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Photo by Dmitri Bayer

Über zwei Seiten derselben Medaille, von Boaz Levin und Vera Tollmann

14.01.2018

Biometrische Technologien sind auf dem Vormarsch. Ihre Anwendung ist breit gefächert: Gesichtsscans anstelle von Passwörtern, Iriserkennung anstelle von Geldkarten, Fingerabdrücke anstelle von Pässen. Wert wird zunehmend an Gesichter geknüpft – und Gesichter steigen im Wert. Boaz Levin und Vera Tollmann, Theoretiker_innen und Mitgründer_innen des Research Center for Proxy Politics, erkunden den „symbolischen Wert“ von Identität. Jener folgt aus Soft- und Hardware, in der die eigene „digitale Identität und der physische Körper [...] eng miteinander verschränkt“ werden und eine virtuelle Vertretungsinstanz [proxy] ins politische Feld eintritt. Kann die Eins-zu-Eins-Beziehung zwischen Selbst und Vertretungsinstanz durch Formen der Verschleierung verzerrt werden? Was geschieht, wenn das Gesicht auf dem Bildschirm zurückschaut?

Roman coins. Photo by Nikita Andreev on Unsplash

Auszüge aus Stefan Heidenreichs neuem Buch über eine post-monetäre Zukunft

Stefan Heidenreichs kürzlich im Merve Verlag erschienenes Buch trägt den Titel Money. Es stellt nicht direkt eine Polemik gegen Geld dar, sondern vielmehr eine Spekulation darüber, dass wir Geld vielleicht gar nicht mehr benötigen. Obwohl die Idee, dass Währungen bald obsolet sein könnten, für viele neu sein mag, schreibt Heidenreich, dass wir uns wahrscheinlich bereits in der ersten Phase eines Medienwechsels befinden, der zu diesem Punkt führt. Dank der komplexen Informationsinfrastrukturen, die für die Dokumentierung von Transaktionen entwickelt wurden, um Konsumentenverhalten mit Identitäten zu verknüpfen und zukünftige Tauschhandel vorauszusagen, ist die Basis für eine neue Art der Wirtschaft bereits geschaffen. Heidenreich erkundet mögliche Funktionsweisen dieses Systems, teilweise basierend auf ausgeklügelten „matching“ Formeln, die in ein Zeitalter führen, das fairer und gleichberechtigter sein könnte – jedoch auch in völlig neuem Maße ein Potenzial für Monopolisierung und Kooption birgt.

Cornelia Sollfrank über Cyberfeminismus, gestern und heute

In den 1990er Jahren ersannen Cyberfeminist_innen einen neuen Feminismus für das 21. Jahrhundert. Inspiriert von den noch unerforschten Möglichkeiten digitaler Netzwerktechnologien verbreitete sich Enthusiasmus zusammen mit der Idee, dieses neue imaginäre Gebiet aus Einsen und Nullen könne Diskriminierung auf körperlicher und materieller Ebene obsolet machen und somit neue Formen des Widerstands bieten. In diesem Text, der zuerst in across & beyond—Post-digital Practices, Concepts, and Institutions erschien, blickt die zukunftsweisende Cyberfeministin Cornelia Sollfrank zurück auf die verschiedenen Ausprägungen des Cyberfeminismus in den 1990er Jahren – um die Frage aufzuwerfen, wie diese auch heute gelebt und angewandt werden können.  

Friedrich Kittler bei der transmediale.07 unfinish!

Friedrich Kittlers Keynote von der transmediale 2007 erstmals im Transkript

Was ist das Verhältnis zwischen Computeralgorithmen und kreativem Schaffen? Kann letzteres durch erstere erreicht werden? Ist ihre Beziehung an einen historischen Zeitpunkt gebunden, an aktuelle Neuerungen in der Technologie, oder gibt es vielmehr uralte Verbindungen zwischen mathematischen Einschränkungen und dem kreativen, philosophischen Hinterfragen des Universums? In seiner Keynote bei der transmediale 2007 durchdrang Medientheoretiker Friedrich Kittler (1943-2011) all diese (und viele weitere) Fragen. Der Vortrag und das anschließende Publikumsgespräch, moderiert von Informatikprofessor Wolfgang Coy, werden hier erstmals transkribiert zur Verfügung gestellt.

Ásdis Thoroddsen (dffb class of 1983) with a selection screen from Mutabor III/Videolabyrinth, playing during VideoFest 1988 at MedienOperative, Potsdamer Str. 96. Photo: Friederike Anders.

Friederike Anders über transformative elektronische Kunstwerke im Berlin der 1980er

Die Deutsche Film- und Fernsehakademie (dffb) war in den 1980er Jahren ein Zentrum lebhafter künstlerischer und intellektueller Diskurse. Inspiriert vom Punk experimentierten dort Student_innen und Professor_innen mit neuen elektronischen Medien, mit deren Hilfe sie traditionelle Erzählformen aufbrachen und Arbeiten schufen, die auf große Resonanz in der internationalen Kunstszene stießen.  

Der Direktor der dffb, Heinz Rathsack, war daran interessiert, mit der Zeit Schritt zu halten;  im Februar 1985 lud er den angesehenen ungarischen Filmemacher Gábor Bódy ein, in einem Seminar seine Gedanken zu nicht-narrativen künstlerischen Arbeiten und der Zukunft des digitalen Bildes zu teilen. Bódys oftmals esoterische Ideen dienten den Student_innen als Inspiration für die Projektreihe Zeittransgraphien – und für eine spätere Serie aus drei Arbeiten mit dem Titel Videolabyrinth. Konzipiert wurde dieses Projekt für interaktive Videodisks – ein Medium, das Bódy nachhaltig faszinierte. Während der Produktion der ersten Arbeiten starb Bódy jedoch unter mysteriösen Umständen, was den Experimenten mit zeitlicher Sequenzierung eine unheimliche Symbolik verlieh.  

Friederike Anders, damals Studentin an der dffb, erinnert sich vor dem Hintergrund von globalen Ereignissen wie auch der weiteren Entwicklung der Akademie an den Entstehungsprozess der Kunstwerke.

Workshop: 36 15 Circuit Bending [Minitel Hacking], Foto: Maria Silvano, www.mariasilvano.com

Gedanken zur Entwicklung eines ganzjährigen Festivalprogramms von Tatiana Bazzichelli

Von 2011 bis 2014 gestaltete Tatiana Bazzichelli das Veranstaltungsprogramm reSource transmedial culture berlin mit, das Projekte rund um die transmediale aufgegriffen und erweitert hat. In der vorliegenden ausführlichen Auseinandersetzung (die 2016 bereits im Band across & beyond publiziert wurde) beschreibt Bazzichelli das Projekt als einen Versuch: als ein Experimentieren mit den Möglichkeiten der Interaktion, der Ergänzung und wechselseitigen Unterstützung zwischen Institutionen und Kulturnetzwerken in einer durchgängigen, über Einzelveranstaltungen und Festivals hinausgehenden Programmgestaltung. Da Bazzichelli in den gleichen Jahren auch Kuratorin für das transmediale-Festival war, ist ihre Perspektive in beiden Programmkontexten verortet und ermöglicht eine Metareflexion des aufregenden und manchmal chaotischen Austauschs.