Sehnsucht ist niemals einfach. Sehnsucht kann als Verb, als ein Akt verstanden werden und zugleich eine Ideologie darstellen. Es ist Sehnsucht, wie Xiaowei R. Wang feststellt, die unsere Politik beeinflusst, „durch ihr Potenzial, Widerstand oder Freiräume für Verweigerung zu ermöglichen.“ In ihrem Essay Akte der Sehnsucht legt Wang die widersprüchliche Komplexität dieser Möglichkeiten offen, indem sie die Verwobenheit von US-amerikanischer Counterculture, libertärer Politik und territorialen Verhältnissen aufzeigt. Wangs Text ist ein Exempel für creative non-fiction und erzählt die Geschichte ihres Aufenthalts in der Küstengemeinde Bolinas, Kalifornien, während der anhaltenden Pandemie. Es ist auch die Geschichte, wie aus den Umweltbewegungen der 1960er Jahre eine libertäre politische Bewegung hervorging, die bis heute anhält. Diese beiden Erzählstränge helfen uns, Sehnsucht als einen vollwertigen Akt, einen Handlungsanreiz zu lesen, der uns über unsere Gewohnheiten hinaus bewegt und dabei neue Räume der Verweigerung eröffnen kann.
Eine Mondfinsternis lässt sich als Omen deuten, als Katalysator. Ähnlich wie die Turm-Karte im Tarot ist eine Mondfinsternis wie ein Buschfeuer, das auf seinem Weg alles versengt und zugleich Samen aktiviert, die dieser Hitze bedürfen, um wachsen zu können. Ich wache um drei Uhr morgens auf, um zu beobachten, wie sich der Vollmond in Glut verwandelt und schließlich ganz im Erdschatten verschwindet. Unserem Schatten. Ohne den hellen, gelben Schein des Mondes verdunkelt sich der Himmel, und die Milchstraße wird sichtbar.
Der Frühling ist fast zu Ende, und ich befinde mich eine Stunde vor San Francisco entfernt an der Küste von Marin County, in einer Ortschaft, die heute Bolinas heißt. Vor ein paar Wochen bin ich in diesem schläfrigen 1.500 Einwohner:innen zählenden Städtchen eingetroffen, um für ein paar Wochen als Hundesitterin zu arbeiten, einem Job, den ich ursprünglich auf Craigslist aufgetan hatte, um mir den Wunsch zu erfüllen, einmal am Meer zu leben. Da ich erst als Erwachsene schwimmen gelernt hatte, zog es mich ans Wasser, hing ich am glasklaren Blau des Pazifiks. Noch lieber würde ich im Meer leben. Jetzt werden die Tage wieder länger. In Kalifornien herrscht eine optimistische Stimmung angesichts der Lockerungen, die durch den Impferfolg möglich werden. Wo ich auch bin, höre ich Gespräche über neue Reisen, Partys und Sehnsüchte. In diesem Augenblick Ende Mai schaue ich auf den roten Mond und forme das Wort Sehnsucht mit den Lippen.
Desire is never simple, and as bell hooks writes, desire informs our politics, with the potential to make resistance or spaces of refusal possible.1 Desire is complex because it requires untangling desire as ideology versus desire as the continuous act of opening up space. In the US, we are taught desire as ideology through endless forms of storytelling; love is the fulfilment of desire, individual desire is the assertion of individual freedom, with fulfilment only possible once the desirer possesses or subsumes the desired. Like an ouroboros, desire can be endless return, blurring the line between the desired and the desirer. Individual desire is seen as the selfish assertion of personal freedom, opposed to a collective requiring conformity. Writing during the rise of Nazism, Erich Fromm reminds us that the binary framing of individual versus collective is necessary to authoritarian power – the only sense of liberation and open space is in choosing one or the other.2
Myths and rumours function as traces of desire; myths create a projection of what we desire to be. Like any northern Californian town on stolen land, Bolinas is filled with settler colonial myths of self-creation. As Eve Tuck and Rubén Gaztambide-Fernández write, “Settler colonialism is typified by its practiced epistemological refusal to recognize the latent relations of the settler colonial triad; the covering of its tracks. One of the ways the settler colonial state manages this covering is through the circulation of its creation story.”3
Writing about settler colonial logics and how they reproduce themselves does not require writing about Bolinas, and to say Bolinas is unique or special would only further its self-aggrandising creation myth. I write about Bolinas because it is a place that became part of my desire, and it is a place of loud, aggressive, collective desire — a potent desire that blurs the line between complicity and action.
Das Bild des amerikanischen Westens ist durchdrungen vom Mythos der Manifest Destiny, der „offenkundigen Bestimmung“, einer in den 1800er Jahren weit verbreiteten und sehr wirksamen Kulturideologie, die die amerikanische territoriale Expansion über den Kontinent enorm beförderte. Kate McCoy meint dazu: „Manifest Destiny lieferte ein wichtiges Argument für die Gewalt des Siedlerkolonialismus, insbesondere Gewalt in Form der Besitzergreifung des Landes indigener Völker und der Versklavung von Afrikaner:innen.“4 Der Grundgedanke dieser aus protestantischen Schöpfungsmythen hervorgegangenen Vorstellung bestand darin, dass das Menschsein der Herrschaft über Erde und Natur gleichkommt, der Zähmung der gewaltigen ‚Wildnis‘ zu gepflegtem Privatbesitz oder der Muße gewidmeten Schutzgebieten. Manifest Destiny ist eine eindeutig biblische Vorstellung, mit den erotischen Anklängen religiösen Eifers. Als Genre kommt Manifest Destiny in Westernfilmen zum Ausdruck: Ein einsamer Fremder, ein Christus-artiger Revolverheld kommt in eine Stadt an der Frontier, der amerikanischen Siedlungsgrenze, mischt sich unter die Einheimischen und kämpft gegen den Status quo, häufig mit einer Protagonistin an seiner Seite, die an Maria Magdalena erinnert. Meistens stirbt unser Held, genau wie Christus. Durch diese vertrauten Tropen sehen wir die Kehrseite der Sehnsucht – die Angst, die Neurose des Verlustes.
In Empire’s Tracks schreibt Manu Karuka von Gerüchten als „Prosa der Gegenherrschaft“, wobei „Gegenherrschaft“ eine Haltung der Siedler*innen ist, „ein Standpunkt der Reaktion auf eindeutige indigene Protokolle, die das Leben in den Räumen regeln, die die Vereinigten Staaten als ihr nationales Inneres beanspruchen.“5 Die normativen Werte großer, unsichtbarer Systeme werden durch Rituale verkörpert – Objekte, Medien, Hörensagen. Gerüchte spiegeln laut Karuka die ständigen Ängste der Siedler:innen wider; so handelte es sich bei den unter dem kursierenden Gerücht, die chinesischen Eisenbahnarbeiter:innen würden traditionelle chinesische Medizin mit den Stammesgruppen der Paiute teilen, um paranoide Vorstellungen von ethnischer Verdrängung, sei es durch indigene nordamerikanische Bevölkerungsgruppen, fremde Ethnien oder andere.“6 Sie verschwören sich gegen uns, heißt es.
Als erdachter Ort lebt Bolinas von Mythen und Gerüchten. In Nachrichtenberichten wird Bolinas häufig als geografisch und kulturell ‚abgehoben‘ dargestellt – eine Anspielung auf die New-Age-Kultur des Ortes. Zum Mythos des Ortes gehört auch, dass er auf Hippie-Prinzipien gegründet wurde. Dies zeigt sich insbesondere in Measure G, einer Petition, die mit 67 % der Stimmen angenommen wurde und Bolinas offiziell zur „gemeinschaftlich naturverbundenen Stadt“ erklärte. Bolinas hat den Ruf, über ein starkes Gemeinschaftsethos zu verfügen, was auch als Grund für die erfolgreiche Durchführung von Corona-Testmaßnahmen vor Ort angeführt wurde.7 Es ist ein Ort, der Wert auf ein lokales, reichhaltiges Kulturschaffen legt – so kursieren Gerüchte über Grateful Dead-Konzerte und durchreisende Künstler:innen und Dichter:innen wie Aram Saroyan.8
In letzter Zeit haben immer mehr Menschen Bolinas für sich entdeckt. Zu seinen Einwohner:innen gehören mittlerweile eine mit dem Oscar ausgezeichnete Schauspielerin und Regisseurin, philanthropische Multimillionär:innen, Technologie-CEOs und zwei Wölfe, gehalten von einer Gruppe von Leuten, die voll abfahren auf Ayahuasca. Bolinas hat seine ‚Abgehobenheit‘ durch seine selbst gewählte Abgeschiedenheit noch weiter verstärkt – Gerüchten zufolge wurde das Straßenschild am Highway 1, das die Abfahrt nach „Bolinas, 2“ anzeigt, wiederholt von Mitgliedern der selbsternannten Bolinas Border Patrol abmontiert und damit der Wunsch der Stadt untermauert, in Ruhe gelassen zu werden. In jüngster Zeit haben rechtsextreme Milizen, die auf der Verteidigung der US-Grenze bestehen, die Bolinas Border Patrol als Teil ihrer Konföderation bezeichnet, weil sie so etwas wie Kameradschaft entdeckt haben. Schafft die Bolinas Border Patrol ab.
In Bolinas wird man an jeder Ecke von einem handgemalten Schild ermuntert, die fortschrittlichen Werte von Frieden und Liebe zu teilen. Die Kehrseite dieser Bekundungen: Sehnsucht, ein Verlangen nach Frieden und Liebe, das schwer fassbar bleibt. Ich verkünde, was ich mir wünsche. Was ich mir wünsche, ist das, was ich nicht habe. Vorgegebene, vorherrschende kulturelle Werte sind so tief verwurzelt, dass sie nicht mehr ausgesprochen werden und es enormer Anstrengungen bedarf, um durch die tiefen Furchen der Gewohnheit auch nur ansatzweise ihre Form zu erkennen. Neue Werte gehen der Gewohnheit gegen den Strich, sie müssen verkündet und vorgetragen werden, erfüllt von der Angst vor Veränderung. Die Angst, die in den Gerüchten Bolinas zutage tritt, ist nervenaufreibend, in Panik mit einem Friedenssymbol erstarrt.
Bolinas liegt in Marin County in der Bay Area von San Francisco, auf Land, das eigentlich dem Stamm der Coast Miwok gehört. Marin County zählt zu den fünf wohlhabendsten Countys der Vereinigten Staaten und verfügt über einige der am wenigsten diversen Städte in der Bay Area. Bolinas selbst ist zu 90 % weiß. Geografisch gesehen liegt die Stadt auf der San-Andreas-Verwerfung, mit Klippen, von denen ständig das Geräusch abbröckelnder Felsen und ins Meer stürzender Kieselsteine zu hören ist. Die Ortschaft ist in zwei Bereiche aufgeteilt: das, was die Bewohner:innen als Mesa bezeichnen und wo die meisten leben, und die Downtown, in der sich eine Handvoll Geschäfte und Restaurants befinden. Durch die Gewalt der Eroberung durch die spanischen Missionen, die russischen Pelzhändler:innen und die amerikanischen Siedler:innen auf der Suche nach Gold, Holzgewinnung und Viehzucht gelangte Bolinas in den 1960er Jahren an einen weiteren kritischen Punkt, der einen generellen Wandel in der dominanten amerikanischen Kultur widerspiegelt.
Der Hippie-Mythos beruht auf freier Liebe und freiem Geist, entgegen den Interessen von Big Business und Staatsführung. Der Historiker Fred Turner hat Entstehung und Werdegang der Hippie-Kultur umfassend erforscht, insbesondere, wie aus der Hippie-Bewegung der 1960er Jahre das libertäre politische Bewusstsein der heutigen Tech-Kultur des Silicon Valley hervorging, die leere Freiheit um der Freiheit willen.
In einer Ausgabe des Whole Earth Catalog, einem einflussreichen Katalogwälzer der Hippie-Technokultur, kommt ein weiterer Manifest-Destiny-Mythos zutage. „Wir sind wie Götter“, schreibt Stewart Brand zwischen Katalogseiten, auf denen die Werkzeuge für diese Götter aufgeführt sind – Mokassins, Traktoren und Bücher. Gefangen in der Kurzsichtigkeit ihres historischen Augenblicks betrachtete die Hippie-Bewegung sich selbst als revolutionär, obwohl sie von ihrer Überzeugung her wahre Reaktionär:innen waren. Als Reaktion auf die Spießigkeit der amerikanischen Vorstädte der 1950er Jahre versuchten sie, eine Gegenkultur zu schaffen, die genau das war – eine Kultur, die sich gegen die herrschende Kultur und Ideologie richtete, unfähig, sich die Fülle einer neuen Welt vorzustellen.
Der Whole Earth Catalog spiegelte eine breitere Bewegung der Neuen Kommunalist:innen wider: Junge, weiße, vom ‚Chaos‘ des Lebens in der Stadt enttäuschte Hippies strömten in Scharen aufs Land.9 Städtisches Chaos und ländliche Idylle sind stets rassisch codiert. Bolinas wurde zum Epizentrum dieser Hippies: Charles Reich, der mit The Greening of America den klassischen Lobgesang auf die Gegenkultur der 1960er Jahre schrieb, bezeichnete sich selbst als „Zauberer von Bolinas Reef“, und Lloyd Kahn, beim Whole Earth Catalog zuständig für die Rubrik über den Selbstbau von Unterkünften, lebte in Bolinas. Die Neuen Kommunalist:innen hegten eine Nostalgie, sie sehnten sich nach einer illusionären Vorstellung von der Vergangenheit. Und genau diese Sehnsucht führte zur „größten Welle von Gemeinschaftsgründungen in der amerikanischen Geschichte“.10 In Bolinas entwickelten die Neuen Kommunalist:innen drastische politische Maßnahmen, die ihrer Vision von Gemeinschaft entsprachen.
Dazu meint Warren Weber, Gründer der Star Route Farms in Bolinas, der als Urvater des kalifornischen ökologischen Landbaus gilt: „Ende der 60er wollten viele Leute raus aus der Stadt. Das lag an Vietnam und all den sozialen Bewegungen damals, der Anti-Establishment-Szene ... Im Grunde waren es eine Menge ziemlich gebildeter Leute, die wie ich in den 50er Jahren in der Generation der grauen Flanellanzüge aufgewachsen waren und versuchten, etwas anderes zu machen. Es zog uns nach Bolinas ... Die frühen Jahre, die 70er, waren einfach großartig. Wir waren im Grunde Autodidakt:innen und haben voneinander gelernt.”11
Bolinas ist so schön, warum sollte man hier wegwollen?
Wenn diese Neuen Kommunalist:innen wirklich glaubten, die Gesellschaft verändern zu können, warum zogen sie dann eine Grenze um eine isolierte Gemeinschaft, anstatt engagiert Politik zu betreiben? Im Zentrum ihrer Theorie des Wandels stand die Idee des Bewusstseins, ein an Thoreau erinnerndes Projekt der Autarkie, der Selbstheilung, um mit der Heilung anderer beginnen zu können. Auf zahlreichen Schildern in der Innenstadt von Bolinas wird gepredigt, sich selbst zu heilen bedeute, den Planeten zu heilen; die Welt zu verändern, beginne damit, sich selbst von innen heraus zu verändern. „Ironischerweise führte die Tatsache, dass die Neuen Kommunalist:innen das Bewusstsein zur Grundlage ihrer Gemeinschaft erklärten, dazu, dass sie den Rassismus, den Sexismus und sogar die Klassenunterschiede des amerikanischen Mainstreams replizierten … Langsam aber sicher gelangten die Neuen Kommunalist:innen zu einem neuen, narzisstischen Verständnis: Die Welt war in der Tat ein ganzes System, ebenso wie die einzelnen Individuen darin … Es war, kurz gesagt, etwas zu einfach, davon auszugehen, dass das eigene, intime persönliche Umfeld tatsächlich die ganze Erde darstellt“, schreibt Turner.12 So kehrten diese Neuen Kommunalist:innen zum Liberalismus zurück – der Weigerung anzuerkennen, dass selbst Begriffe wie das ‚Persönliche‘ oder ‚Private‘ im Kontext eines umfassenderen Systems geprägt werden.
Diese Betonung des inneren Bewusstseins ist mit einem Umweltbewusstsein verbunden, das auf zutiefst beunruhigenden, konstruierten Vorstellungen von Natur und Umweltverschmutzung fußt. Der Ort der Macht basiert bei dieser Form des Umweltschutzes auf der Bewahrung von Weißsein, Grenzen und Privateigentum. Wie der Wissenschaftler Richard White schreibt, beruhten die ersten Naturschutzbewegungen auf dem Bild des weißen Mannes in der unberührten Wildnis, der Vision einer ‚reinen‘ Natur, die erst konstruiert werden musste, um sie dann als Erholungsraum bewahren zu können.13 Diese imaginierte Natur mit all ihren fremdenfeindlichen Implikationen gibt es nach wie vor. Naturschutzorganisationen wie der Sierra Club waren zutiefst migrationsfeindlich, wobei im Mittelpunkt dieser als Ökologie getarnten Politik die fiktive Vorstellung einer „Bevölkerungsexplosion“ stand, der zufolge Überbevölkerung zu weit verbreiteten Hungersnöten und ökologischer Zerstörung führen würde.14 Dieses Argument von der „Überbevölkerung als Umweltzerstörung“ wurde unter rechtsgerichteten und linken Umweltschützer:innen populär, die Bevölkerungswachstum und Entwicklung mit Umweltzerstörung gleichsetzten. Mit dem Bevölkerungswachstum war die Vorstellung verbunden, dass nicht-weiße Bevölkerungsgruppen zahlenmäßig überlegen sein und die weiße Vorherrschaft stürzen würden. Die Ideen von J. I. Rodale, dem Autor, der die Bewegung des Neuen Kommunalismus in Richtung ökologische Landwirtschaft beeinflusste, spiegelten diese Angst vor dem Niedergang der weißen ‚Rasse‘ wider, propagierten den Anbau von Biolebensmitteln aufgrund der Zunahme von Erkrankungen in den USA und führten dazu Vergleiche mit den sogenannten ‚primitiven‘ Bevölkerungsgruppen Asiens und Afrikas an.15 Umweltschutz bedeutete, den Status quo der Siedler:innen zu schützen.
In Bolinas übernahmen die Neuen Kommunalist:innen die Versorgungswerke der Gemeinde Bolinas und erhielten damit die Macht über die Infrastruktur der Ortschaft. Ihr zentrales Anliegen sollte die Rettung der Umwelt sein. Viele Orte nutzen die Einteilung in Zonen zur Regelung von Wohn- und Siedlungsbau. Bolinas beschloss, die Zoneneinteilung zu nutzen, um den Zugang zu Wasser zu regeln – dem wichtigsten Element für das Leben auf der Erde. Am 26. November 1971 wurde ein Beschluss gefasst, der den Anschluss neuer Wasserleitungen an die städtische Wasserversorgung untersagte. In der Präambel zu diesem Wassermoratorium finden sich folgende Begründungen: Umweltschutz und die Begrenzung des „chaotischen Zustroms an Menschen, der das bestehende empfindliche ökologische Gleichgewicht zerstören könnte”.16
“Das Moratorium sollte dem Bevölkerungswachstum durch einen Baustopp Einhalt gebieten“, schrieb Marguerite Kirk Harris, eine Einwohnerin.17 „Diese Maßnahme des [damals] kürzlich gewählten Public Utilities Board spiegelte die Einstellung der Gemeinde im Hinblick auf Umweltbedenken wider, die nach den jüngsten Maßnahmen zur weiteren Erschließung und Kommerzialisierung der Gegend aufgekommen waren … Das taktische Vorgehen zur Wahrung des Moratoriums führte zu einer Verschlechterung der Wasserversorgung, unzureichendem Brandschutz und einer stärkeren Belegung von minderwertigen, illegalen Behausungen.”18
Ein Grundpfeiler der Identität von Bolinas waren die Ansichten seiner Community und die Macht der Menschen über politische Maßnahmen auf County-Ebene. Das Moratorium war nicht nur aus Gründen des Umweltschutzes populär, sondern auch bei den Bewohner:innen beliebt, die sich gegen die Idee sträubten, das Wasserversorgungs- und Abwassernetz an das der Nachbargemeinde anzuschließen und Bolinas so mit dem Rest des Countys zu verbinden. 1975 wurde ein Planentwurf für Marin County, der mehr Wasserspeicher für Bolinas vorsah und eine Wachstumsklausel von 14 neuen Häusern pro Jahr enthielt, von Bolinas‘ Neuen Kommunalist:innen niedergeschlagen.19
Die Aktivistin und Wissenschaftlerin Laura Pulido weist uns darauf hin, dass racial capitalism20 über Land funktioniert: die Aneignung und Inbesitznahme von indigenem Land und die Kontrolle darüber, wer durch privaten Grundbesitz Zugang zu Land hat.21 „Eigentumsrecht ist eine Technologie des Siedlerkolonialismus“, schreibt la paperson, und es ist nicht nur das Eigentum oder der Boden selbst, der in Besitz genommen werden kann, sondern alles darauf – die Infrastruktur, das Wasser und die Umweltverschmutzung.22
We like to think that under duress, we will be the heroic individuals that we think we are inside. The truth is that under pressure, we revert to our habits, the values we practice every day. In the imagined apocalypse, we want to be the one who still recognises our relation to others. At the start of the pandemic, city dwellers flocked to Bolinas for day trips, looking to leave their apartments for time in the ocean. Bolinas Border Patrol took it upon themselves to stage a protest against visitors, holding signs – “If you don’t live here, don’t come here”; “TOWN IS CLOSED” – and cheering when startled visitors turned around. Even before the pandemic, the town’s cloistered attitude verged on the xenophobic. These signs are examples of a deep, longstanding race and class gap in access to coastal areas, as highlighted in a report published by UCLA, a gap that organisations like Brown Girl Surf, Black Girls Surf are trying to address.23 In contrast to the New Communalists who championed environmental conservation, “environmentally reverent” is the phrase Brown Girl Surf uses to describe their mission. Joy overwhelms the ideology of desire, turning doctrine into an open space for awe and pleasure.
During my dog-sitting stint, I attend two parties. I meet other residents of the town. I hear fables. Current residents have a multi-generational rumour that the Coast Miwok never lived in Bolinas and that it was a place of temporary residence for healing. If you stay too long, for more than seven years, they say, you go crazy. Whatever crazy means to you.
Unprompted, the residents I meet all apologetically bemoan the lack of diversity and the sense of privilege they feel to live in Bolinas. I cannot think of anything to say. I want to say, if you feel so guilty, give up your house. Pay estate tax. See the system that you are part of that you benefit from.
In conversations, I laugh, sometimes full and other times hollow. I go on long silent walks with my dog companion. Through wisps of tall grass, I find the tiny purple flowers of wild radishes. When I stare at the ocean, I notice I am holding my breath, overwhelmed. I learn that Glaucus is the Greek god of fishermen – glaucus, meaning a stormy sea-grey, the colour of peach fuzz in sunlight, the colour of yeast on muscat grapes at sunset.
Der Mondfinsternis wird nachgesagt, sie steigere die Sehnsucht, und könne die Durchführung von magischen Mondriten erschweren. Ein Teil der Magie besteht darin, die Sehnsucht nicht zu kultivieren, sondern zu erkennen, wie Beziehungen und Räume geschaffen werden können, wenn man etwas ersehnt, und wie Sehnsucht als Ideologie unseren Status quo repliziert. Verweigerung bedeutet, Sehnsucht als eine Handlung zu begreifen, die Raum für Vergnügen, für Liebe, für die Bejahung anderer öffnet. Einer der ersten Neuen Kommunal:isten von Bolinas, Orville Schell, bezeichnete hinsichtlich der Sehnsüchte der 1970er Jahre Bolinas als einen Ort, um Gemeinschaft neu zu denken. Für Schell bestand die gewünschte Gemeinschaft in einer ausreichend kleinen Gruppe von Menschen mit gleicher Gesinnung. Die Gewohnheit der Sehnsucht, die Gewohnheit der Auslöschung von Unterschieden.
Das Mondlicht braucht 1 1/3 Sekunden, um die Erde zu erreichen. Mondlicht ist vom Mond reflektiertes Sonnenlicht. Eine Transmutation, eine Alchemie aus Photonen. Bei einer Vollmondfinsternis wird spürbar, wie die Alchemie des Mondes Logik und Raum aus dem Gleichgewicht bringt, wie sie Sehnsucht als Ideologie erschüttert. Sehnen als umfassende Handlung lässt uns unsere Gewohnheiten überwinden und eröffnet neuen Raum für Verweigerung, Räume der Verweigerung mit einem ganz eigenen Vokabular. Jenseits der Gewohnheit von Sehnsucht als Ideologie befindet sich stattdessen Gemeinschaft als Raum, der Schaden fernhält, Gemeinschaft mit dem Land, Ehrfurcht statt Kostbarkeit.24 Gemeinschaft, in der Differenz nicht zur Einheit verflacht wird. Gemeinschaft, die den Mond widerspiegelt – eine Dimension der Veränderung und Verbindung, die immer da ist, ob wir daran denken oder nicht.
- 1 b. hooks, ‘Eating the Other: Desire and Resistance’, in Black Looks: Race and Representation, Boston, South End Press, 1992, pp. 21–39.
- 2 E. Fromm, ‘Selfishness and Self-Love’, Psychiatry: Journal for the Study of Interpersonal Process (The William Alanson Psychiatric Foundation), vol. 2, 1939, pp. 507–23.
- 3 E. Tuck & R. A. Gaztambide-Fernández, ‘Curriculum, Replacement, and Settler Futurity’, Journal of Curriculum Theorizing, vol. 29, no. 1, 2013, pp. 72–89, https://journal.jctonline.org/index.php/jct/article/viewFile/411/pdf .
- 4 Vgl. Kate McCoy, „Manifesting Destiny: A Land Education Analysis of Settler Colonialism in Jamestown, Virginia, USA“, in: Environmental Education Research, Band 20, Nr. 1, 2. Januar 2014, S. 82–97, https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/13504622.2013.865116 .
- 5 Vgl. Manu Karuka, Empire’s Tracks: Indigenous Nations, Chinese Workers, and the Transcontinental Railroad, Berkeley 2019, S. xii.
- 6 Vgl. ebd., S. 5.
- 7 Nathan Heller, „The Town That Tested Itself“, in: The New Yorker, 20. Mai 2020, www.newyorker.com/news/california-chronicles/bolinas-california-the-town-that-tested-itself-for-the-coronavirus .
- 8 Dan Chiasson, „What the Bolinas Poets Built“, in: The New Yorker, 31. Mai 2021, www.newyorker.com/magazine/2021/05/31/what-the-bolinas-poets-built .
- 9 Vgl. Fred Turner, „The Politics of the Whole — Circe 1968 and Now“, in: Detlef Diederichsen und Anselm Franke, The Whole Earth: California and the Disappearance of the Outside, Berlin 2013. Name der deutschen Publikation: The Whole Earth. Kalifornien und das Verschwinden das Außen, Berlin 2013.
- 10 Vgl. ebd., S. 44.
- 11 Vgl. Warren Weber, Essay and Reflections from Warren Weber, https://evolutionoforganic.com/wp-content/uploads/2018/04/2-warren-weber-essay.pdf .
- 12 Vgl. Fred Turner, S. 45.
- 13 Richard White, „’Are You an Environmentalist, or Do You Work for a Living?’: Work and Nature“, in: William Cronon (Hg.), Uncommon Ground: Rethinking the Human Place in Nature, New York 1996, S. 171–185.
- 14 Vgl. Susie Cagle, „Anti-Immigration White Supremacy Has Deep Roots in the Environmental Movement“, in: Mother Jones, 19. August 2019, www.motherjones.com/politics/2019/08/anti-immigration-white-supremacy-has-deep-roots-in-the-environmental-movement/ .
- 15 Vgl. J.I. Rodale, The Encyclopedia of Common Diseases, Emmaus 1976, https://archive.org/details/encyclopediaofco00jir_ntn/ .
- 16 Vgl. Marguerite Kirk Harris, „Radical environmental protectionism in a small community: a study of the Bolinas water moratorium“, Masterarbeit, Montana State University, 1977, https://scholarworks.montana.edu/xmlui/bitstream/handle/1/5315/31762100141991.pdf .
- 17 Vgl. ebd.
- 18 Vgl. ebd.
- 19 Vgl. ebd.
- 20 Der Begriff racial capitalism wurde Anfang der 1980er Jahre von Cedric R. Robinson eingeführt, um auf den Zusammenhang von Rassismus, Kapitalismus und Ausbeutung zu verweisen.
- 21 Laura Pulido, „Geographies of Race and Ethnicity II: Environmental racism, racial capitalism and state-sanctioned violence“, in: Progress in Human Geography, Band 41, Nr. 4, 13. Mai 2016, S. 524–33, https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/0309132516646495?journalCode=phgb .
- 22 Vgl. la paperson, A Third University Is Possible, Minneapolis 2017.
- 23 J. Christensen & P. King, ‘Access for All: A New Generation’s Challenges on the California Coast’, 25 November 2017.
- 24 Die Wendung „ein Raum, um Schaden Einhalt zu gebieten“ („a space to hold harm“) habe ich das das erste Mal von Anooj Bhandari von Liminal Lab gehört.

