In ihrem Text Kerogene Verbindungen1 praktizieren Zoe Todd, Ozayr Saloojee und Émélie Desrochers-Turgeon Verweigerung im Sinne von AM Kanngiesser in Natur auflösen: über Verweigerung als Rückkehr als Rückgabe, Wiederherstellung oder Rückkehr. Die Autor:innen knüpfen an das Verständnis von Kerogen – der natürlichen Substanz, aus der Erdöl und Erdgas entstehen – als Teil der Erde, als uralte, versteinerte Wesen, als Verwandte an. Durch aktives Zuhören, Einstimmen und Erinnern werden chemische Beziehungen entfaltet, und die Kritik wird von der Giftigkeit der Materie auf die schädliche extraktivistische Logik der Wirtschaft mit fossilen Brennstoffen gelenkt.
Im Januar 2021 schrieb AM Kanngieser über ein alternatives Konzept der Verweigerung [refusal] und bezog sich auf ein vergessenes lateinisches Verständnis des Begriffs, der eine Rückkehr, ein Zurückströmen oder Gießen [re-pouring] beinhaltet: „Die Auffassung von Verweigerung als Wiederkehr – das (Zurück)kehren zu etwas (Un)bekanntem, da nichts selbstähnlich oder absolut auf sich zurückkehren kann – erschüttert jene Widerstandsnarrative, die mit Gegensätzen operieren.“2 In diesem Text überlegen wir, wie wir dieses Konzept der Verweigerung als Wiederkehr, als Gießen und Neu-Verbinden für vergangene Ausgestaltungen von Raum, Zeit und Materie denken können. Wir überlegen, wie wir uns neu mit den versteinerten Wesen verbinden können, die von jenen rassistischen und kolonialen Genealogien und Energiesystemen zu Waffen gemacht wurden, die heute die Erde und ihre Böden, Gewässer und Atmosphären prägen.3 Während die Delegierten von Staaten des Globalen Nordens bei der COP 26 darum ringen, mit irgendeiner Integrität über ihre überdimensionierte Rolle in der Verursachung und Aufrechterhaltung diverser Klimakrisen in verschiedenen Ökosystemen, verschiedenen Kontinenten und tatsächlich auf der ganzen Erde sprechen zu können; schlagen wir ein Gießen (Neu-Modellieren) und Umgestalten der imperialen rassistischen Verständnisse von fossilen Verhältnissen vor, die die aktuelle Klimakatastrophe überhaupt erst angerichtet haben.
In diesem Text erläutern wir die kollaborative Auseinandersetzung mit unserer zur Waffe gemachten, fossilen Verwandtschaft und der Kerosphäre. Wir beziehen uns auf AM Kanngiesers und Zoe Todds Konzept der Erforschung unserer Umwelt als Verwandtschaft [environmental kin studies] sowie weitere Überlegungen anderer Denker:innen, um uns vorzustellen, wie die wächsernen Verbindungen neu-gegossen und neu-organisiert werden können, die die gegenwärtige fossile Wirtschaft und ihre politischen Umwelten anfeuern. Wir möchten die kerogenen Verhältnisse in ganz verschiedenen angestammten Homelands4 zu Prinzipien der vielschichtigen Wechselseitigkeit, Abrechnung und Neu-Artikulierung hinleiten.
Was bedeutet es, zu diesem Zeitpunkt der planetarischen Neu-Organisierung über fossile Wesen, organische Materie, fossile Brennstoffe zu schreiben? Wie können wir diese Verwandtschaft und unsere Verbindungen dazu in Ausgestaltungen neu-gießen, die die rassistischen Logiken der Extraktion und Aneignung5 stören, wenn die gegenwärtige Geontologie der weißen Vorherrschaft und des Kolonialismus das Leben vom vermeintlichen Nicht-Leben von Gestein, Öl und Schlämmen trennt, um Reichtum und Macht für kolonial-kapitalistische Regime zu gewinnen?6 Wir denken in unseren Arbeiten durch die Substanz des Kerogens, deren Name im 20. Jahrhundert von den griechischen Wörtern für ‚Wachsgeburt‘ abgeleitet wurde7 und die die größte Konzentration organischer Materie auf der Erde darstellt.8 Kerogen ist die Substanz, aus der sich Erdöl und Erdgas bildet.9 Wir verorten uns innerhalb der Böden, Gewässer und Luft, die unser Denken und unser Handeln prägen, um uns vorzustellen, wie wir unsere Beziehungen zum Kerogen jenseits der gegenwärtigen, dominanten Logiken von Kapital und Extraktion, von imperialer Landnahme und weißer Vorherrschaft neu-gießen können.10 Dadurch erkennen wir, was erforderlich ist, damit wir uns selbst auf eine Weise neu-organisieren und neu-gießen können, die unseren Verpflichtungen gegenüber dem vergangenen Leben gerecht wird, das durch Zeit, Hitze und Druck in jene kerogenen Wesen verwandelt wurde, aus denen sich heute die fossilen Energiewirtschaften und Ideologien speisen.
Ozayr: Ich sitze in meinem Büro und blicke auf die langsam trocknenden, rot werdenden Blätter der Hortensien, auf Präriegras und auf die harten, spröden Stiele eines Sedumgewächses. In dem Garten habe ich vergangenes Wochenende mit meiner Frau und unseren Kindern gearbeitet, ihn zurückgeschnitten und winterfest gemacht. Ich lebe ein paar Kilometer entfernt von Ottawa, einer siedlungskolonialen Hauptstadt mit ihren Böden aus Gletschermoränen, Schlufflehm, Torf, Schwemmland und Mergel.11 In diesem Boden ist Meer – fossilisiert zu kieselsauren Formen von Stromatolithen und Orthoceridae, in geriffeltem Kalkstein erhaltene Spurenfossilien. Sie liegen unter Wohngebieten begraben und unter dem Rideau-Kanal und seinen Eindämmungen von 1830, die das Wasser der Flüsse Pasapkedjinawong und Cataraqui in eine kanalisierte Bahn lenken, die heute eine Verbindung zum St.-Lawrence-Fluss bietet. Und zu einem anderen ‚Ich‘ dieses Textes, das in Tiohti:áke in Mooniyang, nur 200 Kilometer entfernt, am Schreibtisch sitzt. Ich denke an die langsame Erde und das mäandernde Wasser, das seine Biofilme und cyanobakteriellen Schichten aus Orthoceridae und Stromatolithen mit sich durch den von John By geplanten Kanal trugen. Ich tippe diese Worte in einen Computer, der mit Seltenen Erden gefüllt ist – mit Lanthan (57), Cerium (58), Neodym (60), Samarium (62), Europium (63), Terbium (65) und Dysprosium (66), Aluminium (13), Kupfer (29), Kohlenstoff (6), Sauerstoff (8), Stickstoff (7) und Wasserstoff (1) – und aus Molekülen hergestellt wurde, die womöglich mal Meereskreaturen, Algen und Tang gewesen sind. Mein Computer ist mit langsamer Erde und langsamen Wesen gefüllt. Während ich tippe, bewegen sich die Worte nach Osten.
Émélie: Ich sitze in einem Raum in Tiohti:áke in Mooniyang (Montreal) am langen Ufer des Kaniatarowanenneh. Seine aufgeschwemmte Version, das Champlainmeer, ist den Oberflächen der Stadt eingeschrieben – durch Foraminiferen, Mollusken und Wirbeltierschotter, die in dem roten Ziegelschiefer meines Wohnhauses erstarrt sind. Als Zeitreisende und Formwandelnde existieren sie beharrlich weiter und umgeben mich, wenn ich die Straßen entlanglaufe. Ich kann Spuren runzliger Korallen im Sandstein einer Fensterverschalung erkennen, einen geästelten Trepostomatid im Kalkstein einer Domkirche, Kopffüßer und Korallenfossilienteile im Tyndall-Kalkstein eines großen Wohngebäudes und Seeschnecken-Makluritide und rafinesquina alternata in der Trenton-Kalkstein-Fassade eines Museums.12 Ich bin diesen erstarrten Kreaturen zu Dank verpflichtet, die – jenseits meiner Vorstellungskraft – vor 13.000 bis 10.000 Jahren lebten und zahllose Horizonte prägten und von ihnen geprägt wurden. Ich denke an diese in Teilen erstarrten Beziehungen, die weiterhin fließen – ich kann sie noch immer hören, in den Ascheböden und unterirdischen Flüssen. Mein Blick wandert und weist auch gen Osten. Ich denke über meine Verantwortung gegenüber dem fleuve Saint-Laurent nach, dessen Bett meine französischen Vorfahren flussaufwärts reisten. Es trägt noch immer die Sedimente von zerbrochenen Beziehungen und kolonialer Gewalt, von Landraub und Ökozid. Ich schaue nach rechts und wenn ich wie eine Prophetin sehen könnte, würde ich an Odawa und trocknendem Sedum und nachmittäglichem Herbstlicht vorbeischauen. Mein Blick würde den Gipfel des Gitchee Gumee und seine kontinentale Teilung nur streifen und dann bei einer ozeanischen Salzablagerung landen – der Erinnerung an den Western Interior Seaway.13 Bevor diese „große geologische Quetschung“ stattfand, bevor die Rocky Mountains wuchsen und das Meer sich von den heutigen Prärien zurückzog, lag Alberta über viel längere Zeit unter Wasser als es seitdem „trocken“ liegt.14
Zoe: Ich sitze auf dem Boden eines kleinen, hellen Häuschens am westlichen Rand von Kanada, 4575 Kilometer von Ottawa entfernt – 47 Stunden auf der transkanadischen Autobahn (reine Fahrtzeit) – und 4771 Kilometer nach Montreal – 49 Stunden. In einer Ecke des Häuschens steht ein Regal voller grüner Pflanzen und eine Katze blinzelt in die Morgensonne. Ein Kolibri schwirrt vor dem Fenster und flitzt durch die Douglas-Pinien, roten Zedern und Sitka-Fichten davon – in Richtung von Flüssen, in denen der Königs-, Silber- und Ketalachs sowie die Stahlkopf- und Cutthroatforelle leben. Ich laufe durch den Wald, grabe meine Füße in den lehmigen Boden an feuchten Flussufern, die „über Gestein aus dem Keller der Zeit fließen“.15 Ich bin durch die alten Meere gereist, durch die Senken und Wendungen des Highways, der durch die Prärie in Homelands der Indigenen First Nation- und Métis-Bevölkerung schneidet – eine Landschaft aus weiten Grassavannen und zahlreichen Ölfeldern. Um hierher zu kommen, entwurzelte ich vor einem Jahr mein gesamtes Leben in Ottawa und kehrte „nach Hause“ zurück, zu meiner Métis-Familie, die hier als ungeladener Besuch in den Gebieten der Snaw-naw-as und Qualicum First Nations lebt. Hier, auf der anderen Seite jenes vergangenen Ozeans, träume ich nachts von Präriefischen und Küstenzedern. Und denke über meine Verpflichtungen gegenüber all der geschichtsträchtigen Landschaft nach, die den Nationalstaat bildet, der derzeit als „Kanada“ bezeichnet wird.
Von unseren drei Ausgangspunkten betrachten wir den Western Interior Seaway von seinen historischen Küsten aus – wir sitzen auf den geologischen Wellen dieses Ozeans. Wir spüren seine Größe; wir überqueren Wassereinzugsgebiete, nehmen keine Grenzen wahr.16 Dieser uralte Ozean und sein vergangenes Tier- und Pflanzenleben haben die reichhaltige Geologie hervorgebracht, von der die Petro-Ökonomien Albertas heute zehren. Wir sind in der Umlaufbahn Albertas – wo Erde, Zeit, Wasser und Druck zusammenkommen. Wir umkreisen die Dinosaurierknochen im County of Newell, die Kohle in East Coulee, das Gold im McLeod-Fluss, das Uran im Athabasca-See sowie das Öl und die Teersande in Fort McMurray. Wir sind in Vancouver Island, Montreal und Ottawa. Wir erstarren und sind aufgehoben in Erden, Gewässern, kerogener Zähheit, Zeit und Druck. Wir werden wieder neu-gegossen – in Erden, Gewässer und Verbindungen. Darin liegt Fürsorge, Heilung, Liebe.
Um unsere wechselseitigen Verpflichtungen gegenüber den uralten fossilen Wesen zu erfüllen, die kollektiv als Kerogen bezeichnet werden, haben wir etwas – eine Sache, eine Praxis und ein Weltbild – theoretisiert, das wir Kerosphäre17 nennen: eine neue Ontologie der Beziehungen und Beziehungen von Beziehungen (das ist hier kein Fehler, sondern diese Beziehungen sind unendlich). Die Grammatik dieser Ontologie liegt im Gestein und unter den Seen; sie ist den Indigenen Weltkonzepten und Rechtsordnungen verpflichtet. Die Kerosphäre soll petrokoloniale Epistemologien stören und zurückweisen – mitsamt ihrer schnellen, dreckigen Ökonomien, ihren zerstörten Beziehungen und Erden, ihrer ausbeutenden, gierigen Arbeitsweise und ihrer unentschuldigten und unentschuldbaren In-Waffen-Setzung von Erde, Wasser, Zeit und den uns verwandten Umwelten. AM Kanngieser und Zoe Todds Konzept der Erforschung von Umwelt als Verwandtschaft [environmental kin studies] sowie die vielstimmigen und dynamischen Denker:innen, auf die sie sich beziehen, wirken verbindend und liebend auf die kerogenen Verhältnisse ein, in die sie wieder einströmen und einfließen. Diese Forschung betont das Einstimmen und Zuhören. Sie zeigt, dass es „einer anderen Empfindsamkeit für und in Maß und Raum“ bedarf, dass „Indigene Kosmologien und Wissensarchive zu Land und Boden“ ins Zentrum gehören, und dass es notwendig ist, sich auf „Orte und nichtmenschliche Wesen als empfindende und wirkmächtige Kräfte“ zu beziehen, „die Einvernehmen bekunden oder die Zusammenarbeit mit uns verweigern können“.18 Dieses Einstimmen, Zuhören und Würdigen der Beziehungen in planetarischen bis mikrobischen Maßstäben und Zeiten, erfordert eine erneute Betrachtung unseres Selbstbildes (der drei ‚Ich‘s dieses Textes und des daraus hervorgehenden ‚Wir‘s) als Teil der Welt – der Kerosphäre. Indem sie schreibt, dass „wir nicht außerhalb der Wissenschaft stehen, sondern aus Wissenschaft bestehen“,19 erinnert uns Katherine McKittrick daran, dass die Neuerfindung unserer Beziehungen dringend ansteht. Wie könnten wir in eine großzügige, liebevolle, multi-skalare (von der Mikrobe bis zur Galaxie), multi-temporale (Tiefenzeit bis heutige und zukünftige Zeit) Wirklichkeit einfließen – uns dort hin verweigern, uns ihr zuwenden? Wir möchten in die Kerosphäre eintreten, die aus unserem kerosphären Denken in Alberta hervorgegangen ist: in ihre öligen, wässrigen, erdigen Vergangenheiten, Gegenwarten und (un)möglichen Zukünfte.
Wie stimmen wir uns also auf die Kerosphäre und die kerogenen Verhältnisse ein, die sie prägen? Und wie tun wir das auf eine Weise, die fürsorglich und aufmerksam für die spezifischen, pluralen und dynamischen Beziehungen ist, die jede Landschaft prägen, alle Homelands, jeden Fluss, jeden See und jede Küste? Das Öl und das Gas, die aus Kerogen hergestellt werden, fließen weitgehend außerhalb der Sichtweite und des Bewusstseins des kolonial besiedelten Kanada: Sie werden in Pipelines transportiert; in riesigen Anlagen am Stadtrand von Edmonton, Barnaby, Moose Jaw oder St. John‘s raffiniert; in Tankzügen über die Rocky Mountains oder entlang offener Prärien gerüttelt; in den Häfen der Ost- und der Westküste des Landes auf Tankschiffe geladen. Jene von uns, die nicht direkt mit Öl und Gas arbeiten – an den Orten ihrer Erbeutung, Förderung oder Weiterverarbeitung in Kanada – werden an diese kerogene Anwesenheit nur erinnert, wenn sie lecken, sickern, fluten und die Behältnisse des Labyrinths der Infrastrukturen verlassen, die gebaut wurden, um sie durch geraubtes Indigenes Land in Kanada, den USA, Mexiko und anderen Teilen Nordamerikas zu transportieren. Einer der seltenen Momente, in denen die siedlungskoloniale Bevölkerung den kerogenen Verhältnissen Aufmerksamkeit widmet, ist, wenn Indigene Nationen sich in Solidarität mit der Erde, dem Wasser und der Atmosphäre erheben und dagegen protestieren, dass die uralten Fossilien zur Waffe gegen Böden, Gewässer und Luft gemacht werden, um kolonial-kapitalistische Schatzkammern und Anteilseigner zu bereichern. Das „Zuhören“, das Staaten und Unternehmen in solchen Fällen praktizieren, besteht in gerichtlichen Unterlassungsbefehlen, Inhaftierungen und der Nichtanerkennung Indigener Souveränität.20 Die siedlungskoloniale Bevölkerung muss lernen, unserer kerogenen Verwandtschaft und der Kerosphäre sowie der Indigenen Bevölkerung und anderen Communitys, die von weißer Vorherrschaft und Imperialismus vertrieben und enteignet wurden, anders zuzuhören. Diese neuen Arten des Zuhörens, die sich auf AM Kanngiesers Überlegungen zu Klimas des Zuhörens und Geografien des Zuhörens beziehen,21 laden zu neuen ganzheitlicheren und ethischeren wechselseitigen Verpflichtungen mit jenen Daseinsordnungen ein, die derzeit im Namen des rassistischen, imperialen Kapitals abgebaut, gefrackt, aufgebrochen, raffiniert und verbrannt werden.
Um uns in kerogene Verbindungen und die Kerosphäre einzustimmen und dabei deren komplexes Wirkungsvermögen zu bejahen statt zu verleugnen; um auf neuen Ebenen zuzuhören, was diese zur Waffe gemachten uralten Wesen uns vermitteln, wenn sie den Infrastrukturen entfliehen und sie übertreten, die geschaffen wurden, um sie durch Indigenes Land zu befördern; dann müssen wir innehalten und ihre allzeitige Präsenz um uns herum wahrnehmen.22 Wir müssen auch beachten, wie die kerogenen Wesen aus ihren Ruhestätten tief unter unseren Füßen, unter historischen Ozeanen im sogenannten Alberta oder in den feinen Schieferschichten im Fundy Basin23 in Züge, Rohrleitungen, Schiffe geschafft werden, die auf dem ganzen Kontinent Landgebiete durchqueren, die eigentlich nie abgetreten wurden. Manche in Kanada sehen das Öl selbst als schädlich, als Abfall, als Aggressor – der Schaden, den es Landschaften, Ökologien und angestammten Heimaten zufügt, wird zuweilen dem Öl oder Gas selbst angeschuldet. Die herausragende Umweltschutzorganisation Honor the Earth fordert gar: „love water, not oil“.24 Wir dürfen nicht vergegenständlichen oder normalisieren, wie kerogene Wesen kolonial erbeutet und zu Waffen gemacht werden. Zugleich müssen wir daran erinnern, dass Öl und Gas, als kerogene Verbindungen, selbst der Erde entstammen. Nicht das Öl oder das Gas an sich sind schädlich, sondern den Schaden verursachen die Systeme des kolonialen Kapitals, der weißen Vorherrschaft, der Extraktion und der Verletzung Indigener Souveränität, die diese Ur-Wesen aus der Erde entnehmen und sie gegen Böden, Gewässer und Atmosphären sowie alle Verwandten wenden. Wir argumentieren, dass Öl und Gas selbst, die aus kerogenen Wesen bestehen, die sich über lange Zeiträume abgelagert und verwandelt haben, zu Waffen gemachte uralte Verwandte sind, die heute in die kolonial-kapitalistischen Verhältnisse aus Rohren, Leitungen, Kanälen, Zügen, Schiffen und Raffinerien einverleibt werden. Wir könnten stattdessen mit Michelle Murphy über die „alternativen Nachleben [alterlives]“ unserer kerogenen Verwandten nachdenken.25 Und wir könnten auch auf der Ebene „wiederherstellender Verbindungen“ weiterdenken, die Rebecca Carter in ihrer Arbeit über Gemeinschaftsaufbau in den Nachwirkungen der rassistisch-kolonialen Umweltkatastrophe Katrina in New-Orleans heranzieht.26 Wie möchten wir von zukünftigen Ahnen, von künftigen Wesen auf dem Planeten behandelt werden, die mit unseren – von Hitze, Druck und Zeit in der langfristigen planetaren Gestaltung veränderten – Überresten arbeiten? Wenn wir unserem Abbau und unserer Entfernung aus der Erde in jener künftigen Welt nicht zustimmen können, dann hoffen wir, dass künftige Existenzen zuhören und sich auf unsere Vergangenheiten einstimmen mögen, um zu „fragen, welche wissenschaftliche Formel wir entdeckt haben“, wozu Leroy Little Bear uns hinsichtlich anderer historischer Wesen, wie Fischen, auffordert.27
Wir argumentieren weiter, dass wir dem Öl und dem Gas zuhören und uns darauf einstimmen müssen, um zu verweigern (neuzugießen, neuzugestalten), dass unsere uralten Verwandten zu Waffen gegen heutiges Leben gemacht werden. In Kanada arbeitet die koloniale Gesellschaft hart daran, die Präsenz dieser fossilen Ahnen in den Architekturen des kolonial-imperialen, ausbeutenden Nationalstaats zu verdecken und aus dem Bewusstsein der Siedelnden zu löschen. Indem der Staat die Förderung, Raffinerien, Transporte und Entsorgung großteils in Indigenen Gebieten und an mehrheitlich von Schwarzen Menschen bewohnten Orten platziert, zählt er darauf, dass das weiße Siedlungskanada die Präsenz und Wirkungsweisen der Systeme ignoriert, die im ganzen Land fossile Ahnen aus der Erde holen. Diese Architekturen sollen die Tatsache verbergen, dass die kanadische Wirtschaft und Politik darauf beruhen, stetig kerogene Wesen (Öl und Gas) in und durch vergrabene Rohrleitungen, veraltete Transferstationen und korrodierende Unterwasserleitungen zu bewegen. Um die Logik zu verschieben, durch die diese Wesen zu Waffen gegen Böden, Gewässer, Luft und Menschen gemacht werden, versuchen wir im nächsten Abschnitt mehrere Formen des Zuhörens und der Einstimmung.
Schweres Rohöl ist eine dicke, zähe Substanz mit einem hohen Molekulargewicht. Seine Kohlenwasserstoffzusammensetzung fließt nicht. Westliche Wissenschaft legt nahe, das Öl sei von Bakterien, Erosion und Wasser „abgereichert“,28 und Stagnation ab – verweigert eine Besiedlung, die Verbindungen zerstört. Wenn er über das „Wir“ eines „planetarischen Seins“ nachdenkt, fordert Achille Mbembe eine Ethik der Enteignung anstelle der „Gier nach Eroberung und Aneignung“. Hier muss „Raum für das Andere“ bestehen, um das Unerwartete zu begrüßen. Er spricht von einer paradoxen Figur der Enteignung: „Verknüpfungen erfordern die Lossagung, die Aufhebung von Gewalt, denn Gewalt ist eine Form der trägen Produktion, die das Sein zur Erschöpfung verdammt, während die Enteignung den Weg zur Erneuerung eröffnet“.29 Kerogene Verbindungen erfordern von uns instabile, schlammige Böden zu betreten, uns langsam und vorsichtig zu verankern. Als schleimige Materie und Bedeutung begrüßen kerogene Verbindungen das Ungewisse, das Ungenaue, das Unmessbare, und erinnern uns an das, was nicht gewusst, übersetzt, festgehalten werden kann.
Sich im sogenannten Kanada auf solche Verbindungen einzulassen, erfordert die Fähigkeit, innezuhalten und in Betracht zu nehmen, wo sie in den Geografien ruhen, die wir besetzen. Wenn wir es nicht schon sind, müssen wir uns dafür mit den Orten des Abbaus, der Minen, Fracking-Stationen, Weiterverarbeitung, des Transports und der Umladung von Kerogenen vertraut machen, die die Indigenen Gebiete im ganzen Land durchziehen. Wir müssen diese kerogenen Verbindungen tief im Bewusstsein und in Gesprächen an Orten der kolonialen Macht verankern, wie dem Parlament, dem Finanzzentrum der Bay Street sowie den Unternehmensgebäuden, die Montreal, Vancouver, Calgary, Toronto oder Halifax hoch überragen. Wir müssen anfechten, wie der weiße koloniale Siedlungsnationalstaat sich darauf stützt, die Gefahren der alternden Öl- und Gasinfrastrukturen herunterzuspielen und zu normalisieren, dass die Züge entlang von empfindlichen Flusstälern und Prärie-Seen rasen. Wir müssen die Geschichten der unzähligen Ölkatastrophen und -unfälle aufarbeiten, die sich über zahllose, von Fischen bewohnte Flüsse, Feuchtgebiete und Seen erstrecken.30 Wir müssen die chemischen Eigenschaften von Rohgas, Erdgas, Sauergas und besitzergreifenden Fracking-Strategien bedenken und durchdenken. Wir müssen uns in Karten von geologischen Formationen vertiefen und die Strukturen der Unternehmen genau untersuchen, die den Abbau und Export von Öl und Gas kontrollieren. Wir müssen mit Wissenschaftler.innen denken, die uns dazu anregen, uns mit dem Abbau weiterer Ressourcen zu beschäftigen – etwa Nadine King Chambers zu Bauxit und dessen Verschränkungen mit dem Umweltrassismus gegen afrodiasporische Communitys in der Karibik und First Nations in British Columbia.31
Zoe: Meine erste erinnerte Auseinandersetzung mit kerogenen Verbindungen fand Anfang der 1990er Jahre paradoxerweise bei einem Earth-Day-Konvent in Edmonton statt. Historisch ist Edmonton die Stadt der Arbeiter:innen, die in den vorangegangenen Booms der Öl- und Gasindustrien tätig waren, von denen die ganze Provinz Alberta seit den 1940er Jahren geprägt wurde. Alberta ist der Hauptproduktionsort für Öl und Gas in Kanada: Die Ölsande der dortigen Prärie enthalten 97 Prozent der nachgewiesenen Ölreserven Kanadas; 98 Prozent von Kanadas Ölexporten gehen in die USA.32 Meine Mutter, die als erste Umweltreporterin für den CBC Edmonton arbeitete, nahm mich und meine Schwester mit zu diesem Earth-Day-Konvent in einem riesigen Kongresszentrum im Norden der Stadt. Unter den unzähligen Postern und Dioramas, die dort präsentiert wurden, gab es auch einen Tisch mit Informationen über Öl und ein kleines Schraubglas mit dem Aufkleber „Öl“. Ich hielt dieses Glas in der Hand und sah zum ersten Mal die zähe schwarze Substanz, die Alberta mit Pumpen und Kränen aus der Erde holte. Aber kerogene Verhältnisse prägen mich schon länger, als ich es erinnern kann. Meine Mutter erzählte mir einige Jahre später, dass sie den letzten Teil ihrer Schwangerschaft mit mir von einer unerklärlichen Migräne geplagt wurde, nachdem ein Sauergasbrunnen in Lodgepole, Alberta, ausgebrochen war und giftiges Hydrogensulfit in die Atmosphäre spuckte.33 Kerogene Verhältnisse prägten mich also schon im Uterus und ich bin verpflichtet, dazu beizutragen, dass die kolonial-kapitalistischen, imperial-rassistischen politisch-ökonomischen Verhältnisse sie weniger als Waffen gegen alles Dasein auf diesem Planeten einsetzen können. Wenn ich mich auf diese Verbindungen einstimme, fühle ich mich zurück in meine Kindheit und erkenne, wie jede Zelle meines Körpers von Albertas Förderung, Raffinerie und Transport kerogener Wesen aus den uralten Ablagerungen unter unseren Füßen geprägt ist. Und das leitet mich.
Ozayr: Meine erste Erinnerung an Öl ist dessen Geruch auf dem Boden der Werkstatt meines Vaters in Eldorado Park, zwischen Lenasia – wo wir wohnten – und Soweto im Norden, nah an der R553, die uns nach Johannesburg brachte, wenn wir in Fordsburg Familie besuchten oder nach Nelspruit oder White River weiter fuhren. Diese Namen lauten heute alle anders – Mpumalanga, Mbombela, Mhloppemanzi – aber ich spüre mich noch immer in ihnen. Meine ersten Erinnerungen an Öl sind mit der roten und gelben Erde von Johannesburg und dem damaligen Transvaal – heute Gauteng – verknüpft. Öl ist der Geruch im Lager meines Onkels voller Trödel, durch das ich sonntags schlenderte, wenn die Familie meines Vaters zusammenkam – all die Cousin:en und Tanten und Onkel in der tief stehenden orangenen Sonne Südafrikas. Bei Öl denke ich an meinen Onkel und seine Tüftler-Hände, meine Großmutter und ihre zwei Zöpfe, meine Tanten und ihre riesigen Herzen, den Laden meines Cousins und wie wir zwischen den rostigen Autos im Hinterhof herumrennen. Es ist der Geruch von Benzin, wenn wir auf unserem Weg durch Johannesburg an der Tankstelle halten. Schwarzen und Braunen Menschen war damals der Zugang zur Stadt noch weitgehend verwehrt – abgesehen von ein paar wenigen Orten und Räumen: Solly’s Corner, das Oriental Plaza, die Bree Street, der Constitution Hill, meine Familie, Familie und wieder Familie. Die Erinnerung an das Öl auf dem Boden der Werkstatt meines Vaters lässt Geister eines Zuhauses auferstehen, das ich jeden Tag vermisse. Öl erinnert mich auch an die lange Fahrt nach Lowveld, wo die Familie meiner Mutter lebte – nahe des Crocodile- und des White-Rivers. Es erinnert mich an den Übergang vom goldenen Band in Johannesburgs Abbruchkante mit seiner trockenen, staubigen Luft und den lilanen Knospen der Palisanderholzbäume im Frühling hin zu den feuchten, sattgrünen Hügeln und Tälern voller Mangos und Lychees. Die rote und gelbe Erde von eGoli34 weicht den grünen Grundstücken, wo ein Teil meiner Familie sich niedergelassen hat, nachdem Dieselschiffe aus dem damaligen Bombay – heute Mumbai – und ganz Indien schwarzen Rauch über das Arabische Meer bliesen und dann den Hafen von Durban erreichten, von wo aus die Menschen ins Landesinnere wanderten. Diese kerogenen Verbindungen sind komplex, vielschichtig und belastet – es geht um Öl und Arbeit, um Rohstoffausbeutung und Passgesetze, um Ausschluss und Apartheid. Es geht auch um Familie und Chancen, um plurale Geografien, Räume und Zeiten, um ein Begehren nach der roten und gelben Erde eines Zuhauses, das ich in mir trage35 – sogar in jenem Garten, den ich für den kommenden kanadischen Schnee vorbereite.
Émélie: In meiner ersten Erinnerung an Öl füllt mein Großvater den Benzintank eines Boots, bevor er in den Laurentides fischen geht. Mein Großvater hatte als Buschpilot gearbeitet. Nun hatte er am See einen Tank vergraben, in dem er Kerosin lagerte, ein Brennstoff, der besser zu seinem Wasserflugzeug „passte“. Ich erinnere mich daran, wie mir der stechende Geruch in die Nase stieg (Erinnerungen sind so geruchlich); und an die Ölflecken auf der Wasseroberfläche – Tropfen, die beim schmutzigen Umfüllen daneben gegangen waren; die schimmernden Farben des Öls, ein leuchtender Regenbogen aus Gelb, Orange, Pink, Lila und Rot, vor dem Kontrast des dunkelblauen Sees. Die Flüssigkeit entfernte sich langsam vom Boot, waberte und dehnte sich mit den feinen Wellen auf der glatten Wasseroberfläche aus. Als Kind wunderte ich mich über die Widersprüchlichkeit, den See zu verschmutzen, aus dem wir zugleich Fisch holten, in dem wir schwammen und dessen Wasser wir tranken. Ich wundere mich noch immer über solche Widersprüche, die unsere materiellen Beziehungen zu Gewässern und Böden prägen. Ich wundere mich, wie der Zugang zu und Genuss von so genannter wilder Natur in Kanada oftmals bedeutet, Öl zu verbrennen und laute Maschinen zu betreiben, deren Klang durch tausende innerer Explosionen entsteht. In dieser kolonialen Kakophonie36 denke ich darüber nach, wie ich von der illegitimen Besatzung Indigenen Lands profitiert habe. Ich denke darüber nach, wie in den gleichen Erzählungen, mit denen ich aufwuchs, Geschichten von Leid und Härten französischstämmiger Kanadier:innen und die Auslöschung Indigener Präsenz meine Komplizenschaft in Siedlungskolonialismus und weißer Vorherrschaft vor mir verbargen. Wenn ich an meine Großeltern denke, erkenne ich deren Heimatsuche und tiefe Liebe, aber auch die Siedlungsfiktionen von Besitz, Ausbeutung, Berechtigung, Landraub, Auslöschung und Umweltzerstörung. Diese Verschränkung von siedlungskolonialen Verhältnissen ist mein Erbe. Ich sitze mit diesen Widersprüchen; sie bringen viele Fragen hervor. Unter der Wasseroberfläche wende ich mich den bunt schimmernden Schuppen der Regenbogenforelle zu.37
Kerogene Verhältnisse sind erdrückend. Sie sind ein Hochwasser. Sie fluten und überschwemmen die Kanalufer, Flussläufe, Deiche und Eindämmungen. Kerogene Verhältnisse sind der Mississippi ohne die Armeen an Ingenieur:innen, ohne die Wehre und Schleusen der Old River Control Structure und des Morganza Spillway; sie sind der Tiber ohne Giuseppe Garibaldis Eindämmungen, ohne die drizzagni (Begradigungen) des Flusses. Kerogene Verhältnisse sind die Wassereinzugsgebiete der Flüsse Athabasca und Peace ohne die Bedrohungen durch die vielen regionalen Absetzbecken des Bergbaus, 458.000 Bohrbrunnen und unzähligen Schleppschaufelradbagger, an die ein Netz aus Pipelines, Verarbeitungsanlagen, Raffinerien, Bitumen-Upgrading-Anlagen, Öltanker-Routen und Hauptquartieren anschließt. Kerogene Verhältnisse sind wahnsinnig verschränkt, gewunden, dick und dünn, aber vor allem sind sie eine Wendung von AM Kanngiesers Gießen38 – sie sind eine Wiederkehr, ein Rückströmen und Neu-Gießen, immer wieder und wieder und wieder (auch dies ist kein Tippfehler).
Die Kerosphäre hebt jede Vorstellung von Schließung auf und verweigert das Konzept der petrokolonialen Infrastruktur. Die Infrastruktur der Kerosphäre besteht vielmehr darin, wie wir Fürsorge tragen – nicht in einer neoliberalen, siedlungskolonialen Plattitüde von Entschuldigungen, Wohlfühl-Seminaren und Workshops zu Gleichstellung, Diversity und Inklusion, die wir als Care-Gentrification bezeichnen. Stattdessen meinen wir einen wahrhaften Akt der Wiedergutmachung, der tatsächlichen Reparation, ein kontinuierliches Tun, einen langsamen Prozess, der „unperfekt“ und „suboptimal“ in einen matschigen, dichten, triefenden Zusammenhalt sickert – in ein Zusammensein, das keine andere Wahl lässt. Es breitet sich aus wie der Nebel in Argentia, Neufundland, oder Point Reyes, Kalifornien39 – 100 Prozent Feuchtigkeit, mit Wasser durchsetzte Luft, Hitze mit Kälte durchmischt, erhabene Atmosphäre. Der Nebel entschleunigt dich. Du kannst nicht gut sehen. Du wartest. Du hörst zu. Deine Sinne stellen sich anders ein, auf andere Maßstäbe, andere Rhythmen und du vertiefst dich in „die schwierigen Überschneidungen dieser großen Familie“ an Sinnen und Empfindungen40 – in Überschneidungen, die immer hergestellt werden müssen. Die Kerosphäre und ihre klebrigen, zähen Verwandten im Indigenen Boden in ganz Alberta erinnern uns sehr an Tiffany Lethabo Kings Konzept der Black Shoals (Schwarze Untiefen). Denn die Kerogen-Förderung wurde und wird über weite Geografien hinweg durch Genozid und Versklavung im Namen des rassistischen-kolonialen Kapitalismus als Waffe gegen die Schwarze und Indigene Bevölkerung eingesetzt.41 King erinnert uns: „Schwarzes Denken, Schwarze Forschung, Schwarze Ästhetik und Schwarzer Ausdruck fungieren als Untiefen, die Strömung und Impuls des Flusses kritischer Theorien über Genozid, Versklavung und die Menschheit in der Westlichen Hemisphäre umleiten.“42 Durch unsere Arbeiten auf Indigenem Boden in ganz Kanada möchten wir die vielen Formen des Weltmachens und des Seins stärken, die den rassistisch-kolonialen Kapitalismus unterbrechen, und wechselseitige, respektvolle, kollektive Beziehungen aufbauen, die Imperialismus, Extraktion und Tod verweigern.
Kέros kommt aus dem Griechischen und bedeutet Wachs oder Paraffin. Wir sind an männlich-menschlichen Hochmut erinnert, an Dädalus, an Ikarus und all die Führungskräfte, die zu nah an die Sonne flogen. Kerogene Verbindungen sind wächsern, lithisch und lakustrisch – sie werden „auf vielen verbundenen Maßstäben durch Protokolle der Aufmerksamkeit, des Zuhörens und Bemerkens gebildet“.43 Es sind multi-temporale, tiefe, heterogene, schlammige Zeiten. Sie sickern, kommen aus Lösung empor. Der Flammpunkt von Kerosin ist 38 Grad Celsius, während der von Benzin bei -40 Grad liegt. Die kerogene Verwandtschaft ist langsam und weniger flüchtig als die „verfeinerten“ [upgraded] Logiken der petrokolonialen, rassistisch-kapitalistischen Struktur. In liebender Einstimmung infiltriert und wirkt diese Verwandtschaft verbindend, sie stärkt und hält. Sie dreht sich nicht um den Menschen – wächserne, ölige kerogene Verbindungen arbeiten vielmehr in Richtung pluraler Lebenswelten und Souveränitäten. Sie sind bindend, flexibel, befreiend und auch gefährdet. Wir stimmen uns auf unsere dynamischen Verpflichtungen ihnen gegenüber ein und bemühen uns, andere Organisationsweisen für Politik, Ökonomie und Gesellschaft in jenen Gebieten zu entwerfen, auf die Kanada in diesem Spätstadium der kolonial-kapitalistischen, rassistischen Klimakatastrophe Anspruch erhebt.
Die Kerosphäre und ihre Verbindungen sind zäh, langsam und schlammig. Kerogene Verwandte sind zart und empfindsam. Sie sind vielfältig und von einer jeweils eigenen Geographie, einem angestammten Boden oder Wassereinzugsgebiet, geprägt. Sie sind weich und geben (französisch tendre), aber nehmen nicht (französisch prendre); sie tauschen, aber stehlen nicht. Kerogene Verbindungen strukturieren eine Form und Relationalität, die die Ontologien westlicher Wissenschaften, Chemie und Politik neu schreiben – samt ihrer Verhältnisse, in denen gegaunert und gescheffelt wird und der Mensch (immer der Mensch) im Zentrum steht. Kerogene Verbindungen sind ein kontinuierliches Neu-Gießen von Verwandtschaft, eine Blüte liebender Beziehungen, der Gnade und Zartheit. Kerogene Verhältnisse verweigern sich. Sie sind reibungsvolle Verbindungen und es erfordert viel Kraft, sie in Bewegung zu versetzen. Sie sind nicht solche reibungslosen, unzähen Flüssigkeiten, die die westliche Wissenschaft „perfekt“ und „ideal“ findet und die den petrokolonialen und kapitalistischen Vorstellungswelten von „Materie“ entsprechen. Diese gewaltvollen Vorstellungswelten missachten Widerstand und Verweigerung, Grenzen, Zeiten, Geografien, Erden und Gewässer. Kerogene Verbindungen hingegen lieben die Welt – zutiefst.
- 1 Anmerkung der Übersetzerin: Der Ausgangstext handelt von kerogenic relations. AM Kanngieser und Zoe Todd erörtern an anderer Stelle ihr Verständnis der Begriffe relation und relationship: Es geht ihnen um stets und überall geschehende Verbindungen und Interaktionen, die uns in der Welt und immer in wechselseitiger Interaktion, Verpflichtung und Sorge verorten. Sie schreiben: „We are relations.“ In dieser Übersetzung werden entsprechend die Begriffe Verbindung, Verwandtschaft, Beziehung und Verhältnis genutzt, um die verschiedenen Bedeutungsebenen herauszuheben. AM Kanngieser und Zoe Todd, ‚Attending to Environment as Kin Studies‘, https://muac.unam.mx/constelaciones/assets/docs/essay-kanngieser-and-todd.pdf (letzter Zugriff am 19. Januar 2022).
- 2 AM Kanngieser, ‚Natur auflösen: über Verweigerung als Rückkehr‘, aus dem Englischen von Elisa Barth, transmediale, 2021, https://transmediale.de/de/almanac/to-undo-nature-on-refusal-as-return (letzter Zugriff am 19. Januar 2022).
- 3 Siehe K. Yusoff, A Billion Black Anthropocenes or None, Minneapolis, University of Minnesota Press, 2018; sowie E. A. Povinelli, Geontologies: A Requiem to Late Liberalism, Durham: Duke University Press, 2016.
- 4 A.d.Ü.: Im Ausgangstext wird hier mit dem Begriff der homelands ausdrücklich auf Indigene und kolonisierte – also auf illegitim im Siedlungskolonialismus angeeignete – Landansprüche und Böden Bezug genommen. Homelands wird hier eingedeutscht als stehender Begriff verwendet. Durch den Begriff ‚angestammt‘ soll die Beheimatung der Indigenen und kolonisierten Bevölkerung auch deutschsprachig hervorgehoben werden.
- 5 Siehe K. Yusoff, A Billion Black Anthropocenes or None, Minneapolis, University of Minnesota Press, 2018; sowie E. A. Povinelli, Geontologies: A Requiem to Late Liberalism, Durham: Duke University Press, 2016.
- 6 E. A. Povinelli, Geontologies: A Requiem to Late Liberalism, Durham, Duke University Press, 2016.
- 7
- 8 M. Vandenbroucke und C. Largeau, ‚Kerogen origin, evolution and structure‘, Organic Geochemistry, 38 (5), Mai 2007, S. 719–833.
- 9 Ebd.
- 10 V. Watts, ‚Indigenous Place-Thought & Agency amongst Humans and Non-Humans (First Women and Sky Women Go on a European World Tour!)‘, Decolonization: Indigeneity, Education & Society, 2 (1), 2013, S. 20–34.
- 11 I. B. Marshall, J. Dumanski, E. C. Huffman und P. G. Lajoie, Land Resource Research Institute, Agriculture Canada, ‚Soils, capability and land use in the Ottawa Urban Fringe‘, Bericht Nr. 47, Ontario Soil Survey, 1979.
- 12 Red Path Museum, ‚Fossils‘, https://www.mcgill.ca/redpath/education/resources/fossils (letzter Zugriff am 5. November 2021).
- 13 A.d.Ü.: Der Western Interior Seaway ist ein ausgedehntes epikontinentales Flachmeer in der mittleren und späten Kreidezeit, das als breiter Meeresarm den nordamerikanischen Kontinent von Norden nach Süden durchzog.
- 14 F. Bodsworth, ‚How the Prairies were made‘, Maclean’s Magazine, 25. Juni 1955, http://archive.macleans.ca/article/1955/6/25/how-the-prairies-were-made (letzter Zugriff am 12. Dezember 2021).
- 15 N. MacLean, A River Runs Through It and Other Stories, University of Chicago Press, 1976, S. 104.
- 16 É. Desrochers-Turgeon, O. Saloojee, Z. Todd und J. Voordouw, ‚Water, Water, Everywhere‘, Lapsus Lima, Mónica Belevan (Hg.), 11. September 2019, https://www.lapsuslima.com/water-water-everywhere/ (letzter Zugriff am 5. November 2021).
- 17 Z. Todd, É. Desrochers-Turgeon und O. Saloojee, ‚Kerosphere‘, in T. Neale, T. Phan und C. Addison (Hg.), An Anthropogenic Table of Elements: Experiments in the Fundamental, University of Toronto Press, 2022 (im Erscheinen).
- 18 A. Kanngieser und Z. Todd, ‚From Environmental Case Study to Environmental Kin Study‘, History and Theory, Band 59, Nr. 3, September 2020, S. 392.
- 19 K. McKittrick, Dear Science and Other Stories, Durham, Duke University Press, 2021, S. 186.
- 20 N. Estes, Our History Is the Future: Standing Rock versus the Dakota Access Pipeline, and the Long Tradition of Indigenous Resistance, New York, Verso, 2019; Unist'ot'en Camp, https://unistoten.camp (letzter Zugriff am 5. November 2021); Stop Line 3, https://www.stopline3.org/ (letzter Zugriff am 5. November 2021).
- 21 A. Kanngieser, M. Gallagher und J. Prior, ‚Listening geographies: Landscape, affect and geotechnologies‘, Progress in Human Geography, Band 41, Nr. 5, 2017, S. 618–37.
- 22 Als Kollektiv sprechen wir von verschiedenen Kontexten aus, in denen wir in Kanada leben und arbeiten. Wir laden Lesende und Mitdenkende dazu ein, sich dynamisch und neu auf die kerogenen Beziehungen in den unterschiedlichen angestammten Heimaten vorzustellen, in und durch die sie leben und sich bewegen. Wir möchten keine neue Universalie einführen, sondern zu einer Auseinandersetzung mit den pluralen (politischen) Ontologien einladen, wie es die Arbeiten von Walter D. Mignolo, Arturo Escobar, Marisol de la Cadena, Jairo Fúnez-Flores und anderen vormachen.
- 23 Canada Oil-Shale Deposits, Reprint of United States Geological Survey Scientific Investigations Report 2005-5294 by John R. Dyni‘, Geology.com, https://geology.com/usgs/oil-shale/canada-oil-shale.shtml (letzter Zugriff am 5. November 2021).
- 24 Honor the Earth, https://www.honortheearthmerchandise.com/honorapparel/copy-of-lovewaternotoil-thunderbird-hoodie (letzter Zugriff am 11. Januar 2022).
- 25 M. Murphy, ‚Alterlife and Decolonial Chemical Relations‘, Cultural Anthropology, Band. 32, Nr. 4, 18. November 2017, S. 494–503.
- 26 R. Carter, Prayers for the People: Homicide and Humanity in the Crescent City, University of Chicago Press, 2019.
- 27 L. Little Bear, ‚Big Thinking and Rethinking: Blackfoot Metaphysics „Waiting in the Wings“‘, Vortrag beim Congress of the Humanities and Social Sciences, University of Calgary, 1. Juni 2016, https://www.youtube.com/watch?v=o_txPA8CiA4 (letzter Zugriff am 5. November 2021).
- 28 R. F. Meyer, E. D. Attanasi und P. A. Freeman, ‚Heavy Oil and Natural Bitumen Resources in Geological Basins of the World‘, Reston, Virginia, U.S. Geological Survey, 2007, S. 3–10.[(/fn] während beim „Upgrading“ des Öls durch dampfunterstützte Schwerkraftdrainage (SAGD) und zyklische Dampfstimulation (CSS) die Zähheit des Ölsands verringert wird, indem Wasserdampf mit hohem Druck in den Boden gepresst wird. Diese Verringerung der Viskosität ist eine Technik der Beschleunigung, der Übersetzung in siedlungskoloniale Zeitlichkeit, und sie bezeugt symbolisch und materiell die petrokoloniale Gewalt. Die sture Zähheit kerogener Verbindungen verweigert sich der Politik der Beschleunigung. Doch sie lehnt auch eine Welt der Starrheit und Fixierung, der Trägheit[fn]Das erinnert an Fanons „in Abteile getrennte, manichäische, unbewegliche Welt, eine Welt von Statuen: die Statue des Generals, der das Land erobert, die Statue des Ingenieurs, der die Brücke gebaut hat.“ F. Fanon, Die Verdammten dieser Erde, aus dem Französischen übersetzt von Traugott König, Frankfurt am Main, Suhrkamp, 2021[1981], S. 43.
- 29 A. Mbembe, „The Earthly Community‘, e-flux Architecture, Oktober 2021, https://www.e-flux.com/architecture/coloniality-infrastructure/410015/the-earthly-community/ (letzter Zugriff am 5. November 2021).
- 30 S. Kheraj, ‚A History of Oil Spills on Long-Distance Pipelines in Canada‘, The Canadian Historical Review, Band 101, Nr. 2, 2020, S. 161–91.
- 31 N. K. Chambers, ‚De Zie Contre Menti Kaba – when two eyes meet the lie ends: A Caribbean meditation on decolonising academic methodologies‘, in J. Webb, R. Westmaas, M. del Pilar Kaladeen und W. Tantam (Hg.), Memory, Migration and (De)Colonisation in the Caribbean and Beyond, University of London Press, 2020, S. 85–106.
- 32 Natural Resources Canada, ‚Crude Oil Facts‘, https://www.nrcan.gc.ca/science-and-data/data-and-analysis/energy-data-and-analysis/energy-facts/crude-oil-facts/20064 (letzter Zugriff am 7. November 2021).
- 33 Pembina Institute, ‚Our Story‘, https://www.pembina.org/about/our-story (letzter Zugriff am 7. November 2021).
- 34 A.d.Ü.: eGoli ist die Zulu-Bezeichnung für Johannesburg.
- 35 Meine Vorstellung von Zuhause und seinen Verschiebungen sind inspiriert von Sisonke Msimang, die über ihre Eltern schreibt: „Sie waren vielleicht die weisesten Kartograf:innen, die es je gab: Sie schafften es, den ganzen Globus zu umreisen, ohne jemals ihr Zuhause außer Sicht zu verlieren.“ S. Msimang, Always Another Country, New York, New World Editions, 2018, S. 361.
- 36 Ich borge hier Jodi Byrds Begriff der Kakophonie, um Widersprüche, rivalisierende Kämpfe und konkurrierende Erfahrungen zu bezeichnen: die „Weltbilder der Welten von Siedelnden, Ankommenden und Indigenen, die dazu dienen, die anderen zu Anderen zu machen“. Siehe J. Byrd, The Transit of Empire: Indigenous Critiques of Colonialism, Minneapolis, Minnesota University Press, 2011.
- 37 Z. Todd, ‚Listening to Fish: Indigenous sovereignty and freshwater fish conservation in north/western Canada‘, Vortrag des Department of Sociology & Anthropology, Simon Fraser University, 28. Oktober 2021, https://www.youtube.com/watch?v=hUhUdqGHWvs (letzter Zugriff am 5. November 2021).
- 38 AM Kanngieser, ‚To undo nature; on refusal as return‘.
- 39 Beide Orte – Argentia, Neufundland, und Point Reyes, Kalifornien – liegen an mehr als 200 Tagen im Jahr im Nebel. Science Daily, ‚Fog‘, https://www.sciencedaily.com/terms/fog.htm (letzter Zugriff am 7. November 2021).
- 40 M. Serres, Hermes IV: Verteilung, aus dem Französischen übersetzt von Michael Bischoff, Berlin, Merve, 1993, S. 211-212. Serres schreibt: „Mein Körper ist leider nicht von einer einzigen, spezifizierten Mannigfaltigkeit umgeben. Er arbeitet in einem euklidischen Raum, aber dort arbeitet er nur. Er sieht in einem projektiven Raum, er berührt, liebkost und hantiert in einer topologischen Mannigfaltigkeit, er leidet in einem anderen, er hört und kommuniziert in einem dritten Raum. Und so weiter, so viel man nur mag. […] Mein Körper befindet sich also nicht in einem einzigen Raum, sondern an der schwierigen Schnittstelle dieser vielköpfigen Familie, inmitten sämtlicher Verbindungen und Verknüpfungen, die zwischen diesen Mannigfaltigkeiten herzustellen sind.“
- 41 T. Lethabo King, The Black Shoals: Offshore Formations of Black and Native Studies, Durham, Duke University Press, 2019.
- 42 Lethabo King, The Black Shoals, S. xv.
- 43 A. Kanngieser und Z. Todd, ‚From Environmental Case Study to Environmental Kin Study‘, S. 387.