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Elisa Barth
Nabelschau
ein Monolog
In Jaakko Pallasvuos Monolog steht der Künstler in einem Raum, der zwischen der sterilen Präzision des anatomischen Theaters und der ausufernden Entropie zeitgenössischer Kunst gefangen ist – eine rastlose Figur, die die Rolle des Selbst in der Maschinerie der Schöpfung seziert. Sie ist zugleich Subjekt und Objekt, löst sich im Nichts ihres Monologs auf, während Worte wie auslaufendes Industrie-Kühlmittel in den Raum sickern. Kunst wird in ihre Bedeutungslosigkeit dekonstruiert – ein Sofa, das zu groß für die Wohnung ist, ein zu einem trägen Objekt erstarrter Wasserfall, ein Selbstporträt, das sich in Abwesenheit auflöst. Deren Gesten reagieren auf den Hunger eines Publikums, das darauf aus ist, Identität und Trauma zu konsumieren. Doch dey Künstler:in bietet nur einen zerbrochenen Spiegel, der die Sinnlosigkeit von Ausdruck in einer übersättigten Welt reflektiert. Im sterilen Licht des Auditoriums weren sie zu einem Kanal, der das Rauschen einer Kultur überträgt, die Zweck durch Pose und Revolution durch Burnout ersetzt hat. Worte flackern und verschwinden, hinterlassen nur das Gewicht ihrer Abwesenheit – und dey Künstler:in, in einem Quadrat aus Winterlicht liegend und darauf wartend, dass die Bedeutung zurückkehrt.

***

Die Bühne ist ein Anatomie-Hörsaal aus dem späten 19. Jahrhundert. Der Hörsaal wurde „originalgetreu restauriert“, um einer Akademie für Gegenwartskunst als Auditorium zu dienen.

Dey Künstler:in ist bereits auf der Bühne.

Erster Teil

Immer wieder dasselbe.
Schon wieder eine Woche alarmierender Vorkommnisse.
Diskretion bis zum Ersticken, dahinter Ausbrüche von Kriminalität.

Ich geh nachmittags um drei schlafen.
Zwei Stunden später wach ich auf und fühl mich bedrückt.
Völlige Abwesenheit von Inspiration und Interesse.
Ich hab überhaupt nichts zu geben.

Um vom Standpunkt einer Künstler:in zu sprechen,
muss man die Rolle einer Künstler:in leben.
Man muss wie eine Künstler:in fühlen.
Das ist nicht so tiefgründig.
Das ist vielleicht keine tiefe Berufung,
nur ein Blickwinkel, von dem aus man wahrgenommen wird.

Aber niemand nimmt mich gerade richtig wahr.
Mein Leben ist übel.
Mein Leben ist nicht mal übel.
Mein Leben wird nicht beachtet – niemand sieht es.

Ich kümmer mich um meinen Haushalt.
Überall ist Staub in der Wohnung.
Warum rede ich, statt zu saugen
oder abzuwaschen
oder durch den Schnee zum Supermarkt zu gehen?

Das Leben ist nicht glamourös.
Es ist uninteressant.
Diese Worte zu sprechen, ist wie Wasser aus einem Stein zu wringen.
Warum diese Worte?
Ich weiß es nicht.
Ich bin ein müdes Bild.

Wie wär’s, wenn ich mich einpinkel, statt weiter zu reden?
Was, wenn ich die Kontrolle abgebe?
Ich sollte den Boden saugen.
Das würde mir beim Atmen helfen.

Ich wünschte, ich würde ein Gefühl von Freude und Möglichkeit verspüren.
Ich wünschte, ich könnte euch das vermitteln.

Neulich hat mir jemand eine Mail geschrieben und gefragt, ob ich eine Praktikant:in brauche.
Dey musste für den Abschluss an der Kunsthochschule irgendwo ein Praktikum machen.
Dey verblieb in begieriger Erwartung meiner Antwort.
Will dey mich verschlingen, mich einverleiben?
Will dey mich vollständig verdauen und fertig?
Vielleicht ist das schmeichelhaft.

Ich musste dieses eventuelle Praktikum ablehnen,
weil ich keine Arbeit habe, die ich an eine Praktikant:in abgeben könnte.
Ich will nicht zu viel produzieren.
Ich will mir keine Kunstprojekte ausdenken.

Ich versuche, meine Kunstpraxis zu zerlegen.
Ich will sehen, auf welche Teile ich verzichten kann.
Ich will, dass das, was von meiner Kunstpraxis übrig bleibt, strahlend und schwerelos ist.
Ich hoffe, dass ich das, was übrig bleibt, managen kann.
Managen: ein schreckliches Wort, das Kontrollfantasien auslöst.
Als wenn diese Impulse überwacht werden könnten.
Aber so ist es.

Zeitgenössische Kunst ist zu groß.
Nicht groß im Sinne von wunderbar oder großartig.
Einfach nur groß wie ein Sofa, das in einer winzigen Wohnung den ganzen Platz wegnimmt.
Ein Sofa, durch das der Raum gefüllt und hoffnungslos erscheint.
Wie eine glänzende, hässliche Figur auf einer Kunstmesse,
die alles in Übermaß hat außer guten Geschmack.
So groß wie 60 Stunden Videokunst auf irgendeiner Biennale.
Man muss die ganzen Videos im Stehen sehen,
oder sitzt auf einer harten Bank ohne Lehne.

Warum habe ich zeitgenössische Kunst mit einem Sofa verglichen?
Ich wünschte, ich würde jetzt auf einem Sofa sitzen.
Ein Bild von mir, wie ich auf einem Sofa sitze.
Ein Bild, dass zu gleichen Teilen deprimierend und tröstlich wirkt. behaglich ist.
Ich werde kein Star sein.
Meine Mittelmäßigkeit beschützt mich.

Dey Künstler:in steht vor einem Publikum.
Mehrere Kameras und Mikrofone nehmen auf, was dey Künstler:in als Künstler:in sagt.
Ich will kein Star sein.

Zweiter Teil

Eine Passage von nichts zu nichts.
Die Reise des Wortes von nichts zu nichts.
Dazwischen endlose Passagen von nichts, ich gebe einen Vortrag.
Also Worte.
Es gibt keinen besseren Zeitpunkt.

Um anzufangen, über Kunst zu sprechen,
muss man über seine eigene Position sprechen.

Wollt ihr etwas über meine wissen?
Seid ihr an meiner Autobiografie interessiert?
Wollt ihr, dass ich mich auf der Bühne anders positioniere?

Es sollte egal sein, was ihr wollt.
In der Kunst geht es um Freiheit.
Ich kann hier genau so sein, wie ich sein will.
Oder egal wie.

Ist Kunst mehr als das?
Diese totale, individuelle, ausdrucksstarke Freiheit?
Warum fühlt sich das unbefriedigend an?
Warum klingt das falsch?

Kunst ist ein privates Vergnügen,
angereichert mit öffentlichem Druck.

Dey Künstler:in wechselt die Position.
Dey Künstler:in konzentriert sich.

Ich mache Striche, die zusammen aussehen wie ein Apfel.
Menschen können diese Striche als einen Apfel erkennen.
Der Apfel ist so realistisch.
Eine Zeichnung wird zu echtem Obst.

Eine Künstler:in hält einen Vortrag an einer Kunsthochschule.
Muss dey Künstler:in ein Beispiel dafür sein, was eine Künstler:in ist?
Was könnte hier exemplarisch sein?

Ich könnte vorbildliche moralische Werte vertreten.
Ich könnte die Welt mit meiner Kunst besser machen.
Warum mach ich das nicht?
Eine Liste mit Gründen einfügen.

Da ist dieser Hunger.
Das Publikum will Identität konsumieren,
will Erfahrung konsumieren, Trauma konsumieren.
Hier gibt es kein Ich.
Ich wollte das Fehlen übermitteln.

Warum diese Worte?
Warum auf Deutsch?
Wir mussten in dieser Weise miteinander sprechen, um verstanden zu werden.
Dey Künstler:in öffnet deren Mund.
Warum?

In einem Vortrag letztes Jahr sagte dey, dass Blanchot gesagt hat,
Schreiben ist
nichts
sprechen wollen.

Worte kommen aus dem Nichts.
Dey Künstler:in versucht, Worte aus dem Nichts zu fangen.
Der Vorgang ist katzenhaft und kann eine Weile dauern.
Dey Künstler:in versucht die Worte zu fangen.
Deren Hände um die Worte zu Fäusten zu schließen.
Worte entweichen.

Kann ich aus einer Position der Angst über Ethik sprechen?
Es ist nichts mehr übrig als diese Ängste.
Nichts mehr übrig außer Nichts.
Ich bin an Nichts interessiert.
Antrag auf staatliche Förderung:
Ein Projekt über Nichts.

Ein interdisziplinäres,
spezienübergreifendes,
radikales,
kollaboratives,
forschungsorientiertes
Nichts.

Dritter Teil

Ich stell mir eine Künstler:in vor
Dey hält einen Vortrag.

Ich stelle mir eine Person vor, die alles unter Kontrolle hat.
Dey Künstler:in kommandiert deren Publikum.
Dey Künstler:in hat die Haltung einer Tänzer:in.
Dey Künstler:in ist selbstbewusst wie jemand, der andere mobbt.

Eine Person mit unendlichem Selbstbewusstsein, die andere in der Schule mobbt,
und erwachsener ist als ihr mit 37.

Wenn ich an dey Künstler:in denke, denke ich an eine heiße Quäler:in.
Die Opfer der Quäler:in sind heimlich in demm verknallt.
Wo liegt der Reiz?
Warum stelle ich mir dey Künstler:in so vor?

Seid ihr in diesem Raum, weil ihr als Kinder gemobbt wurdet?
Seid ihr in der Kunstwelt, wegen dem, was in der Schule passiert ist?
Seid ihr in der Kunstwelt?
Das hätte ich nicht gedacht.

Warum sprechen?
Warum?
Man kann nicht direkt über Kunst sprechen.
Worte führen zu mehr Missverständnissen,
mehr Schatten.
Worte würden nicht mal existieren, wenn wir uns untereinander verstehen würden.
Würde es perfektes Verstehen zwischen uns geben, würden Worte wegfallen.
Warum die Worte?
Stop.
Dey Künstler:in hat keine Verwendung für sie.

Dey Künstler:in hat einen Style, ein Polohemd mit Kragen, eine spezielle Körperhaltung:
jahrelanger Tanzunterricht als Kind.
Dey Künstler:in sagt, dey sei nicht traumatisiert,
Dey hätte nur entschieden, mit Ballett aufzuhören.

Dey Künstler:in handelt in Währungen, von denen ihr noch nicht mal was gehört habt.
Dey Künstler:in betet zu einem Gott ohne Charaktereigenschaften.
Eine Substanz, die alles erschafft,
alles belebt,
alles durchdringt.

Dey betritt die Bühne.
Dey trägt ein durchsichtiges Plastikkorsett über einem schwarzen Polohemd mit Kragen.
Dey sieht aus wie ein 20 Millionen Euro teures Pferd.
Dey trägt schwarze Hosen und glänzende schwarze Schuhe.
Dey öffnet den Mund.
Alle sind gebannt.

Wie sieht das Werk der Kunst aus?
Ein Monolith.
Etwas Großes und Komplexes in einem Ausstellungsraum.
Etwas Erhabenes – ein Wasserfall, der als ein Objekt konserviert ist.
Ein Objekt in der Mitte des Raumes.
Ein selbstbewusstes Objekt.
Keine Worte.

Dey Künstler:in wirft nicht mit Status-Updates, schlechten Fotos
oder hochgepitchten nervösen Tweets um sich.
Da ist nur dieses große Objekt.
Dey Künstler:in posiert daneben.

Worte sind billig.
Was ich wirklich sehen will, ist ein bisschen Action.
Eine krasse Geste oder zwei.

Aus irgendeinem Grund muss ich immer an den Kreuzweg denken †
Er besteht aus 14 Bildern:

eins Jesus wird zum Tode verurteilt

zwei Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern

drei Jesus fällt zum ersten Mal

vier Jesus begegnet seiner Mutter

fünf Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

sechs Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

sieben Jesus fällt zum zweiten Mal

acht Jesus begegnet den weinenden Frauen

neun Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

zehn Jesus wird seiner Kleider beraubt

elf Jesus wird ans Kreuz genagelt

zwölf Jesus stirbt am Kreuz

dreizehn Jesus wird vom Kreuz abgenommen

vierzehn Jesu wird ins Grab gelegt

vierter Teil

Als die Ausstellung beendet war,
war ich völlig ausgebrannt.
Man knüpft irrationale Hoffnungen an diese Ausstellungen.
Ich hoffe immer, dass mich die nächste Show umorientiert.
Dass sich irgendeine Art Revolution ereignet,
wie ich die Welt wahrnehme.

Wie irgendetwas, das sich buchstäblich um die eigene Achse dreht,
bis es auf dem Kopf steht
und man es ganz neu
und voller Möglichkeiten betrachtet.
Das passiert nicht.
Ich werde nur müde.

Kunst machen, weil man die Welt nicht so akzeptieren kann, wie sie ist.
Wenn man die Welt akzeptieren könnte,
müsste man gar nichts machen.
Man könnte rumsitzen und warten, bis sich die Welt selbst geheilt hat
oder was auch immer.

Man taucht in seinen Selbsthass ein, als wäre er irgendein Geheimnis.
Ein Verbrechen, das in einer 50-Minuten-Folge eines angesehenen TV-Senders gelöst werden könnte.
Am Ende würden die Detektiv:innen deine Selbstachtung finden,
gefangen – weinend – am Grund eines Brunnens.
Aus einem Tank, der sich langsam mit Wasser füllt, würde dein inneres Kind geborgen
und hierher gebracht werden,
auf die Bühne.

Es spricht nun, wer still gewesen ist.

Dey Künstler:in betritt die Bühne.
Wie ist dey drauf?
Verkatert, im Jetlag, stammelnd.
Deren MacBook lässt sich nicht an den Beamer im Hörsaal anschließen.
Ein blaues Viereck.
Dey Künstler:in hustet.
No signal.
Dey Künstler:in sagt:
Hey,
Ich bin ein Kanal.
Ich gebe hier nur Dinge weiter.
Winterlicht in einem stillen Raum. Ich warte.


Ich bin ein Kanal.
Ich arbeite nicht.
Das ist keine Arbeit.
Müsste ich allein in der Ödnis sein,
würde ich mehr Kunst machen.
Gottes Auge würde sie sehen.

An der Kunsthochschule hab ich gelernt, dass der Mythos der Künstler:in
dekonstruiert wurde.
Ich bin nicht ganz sicher, was dieser Mythos überhaupt war.
Wie dekonstruiert man einen Mythos?
Wort für Wort?
Eine Künstler:in ist eine Person, die ein Projekt geworden ist.
Ein Projekt, das lebt, um sich selbst zu verbessern.

Warum sprechen?
Warum nicht?
Warum habe ich die Zeit nicht genutzt, um euch meine Kunstwerke zu beschreiben?
Ich hätte darüber sprechen können, was ich mache.
Vielleicht finde ich es nicht so interessant –
was ich mache.

Das Sonnenlicht wirft ein Viereck auf den Boden.
Ich werde mich hineinlegen.




Dann passiert es.


This text was produced in the framework of a cooperation between transmediale, Berlin, and Beta festival, Dublin, which was funded by the Arts Council of Ireland International Residency Initiatives Scheme.

To cite this text:
Pallasvuo, Jaakko. “Navel-gazing: a monologue” transmediale journal issue #7: Content (January 2025), edited by Elise Misao Hunchuck. https://transmediale.de/en/journal/navel-gazing
CC BY-NC-SA