I have now lost count of how many times I heard that the Russian military offensive against Ukraine that began on 24 February 2022 “put Ukraine on the map”. To be more precise, Ukraine’s unexpectedly effective resistance, I was told, put the country – and its people – on the map. This resistance inspired many. It annoyed many more. Annoyed or inspired, from then onward, not seeing the war was only possible as a deliberate choice.
I have also lost count of how many times I have thought about maps. I looked at maps and followed maps, trying to make sense of them while staying alert to the proximity of the front and its changing lines, trying to figure out the logic of cruise missiles, and thinking of those affected. Changing my geolocation, yet carrying that specific one within me, everywhere, and in a certain sense becoming an embodied index for it.
“To put something on the map” is an idiom. It means: to make something well known, to make it enter popular consciousness and take its place there, to have a visual reference, a stable association or a defined set of categories that makes this thing familiar. A map is a useful entry point for many things I want to communicate. As a technical device, a map is designed as a navigational tool, a schematic representation of the features of a land that it’s crucial to know in order not to get lost. Understanding how a map operates as an epistemic device allows us to scrutinise how a land, a body, or a body as a land is known. The interpretation of things on a map – and perhaps even more importantly, the things that are not there – is a question of who is looking and why. And if, over the past few decades here in Western humanities (whatever that means now), the conversations about centres and peripheries, the gendered aspect of a scientific gaze, colonial logics and their postcolonial others were well articulated and closely examined, what then remains evasive, ever-changing and malleable are the profoundly different imageries and desires that define the ways we (as individuals, societies or more) look at – or become – a map.
It should not be news that anyone whose geographical context changes radically finds themselves in a cognitive fold: what was once set in stone becomes unfixed and often profoundly different. Yet my point here is not to reveal that multiple realities exist (not as ontologically different entities, of course, but rather through how they are seen, mediated, understood and known) but to provide an account of a very specific case of such a fold. My case.
As I exited Ukraine and crossed the perimeter of the war, I arrived in Germany. I found myself in a reality split between two seemingly excluding narratives: the one of climate, which is embedded in every possible aspect of sociopolitical imagination, and the one of the war, which is mostly maintained on the level of government decisions or by those immediately affected by such decisions. Even though both are preoccupied with maps, technically and epistemologically, they are driven by different fears to navigate different desires. So here I lend my body that moves along the lines on a map, zooms in and out to bridge scales or to show that they – as two sides of a Moebius strip – are, in fact, one.
Als ich im Januar 2023 zu meinem Gate am Flughafen Berlin-Brandenburg rannte, bemerkte ich, dass die neu gebauten Terminals mit einem Übermaß an Steckdosen und Aufladestationen ausgestattet waren, so dass alle Passagiere ihre Geräte in Betrieb halten können. In älteren Flughäfen ist es immer eine Herausforderung, zugängliche und noch verfügbare Steckdosen zu finden. Was vor zwanzig Jahren nicht nötig war, ist heute aufgrund der Verbreitung persönlicher elektronischer Geräte eine dringende Notwendigkeit. Viele Aktivitäten, die in der ausgesetzten Zeit an Flughafen-Gates unternommen werden – Berufliches am Laptop abschließen, Gigabytes an Fernsehserien herunterladen, Video-Telefonate, Durchsehen von nie endenden Instagram-Verläufen und Storys – erfordern Strom. Die Verfügbarkeit und der Überfluss dieser Optionen haben Obsessionen, Abhängigkeiten und Ängste produziert. Stets alle Möglichkeiten des Zugangs aufrechtzuerhalten, gibt dir geradezu das Gefühl, alles sei normal.
Ich war unterwegs in die Ukraine. Im Vorhinein fragte mich jemand, ob ich dorthin flöge – und ich hielt inne, wie in vielen anderen Situationen, in denen ich die Arbeit der Erklärung auf mich nahm. In der Ukraine herrschen Krieg und Kriegsrecht.1 Flughäfen wurden in wenigen Stunden zerstört. Auch, wenn sie in Betrieb geblieben wären, hätten hier keine Passagierflüge abgefertigt werden können: Jedes Flugobjekt ist ein Beschussziel. Ich verstehe natürlich, dass für alle, die nicht im Krieg leben, nicht alle Wirklichkeiten des Krieges offenbar sind. Doch meine Reaktion ging aus einer Erschöpfung hervor, die ich in Jahren entwickelt hatte, in denen ich die Unterschiede zwischen dem erklären musste, was so beiläufig als gleicher Zugang angenommen wurde. Bis vor sechs Jahren war es ein schwieriges Unterfangen, aus der Ukraine nach Westeuropa zu reisen (– das mit der Schengen-Zone entlang der östlichen Grenze Polens beginnt). Entweder hattest du die Zeit, das Geld, das Vokabular und ausreichend unterstützende Dokumente für einen Visumsantrag (um dann eine streng begrenzte, üblicherweise geringe Anzahl an Tagen zu bekommen) oder du hattest das alles nicht und deine Einreise wurde durch die undurchsichtige Logistik arrangiert, die existiert, um Westeuropa günstige Arbeitskräfte zu liefern – oder durch andere, oft unredliche Geschäfte. In der merkwürdigen Wirklichkeit des Krieges und den damit einhergehenden Erschütterungen, bedeutete die Anreise in die Ukraine nach Polen, Rumänien oder in die Slowakei zu fliegen und dort einen Zug an die jeweilige Grenze zur Ukraine zu nehmen. Oder man nahm mehrere Züge von Berlin aus, durch Polen und dann weiter nach Kiew. Ein Traum für Umweltschützer:innen. Dieses Mal brauchte ich für die Reise 28 Stunden – für die Fahrtzeiten und das Warten an Grenzen und an Bahnhöfen. Wenn du von Westen nach Osten reist, wird das, was als grundlegende Annehmlichkeit vorausgesetzt wird, schrittweise zu einem Privileg oder gar zu einem Luxus. Wie pathetisch es auch klingen mag, aber diese Kluft zwischen dem, was als selbstverständlich angenommen wird, und dem, wofür gekämpft werden muss (wie das Leben), wird immer größer. Das ist verheerend – und es immer wieder und wieder erklären zu müssen, ist zunehmend ermüdend.
Ich kam schließlich in Kiews eiskaltem Winter an und schaffte es kurz nach Ausgangssperre zur Wohnung einer Freundin. Hier fand ich mich plötzlich auf der anderen Seite der Kluft wieder: In der Unterhaltung mit meinen Freund:innen erwähnten sie, dass sie gerade eine Serie herunterluden, die wir später anschauen könnten. Ich lachte und dachte, sie würden wie viele andere in der Ukraine noch immer Filme illegal downloaden. Daher fragte ich: „Habt ihr kein Netflix?“ Sie hielten inne – wie in den vielen anderen Situationen, in denen sie es waren, die sich erklären mussten – und lachten dann: „Doch, haben wir. Aber wir haben nicht durchgängig Zugang zu Strom.“
In der Ukraine definiert der Rhythmus der Stromausfälle, was du tun kannst und was nicht. Ein bedeutender Anteil der ukrainischen Energie-Infrastruktur wurde absichtsvoll von russischen Raketen zerstört. Während es wohl einfacher ist, die unmittelbaren Opfer von Angriffen zu zählen, werden wir nie wissen, wie viele an den Folgen der Stromausfälle litten. Ob sie an Kälte starben oder ihre Gesundheit nicht bewahren konnten oder ihr Leben ausgesetzt oder aufgeschoben wurde, weil nicht gearbeitet werden konnte; ob steter Stress und Retraumatisierung ihre Routinen unmöglich machten; durch die vielen unvorhersehbaren Verspätungen und die Erschöpfung, die von den Unterbrechungen der Elektrizität in jenem sehr dunklen Winter verursacht wurden.
In Kiew musste ich schnell zu der neuen Wirklichkeit aufholen, lernen, in weniger als drei Minuten zu duschen – nicht, wenn ich es nötig hatte, sondern, wenn es überhaupt möglich war. Du trittst in etwas ein, das vertraut aussieht, doch dann verformt sich diese Wirklichkeit mit einem kaskadierenden Aufgebot an Veränderungen, die ganz plötzlich zu deiner Wirklichkeit werden: Wenn das Stromnetz ausfällt, dauert es zehn Minuten, bis das Mobilfunknetz weg ist. Du kannst keine Pläne mehr ändern und Menschen informieren – und sie können auch dich nicht erreichen. Du kannst keine Wegbeschreibung auf Google Maps nachsehen und du hast womöglich keinen Zugang mehr zu öffentlichen Transportmitteln. Du kannst womöglich nicht mehr arbeiten, kochen oder Hausarbeit erledigen. Du kannst womöglich nichts über die Folgen des Angriffs erfahren und notwendige Maßnahmen ergreifen. Für all die kommenden Stunden kannst du an nichts anderes denken als an Strom und du musst dich in Räumen zurechtfinden, in denen alles – einschließlich dir selbst – scheinbar seiner Grundfunktionen beraubt ist. Stromausfälle machen dich zum nomadischen Körper und zwingen dich, deine Beziehung zu Raum und Zeit neu zu bestimmen.
Als ich im Sommer 2022 nach Berlin kam, folgte ich den Verfahren für Menschen, die aus der Ukraine einreisten. Zuallererst musste ich zum Flughafen Tegel. Nachdem er vor nur einem Jahr als Flugfeld stillgelegt worden war – Berliner:innen haben diesen Flughafen vielleicht geliebt, aber er konnte die immer weiter zunehmenden Betriebsanforderungen nicht mehr erfüllen – wurde er zum Ankunftszentrum für jene umgewandelt, die den Krieg verließen. Er schien auf merkwürdige Weise verlassen. Von einem der Transfer-Busse aus, die Menschen am Berliner Hauptbahnhof einsammelten und nach Tegel brachten, blickte ich über die leeren Rollfelder durch die Linse meiner Erinnerungen und dachte, dass die Geschichte dieses Ortes auf manche Weise typisch war. Erst war er als Übungsplatz für die Luftaufklärung im Ersten Weltkrieg entstanden, dann mit der Entwaffnung Deutschlands zum Raketentestgelände umfunktioniert worden. Bald darauf wurde hier militärische Forschung versteckt, die den nächsten von Deutschland begonnenen Krieg unterstützte. Der Flugplatz diente im Zweiten Weltkrieg auch für militärische Operationen und während des Kalten Krieges wurde er zu einem strategischen Punkt sowjetischer Abschreckungsstrategien. Mit dem Aufkommen der Globalisierungsversprechungen öffnete schließlich ein Flughafen für Inlands- und Auslandsflüge, die mit der Einführung der Billigfluggesellschaften immer günstiger wurden. Nach seiner Außerbetriebnahme wurde der Ort gezielt neu gedacht als künftiger Forschungs- und Industriepark für urbane Technologien namens Urban Tech Republic, der bis zu 800 Unternehmen beherbergen und schrittweise zum größten städtebaulichen Entwicklungsgebiet Berlins werden soll. Die Übergangsfunktion dieses Ortes als Unterkunft und Sortier-Station für Geflüchtete mag ungewöhnlich erscheinen. Menschen, die aus der Ukraine flüchteten, betraten nun diesen Ort mit ihren Formularen und Dokumenten, die bewiesen, dass sie leben und arbeiten konnten. Nach Protokoll wurden sie über ihren neuen Status nach Paragraph 24 informiert („Sie sind jetzt als Kriegsflüchtling registriert; scannen Sie bitte diesen QR-Code, um ihre Rechte zu lesen, und begeben Sie sich zur nächsten Station, wo meine Kollegin ihre Fingerabdrücke nehmen wird.“) Innerhalb des vertrauten Verlaufs der Transformation dieses Ortes vom Krieg zum Markt und dann zur Technologie, war unser Dasein als Spur des Krieges an diesem Ort beinahe eine Rückwärtsbewegung in Raum und Zeit, die eigentlich die Zukunft entwickeln sollen.
Tegels Verwandlungen verkörpern eine beliebte Imagination, die ich in Deutschland und dem globalen Norden schon lange beobachtet habe: Die Vorstellung, dass Krieg zur Vergangenheit gehört und dass die einzige Bedrohung in der Zukunft liegt und noch mit genug Technologien zur Kontrolle der sich verändernden Temperaturen abgewendet werden kann. Aber in Wahrheit hat der Krieg nie aufgehört; er hat seine Arsenale in Märkte und Begehren als neue Schlachtfelder ausgedehnt. Diese These ist weder neu noch einzigartig – und es wäre beinahe zu einfach, mich hinter der offenbaren Schlichtheit dieser Aussage zu verstecken und mich anderen beliebteren Themen mit einem höheren Grad an Universalismus und Abstraktion zuzuwenden. Aber ich möchte hier weiterdenken. Ich möchte diesen Moment in der Geschichte kennzeichnen, in dem deutsche Kulturinstitutionen ukrainische Fahnen hissten, während die Stadt sich durch ein Graffiti aussprach, das sich schnell verbreitete: #Das ist nicht unser Krieg
Im letzten Jahrzehnt konnte ich bei Besuchen in Westeuropa und Nordamerika eine zunehmende Angst ums Klima beobachten – eine Trauer im Voraus, die ich teilte. Doch ich konnte keine gänzliche Loslösung von meiner anderen Wirklichkeit ausloten, die Umweltkatastrophe, Krieg und Verlust bereits enthielt, sowie einen nie endenden Kampf darum, überhaupt über die Zukunft nachdenken zu können. Ich sprach nie über diese andere Wirklichkeit und sie gehörte nie zu den Anliegen der Menschen und Orte, die in nicht weniger als planetaren Begriffen sprechen wollten. Es ist, als hätten die Energiewenden, die diesen diskursiven Orten das Gedeihen in einem stabilen Fluss der Elektrizität und Ideen ermöglichten, nichts mit den Orten zu tun, aus denen die Energie strömte. An dieser Stelle sind die Klimadiskussion und die Kriegsdiskussion auf merkwürdige Weise voneinander abgespalten.
Im heutigen Deutschland sind Energieversorgung und Klima zwei zentrale Motive in Medien, Politik, Kunstplattformen und Alltagsunterhaltungen und sie bringen eine besondere Form des Energiebewusstseins hervor. Seit Humboldt hat die kleinste Veränderung des Wetters die Gemüter der deutschen Wissenschaft bewegt. Seine Beschäftigung mit Karten, mit der Erhebung meteorologischer Daten und der Versuch, das Klima zu verstehen – ein Konzept, dass in seinem modernen Sinne ebenfalls in Deutschland entstanden ist – erzeugten ein eigenes Epistem, in dem die Kenntnis der Welt bedeutet, immer deren rationalsten Nutzen für das Wohlergehen von Individuum und/oder Nation im Kopf zu behalten. Als ich hierher zog, fragte ich mich, wie dieses Bewusstsein durch die soziotechnischen Vorstellungswelten hindurch aufkommt, die ins Gewebe des deutschen Alltags eingeschrieben sind. Im Jahr 2022 (dem „Jahr, das nie endete“, wie die Menschen in der Ukraine sagen), als ich mich durch seine bürokratischen Prozedere in diese Geografie einwebte, entwickelte ich ein Ritual: Ich sichtete alltäglich die Titelseiten der Zeitungen, die üblicherweise mit den jahreszeitlichen Unannehmlichkeiten für Energie-Verbraucher:innen in Deutschland befasst waren. Manche boten merkwürdige Illustrationen dar, die nahelegten, die Menschen würden bald frieren, oder Grafiken mit genauen Zahlen, Verbrauchsschätzungen, Preisen und Teuerung. Zugleich landeten in meinem Briefkasten regelmäßig Broschüren privater Energieunternehmen, die eine grüne Zukunft erklärten. Derweil versprachen Wahlkampfplakate von rechts bis links, Nord Stream 2 (trotz aller Umstände) in Betrieb zu nehmen oder flächendeckend (wo auch immer) Fotovoltaikanlagen und Wasserstoff-Fabriken zu bauen.
Der Begriff „energy unconscious“ – also das Gegenteil der deutschsprachigen Neuschöpfung „energiebewusst“ – war im Englischen entstanden, um die merkwürdige An/Abwesenheit von Energie in den Leben von Nordamerikaner:innen zu beschreiben, obwohl alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens von Energie abhängen – und diese überhaupt erst menschliche Freiheiten ermöglicht.2 Es gibt kein Entrinnen vor den Kohlenwasserstoff-Fakten des heutigen Deutschlands. Das Überangebot dieser Informationen schafft eine Atmosphäre, die von Energie durchzogen ist. Ihre visuellen und numerischen Interpretationen dringen in einem überwältigenden Maße in die Köpfe der Menschen ein. Was haben diese Zahlen für eine Funktion? Was bewirkt dieses Wissen? Welche performative Kraft hat dieses aufkommende Energiebewusstsein?
In science, technology and societies studies, sociotechnical imaginaries are understood as “collectively imagined forms of social life and social order reflected in the design and fulfilment of nation-specific and/or technological projects”.3 They are specific sets of beliefs that constitute a vision for a future, and they contribute to the development of various technical and cultural means that are considered necessary, institutionally stabilised and performed on various scales to achieve a proposed scenario. Such imaginaries are always enablers. Starting with an idea, an image or a fixation on a snapshot of events projected on the times to come, they eventually inscribe themselves into the sociopolitical order, producing it through materialised infrastructures and rearrangements of living and non-living matter to sustain said projects. Sociotechnical imaginaries unfold along a temporal axis that starts and ends in a future that is desired, but sometimes one future is desired because a different future is feared.
Sustainable development is one of today’s most far-reaching examples of a sociotechnical imaginary. Conceived in the Global North and folded into ever-expanding environmental rhetoric, political projects and lifestyle ideologies, it is offered as a universal solution to be realised through transfers of expertise and technology. As the current version of this imaginary was first proposed in 1987, a critique of sustainability has since become well articulated, emerging from postcolonial theory. STS scholars further narrowed their focus on what is seen as a key element in the sustainability program: energy.4 The sociotechnical imaginary of sustainability normalised the idea that to save the planet, we (humanity!) need to replace one type of energy with another. The creative solutions for this problem multiply even as I write this and as you’ll read it later on. The UN’s call “to rethink, and reperform, all life as a movement toward a planetary future” generated multiple, overlapping visions of energy transitions for a greener life, from phasing out older energies and disassembling their infrastructures to offshoring the production of energy to newly built energy islands.5 Critiques have been emerging along the lines of how the imagination of sustainability creates its own constitutive outsides: caring for the environment and sustainable lifestyle here (within the perimeter of the sustainability project) is bought at the extraordinarily high price of producing unsustainability elsewhere (the constitutive outside of the sustainability project), while “the frantic search for new advanced solutions to manage a supposedly ‘sustainable’ future better often serves to deepen commodification of both human and non-human matter”.6
In the above, two things are crucial. First, sociotechnical imaginaries encode a specific imagination of socio-spatial order,7 and second, the constitutive outside is a product of such encoding. Hence, the future has not only a temporal but also a geographic dimension. In “No Milk, No Love”, I offered a specific example of a sociotechnical imaginary that produces the constitutive outside of German sustainability projects through the widespread imagery of Ukraine as the “breadbasket of Europe” or the “granary of the world”.8 This imaginary emerged through the beliefs supported by epistemic tools (cartographic and others) deployed by Western European states and the Russian Empire to pursue resources to sustain their imperial interests. In this imagination, Ukraine is a land of infinitely fertile black soil, rich with minerals. This land could easily feed the whole world because its resources are unconditionally given by nature. In this imagination, bodies and spaces are rendered into sites of material transactions, used to justify regimes of power that, today, prevail through constant reinvention. These regimes would seem to entwine and offer bodies, spaces and the fate of the breadbasket to its takers.
Speculative scenarios suggested by German media about the potential disruption of the breadbasket – free flow of grain, energy and labour – reiterate an erroneous imaginary that all of the above were easily available, frictionless resources until the escalation of the Russian war. This fear of disruption produces an affective realm that is identical to the one produced by climate change – the fear that the usual lifestyle will soon be over. Both are efficiently mobilised by a technopolitics that is always already aimed at finding the solution in order to protect the population from whatever endangers their biological wellness. This mechanism is akin to the immunological drive to protect the body from potentially intrusive outsiders: CO2, waste, bacteria, refugees, viruses, ozone, you name it. It enables regimes of governing, as Roberto Esposito writes, that centre their concerns and rhetoric on the maintenance and expansion of what is seen as threatened. Such regimes always appeal to ultimately universal forms, such as “human being” and “humankind”, planting the destruction of humankind into the global or national political scene to justify the most brutal and absurd countermeasures,9 including the legitimate extermination of the Other if it seems to threaten the biohappiness – if not the survival – of the population.10 War, too, is a disruption of biohappiness. This is where and how climate and war occupy different places in the popular imagination.
Die Furcht vor Störung hat es vielen ermöglicht, im Tausch für ein bequemes Energie-Angebot neun Jahre lang den Krieg zu ignorieren. Diese Furcht ist auch zum Instrument für Kommunikationsstrategien staatlicher und nicht-staatlicher Akteure geworden, um für verschiedene Agenden unter dem Label der Energiesicherheit und Energiesouveränität zu lobbyieren. Beide werden als vornehmlich umweltfreundliche nachhaltige Lösungen präsentiert. Nehmen wir an, dass die aktuelle Version von Nachhaltigkeit bedeutet, mit räumlichen Mitteln (Produktion eines konstitutiven Außens) durch Akte der Geopolitik („eine geografische Schematisierung diplomatisch-strategischer Beziehungen mit einer geografisch-ökonomischen Ressourcen-Analyse“11 ) und durch eine Neuordnung des Raums die zeitliche Ordnung zu reparieren (die Zukunft retten). Wenn dem tatsächlich so ist, dann können wir an genau diesem Moment deutlich erkennen, dass Energie schon lange zur Waffe gemacht worden ist.
Nun möchte ich den Bildausschnitt wieder auf diesen Körper verkleinern, auf meinen Körper, dem es manchmal schwergefallen ist, klarzukommen. Ich frage mich, wie es sein kann, dass nun, wo sich das Gesicht des russischen Faschismus unverhüllt zeigt, eben dieses Land (dessen Intelligenzia sich wiederholt erlaubt hat, die Ukrainer:innen über Faschismus zu belehren) und eben diese Menschen (die „Nie wieder!“ riefen) mit ihren Friedens-Schildern durch die Straßen Berlins marschieren. Sie haben Briefe unterzeichnet, die fordern, dass Deutschland der Ukraine keine Waffen liefert (hatten aber kein Problem damit, viele Jahre lang ein wichtiger Waffenlieferant für Russland zu sein). Sie relativieren den Krieg. Oder sie schweigen, was – wenn es um Faschismus geht – eine Position mit Konsequenzen ist.
Der Krieg gegen die Ukraine ist nicht exklusiv. Er ist eine der größten Verwirklichungen des Imperialismus in der jüngeren Geschichte. Und er gehört zu einem viel längeren und größeren Krieg, der in Syrien und Tschetschenien Gesellschaften ausgelöscht hat und sich in der Geschichte der organisierten Genozide gegen die Tatar:innen, Tscherkess:innen und andere einreiht. Wie kann es sein, dass von denselben Menschen, die behaupten, sich einer anti-imperialistischen und/oder anti-faschistischen Agenda verschrieben zu haben, der anti-imperiale und anti-faschistische Widerstand, den die Ukraine – als politische Entität und als Gruppe aus Einzelpersonen und Gemeinschaften – derzeit schmerzhaft durch tatsächliche Kampfhandlungen sowie dezentralisierte, extraterritoriale Formen der Solidarität leistet, häufig absichtsvoll und somit produktiv ignoriert wird?
Zwei jüngere Herangehensweisen helfen, die oben genannten Widersprüche zu verstehen. Die erste folgt Svitlana Matviyenko, die den Krieg entlang von zwei Vektoren analysiert: dem inter-imperialen und dem kolonial-imperialen. Der inter-imperiale Vektor verfährt durch Abschreckung mit Verhandlungen zwischen den großen Kolonialmächten (Russland, China, USA und westeuropäische Staaten, die aufgrund ihrer kolonialen Vergangenheiten weiterhin zentrale Einflussbereiche innehaben). Der kolonial-imperiale Vektor verfährt durch Terror, der Kommunikation ausschließt (Russland spricht der Ukraine das Existenzrecht ab; damit kann sie auch kein Subjekt in Verhandlungen sein). Abschreckungsstrategien – Druck, Eskalation und nukleare Erpressung – sind die Strategien der Verhandlung. Terrorstrategien – Mord, Demütigung, Verelendung, Verschmutzung, Folter – sind nicht nur Akte der imperialen Auslöschung, sondern Kommunikationsstrategien, die jeden Terrorakt zu einer Information machen, die zu einem Inhalt wird, der dann weiter zirkuliert, Affekte erzeugt und bestimmte Reaktionen auslöst. Laut Matviyenko schafft die wechselseitige Abhängigkeit dieser beiden Vektoren die Komplexitäten des Krieges: Erfolgreiche Verhandlungen zwischen imperialen Mächten werden durch den Erfolg von kolonialem Terror erreicht.12 Während viele Menschen weltweit die inter-imperiale Politik des aktuellen Krieges anerkennen, weigern sie sich, die kolonial-imperialen Aspekte zu sehen. Obendrein erkennen sie nicht, dass die beiden miteinander verknüpft sind. Hier ist eine erfolgreiche Analyse nicht eine, die einen größeren Maßstab umfasst – also einen breiteren Blick einnimmt –, sondern stattdessen eine, die dazu in der Lage ist, den Krieg in all seinen Dimensionen zu erkennen.
Der zweite Ansatz ist mit diesem Denken in Vektoren kompatibel, aber noch provokativer, da er einen gewissen Provinzialismus in der europäischen Faschismuskritik aufzeigt. Diese Ausblendungen verdecken den von Russland ausgeübten Faschismus und erlauben es uns, den Mechanismus hinter der merkwürdigen symbolischen Trennung der Klimakrise und des Krieges zu verstehen, um das eine vor dem anderen zu priorisieren. Sowohl zwischen den Weltkriegen als auch während des Nationalsozialismus sahen demokratische europäische Mächte den Faschismus als eine Abweichung vom Kern der liberalen europäischen Werte.13 Zur gleichen Zeit verfolgten dieselben demokratischen Staaten anderswo imperiale Ambitionen und übten dort in einem Maße Gewalt aus, das mit einem faschistischen Staat kompatibel wäre. Indem er anti-imperiale und anti-faschistische Bewegungen außerhalb Europas in den Blick nimmt, schlägt der Historiker Michael Ortiz ein Verständnis von Faschismus als ein imperiales Phänomen vor. Er zeigt, dass Faschismus und liberaler Imperialismus darin verwandt zu sein scheinen, dass sie imperiale Interessen verfolgen: „Ob faschistisch, demokratisch oder imperialistisch: Die europäischen Großmächte (Britannien, Frankreich, Italien und Deutschland) verhandelten kollektiv über das Schicksal kleinerer Nationen. Gemeinsam ähnelten sie einer Konstellation aus synergetischen und doch antagonistischen Nationalstaaten mit einer Gemeinsamkeit: der Beschaffung und dem Erhalt des Imperiums. […] Die alten liberalen Imperien (insbesondere Britannien, Frankreich und die USA) wandten herkömmliche Methoden der Koexistenz mit rivalisierenden Kolonialimperien an – Verhandlung, Einschüchterung, Vereinigung oder Isolation.“14 Russland – kann ich hier anknüpfen – war bis vor eineinhalb Jahren eine passable Großmacht am Verhandlungstisch. Und anstatt sich zu verbünden, um den Imperialismus zu verstehen, zu analysieren und zu beenden, hoffen Gesellschaften, Regierungen, künstlerische und akademische Plattformen im globalen Norden nun darauf, die Vorteile der russischen imperialen Ressourcen zu erhalten und versuchen (noch immer), die Ukraine in Friedensverhandlungen zu schieben – trotz des schieren Terrors, der keine Verhandlung zulässt.
Der Widerstand der Ukraine hat das Land auf die Weltkarte gebracht. Das bedeutet, dass die Manifestation von politischem Willen – vom subjektiven Willen, zu leben und zu handeln – nicht länger von den Orten ignoriert werden kann, die schon viel zu lange „kleinere Nationen“ als Stätten der Verhandlung zwischen großen Imperialmächten verstehen. Es ist ironisch genug, dass jene, die lieber keine Haltung im Krieg einnehmen, weil sie ihn als einen Krieg zwischen Russland und dem Westen sehen, den imperialen Standpunkt verinnerlichen, indem sie sich weigern, die anti-imperialen und anti-faschistischen Aspekte des ukrainischen Kampfes zu sehen. Sie weigern sich, den subjektiven Wille ukrainischer Einzelpersonen, Gemeinschaften und eines souveränen Staates anzuerkennen, zu existieren und zu sprechen. Wie ich schon früher argumentiert habe, läuft der westeuropäische Dissens mit der russischen Invasion in die Ukraine und dem Bruch mit internationalem Recht noch immer parallel zu einer zutiefst extraktivistischen kolonialen Herangehensweise an die Ukraine als einer Ressource, die den geschmeidigen Fluss von Energie und Arbeitskraft ermöglicht.
Die Rhetorik von der Energiesouveränität und Energiesicherheit verkörpert eine Politik des Raums und des Maßstabs, die sich in jeder Energiewende ausspielt. Energiesouveränität bedeutet Unabhängigkeit von einer Imperialmacht mit Atomwaffen – von jener Macht, die eine erkennbare Bedrohung im inter-imperialen Arrangement darstellt. Energiesicherheit bedeutet die Beschaffung und den Erhalt von notwendiger Energie und wird durch imperial-koloniale Mittel erreicht. In dieser Konstellation erhielten aus Furcht vor einer unterbrochenen Energieversorgung – die sich mit der Vorstellung von einer unterbrochenen Zukunft vermengt – undurchsichtige Geschäfte, die in eine Umweltrhetorik eingefaltet wurden, Priorität vor den Menschenrechten anderswo. Hier militarisieren ehemalige und aktuelle Imperialmächte – einschließlich Deutschland – den Diskurs um die Klimakrise. Die Diskussion ums Klima ist auch eine Diskussion um den Krieg. Und sie ist planetar.
In Ukraine, protection of life is not a figure of speech. It is literal and is enacted through an enormous effort by individuals and self-organised entities. It is sustained through decentralised rhizomatic networks of action and distribution. The cases of outstanding solidarity are yet to be articulated in ways that resist convenient categories, such as nationalism. One of the examples of solidarity provides an account of a different type of energy consciousness. As Russian attacks on Ukraine’s energy infrastructures intensified at the beginning of the cold season in October 2022, people in Ukraine deliberately limited their use of electricity even when it was available in order not to overload the network. They considered the whole chain of relations that make the energy flow possible. This chain of relations moved from micro to meso to macro: every household whose residents are a part of the economy and labour relations under martial law; a municipality responsible for the maintenance of a grid; essential workers, most of whom stayed at their workplace despite the immediate danger, for every part of critical infrastructure is targeted daily by Russia; workers of the department of prevention of emergency situations, who are there to rescue people and retrieve bodies from under the rubble; electricians who restore damaged facilities in a matter of hours; networks of people, self-organised entities and institutions that mobilise their efforts to sustain life and maintain basic functions; and, lastly, the territorial defences and the armed forces – everyone who has put their lives on hold to stop the aggressor. This energy consciousness is not based on the fear of disruption. It is based on the will to participate by sharing pain, responsibility and resources, and it is achieved by one’s deliberate disruption or withdrawal from their processes.
War is not a phenomenon of the past. It is not a remote event that occupies designated fronts. Its beginnings and ends are always in someone’s home, however distant or close, safe or endangered. While navigating between the two as I cross the skinny river separating war from non-war, I think about the profoundly different realms that this separation produces. The realm of being in pain and the realm of trying to prevent it at all costs. Both of them make perfect sense, and yet I still think power manifests itself by appealing to humanity when it wants to transcend topographic imagination for its benefit and by delineating borders to conceal the pain. I found a quote from Nomadic Theory on my phone, where Rosi Braidotti wrote: “A certain amount of pain, the knowledge about vulnerability and pain is actually useful. It forces one to think about the actual material conditions of being interconnected and thus being in the world. It frees one from the stupidity of perfect health and the full-blown sense of existential entitlement that comes with it.”15 I don’t know why I took a screenshot of it a few months before the big invasion. Still, I remember that her idea of ethics as freedom that comes with the understanding of our bondage, however different we may be, resonated with my experience of life in Ukraine. Now I find it again on my Instagram, which keeps track of my movements while landscapes around me change irreversibly. The pain – and the knowledge about vulnerability and pain – is right here with me, for this is my war.
Der Text wurde erstmals im Oktober 2023 online von transmediale sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch als Teil des transmediale Journals veröffentlicht. Mit editorischer Betreuung von Elise Misao Hunchuck. Zusätzlich wurde der Text im Oktober 2023 vom Aksioma – Institute for Contemporary Art, Ljubljana, sowohl auf Englisch als auch auf Slowenisch für die 48. Ausgabe der Essayreihe PostScriptUM im Rahmen von Tactics&Practice #14: Scale veröffentlicht.
- 1 Am 24. Februar 2022 erklärte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in Reaktion auf die russische Invasion in die Ukraine das Kriegsrecht. Unter anderem umfasst dies die Einschränkung der Bewegungsfreiheit für Bürger:innen und Fahrzeuge; die Einführung einer Ausgangssperre und eines besonderen Regimes der Beleuchtung; die Mobilisierung von Männern und Ressourcen für die Verteidigung etc.
- 2 Während meiner Arbeit an diesem Text schlug mir Johannes Bruder vor, mich mit dem Konzept „energy unconscious“ zu befassen, das die Literaturwissenschaftlerin Patricia Yaeger einführt und diskutiert. Literature in the Ages of Wood (2017). Energy Humanities – An Anthology (D. Boyer & I. Szeman, Hg.), John Hopkins University Press. https://doi.org/10.56021/9781421421889 .
- 3 Jasanoff, S. & Sang-Hyung, K. (2009). Containing the Atom: Sociotechnical Imaginaries and Nuclear Power in the United States and South Korea. Minerva: A Review of Science, Learning & Policy, 47(2). 10 10.1007/s11024-009-9124-4
- 4 Jasanoff, S. & Simmet, H. R. (2021). Renewing the future: Excluded imaginaries in the global energy transition. Energy Research & Social Science, 80. https://doi.org/10.1016/j.erss.2021.102205
- 5 Early in their text, the authors summarise the 1987 Brundtland Commission report, Our Common Future. For more, please see: Jasanoff & Simmet, 2021, p. 2.
- 6 Ernstson, H. & Swyngedouw, E. (2019). Politicizing the Environment in the Urban Century. Urban Political Ecology in the Anthropo-Obscene: Interruptions and Possibilities (Ernstson, H. & Swyngedouw, E., Eds.). Routledge.
- 7 Chateau, Z., Devine-Wright, P. & Wills, J. (2021). Integrating sociotechnical and spatial imaginaries in researching energy futures. Energy Research & Social Science, 80. https://doi.org/10.1016/j.erss.2021.102207
- 8 Bazdyrieva, A. (2022, May). No Milk, No Love! e-flux Journal. Retrieved 23 August 2023 from https://www.e-flux.com/journal/127/465214/no-milk-no-love/
- 9 Levinson, B. (2010). Biopolitics in Balance: Esposito’s Response to Foucault. CR: The New Centennial Review, 10(2). 10.1353/ncr.2010.0033
- 10 Swyngedouw, E. (2019). The Anthrop(Obs)cene. Keywords in Radical Geography: Antipode at 50 (The Antipode Editorial Collective, Ed.). John Wiley & Sons, Inc.
- 11 Jairus Victor Grove bezieht sich hier auf den Soziologen und Philosophen Raymond Aron. Grove, J. V. (2019). Savage Ecology: War and Geopolitics at the End of the World. Duke University Press, S. 44.
- 12 Matviyenko, S. (März 2023). Speeds and Vectors of Energy Terrorism. e-flux Journal. Zugriff am 23. August 2023: https://www.e-flux.com/journal/134/525421/speeds-and-vectors-of-energy-terrorism/ .
- 13 Ortiz, M. (2023). Anti-Colonialism and the Crises of Interwar Fascism. Bloomsbury Academic.
- 14 Ortiz, 2023, S. 14.
- 15 Braidotti, R. (2012). Nomadic Theory: The Portable Rosi Braidotti. Columbia University Press, pp. 316–317.



