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Malraux's Shoes by Dennis Adams

Nick Thurston fragt, inwiefern sich der Umgang mit Dokumenten als künstlerische Geste denken lässt. 

13.08.2018

Inwiefern lassen sich Akte der Wiederherstellung, Wiederveröffentlichung und Zugänglichmachung von Dokumenten als künstlerische Gesten denken?
Was passiert beim erneuten Veröffentlichen von bereits publizierten Dokumenten?
Für Hate Library, eine Installation im Rahmen der transmediale 2018, hat Nick Thurston öffentlich zugängliche Social Media- und Webforums-Diskussionen zwischen Mitgliedern rechtsextremer Gruppen aus ganz Europa in einen Ausstellungsraum überführt. 
Bezugnehmend auf Harun Farockis politische Filmtradition, Lisa Gitelmans Soziologie der Dokumente, Eyal Weizmans Forensische Ästhetik, Methoden des File Sharings und Leakings wie auch auf seine eigene Praxis untersucht Thurston, wie Dokumente durch ihr "soziales Leben" zu Gegenständen des öffentlichen Interesses werden können – über ihre Wiederveröffentlichung, Weiterverbreitung und die Auseinandersetzung mit ihnen.

 

manuel arturo abreu on opacity in the face of the other

In 1895, viewers of the Lumière brothers' 50-second film L’Arrivée d’un train are said to have stampeded out of the theater when a train raced toward them on the projection screen. Unaccustomed to the cinematic experience, they couldn't help but take the image of the train for the real thing. The Lumière Effect, named after this supposed occurrence, describes the phenomenon of mistaking representation for reality. In this essay, the poet and artist manuel arturo abreu compares this (Western) myth of image-reality overlap to the "over-mediated" nature of how the West interprets the face of the Other. This face is a site of projection for Western anxieties, guilt, and fear: a fear that implies having always-already called for State protection. Through a reading of Emmanuel Levinas and Édouard Glissant, abreu suggests strategies of opacity to resist the "violence of the metaphor" of the face. 

Das Blockchain-Massaker in Cripplegate von Stewart Home

Stewart Homes dystopische Finanzfiktion

Der Protagonist dieser Kurzgeschichte vertraut niemandem. Er schwimmt in Geld, das er durch Investitionen in Kryptowährung gewonnen hat, ist finanzbesessen und an Menschheit und Menschlichkeit desinteressiert. Die Geschichte ist nur wenige Jahre in der Zukunft angesiedelt, nachdem die Kryptofinanzwelt schon einige Entwicklungsphasen durchlaufen hat. Die Hauptfigur hat mit ihren Kryptoprofiten eine Penthouse-Wohnung in einem Londoner Immobilienmonster namens The Denizen gekauft. Das London in Homes Erzählung ist im Schatten solcher Immobilienprojekte versunken. Sein Protagonist ist das Paradebeispiel für die Entmenschlichung der zügellosen Gewinnsucht, die allein aus Kapital immer neues Kapital schöpft. Als er einen Unfall hat und seine Finanzen zusammenbrechen, nimmt dieser namenlose Investor Rache.

Image: Wikimedia Commons

Faisal Devji entwirft eine Alternative zur Politik der Sichtbarkeit

Wie können wir aus der Masse an heute verfügbaren Informationen noch Bedeutung zusammensetzen? Wie können Daten verlässlich in so etwas wie Wahrheit umgesetzt werden, wenn es schon als Herkulesarbeit erscheint, Fehlinformationen zu erkennen? Je nach Überzeugung und Agenda bedeutet Wahrheit mittlerweile ganz Unterschiedliches – für einige ist sie das, was an der Oberfläche bereitliegt, während sie für andere tief unter Zahlen und Meinungen begraben scheint und mühsam hervorgeholt werden muss. In seinem Essay beschreibt Faisal Devji diesen Umstand als „Begehren und zugleich Ernüchterung in Bezug auf das Leben an der Oberfläche“. Devji argumentiert, dass neue und stärkere Arten von Bedeutung produziert werden könnten, wenn die Oberfläche von einem vermeintlichen Ort der Sichtbarkeit in „ein Feld des Spiels und der Illusion“ umgewandelt würde. Durch Esoterik und Skepsis, so schreibt er, könnte das Mysterium der Bedeutung wiederhergestellt werden – anstelle der Fetischisierung von entweder Sichtbarkeit oder Enthüllung.

Image by Samuel Zeller

Ana Teixeira Pinto über den Todestrieb von Shitpostern

Eine rachsüchtige künstliche Intelligenz – Rokos Basilisk, eine in Online-Foren heraufbeschworene Figur – bildet den Einstieg in Ana Teixeira Pintos Analyse eines psychologischen Zustands, der durch Online-Interaktionen begünstigt wird und zu scheinbar widersprüchlichen Haltungen geführt hat: völlig paranoid und zugleich vollkommen distanziert. Gefühle der Entmündigung, gekoppelt an die empfundene Allmacht, die das Internet zu verleihen scheint, haben in apokalyptischen Fantasien eine symbolische Form gefunden. Diese Verblendungen sind von quasi magischer und hyperstitioneller Beschaffenheit und zu einer Ideologie verschmolzen, die ebenso religiös wie logisch erscheint, trotz des Beharrens ihrer Anhängerschaft auf dem Primat der deduktiven Vernunft. Mit einer Reihe von Double Binds konfrontiert, werden einige Bevölkerungsteile schließlich in Reaktion auf ihre eigene Machtlosigkeit „Gewalt und Soziopathie“ befürworten, trotz des Versprechens der ungebundenen individuellen Macht im Informationszeitalter.

Photo by Dmitri Bayer

Über zwei Seiten derselben Medaille, von Boaz Levin und Vera Tollmann

Biometrische Technologien sind auf dem Vormarsch. Ihre Anwendung ist breit gefächert: Gesichtsscans anstelle von Passwörtern, Iriserkennung anstelle von Geldkarten, Fingerabdrücke anstelle von Pässen. Wert wird zunehmend an Gesichter geknüpft – und Gesichter steigen im Wert. Boaz Levin und Vera Tollmann, Theoretiker_innen und Mitgründer_innen des Research Center for Proxy Politics, erkunden den „symbolischen Wert“ von Identität. Jener folgt aus Soft- und Hardware, in der die eigene „digitale Identität und der physische Körper [...] eng miteinander verschränkt“ werden und eine virtuelle Vertretungsinstanz [proxy] ins politische Feld eintritt. Kann die Eins-zu-Eins-Beziehung zwischen Selbst und Vertretungsinstanz durch Formen der Verschleierung verzerrt werden? Was geschieht, wenn das Gesicht auf dem Bildschirm zurückschaut?