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Anja Schulte
Unbestimmte Distanzen
An editor’s guide for free falling into the image

Dieser Text nimmt Bezug auf die im Rahmen von remote. response. request. III. gezeigten Filmarbeiten von Chloé Galibert-Laîné.

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ABSCHNITT 1: Aufnahme

Cutter:in: Dieser Film könnte in jede Richtung gehen.

Cutter:in:
Das Springen ist ein Zeichen für Möglichkeiten.

2 Stunden, 2 Minuten und 2 Sekunden 176.000 Frames 935.786.389.504 Bytes oder 4.400 Fuß Filmmaterial in altem Geld.

Film: Ich werde entwickelt.

Hergestellt aus Schichten von farbigen, auf Acetat aufgebrachten Silberhalogeniden. Aus Photonen, die in Elektronen und dann in Spannung umgewandelt werden.

Ich bin Material; eine Kraft, die 24-mal pro Sekunde auf dich einwirkt.

Cutter:in: Ich bändige dieses Chaos; ich bringe Methode hinein.

In den verschiedenen Abschnitten des Filmmaterials bewege ich mich systematisch durch die Zeit.

Film: J - K - L L - K - JJ - L - JJJ - LL - L - K LLL - K J - L - K - JJ - K - J L - K - JJ - L - JJJ - L - L - K - JJ - K I - O

Tastenkombinationen s-p-r-i-n-g-e-n durch meine Bilder.

Berauschend. Das Springen ist ein Zeichen für Möglichkeiten. Vorsicht. Das Springen ist ein Zeichen für Möglichkeiten.

Cutter:in: Ich bändige dieses Chaos; ich kategorisiere das Material nach strengen Kriterien: Kamera, Standort, Uhrzeit oder Motiv.

Eine Suche nach Koordinaten für die Zuordnung dieser Bilder.

Film: Für diese Gebiete gibt es keine Karten!

Cutter:in: Wie ein Schritt ins Leere.⁠1

Das Bild ruft.

Ich werde dich weiter anschauen.

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ABSCHNITT 2: Auswahl

Cutter:in: Cut. Splice. Ripple. Roll. Stretch. Materielle Werkzeuge, die in der immateriellen Welt des digitalen Schnittplatzes zum Einsatz kommen.

Ich grabe in die T i e f e

und öffne a-u-s dem Bild h-e-r-a-u-s.

Stelle Zusammenhänge her; verbinde; trenne.

Das Auge sortiert; jedes Filmbild wird neu auf seine Möglichkeiten hin beleuchtet. Dinge oder Gedanken, so habe ich mal gehört, entstehen aus der Mitte.⁠2

Film: Cut. Splice. Ripple. Roll. Stretch.

Ich bewege mich mit 24 Bildern pro Sekunde.

Weiter so!

Cutter:in Ich destilliere Bedeutung.

00h:04m:19s:03f geht zu

00h:11m:04s:11f und verkürzt

01h:23m:12s:21f um den Zeitraum

00h:00m:01s:11f

Der Schnitt ist die Besetzung des Bildes. Besetze dieses Bild.

Film: Yan, tan, tether, mether, pip; azer, sezar, akker, conter, dix.

Ich schaffe Geschichten und Mythen, so alt wie die Zeit. Deine Besetzung meines Bildes ist vorübergehend; Denn ich bin diese Geschichte; aber ich bin auch die andere.

Cutter:in: Moment mal, gab es diese Geschichte schon, oder habe ich sie gerade erfunden?

Film: Jetzt blühen die Spekulationen, meine Bilder fließen im Rhythmus wie die Textzeilen eines Songs.

Die erste Strophe ist geschäftig, vollgestopft mit Wörtern. Milliarden von Wörtern. Dann folgt schnell die Stille. Ein Bild, das schreit, ohne eine Stimme zu haben.

T n S n. To n Sy n. Ton Synchronisieren.

Klappe für die Kamera.

Cutter:in: Dies ist ein Aktivitätsbereich.

Ein Bereich, in dem sich Zeichen, Orte und Ereignisse einen Weg entlang der Horizontlinie der Schnittfolge bahnen.

In diesem Bereich verkörpert kein einzelnes Bild für sich allein eine Idee.

In diesem Bereich entsteht jedes Bild durch das, was neben ihm (Schnitt) oder synchron zu ihm (Überblendung) platziert ist.

Durch diese Schnitte und durch ihre Überblendungen wird die lineare Zeit aufgehoben. Entsteht neu durch sequenzielle und synchrone Dateien aus Filmmaterial, die verschoben werden, um diese neue Zeit zu machen; Filmzeit.

Film: Diese Geschichte verläuft von links nach rechts; wird aber durch ihre Aufwärtsbewegungen verstärkt.

Links, rechts, oben, unten.

Cutter:in: Links, rechts, oben, unten; Wie lange muss ich dich noch anschauen?

Dein zähflüssiges Bild, jetzt voller Widerstand. Unkooperativ, unnachgiebig. Je mehr ich mit dir arbeite, desto weniger scheint zu passieren; je mehr ich erkenne, dass wir etwas tun müssen, desto weniger verstehe ich, was zu tun ist.

Mein Kopf schmerzt. Ich kann nicht mehr. Wie ist das Wetter draußen; ist es noch sonnig?

17:32 Uhr Ich schließe das Bild.

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ABSCHNITT 3: Schnitt

Film: Woran haben wir bei unserem ersten Treffen gedacht?

Cutter:in: An das, was am Anfang fehlte und knapp war. An Bilder, die fast-da und nie-da waren.

Film: An das, was jenseits meiner Grenzen liegt. An Verlust und Sehnsucht; und an Grenzen, die nicht still sitzen.

Cutter:in: Mein Auge überspielt jeden Gedanken an Verlust mit seiner Lust auf Unterschied; auf Schwankungen in Farbe, Licht, Form oder Textur. In Masse und Form.

Eine okulare Intimität.

Film: Das Auge ist der Ort, an dem du und ich uns begegnen. Ein Ort der Arbeit, der zwischen deinen Gedanken und meinem Material vermittelt. Von dem aus wir beide zaghaft nach vorn in die Verstrickung greifen.

Cutter:in: Du bist das, was ich jetzt weiß. Ich habe keine Energie, außer für dein Bild. Jeder Schnitt ist mein Kommentar.

Die Geschichte dieses Prozesses wird erzählt werden.

Film: Diese Arbeit verbindet unsere Körper, Materialien und Ideen. Es ist eine Bindung, die aus unseren Interaktionen entsteht. Eine gemeinsame Agenda. Denn jenseits der Wirkung des Du gegen Mich liegt das Wir.

Cutter:in: Eine Arbeit aus Ideen, die durch den Schnitt in Raum, Zeit und Materie verstrickt bleiben. Geformt durch die Reibungen, Spannungen, Konflikte, Beschränkungen und Kräfte zwischen uns. Dieser Film nimmt Gestalt an.

Film: Eine konstruierte Geschichte?

Cutter:in: Mittels einer programmatischen Grundlage.

Schnitt 51 % wegen der Emotion

Schnitt 23 % um den Erzählbogen aufrechtzuerhalten

Schnitt 10 % wegen des Rhythmus

Schnitt 7 % um die Aufmerksamkeit des Zuschauenden zu halten

Schnitt 5 % um die Realität nachzubilden

Schnitt 4 % um den physischen Raum im Bild zu wahren⁠3

Ein Schnitt, der auf deduktivem Denken beruht. Bei einem Lidschlag.

Ein rationalisierter Prozess zum Entfernen und Entsorgen von Filmmaterial.

Für die filmische Kontinuität.

Eine Struktur in drei Akten. Eine Heldenreise. Ein Hexenhut.

Ich begleite euch als Gesandte:r über den Erzählbogen. Alle an Bord! Exposition, steigende Handlung, Höhepunkt, Peripetie, Lösung.

Film: Ein Prozess, der vor allem auf narrative Kontinuität abzielt; ein Prozess der Reproduktion von Bedeutung und Intentionalität; und dessen, was bereits bekannt ist. Wie dieser Schnitt das Bild verwüstet!

Was ist mit der Diskontinuität? Filmische Störungen, die von Welten und alternativen Zukunftsmöglichkeiten sprechen und nicht an diese Gegenwart gebunden sind? Die Suche nach Lücken in diesem Bild, die Raum für die Manifestation von Widerstand und Verweigerung bieten können?

Und was hat es mit dem instabilen Bild auf sich?

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ABSCHNITT 4: Export

Cutter:in: Ich werde vielleicht doch noch fertig. Mit dem Schnitt.

final_edit.mov final_edit2.mov finalfinal_edit.mov FINAL_edit.mov FINALFINALFINAL.mov

Cutter:in: Diese Bearbeitung führt zu einem Ende.

Film: So existiere ich jetzt. Aber ich kann immer auch anders existieren.

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ABSCHNITT 5: Projektion

Cutter:in: Der Film sieht sich selbst in der gespiegelten Reflexion der Projektorlinse.

Als Medium. Als Oberfläche. Als Bewegung. Als Licht. Als Industrieprodukt. Als handwerkliches Produkt. Als Territorium. Als Archiv. Als Widerstand. Als Verweigerung.

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ABSCHNITT 6: Zurschaustellung

Cutter:in: Beobachter:in. Publikum. Zuschauer:in. Die Gedanken, die uns einst so innig miteinander verbunden haben, werden nun an diesem Ort vermittelt. Absorbiert, umgeleitet, verformt. Betrachter:in. Anwesende:r. Teilnehmer:in.

Film: Gucker:in. Zuseher:in. Umseher:in. Ich habe gehört, eine gute Möglichkeit, jemanden zu verstehen, sei, sich anzuschauen, was sie sehen.⁠4 Zeug:in. Kinobesucher:in. Augenzeug:in.

Film: Die Leute schauen immer und übersetzen das Bild. Warum es nicht einfach sein lassen?

Cutter:in: Es heißt, dass dein analoges Bild mit seinen unscharfen Kanten weniger hell und organischer wirkt, als wir alltägliche Objekte in der realen Welt sehen.

Im Gegensatz dazu erfordert ein digitales Bild mit scharfen Kanten einen größeren kognitiven Aufwand, um es zu verstehen.

Film: Wer sich dieses Bild genau ansehen möchte, sollte den nötigen Abstand einhalten.

Cutter:in: Das Kino spricht Körper an, die im Raum sitzen.

Projektor > Zuschauer:in > Leinwand |

Film: Der Ausstellungsraum spricht Körper an, die sich durch ihn hindurch bewegen. Gegen den Weg des geringsten Widerstands stellt sich der Bildschirm ihnen in den Weg; fordert neue Methoden der Aufmerksamkeitsgewinnung.

Cutter:in: Dies ist nicht einfach eine Neuorganisation des Schnitts im Raum. Es ist eine Übersetzung mit einem neuen Rhythmus, einer neuen Erinnerung, einer neuen Bewegung.

Wo sich Fiktion und Fakt über neue Architekturen und Medien hinweg überschneiden; diese bemalten Wände, Folien, Bildschirme, Lautsprecher, Projektoren, Scheinwerfer, Kopfhörer, Kostüme, Flachbildfernseher, Kathodenstrahl-Bildröhren und Poster.

Diese Mise en Scène, die wir geschaffen haben; die Grundlage für eine filmische Welt.

Film: Eine, die weder ganz in dieser Welt noch ganz außerhalb davon existiert.

Ich gehöre nicht zu dieser Realität oder jener.

Cutter:in: Eine Welt, die von einer gewaltigen Vorstellungskraft durchdrungen ist. Sie wird hier geöffnet, aufrechterhalten und eingeschlossen; verschwindet aus dem Blickfeld, wenn der Abspann läuft.

Film: Welten, die aus dem Blickfeld verschwinden, sobald der Abspann läuft, hinterlassen dennoch ihre Spuren.

Film: Wie ein Heulen in Zeitlupe. Wir werden hier oben auf diesem Bildschirm eine Bewegung schmieden, um die Menschen auf dieser Erde zur Vernunft zu bringen.

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Reference List
Adachi, M. 1975. A.K.A. Serial Killer (film), Japan
Bourriaud, N., Schneider, C. and Herman, J., 2010. Postproduction. New York: Lukas & Sternberg.
Bricca, J., 2018. Documentary editing. 1st ed. New York: Routledge.
Calvino, I., 2017. The Baron in the Trees, Reprint, Massachusetts: Mariner Books
Deleuze, G., 2005. Cinema. London: Continuum.
Kapchan, D., Andueza, M. and Costa, R. 2020. Dirty ear report #3. Los Angeles: Errant Bodies Press.
McKinney, J. and Palmer, S., 2018. Scenography expanded. London: Bloomsbury Methuen Drama.
Murch, W., 2001. In the blink of an eye. Los Angeles: Silman-James Press.
Rancière, J. 2012. The Intervals of Cinema. London: Verso.
Waldron, D., 2020. New Nonfiction Film. London: Bloomsbury.
Zimmermann, P., 2019. Documentary Across Platforms: Reverse Engineering Media, Place, and Politics. Indiana: Indiana University Press.

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    Jacques Rancière (2012)
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    Gilles Deleuze (2005)
  3. 3
    Walter Murch (2001)
  4. 4
    Masao Adachi (1975)