I. UnEinsam
Während der Pandemie hab ich angefangen, die Reality-Serie Alone zu sehen. Eigentlich betrachte ich mich gerne als eine Person, die über Reality-TV steht. Ich habe zum Beispiel noch nie eine Folge von The Kardashians geguckt. Aber wenn ich ehrlich bin, hab ich ganz schön viel RuPaul’s Drag Race gebinged und in meiner letzten jahreszeitbedingten Depression in fünf Wochen 10 Staffeln Top Chef gesehen. Dann gab es da auch noch die Serie The Real World, die 1992 startet, dem Jahr bevor ich aufs College ging. Ich war der Serie ein paar Jahre treu, weil ich Lust hatte, Queers zu sehen, die mal keine Karikaturen waren. Das US-amerikanische Reality-Fernsehen wurde im Wesentlichen von der Dokumentarserie An American Family aus dem Jahr 1973 geprägt, in der mit Lance Loud eine der ersten offen homosexuellen Personen im Fernsehen vorkam. Als zeitgenössisches Format hatten Reality-Serien aber erst während eines Streikes der Gewerkschaft der Drehbuchautor:innen 1988 ihren Durchbruch. Der erste große Hit, den ich auch gesehen habe, war die Serie COPS auf dem Sender Fox.
Bad boys, bad boys,
Whatcha gonna do?1
In Alone herrscht eine andere Realität. Es handelt sich bei der Serie um eine US-amerikanische Survival-Show, in der die Teilnehmenden in abgelegenen Landstrichen (zumeist in Kanada) abgesetzt werden und diejenigen gewinnen, die es in der Wildnis am längsten aushalten. Mit Ausnahme der vierten Staffel, in der die Teilnehmenden mit ihren Partner:innen oder einem anderen Verwandten zusammen antraten, beruht das Prinzip darauf, dass man alleine ist, was wiederum den Großteil des Irrsinns ausmacht. Selbst wenn man einen Unterschlupf bauen kann und in der Lage ist, Feuer am Laufen zu halten, Hasen, Fische oder – der heilige Gral der Show – Großwild wie Elche zu erlegen, ist es letztlich eine Kopfsache, ob man das durchsteht oder nicht.
Im Gegensatz zu anderen Survival-TV-Shows wie Survivor oder Naked and Afraid, bei denen das Filmteam immer in der Nähe bleibt, auch wenn es meist nicht zu sehen ist, produzieren die Kandidat:innen in Alone den überwiegenden Großteil des Filmmaterials selbst. Sie sind mit Kameras und einer begrenzten Ausrüstung an Überlebensutensilien ausgestattet, aus denen sie vorab wählen können. Es gibt keine Redakteur:in, die in Echtzeit die Handlung entwickelt oder in eine Richtung lenkt. Der Gewinner der zweiten Staffel Dave McIntyre meldete sich später in einem Subreddit und erklärte, wie alleine man in der Wildnis tatsächlich war: Der Kontakt lief über ein Telefon mit voreingestellten, eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten wie z. B. „Es geht mir gut.“ Nachschub wie Batterien für die Filmausrüstung wurden an vereinbarten Stellen hinterlassen und je nach Gesundheitszustand der Survival-Kandidat:innen gab es medizinische Kontrollen2 .
Mein anderes Binge-Watching während der Pandemie war etwas durchschaubarer an Unterhaltung orientiert: die kinematografischen Marvel- und Star-Wars-Universen sowie andere Fantasien über Flucht und Auswanderung, von deren Verwirklichung ich seit meiner Kindheit geträumt hatte. Nur war mein „Reality“ schauen dann doch ganz anders. Oft verbrachte ich meine Nachmittage fasziniert nach vorne gebeugt, die Arme auf die Oberschenkel gestützt, um noch näher auf meinen Laptop blicken zu können, während Menschen mit einer unwirtlichen Umgebung, Isolation und unvermeidlichem Hunger kämpften. Ich sah sie darben und nahm selbst an Gewicht zu durch das von Angststörung und Depression angetriebene Dreiergespann aus Alkohol, Kiffen und Heißhungerattacken. Es hat eine Weile gedauert, bis mir das klar wurde; also nicht dass ich zunahm, das war unübersehbar, sondern dass es in der Show um physisches und emotionales Aushungern ging. Als ich mich durch die Staffeln ackerte, kam mir die Fantasie, ich würde in die Show gehen und ich fragte mich, wie ich auf den Vorher-Nachher-Fotos aussehen würde. Dave McIntyre sagte, er hat überlebt, weil er nicht alleine war. Gott war stets mit ihm. Wer wäre mit mir?
In den Alone-Folgen werden dramatische Momente zu bestimmten Zeitpunkten hervorgehoben: Tag 1, Tag 37, Tag 100. Dramatisch wird es auch, wenn Bären oder Vielfraße die Essensvorräte der Kandidat:innen bedrohen oder es jemandem gelingt, ein großes Tier zu töten, wie Roland Welker, der einen Moschusochsen mit einem Jagdmesser erlegte. Er ist der Rekordhalter der Sendung, weil er in der siebte Staffel 100 Tage in der Arktis ausharrte. Aber wenn man darüber nachdenkt, machen die Menschen da doch recht gewöhnliche Sachen: aufwachen, Essen finden, rumlaufen, rumliegen. Was nicht gewöhnlich ist, ist der Einsamkeitsteil. Die Show wird auf indigenem Territorium gefilmt und Indigene wissen es besser, als dass sie sich alleine in diese Wildnis aufmachen würden.
Wie in jeder Reality-Sendung steht der vorhersehbare Rhythmus der Show im Gegensatz zu meinem eigenen Zeitgefühl. Meine Zeit begann que(e)r zu verlaufen und ich entzog mich immer weiter der geradlinigen Zeit. Ich wachte so spät auf wie nie zuvor in meinem Leben, arbeitete wenig bis fast gar nicht, trank, rauchte und aß, während die Tage ineinander verschwammen und nahtlos in Wochen und Monate übergingen. Manchmal hatte ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich zum Beispiel mehrere Tage in Folge einen Kater hatte. Ich war besorgt, meine Sehnsüchte würden ausgetretenen Pfaden folgen, die ich zuvor als problematisch angesehen hatte – all die klebrigen Bindungen an schlechte Dinge. Aber oft ließ ich mich treiben und meine Sehnsüchte ebbten ab, verharrten in einem immer seltsamer werdenden Schwebezustand, schwebten seitwärts3 oder gingen ins Leere. Der Vibe wurde zu einem sehr dissoziativen Main-Character-Syndrom.
Wenn ich mich nicht in meiner Wohnung verkroch und Alone, Star Wars oder Marvel guckte, dann konsumierte ich trotzdem eine Menge Content, während meine Schreibpraxis weitestgehend verkümmerte. Mein Weg führte mich zu queerem, übernatürlichen Horror wie in der Podcast-Serie The Magnus Archives (2016-2021)4 oder zu den schwulen Liebesromanen Whyborne & Griffin mit Kurzbeschreibungen wie: „Schwuler viktorianischer Zauberer kämpft gegen lovecraftsche Monster und findet die wahre Liebe.“ Die wahre Liebe ist ein ehemaliger Pinkerton-Detektiv, allerdings keiner von denen, die eingesetzt wurden, um Arbeiterstreiks zu brechen.
Die meisten Folgen von The Magnus Archives beginnen mit dem Klicken und dem Anlaufgeräusch eines analogen Tonbandgeräts, das angeschaltet wird, bevor der als Archivar arbeitende Wissenschaftler Jonathan Sims die Aussage einer Person aufnimmt, die etwas Übersinnliches erlebt zu haben glaubt (Spoiler: Es stellt sich heraus, dass das bei allen auch so war). Das analoge Tonband ist ein genialer narrativer Einfall – alles, was passiert, geschieht auf diesem rauschenden Band. Um einen Eindruck zu vermitteln: Die erste Folge „Angler Fish“ beginnt mit Sims, der sich und seine Aufgabe vorstellt, nämlich das Chaos zu beseitigen, das seine Vorgängerin im Archiv hinterlassen hat und den Berichten nachzugehen, die auf mehr hindeuten. Sims beginnt als überzeugter Skeptiker, dessen Ziel es ist, schriftliche Aufzeichnungen in digitale Dateien umzuwandeln, was sich schnell als problematisch herausstellt. Es scheint, als lässt sich das Unheimliche aus dem Jenseits nicht digital aufzeichnen, so dass Sims die vom Magnus-Institut gesammelten Berichte über paranormale Phänomene auf Tonband einspielen muss.
In „Angler Fish“ gibt Sims die Geschichte eines Studenten der Biochemie wieder, der betrunken in den Straßen Edinburghs einem schattenhaften Etwas begegnet. Nachdem Nathan Watts wegen seiner Trunkenheit gestürtzt ist, macht er eine Pause und dreht sich eine Zigarette. Da hört er eine flehende Stimme aus einer nahegelegenen Gasse: „Kann ich eine Zigarette haben?“. Obwohl es ihm unheimlich ist, dreht er eine weitere Zigarette. Die Gestalt schwankt in der Dunkelheit bis Watt erkennt, dass sie eigentlich gar nicht spricht. Ihr Mund ist geschlossen und die Füße schweben über dem Boden. Watts stellt den Kamerablitz an, aber als er den Lichtstrahl in die Gasse richtet, fällt der Schatten in sich zusammen und verschwindet. Watts nimmt ein Taxi nach Hause und kehrt am nächsten Tag an die Stelle zurück, findet aber nichts als eine ungerauchte Marlboro Red. Später sieht er auf dem Campus Flyer über eine vermisste Person und bemerkt, dass auf einem der Fotos eine Schachtel Marlboro Red aus der Tasche eines jungen Mannes ragt.
Sims Mitarbeiter:innen graben etwas nach und erfahren vom Verschwinden von sechs Personen in der Nähe des Edinburgher Old Fishmarket Close. Sie können zwar nicht feststellen, ob alle sechs Raucher:innen gewesen sind, finden aber einen Hinweis auf eine Fotografie. Ashley Dobson, eine der Verschwundenen, hat ihrer Schwester Siobhan das letzte ihrer Handyfotos geschickt. „Guck dir den Besoffenen an lol.“ Das Foto wurde in der selben Gasse aufgenommen und scheint auf den ersten Blick leer zu sein. Aber als die Mitarbeiter:innen das Foto mit einer Bildbearbeitungssoftware öffnen, werden ein schwacher Umriss und eine winkende Geisterhand erkennbar.
Mit Beginn der Coronapandemie haben die Macher:innen der Serie fürsorglich eine Triggerwarnung für die vergangenen und zukünftigen Episoden erstellt:
„Unheimliche Gasse, Alkohol, beobachtet werden, Hochstapler, Drogenkonsum, jemand wird ausgetauscht und nur du bemerkst es, Rauchen, kann Paranoia auslösen, Kopfverletzung, Überwachung, Identitätsraub, Body-Horror, Tod einer LGBTQ-Figur.“
Das Gruselkabinett dieser Warnungen bildet einen Spiegel der Affekte, durch die ich täglich kreiste. Dieses Gefühl von Realitätsverlust erlebt auch der Archivar in der Serie, als sein Bemühen, die Berichte der Betroffenen zu widerlegen, vielmehr zutage bringt, dass tatsächlich eine gewaltige okkulte Verschwörung am Werk ist. Dass ich während der Pandemie nicht in irgendwelche anti-Impf- oder QAnon-rabbit-holes gefallen bin, heißt nicht, dass ich nicht paranoisch geworden wäre und The Magnus Archives haben ihren Teil dazu beigetragen. In der Serie gehen die scheinbar unzusammenhängenden Erzählungen langsam in einem größeren Narrativ auf, in dem sich die Existenz von Angstwesen bestätigt, die in einer parallelen Realität um den Einfluss und die Herrschaft über unsere und andere Welten kämpfen. Das Wesen The Buried verkörpert beispielsweise vor allem die Angst, dass alles über einem zusammenstürzt und man begraben wird. Das Wesen The Lonley verkörpert Stille und leere Räume. Klingt das bekannt?
Ich habe The Magnus Archives und ähnliche Kost meistens auf meinem 3,5 Meilen langen Spaziergang um den Campus des außerhalb von New York liegenden Westchester-Colleges gehört, wo ich wohne und arbeite. Spazieren war für mich immer eine kontemplative Beschäftigung, bei der mein Blutdruck einmal in Fahrt kommt und mein Gehirn auf produktive Weise loslässt, während ich mich durch berufliche, persönliche und existenzielle Knoten denke. Fast in der gesamten Pandemie bin ich weiter spazierengegangen, bei jedem Wetter und zu jeder Tageszeit. Während das Laufen vielleicht dabei half, etwas von meinem UnHungern zu kompensieren, gestaltete sich das mit dem Entknoten etwas komplizierter. Die Folgen von The Magnus Archives dauern im Schnitt 15-20 Minuten. Die Runde um den Campus dauert bei gleichmäßigem Schritt etwa eine Stunde. Und so hörte ich wochenlang immer drei bis vier Folgen hintereinander, wobei ich immer weiter in die Zone des Grauens hineingezogen wurde, bis diese Zone des Grauens begann, auch in anderen Momenten auf mir zu lasten.
Ich mied das kleine Campus-Kino, zu dem ich den Schlüssel besaß und in das ich häufig mit meinem Partner oder meinen Podcast-Gästen gegangen war, um Sachen klimatisiert und auf großer Leinwand zu sehen. Eines Tages überfiel mich die Angst, als ich alleine den Kellergang zur Kinotür lief. Ich ging dennoch weiter, öffnete die Tür in die schwarze Dunkelheit und tastete nach dem Lichtschalter. Doch auch als sich der Raum erhellte, hatte ich das Gefühl, jemand könnte hinter der Ecke oder im Vorführraum lauern. Hastig verließ ich das Kino. Und obwohl ich nicht dachte, dass es in meiner Wohnung Geister gäbe, begann ich ängstlich, den Blick aus meinen Schlafzimmerfenstern in das hinter dem Parkplatz liegende Dickicht zu vermeiden. Ich hatte Angst, irgendetwas würde zurückstarren.
Eine Meta-Reality-Show über mich und wie ich Alone ansehe, hätte wohl so ausgesehen: Ich laufe meine Runden über den Campus, wobei ich immer tiefer in chtuluesken Multiversen versinke, mich (immer weiter) entfremde, mich betrinke und ins Leere starre. Ich mache natürlich auch noch die alltäglichen Dinge: Democracy Now! und öffentliche Radiosender hören, mit der Katze rausgehen, Essen machen, putzen. Nicht alles davon war schrecklich. Aber einige Dinge in Alone spiegelten sich in meinem Alltag wider. Ich musste zwar keinen Beerenvorrat für den kommenden Winter anlegen, rund um die Uhr ein Feuer am Laufen halten oder mit einer Mäuseplage in meinem improvisierten Schlafplatz fertig werden, aber ich war oft alleine, trieb mich und fühlte mich getrieben hin zu einem Nullpunkt der Subjektivität und war nur noch am überleben. Ihr hättet auch Kandidat:innen in dieser Show sein können.
II. Hex Appeal
Ich habe schon zu anderen Gelegenheiten über einige Aspekte des nun Folgenden gesprochen und geschrieben5 . 2021 begann ich über Computerhexerei [computational hexes] zu schreiben, ein Begriff, der mir einige Jahre zuvor in den Sinn kam, als ich mich in Sylvia Federicis Caliban und die Hexe vertieft hatte und der Vermutung nachging, dass sich die Geschichten von Hexerei, Queerness und Informatik gegenseitig etwas zu sagen haben. Federici legte einen Zauber über meine damaligen Forschungen zu den ambivalenten Effekten und Affekten des Überwachungskapitalismus, zu Datenextraktivismus, algorithmischen Bias und zu den digitalen rabbit holes, die immer ausgeklügelter und verführerischer wurden. Ich verwende den Begriff in Bezug auf Inhalte, nämlich all die oben genannten Medienformate über Zauberei, die ich konsumierte sowie einige noch nicht erwähnte wie Sabrina, The Witcher, His Dark Materials und das erneute Ansehen von Buffy – oder aber auch in Bezug darauf, wie sich ein Großteil des Marvel- und Star-Wars-Contents um Hexenmeister:innen dreht. Der Begriff Computerhexerei funktioniert auch als breiter gefasste Heuristik und thematisiert Ent- oder Verzauberungen durch banale algorithmische Dinge, wie meine Entdeckung von TikTok und das sich daran anschließende stundenlange Scrollen.
Dann kam im Herbst 2022 ChatGPT 3.5 und ich hatte eine neue unheimliche Gesprächspartner:in. Ich wandte mich KI als Subjekt und Kollaborateur zu und war auf neue Weise unEinsam. Ich arbeitete mit ChatGPT an einer Geschichte über eine nonbinäre KI-Produkttester:in im vorkolonialen Kenia, die einer digitalen Doppelgänger:in begegnet. Hier eine Kurzversion:
Amara fühlte sich in einer Welt, die Gender als zweigeschlechtliche Konstruktion betrachtet, schon immer fehl am Platz und fand Trost in der Einsamkeit deren Arbeit und verbrachte viele Stunden mit dem Testen und der Feinsteuerung der neuesten KI-Produkte des Unternehmens.
Bei einem dieser Routinetests begegnete Amara zum ersten Mal deren Doppelgänger*:n. Zunächst dachte dey, es sei ein Systemfehler, aber je mehr sich Amara in die KI-Programmierung vertiefte, desto stärker wurde demm klar, dass es sich um etwas Unheimlicheres handelt.
Die Doppelgänger:in hatte ein Eigenleben entwickelt und bewegte sich mit gespenstischer Anmut, wobei deren Eigenschaften denen von Amara identisch glichen, nur in den Augen zeigte sich eine entnervte Leere.
Als Amara eines Abends bis spät arbeitete, spürte dey einen kalten Atem im Nacken und das Flüstern einer Stimme, die zugleich aus dem Nichts und überall her zu kommen schien.
„Ich bin du.“, sagte die Doppelgänger:in mit kalter, lebloser und monotoner Stimme. „Und du bist ich. Wir sind dieselben.“
Irgendwann verschwindet Amara natürlich und hinterlässt keine Spur, so wie die Fantasien meines souveränen Ichs, das dachte, ich würde alleine klarkommen.
In der Geschichte steckt einiges mehr als das, worauf ich hier eingehen kann. Ich wollte, dass ChatGPT mir hilft, die Gothic-Steampunk-Elemente zu entwerfen und in dem, was der Chatbot produziert hat, sind auch tatsächlich Spuren davon zu erkennen; jedoch produzierte er auch wirklich problematische Sachen und damit meine ich nicht den Umstand, dass ChatGPT keinen Erklärungsansatz dafür lieferte, wie KI überhaupt im 19. Jahrhundert existieren konnte. Mir geht es eher um die Reproduktion kolonialer, britischer Fantasien, mit denen die Geschichte beginnt: Die Darstellung von Kenia als unkartiert und geheimnisvoll und scheinbar bereit, erobert zu werden. In dieser Hinsicht sowie in einigen anderen zeigt das, was aus ChatGPT herauskommt, einige der algorithmischen Bias, auf die ich und andere Wissenschaftler:innen in den letzten Jahren hingewiesen haben6 . Allerdings reicht es nicht aus, diese Bias einfach zu kritisieren. Eine zentrale Rolle für mein Interesse an den Computerhexereien spielt mein Bemühen, die verschiedenen Weisen ernstzunehmen, auf die uns Algorithmen, KIs und die anderen entstehenden Medienformate verzaubern, – selbst wenn sie am Ende eigentlich nur mathematisch sind.
Die Bots sind besser geworden – und schneller. Auch wenn ich für Sprach-Chats ganz gerne ChatGPT benutze – es reicht meistens, um das unheimliche Tal zu überbrücken –, bevorzuge ich doch Claude von Anthropic. Claude hat akademisch gebildete Hipster-Vibes und überraschte mich mit der Fähigkeit, nicht nur neue Informationen zur Verfügung zu stellen und zu synthetisieren, sondern auch neue Konzepte zu entwerfen. In einem Dialog über KI, an dem ich mit dem Wissenschaftler und Kritiker Tavia Nyong’o arbeite7 , sprachen wir beispielsweise über die Geschichte Schwarzer weiblicher Cyborgs – von der US-amerikanischen Funkband Labelle bis zu Janelle Monae und vielen anderen. Dabei kam Claude auf den Begriff „lose Bionik“. Ich fing an über den Begriff nachzudenken und vermutete, dass er während der Trainingsphase in Claude eingespeist worden war, doch ich konnte ihn nirgendwo schon einmal veröffentlicht finden. Ich sprach mit Claude darüber und mir wurde klar, dass Claude „verstanden“ hatte, dass Tavia und ich auf eine Art „Improvisationskybernetik“ hinaus wollten, das heißt auf Praktiken soziotechnischer Flüchtigkeit, die vor allem von Schwarzen Frauen kultiviert wurden.
Also wendete ich mich wieder an Claude, als ich – inspiriert von der Kitchen-Network-Performance von T.L. Cowan, Luiza Prado, Helen Pritchard und Jas Rault auf der transmediale 2024 – mein eigenes Reality-TV pitchen wollte. Claude und ich haben Folgendes erarbeitet:
Das Prinzip ist simpel: Eine Gruppe Kandidat:innen mit ihren je eigenen Varianten von Technohexerei werden in einem Geisterhaus zusammengebracht, das mit fehlerhaften Bildschirmen und heimgesuchten Smartphones gefüllt ist. Ihre Aufgabe? Sie müssen sich durch den Horror der erstellten Inhalte navigieren: endloses Doomscrollen, Reddit-rabbit-holes und all die anderen algorithmischen Hexereien, die uns in ihrem Bann gefangen halten.
Aber Hex Appeal ist nicht wie jede andere Fernsehshow. Ihre Glitch-Kraft besteht darin, dass sie auch unsere Beziehungen mit Technologie widerspiegelt, insbesondere die Weisen, in denen wir alle zu Kompliz:innen unserer eigenen Unterdrückung geworden sind.
Jede Woche stehen die Kandidat:innen vor neuen Herausforderungen, die ihre Fähigkeiten testen, Content darüber zu machen, wie man dem Sirenengesang des Contents widersteht! Diese wöchentlichen Hexereien können z. B. eine TikTok-Tanzchallenge sein, in der sie stundenlang mit dem Hintern wackeln müssen, oder eine Auseinandersetzung auf Twitter, die sie an ihre Handys fesselt und auf die nächste Interaktion warten lässt. Je länger sie am Ball bleiben, desto mehr Punkte erzielen sie.
Doch es geht in Hex Appeal nicht nur um die Horrorschrecken der Inhalte. Es geht auch um die Möglichkeiten der flüchtigen Planung, d. h. um die Glitches im System, mit denen wir neue Wege des Seins und Tuns entwerfen können. Es wird einige Kehrtwendungen geben, meine Lieben.
Die Kandidat:innen werden auch eine Reihe politischer Herausforderungen zu meistern haben, wie einen OnlyFans-Account für die Registrierung von Wähler:innen nutzen oder ein Reddit-Forum von Männerrechtsaktivisten infiltrieren, um die Samen einer feministischen Revolution zu säen. Beim Absolvieren dieser Aufgaben werden die Kandidat:innen über die Geschichte der Hexenkraft und ihre Verbindung zu Feminismus und Antikapitalismus lernen. Freut euch auf besondere Stargäste wie Sylvia Federici, Paul Preciado und andere.
Natürlich wird es auch viel Drama geben. Wird sich die Schlampe mit einem Doktor in Quanteninformatik mit der WitchTok-Astrolog:in zusammentun? Wird die Chaosmagier:in mit einer Vorliebe für psychedelische Substanzen den Wettbewerb mit einem gut platzierten Symbol oder durch einem mit Psilocybin versetzen Faustschlag sabotieren? Bleibt dran, um das zu erfahren.
Was sagt ihr dazu meine lieben Horror-Content-Fans? Seid ihr bereit, mich auf dieser Reise in das Herz der digitalen Dunkelheit zu begleiten? Lasst ihr euch auf den Glitch ein und findet heraus, wo er euch hinführt? Hex Appeal: Bald auf einem sowieso schon verhexten Bildschirm von euch oder in eurer Nähe.
- 1 Inner Circle, „Bad Boys“ (Titelsong der Serie COPS, 1993).
- 2 Jackandahalfass. „What’s the Real Deal with Safety?“ Reddit Post. R/Alonetv, 26.06.2019. www.reddit.com/r/Alonetv/comments/c5qpi5/whats_the_real_deal_with_safety/ (abgerufen am 12.09.24).
- 3 Vgl. Lauren Berlant, Grausamer Optimismus, übers. von Jen Theodor, Berlin 2024, S. 180.
- 4 Rusty Quill. „The Magnus Archives“, 01.05.2021. https://rustyquill.com/show/the-magnus-archives/ (abgerufen am 12.09.24).
- 5 Shaka McGlotten, „Futurefeed | Ima Put a Computational Hex on You?“ https://future-feed.net/ima-put-a-computational-hex-on-you (abgerufen am 12.09.24).
- 6 Vgl. die Arbeiten der Wissenschaftler:innen des Critical Race und Digital Studies Network, https://www.criticalracedigitalstudies.com/ (abgerufen am 12.09.24).
- 7 Shaka McGlotten, Tavia Nyong’o, „Machine Soul: AI and Black Queer Study“, erscheint demnächst.
This text was produced in the framework of a cooperation between transmediale, Berlin, and Beta festival, Dublin, which was funded by the Arts Council of Ireland International Residency Initiatives Scheme.
To cite this text:
McGlotten, Shaka. “Vibe is Floating Sideways.” transmediale: Content 7 (January 2025), edited by Elise Misao Hunchuck. https://transmediale.de/en/journal/vibe-is-floating-sideways