine agoraartige Installation, die Raum hält für ein Begleitprogramm, das gemeinsam mit internationalen Partnerinstitutionen entwickelt wird. Diese Partner operieren in Kontexten, die von Extraktivismus, technologischer Abhängigkeit und infrastruktureller Fragilität geprägt sind, darunter Griechenland, die Ukraine, Kasachstan und Chile.

Über transmediale
transmediale ist ein Festival und Raum für die kritische Reflexion von Kunst und Technologie. transmediale bringt transdisziplinäre Communities und diverse Publika mit einem Interesse an digitalen Kulturen zusammen, um neue Perspektiven auf unser technologisches Zeitalter zu entwickeln. Das Festival findet jährlich Ende Januar statt und bildet den Kern des Programms der Organisation. Über das jährliche Event hinaus ist transmediale eine transversale, dynamische Plattform mit einer lebendigen Community und einem starken Netzwerk, das ganzjährige Aktivitäten ermöglicht, darunter Publikationen, studio Veranstaltungen und ein Residency Programm. In 2027 wird die 40. Ausgabe der transmediale stattfinden.
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