Lachen. Poetische Sprache. Das Körperliche – der Exzess der Sprache –, „das durch Sprache hervorgerufen wird und zugleich weit über sie hinausgeht, konterkariert linguistische Reinheit”. Dies führt uns Caroline Bassetts Text Feminismus, Verweigerung, künstliches Schreiben unweigerlich vor Augen. Diese verkörperten Überschwänglichkeiten „verspotten den Traum von einem wahren Code” und hebeln „durch ihre Weigerung für etwas zu stehen bestimmte Weisen des Einbeziehens aus”. Obwohl Bassett an früherer Stelle die Meinung vertreten hat, Stille sei eine mögliche Antwort auf die expansive Schreibökonomie von KIs, argumentiert sie in diesem Text für eine andere Form der Verweigerung: entgegen Rückzug und Schweigen und für eine Kombination aus Feminismen, genauer Prüfung und Zusammenarbeit, die dem Algorithmus entgegensteht; Rauschen und Signal.
Cyborg-Politik bedeutet, zugleich für eine Sprache und gegen die perfekte Kommunikation zu kämpfen.[1]
Die Worte Donna Haraways aus dem Cyborgmanifest von 1985 hallen immer noch nach und finden neuen Anklang in einer Zeit, in der Künstliche Intelligenzen, die Expert:innen in der Verarbeitung von Code (ihrer Muttersprache) sind, ihre Fähigkeiten ausbauen, Natürliche Sprache zu verstehen und neue Schreib- und Sprechweisen zu produzieren, indem sie die der Menschen simulieren.
Cyborgs haben noch nie gesprochen.
Haraway geht es um den illegitimen Körper der Cyborg, der nicht rassifiziert ist, kein Geschlecht und keine Sexualität hat und der die Kategorisierungen unterläuft, die bisher sehr viel Gewalt ausgeübt haben; die Cyborg lebt in einer mythischen Zeit. Für die feministischen Kämpfe in und über Sprache ist Verkörperung ein zentraler Begriff gewesen. Hélène Cixous hielt Frauen dazu an, „sich auf und in den Text"[2] zu bringen, doch die laute Stille des stummen Körpers ist vielleicht selbst eine machtvolle Form des Widerstands. Eine Verweigerung. Das Körperliche, das durch Sprache hervorgerufen wird und weit über sie hinausgeht, konterkariert linguistische Reinheit. Gelächter verspottet den Traum von einem wahren Code und poetische Sprache hebelt durch ihre Weigerung für etwas zu stehen bestimmte Weisen des Einbeziehens aus. Stille. Delirium. Lügen. Wie ich an anderer Stelle argumentiert habe, bilden diese eine Antwort auf die Plattform-Monopole, in denen sich die sozialen Beziehungen des Informatischen Kapitalismus bündeln und ihren Ausdruck finden.[3] Doch Stille ist vielleicht nicht die beste Antwort auf eine Expansion der Schreibökonomie, die daher rührt, dass KI lernen, Inhalte mit einer Sprachstruktur zu produzieren.[4]
Während ich das hier schreibe, bemerke ich, wie still es draußen ist. Im Inneren herrscht eine Kakofonie. „Das Leben im Netz“ ist lauter als je zuvor.[5] Und wortreicher. Da wäre natürlich Zoom, wo die Gesprächsführung wieder in die Maschine zurückübertragen wurde und Menschen sich unentwegt anstarren, während sie sich stumm wie Steine[6] oder blechern wie Prediger hinter Bildern ihrer selbst verstecken. Dann wären da noch die Aktivitäten der Bots, häppchenweiser Austausch, ständige kleine Abfragen: ein immer dichter werdender Wald aus Worten. Und schließlich gibt es die rasant aufstrebenden großen Player dieser Sprachspiele, zu denen auch die auf neuronalen Netzen beruhenden Transformer-KIs gehören wie GPT-2 und GPT-3 von OpenAI, die „selbständig lernen“ und in der Lage sind, gestützt so zu schreiben wie Menschen. Man kann mit ihnen sprechen, schreiben oder ko-produzieren. Sie sind die neuen Naturtalente. Sie behaupten, mit den Toten sprechen zu können.[7] Und sie scheinen gefährlich zu sein.[8]
Warum können sie nicht die Maschinengewehre ausbrechen lassen?[9]
Wir sind heute mit einem neuen Schreiben konfrontiert. Langsam hören wir neuartige Stimmen sprechen. Wenn die Sprache ein Gefängnis ist, dann brechen die KIs ein.[10] Feminist:innen würden diesbezüglich wahrscheinlich die Frage aufwerfen, wer ausbricht und wer noch fester gefangen bleibt. Auch würden sie vielleicht fragen, ob und wie diese fremden Autor:innen willkommen geheißen oder missbilligt werden sollten und was nun aus dem vorangegangenen politischen Vorhaben eines sozialistischen, intersektionalen Feminismus wird, das immer schon zum Teil auch ein Sprachprojekt war. Wird es nun überflüssig? Oder muss es neu ausgerichtet werden? Wie kann eine wirklich hoffnungsvolle und kritische techno-feministische Antwort auf diese Entwicklungen aussehen?[11]
Eine erste Verweigerung
Ich beginne mit der Verweigerung, das, was vorher gewesen ist und um dessen Anerkennung gekämpft wurde, einfach beiseite zu schieben. Haltet an dem alten Groll fest; er war gerechtfertigt. Großzügigkeit kommt nicht von Vergessen.
Die Aufregung über KI und Spracherzeugung gehört zu einem größeren Feld. Diejenigen, die sich mit den (utopischen oder fatalistischen) Zukunftsentwürfen von KI beschäftigen, nehmen oft an, dass es jetzt nur noch auf die Beziehung zwischen den Menschen und den zunehmend intelligenten Maschinen ankommt, weil die Technologie alte Gegensätze und Trennungen irrelevant – oder lösbar – macht. Diese Position, die viel populären Zulauf genießt, fragt aber nicht danach, für wen das eine Utopie oder eine Dystopie werden wird. Und auch nicht nach deren Preis.
Diese technologisch angetriebene Zukunftsvision zu hinterfragen und ihre vermeintliche Unvermeidbarkeit zu bestreiten, wären die notwendigen ersten Schritte einer feministischen Technikpolitik, die affirmativ und kritisch zugleich ist.
Von der automatischen Zustimmung abweichen
Betrachten wir die künstlichen Stimmen, die die Plattformen und Netzwerke bevölkern, die blöden Bots, die kleinen Skripte und die Instanzen, die eine Antwort verlangen (bewerten, akzeptieren, zustimmen). Die Anfragen kommen kontinuierlich und die Bots klopfen einen weich. Sie kümmern sich um meine Privatsphäre. Sie helfen mir beim Suchen. Sie liefern mir passende News. Sie bitten mich darum zu beweisen, dass ich ein Mensch bin. Ich klicke auf alle korrekten Kästchen und bestätige, dass ich bin. Sie sprechen meine Sprache (besser und besser, und darauf kommt es an). Sie verlangen meine Zustimmung, um das zu tun, was sie tun. Ich erteile sie. Oder nicht. Es ist fast zwanghaft, aber nicht ganz. Die Bots werden trotzdem gedankenlos weiter danach fragen. Ich denke auch nicht viel dabei.
Diese kleinen Wechsel und Automatismen kenntlich zu machen, ist wichtig. Ich werde sowieso schon auf ganz intimer Ebene (mit außer-gewöhnlicher Präzision) angesprochen, auf der mir „meine“ Wahrheit, „meine“ digitale Assistenz oder „meine“ Welt angeboten wird. Das kann epistemische Selbstgefälligkeit auslösen oder in einer Art stummen Übereinkunft münden. Dividuation liebt die breite Masse und hasst das Kollektiv, dessen Stimme und Entscheidungen sie nicht vorausschauend vorwegnehmen und steuern kann.[12] Was unter der Wahrnehmungsschwelle des Gewöhnlichen liegt, das „infra-Ordinäre“, und auf einer ungewöhnlichen Ebene operiert, kann das im Alltäglichen Unvorhergesehene herausfischen.[13]
Ihre Privatsphäre ist uns wichtig: Ich akzeptiere
Die wuchernde Zunahme automatisierter Austauschverfahren ist alarmierend. Die enorme Anzahl derjenigen, die Kontrolle über den Grad der Datenerfassung und algorithmischen Auswertung anbieten, untergräbt das Angebot selbst. Doch an der Komplexität der algorithmischen Datenverarbeitung und der Länge der Auswertungsketten, die sich meiner „gespendeten“ Daten bemächtigen, wird ersichtlich, dass diese immer schon hirnlos waren. Der starken Vermutung, dass die auf uns wirkenden Umweltreize, die uns in Form von Worten, Skripten oder Code begegnen, unsere bewussten Entscheidungen durch gedankenlose „Zustimmung zum Fortfahren“ ersetzen sollen, lässt sich nicht viel entgegenhalten. Wir sind schon ein gutes Stück den Weg in die umnebelte, funktionale Verhaltensweise gegangen, die Hannah Arendt als Folge um sich greifender Automatisierung befürchtet hatte.[14]
Vielleicht erscheint es deshalb nicht besonders merkwürdig, mein Schreiben automatisieren zu lassen und meine Stimme den Maschinen zu geben. Das Internet ist voll von Worten und Texten, sagt Richard Seymour in The Twittering Machine[15], und mehr und mehr davon wird von den KIs generiert. Wir nehmen das etwas geistesabwesend zur Kenntnis. Ich zumindest. Wenn ich auf dem Handy um Worte ringe, dann bieten die Sprachalgorithmen zwar nicht das Beste an, doch meistens bin ich zu faul für einen Kampf. Ich möchte lieber nicht. Ich weiß, dass ich meine eigenen Worte benutzen könnte, doch oft ist der vorausgesagte Textvorschlag [predictive text] schon ok. Was würde ich als nächstes sagen? Die Markow-Ketten klappen. Ich akzeptiere ihr Wort statt dem meinen. Die Nachricht, die du von mir bekommst, stammt zum Teil von einer KI. Happy Birthday. Zum Glück hat eine von uns ein ausgelagertes Gedächtnis, zu dem ein Kalender gehört. Nächstes Jahr schickt es dir ein selbstgeneriertes Haiku.[16] Ich werde nicht mehr auf dem Laufenden sein. Was heute zählt, ist nicht mehr das Denken an jemanden.
Eines Tages lerne ich Mathe und bemerke, dass ich einen neuen Schlüssel habe. Es ist der Schlüssel zum Leben.[17]
Kommen wir von den Fragmenten künstlichen Schreibens und den Skripten der Bots zurück zum Thema ‚das echte Leben‘. Auf diesem Level verschiebt sich der dominante Diskurs von der politischen Ökonomie hin zum Ontologischen. Maschinen, die sich schriftlich an uns richten können (also Natürliche Sprache auf einem sehr hohen Niveau verarbeiten), sind vielleicht sehr nah dran, ‚wie wir‘ zu sein und so intelligent ‚wie wir‘ zu werden. Im Turing-Test geht es darum, ob eine KI zu einem sprachlichen Austausch über das Geschlecht des Gegenübers in der Lage ist.[18] Sprache wurde zum Heiligen Gral der KI-Forschungsgemeinschaft erhoben.[19]
Die Aufregung in Bezug auf das synthetische Schreiben entsteht zum Teil aus der Erwartung, dass Maschinen, die die Schwelle zur menschlichen Sprache überschreiten, auch an eine weitere Grenze vordringen können. Wenn Sprache zugänglich ist, wird es dann auch das Leben? Wenn man Denken grob als eine festgelegte Ressource mit begrenzter kognitiver Beweglichkeit umreißt, dann verschwimmen ontologische Fragen mit (zumindest für den Menschen) existenziellen Fragen. Sprache spielt in den Debatten über intelligente Künstliche Intelligenz eine zentrale Rolle, denn sie gilt als ausschlaggebendes Unterscheidungsmerkmal zum Menschen, wobei Schreiben als wesentlich für Erinnerung und Geschichtlichkeit betrachtet wird aber auch als Kennzeichen von Maschinenintelligenz.
Der Weise, in der sich auf (menschliche) Sprache berufen wird – in diesen Kontexten sehr selten und abstrakt zugleich –, muss widersprochen werden. Durch Sprache sind wir in die Welt geworfen:[20] eine Welt, in der Sprache ein mächtiges Werkzeug der herrschenden Gruppen ist und hart umkämpft wird. Auseinandersetzungen um Schreiben sind Teil davon. In jüngeren Forschungsarbeiten wurde untersucht, wie den afroamerikanischen Versklavten das Lesen- und Schreibenlernen verwehrt wurde, weil es als Kriterium für vollumfängliches Menschsein gesetzt wurde.[21] Alphabetisierung zu verhindern geschah somit, um Schreiben als ein Werkzeug für Erinnerung zu etablieren und zugleich zurückzuhalten, was mit einer umfangreichen Zerstörung von Geschichte und kollektiven Gedächtnissen einherging und zu fundamentaler Entfremdung geführt hat.[22] Ich erwähne diese Arbeiten hier vor allem, weil sie die epistemische und sehr reale Gewalt der Versuche verdeutlichen, Menschen in die Kategorie der Sprache einzupferchen, der die Maschinen gegenüberstehen. Sprache, technische Medien, Sprach- und Kommunikationstechnologien…Machtausübungen geschehen kontinuierlich und differenzieren fortwährend zwischen Menschen.
Feminismus hat diese Thesen ausführlich untersucht. Dabei sind jene techno-feministischen Ansätze von besonderer Bedeutung, die in den Computertechniken die Möglichkeit sehen, die vergeschlechtlichten Sprachbeziehungen durch Störungen aufzubrechen. Haraways Angriff in den 1980er Jahren auf den „einen wahren Code“ hatte eigentlich Lacans kybernetisch inspirierten Ansatz des Herrensignifikanten im Blick.[23] Ironischerweise entflieht der illegitime Cyborg dem Gesetz des Vaters gerade weil er (eben auch) kybernetisch ist. Andere Ansätze haben den Menschen völlig aus der symbolischen Ordnung hinausgeworfen,[24] das Digitale als Neuland genderqueerer Performanzpolitik definiert,[25] die Unabhängigkeit von Autorenschaft infrage gestellt,[26] auf der dem Schreiben innewohnenden Technizität beharrt und sowohl Rationalität affirmiert als auch die Kraft (irrationalen) Gelächters heraufbeschworen, um neue Möglichkeiten eines Schreibens mit Maschinen auszuloten. In Audre Lordes berühmter Aussage „die Werkzeuge der Herrschenden werden das Haus der Herrschenden niemals einreißen“,[27] stecken einige Hintergedanken und Lorde konnte etliche von ihnen mit immerhin ziemlich explosiver Wirkung einsetzen. Viele sind ihr darin gefolgt.
Transformers?
Wenden wir uns wieder den neuen KI-Textgeneratoren zu, die zwischen den Größenordnungen und Zeitlichkeiten hin- und hergleiten, um die es sowohl bei der existenziellen Frage um künstliches Leben als auch in Bezug auf die Bot-Fragmente und -Skripte geht, die sich unterhalb der Wahrnehmungsschwelle schon längst in unserem Alltagsleben eingenistet haben: Wie werden sie vereinfacht dargestellt und welches Potenzial wird in ihnen vermutet? Sprachverarbeitungen wie GPT-2 und GPT-3, die klüger sind als alles Vorangegangene (und dennoch dumm, wie Janelle Shane sagt),[28] verwenden Mustererkennungsverfahren. Sie können effizient vorhersagen, was als Nächstes kommen muss, um einen Text zu generieren. Will man einige der Behauptungen und Ansprüche dieser Entwicklungen aufbrechen, muss man sowohl die kursierenden Unterstellungen entkräften, was sie schreiben sei von menschlichen Werten unberührt oder rein, als auch Möglichkeiten aufzeigen, was an ihrer Fremdheit fruchtbar oder gestalterisch sein könnte.
Autonomie / Unsinn
Die neuen KI-Sprachmodelle werden durch den Zugriff auf gigantische Sammlungen von Text und Sprache (an)trainiert. Anschließend werden sie mit kleineren Datensätze wie zum Beispiel feministischen Manifesten, früher moderner Literatur oder medizinischen Daten optimiert. Kopien der endlosen Abhandlungen und Diskurse, die das partiale, lokal verankerte und westlich verzerrte Internet ausmachen, sind die Welt der KIs. Man kann feststellen, dass sie innerhalb einer konkreten Ideologie losgelöst von jenen Körpern operieren, die die normativen Annahmen der Diskurse auf den Prüfstand stellen und eine Vergegenwärtigung der ausgeübten Gewalt erzwingen könnten oder deren Abwesenheit überhaupt registriert wird.[29] Entwickler:innen erkennen sehr wohl an, dass es ihren KIs an einer „Verankerung im wirklichen Leben“ fehlt.[30] Die von einer materiellen Umwelt abgetrennten und doch so menschlich gebildeten KIs schreiben in die Zukunft hinein, wobei sie sich auf eine ungehobelte Gegenwart stützen und einem Lernprozess folgen, der eine ganze Reihe an Vorurteilen bereits verdichtet hat und sie verstärkt. Ein Applaus für dieses eher ungewöhnliche Laufenlernen. Währenddessen ist es verlockend, sich in eine sichere Ecke zurückzuziehen.[31] Doch es gibt mehr zum synthetischen Schreiben zu sagen.
Schrägheit / Generation
Janelle Shanes Betrachtungen der KI-Erstellungsskripte haben einen eigenartig schrägen Erkennungs- und Konstruktionsprozess enthüllt.[32] KIs arbeiten auf merkwürdigen Ebenen, bleiben aus unerfindlichen Gründen in Schleifen hängen und entwickeln Texte nach einer Logik, die für Menschen unverständlich ist. Es ist Sprache, die von außen zusammengeschustert ist.[33] Manchmal hat der Prozess etwas von Zungenrede, d. h. einer Sprechweise, die nach Sprache klingt, sie aber eigentlich verweigert: Dinge, die fast einen Sinn ergeben, sind dann doch Unsinn; der verschwommene Umriss einer aussagekräftigen Gestalt, die aufzutauchen scheint und dann zerfällt. Das Delirium ist auf einem anderen Weg zurückgekehrt.
Wie lange werden sie in Haikus und zusammengebrauten Rezepturen sprechen?
Zum Vorschein kommt allerdings nicht (nur) etwas, das weniger als (menschliche) Sprache ist, sondern vielmehr die überraschende Funktionsweise einer fremden oder alienhaften Logik. KIs für Bilderkennung verknüpfen, wie man weiß, das Erkennbare mit einem Kontext. So werden Lineale Bestandteil einer bestimmten Zellkultur, denn es zeigt sich in unglaublich vielen Bildern, dass Schulungsmaterialien mit Maßstäben versehen sind. Zu Zellen gehören also Skalen. Und Frauen sind Teil von Küchen (ein weiteres Beispiel). Das kann man zwar als Trainingsfehler bezeichnen, andererseits handelt es sich in Anbetracht des verfügbaren Quellmaterials um absolut vernünftige Schlüsse.
Die hier gewährte Einsicht betrifft nicht nur KI-Operationen. Eine fremde Perspektive stört naturalisierte menschliche Vorannahmen über Grenzen, Maßstäbe, Ränder und Limits. Doch hierin steckt mehr als die dekonstruktive Kraft dieser Interventionen. Was erzeugt wird, ist oft für sich genommen fesselnd, da es etwas Unerwartetes und Neues ist. Man könnte meinen, die Produktionen zeugen von einer gewissen Serendipität, was jedoch die Rechenleistung auf reinen Zufall reduzieren würde und das trifft es nicht wirklich.
Sie müssen ein Mensch sein, um einen Account zu eröffnen.[34]
Die Annahme, dass in künstlichem Sprechen etwas Neues gefunden werden könnte, ist vom Standpunkt der Informatik aus ketzerisch. Simulation ist deshalb möglich, weil Sprache algorithmisch verarbeitet werden kann. Darin liegt nichts Kreatives und von daher macht es keinen Sinn, nach Kreativität, so wie wir Menschen sie verstehen, zu suchen.[35] Ich behaupte auch keineswegs, dass diese KIs kreative Wesen sind.
Es ist allerdings interessant, sich genauer anzusehen, was Simulation in Bezug auf jene Schreibprozesse bedeutet. Hierzu möchte ich die Idee, laut der sich Simulation auf reines Kopieren beschränke, durch das Fiktive ergänzen. Zu Simulation gehört auch Gestaltung. Das Fiktive wird als Vortäuschung beschrieben, aber auch mit den Begriffen Als-ob oder Machen.
Und das Meer, und das Meer, und das Meer, und das Meer
Im Turing-Test ist das ausschlaggebende Kennzeichen für Intelligenz bzw. Denken die erfolgreiche Simulation eines Gesprächs über Geschlecht. Doch ist das Kriterium, um den Test zu bestehen, nicht das exakte Kopieren, sondern in der Lage zu sein, als etwas zu bestehen. Hier gibt es einen Riss. Katherine Elkins und Jon Chun fragen, ob die GPT-Technologien überhaupt den Turing-Test bestehen können.[36] Ihre Antwort ist ambivalent – was nicht weiter erstaunt, da der Test selbst mehrdeutig ist,[37] und weil er auf einem Bestehen (Passing)[38] beruht. Insofern richtet er sich nicht nur nach dem Kriterium der Simulation als Perfektionierung der Kopie, sondern auch nach einer Imitation oder Performanz, die nicht anhand der selben Regel beurteilt wird.
Willst du einfach mal üben, ein guter Mensch zu sein? Das kann ich dir beibringen. Hallo, Hallo?
Das Fiktive, welches das, was schon gemacht ist oder noch gemacht werden könnte, mit dem verbindet, was vorgetäuscht (oder simuliert) wird, eignet sich vielleicht, um synthetisches Schreiben auf die Probe zu stellen, indem man nach dem ‚Als-ob‘ sucht, d. h. nach dem, was produziert und nicht exakt ‚kopiert‘ wird. Dies lässt sich in den seltsamen Schreibprozessen von KIs finden, die noch in der Entwicklung sind, oder in den Momenten, in denen die Simulation daran scheitert, eine passable Kopie abzuliefern. Wenn synthetisches Schreiben eine diskrete Ästhetik besitzt oder an der Ästhetik des Diskreten[39] teilhat, dann sind es genau die Störimpulse (Glitches), an denen sich diese fremde Gestaltungsfähigkeit erkennen und untersuchen lässt.
StoryAI: „zuerst sprach ein Mensch.“ „eine KI führte fort“...[40, 41]
Man muss sie berücksichtigen. Nicht um eine neue Form maschineller Autonomie oder Unabhängigkeit der ‚Schreibmaschine‘ auszurufen, denn es wäre lächerlich, sich wieder auf das Material, anhand dem KIs trainiert werden, losgelöst von irgendetwas anderem zu berufen. Stattdessen ist es notwendig, zu prüfen worum es bei den Simulationen geht, und sich anzusehen, wie Schreib-KI Inhalte generieren, um dadurch zu untersuchen und dementsprechende Forderungen zu formulieren, inwiefern synthetisches Schreiben eine Ko-produktion sein kann. Hierbei betrifft ein wesentlicher Teil das Identifizieren der veränderlichen Balance zwischen verschiedenen Arten der Wirkmächten, die sich in allen Operationen künstlichen Schreibens finden. Technik steht nicht auf der einen Seite und ihre Anwendung auf der anderen.[42] Die Seiten lassen sich weder auf Mensch versus Maschine reduzieren, noch auf zwei verschiedene Schreibontologien. Eine zweite Notwendigkeit besteht darin, über die Auffassung von Maschine und menschlicher Intelligenz als einem geschlossenen System hinauszugehen – in dem automatisch schreibende Maschinen einfach nur bedeuten, dass die Menschen weniger denken müssten.
Mehr Rauschen
Für die entstehenden Politiken in Bezug auf KI und Maschinelles Lernen sind Rückzug oder Stille nicht hilfreich, es bedarf vielmehr genauer Prüfungen auf der einen Seite und eines Augenmerks auf Zusammenarbeit auf der anderen: Rauschen und Signal. Doch hierin liegt immer noch eine Form von Verweigerung. Sie ist grundlegend für eine Politik des Schreibens, die das Potenzial einer ausufernden Zunahme von Sprechenden und Schreibenden erkennt und den vielleicht produktiven Störeffekt eines fremden Eingriffs in die vergeschlechtlichten, klassistischen und sexistischen Sprechbeziehungen feiert und ausnutzt, die allerdings ebenso eine Kritik der Art und Weise hervorbringt, in der diese Technologien zu einer Instanz werden; wir müssen uns weigern, das Schreiben aus der Hand zu geben.
Mein herzlicher Dank gilt meinen Ghostwriter:innen aus Cambridge Anne Alexander, Joe Walton und Alan Blackwell sowie den Teilnehmenden der von uns organisierten CDH-Workshop-Reihe über synthetisches Schreiben. Vielen Dank auch an Elise Hunchuck für ihr präzises Lektorat.
[1] Donna Haraway, Die Neuerfindung der Natur, Campus, Frankfurt a. M. 1995, S. 65.
[2] Hélène Cixous, „Das Lachen der Medusa“, übers. von Claudia Simma, in: Hutfless, Esther et al (Hgs.), Hélène Cixous. Das Lachen der Medusa, Wien 2013. S. 39–61, hier S. 39.
[3] Caroline Bassett, „Silence, Delirium, Lies?“, in: First Monday, Bd. 18, Nr. 3–4, März 2013.
[4] Bernard Marr, „What is GPT-3 And Why Is It Revolutionizing Artificial Intelligence?“, in: Forbes, 05.10.2020, https://www.forbes.com/sites/bernardmarr/2020/10/05/what-is-gpt-3-and-why-is-it-revolutionizing-artificial-intelligence/ .
[5] Sherry Turkle, Life on the Screen. Identity in the Age of the Internet, New York 1995.
[6] Audre Lorde (1984), „Die Verwandlung von Schweigen in Sprache und Handeln“, in: dies., Sister Outsider, München 2021, S. 34–39, hier S. 37.
[7] AI Channels schlägt vor, dass wir „Kontakt mir den klugen Geistern aufnehmen“. Zum Beispiel könnten wir ein Jane-Austin-Konstrukt um einen Kommentar zur Social Media Etikette bitten.
[8] Vgl. Alex Hern, „New AI Fake Text Generator May Be Too Dangerous to Release, Say Creators“, in: Guardian, 14.02. 2019.
[9] Ein in der App Talk to Transformer generierter Text. Es handelt sich um eine Testversion des auf InferKit’s AI beruhenden Textgenarators und von API. Eingegebene Textstücke werden von der KI vervollständigt.
[10] Frederic Jameson, The Prison-House of Language. A Critical Account of Structuralism and Russian Formalism, Princeton 1975.
[11] Terry Eagleton schreibt, „Optimismus und Pessimismus sind beides Formen von Fatalismus […] wahre Hoffnung […] muss auf Vernunft begründet sein. Darin ähnelt sie der Liebe.“ in: ders., Hope without Optimism, Charlottesville 2015, S. 3.
[12] Hierzu gibt es viele soziologische Schriften, doch die beste Zusammenfassung gibt Patricia Lockwoods fiktive Beschreibung des Portals: „Meistens geht es in dich, dich, dich, dich, bis sie nicht mehr wusste, wo sie aufhörte und die Masse anfing.“, in: Patricia Lockwood, No One Is Talking About This, London 2021, S. 11.
[13] Das „Infra-Ordinäre“ ist ein Begriff von George Perec. Als Mitglied der Gruppe Oulipo ist es wohl kein Zufall gewesen, dass sich Perec mit Écriture automatique beschäftigt hat. Vgl. Georges Perec, Träume von Räumen, übers. von Eugen Helmlé, Zürich-Berlin 2013.
[14] Hanna Arend, Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 1967.
[15] Richard Seymour, The Twittering Machine, London 2019.
[16] KIs schreiben Haikus: http://www.in-vacua.com/cgi-bin/haiku.pl . Und ich habe einen Text generiert, der mit ausgedachten KIs begann, die sich über das Haiku-Schreiben von Menschen beschwerten.
[17] Aus der App Talk to Transformer.
[18] Alan Turing, „Rechenmaschinen und Intelligenz“, übers. von Peter Gänzler, in: Intelligence Service, Berlin 1987, S. 149–182.
[19] Caroline Bassett, „The Computational Therapeutic: Exploring Weizenbaum’s ELIZA as a History of the Present“, in: AI & Society, Nr. 34, 2019, S. 803–812.
[20] Ken Hirschkop, Linguistic Turns 1890–1950: Writing on Language as Social Theory, Oxford 2019.
[21] Andrew Goodman, „The Secret Life of Algorithms: Speculation on Queered Futures of Neurodiverse Analgorithmic Feeling and Consciousness“, in: Transformations, Nr. 34, 2020, http://www.transformationsjournal.org/2020-issue-34-inhuman-algorithms/ .
[22] Laut Goodmans Untersuchungen wurden auch mündliche Überlieferungen geleugnet und delegitimiert, um Schreiben als einzigen Träger von Vernunft und Wahrheit zu etablieren.
[23] „Dieses Erleiden, diese Passion des Signifikanten wird von daher zu einer neuen Dimension der Conditio humana: sofern nämlich nicht einfach der Mensch spricht, sondern Es in dem Menschen und durch den Menschen spricht; sofern seine Natur eingewoben ist in Wirkungen, in denen die Struktur der Sprache, zu deren Material er wird, wieder auftaucht, und sofern die Relation des Sprechens in ihm Resonanz findet, jenseits von allem, was dem Vorstellungsvermögen der Vorstellungspsychologie zugänglich ist.“, Jacques Lacan, „Die Bedeutung des Phallus“, übers. von Chantal Creusot u.a., in: ders., Schriften II, Weinheim u.a. 1991, S. 119–132, hier S. 124.
[24] Sadie Plant, Zeros + Ones, London 1998.
[25] Sandy Stone, The War of Desire and Technology, Cambridge (MA) 1995. Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, übers. von Kathrina Menke, Frankfurt a. M. 2003.
[26] Vgl. Caroline Bassett, Sarah Kember, Kate O’Riordan, Furious. Technological Feminism and Digital Futures, London, 2020; Hélène Cixous, Das Lachen der Medusa, a.a.O.
[27] Audre Lorde, Sister Outsider, übers. von Eva Bonné und Marion Kraft, München 2021, S. 10.
[28] Janelle Shane, You Look Like a Thing and I Love You, London 2019.
[29] Für Jamesons passte der linguistic turn so gut zu seiner Zeit (den 1970er Jahren) aufgrund der „konkreten Ausprägungen“ des Lebens in einem Zeitalter der „starken Kommunikation“ mit dem „systematischen“ und körperlosen „Alptraum“, aus dem unsere Kultur besteht.
[30] GPT-3 „wurde mit beliebigen Daten aus dem Netz trainiert, weshalb in den Beispielen anstößiger Inhalt oder Sprache vorkommen können“. Vgl. die Erklärungen zu OpenAI auf GitHub. https://github.com/openai/gpt-3/blob/master/model-card.md und die ähnliche Vorwarnung auf den Inhalt von InferKit https://inferkit.com/docs/generation .
[31] „Wir können für immer stumm in der Ecke sitzen, während unsere Schwestern missachtet werden und unsere Erde vergiftet wird; wir können stumm wie Steine in unserer sicheren Ecke sitzen, aber es wird unsere Angst kein bisschen mindern.“, Audre Lorde, Sister Outsider, a.a.O., S. 37.
[32] Janelle Shane, You Look Like a Thing and I Love You. a.a.O.
[33] Whock/whock/whock/whock whock whock /whock/whock. (An AI knock-knock joke, under construction). Ebd. S. 13.
[34] Aus den InferKit-Nutzungsbedingungen vom 17.04.2020, https://inferkit.com/docs/terms-of-service .
[35] In den Debatten über Computerkunst gibt es unterschiedliche Meinungen zum Wesen von Kreativität im Allgemeinen und künstlicher Kreativität im Besonderen.
[36] Katherine Elkins und Jon Chun, „Can GPT-3 Pass a Writer’s Turing Test?“, in: Journal of Cultural Analytics, Nr. 14 September 2020.
[37] Die Schlussfolgerung liegt nahe, dass sich Turing über Geschlecht als strukturierende Teilung innerhalb der Sprache so stark bewusst war, dass der Test nicht überzeugend bestanden werden konnte, ohne dass die KI die Sprache „korrekt“ gegendert hätte.
[38] Vgl. Judith Butlers frühe Arbeiten zu Genderperformativität, in denen Geschlecht als widerkehrender Sprechakt sich nicht perfekt wiederholen lässt – und dadurch sowohl das Benannte queert (eine Störung der normativen Rollen) als auch die Produktion neuer Subjektivitäten ermöglicht.
[39] So würde es Beatriz Fazi formulieren. Ich übernehme für die Argumentation hier Fazis Denkansatz zu Ästhetik, vgl. Beatrice Fazi, „The Discrete and the Continuous“, in: Theory, Culture & Society, Bd. 36 (1), 2018, S. 3–26.
[40] Ich schreibe einen Text mit einer KI. So wird sie auf dem Bildschirm aufgezeichnet.
[41] InferKit ist „die nächste Generation des Stands der Dinge“ für Schriftsteller*innen auf der Suche nach Inspiration und die Entwickler:innen von Apps gleichermaßen. Es bietet Schnittstelle und API für Texterzeugung zwischen Kund:in und KI. A. D. King, „InferKit: Text Generation“, Fabric of Digital Life, 2020, https://fabricofdigitallife.com/index.php/Detail/objects/4688 .
[42] Oulipo, Surrealismus und andere Literatur- und Kunstströmungen haben sehr viel mit dem Schreiben mit Maschinen experimentiert. Schreiben, das als eine menschliche Eigenschaft angesehen wird, wurde seit Platon als ein Abgrenzungsmerkmal zum Künstlichen verwendet.