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Caspar Stracke über Jeanne Finleys Videolinguistik

Im Rahmen des 30-jährigen Jubiläums der transmediale wählte Florian Wüst das Werk Involuntary Conversation (1991) von Jeanne Finley aus, um es im Zuge des Projektes Activating the Archive, einem kuratorischen Bestreben von ihm und Kristoffer Gansing, zu erforschen. Durch linguistische Analyse und einen Blick auf die Geschichte von politischem Kauderwelsch seziert Künstler, Filmemacher und Kurator Caspar Stracke das in Finleys Werk angewandte „Doublespeak“ — eine Überlagerung von Text, Bild und gesprochenem Wort, die durch die damals neuen technologischen Entwicklungen möglich gemacht wurde. Involuntery Conversion ist ein Musterbeispiel für die Videokunsttechniken der frühen 90er Jahre, aber wie Stracke im folgendem Essay überzeugend argumentiert ist Finley’s Aufmerksamkeit für die Fähigkeit der Sprache Dinge zu verschleiern heute in diesem Jahrhundert noch immer von Bedeutung.

Jussi Parikka berichtet aus dem Labor und aus der Bibliothek

Was ist ein Media Lab? Und was ist eigentlich eine Bibliothek? Was ist ein Archiv? Und ein Experiment? Diese Fragen motivierten Jussi Parikka zu einem gemeinsamen Forschungsprojekt mit Lori Emerson und Darren Wershler, das allen Beteiligten ein weites Feld der Auseinandersetzung eröffnete. In diesem Essay aus dem kürzlich publizierten Band across & beyond berichtet Parikka aus dem Labor und aus der Bibliothek – vom MIT bis nach Agbogbloshie, von der Kunstausstellung bis zum Startup-Zentrum – und entwickelt so eine Vorstellung von der Vergangenheit und Zukunft des Media Labs.

Kristoffer Gansing über das Erfinden von Vergangenheit

Wie alle historischen Zeitstempel ist auch 1995 als Jahr ein „Fluchtpunkt“ den wir erst aus heutiger Perspektive als solchen ausmachen können, so erläutert Kristoffer Gansing in diesem Essay. Die Gegenwart schreibt die Vergangenheit. In diesem Sinne nähert sich Gansing im folgendem Essay, der ursprünglich für das Buch across & beyond (herausgegeben 2016 bei Winchester School of Arts, Sternberg und transmediale), diesem besonderen Jahr, das nicht nur ein zentrales in der kulturellen Vorstellung, sondern insbesondere in der Geschichte der transmediale ist. Gansing, seit 2012 künstlerischer Leiter des Festivals, bereist in diesem Essay die Entwicklung des Festivals im Wandel der Zeit, im Kontext der weltweiten Medienevolution in den Bereichen Medienkunst und –theorie und greift dabei unterwegs überraschende Geschichten auf.

Fiona Shipwright enwirrt ein Netz an Verbindungen in Labor Neunzehns neuem Archiv-Remix-Projekt

Der "Beenden-Bildschirm" des Nintendo Classic hat mit dem Warnhinweis “everything not saved will be lost.” die Zukunft digitaler Archive vorweg genommen. In der Tat werden digitale Artefakte, von denen wir dachten sie gespeichert zu haben, oftmals verloren oder verschüttet – oder es wird nach einem System-Update unmöglich, auf die Daten zuzugreifen. Den Pfad auf dem Informations-Super-Super-Highway aufrechtzuerhalten und zu pflegen ist ein niemals aufhörendes Spiel, ein ewiges Hinterherhinken.
Das Berliner Künstlerduo Alessandro Massobrio und Valentina Besergher, welche unter dem Namen Atelier Labor Neunzehn zusammenarbeiten, haben das digitale Archivierungsprojekt All Sources Are Broken erschaffen, das eine spielerische Antwort zu dem zerrissenen und zerrütteten Netz von Quellen und Zitaten, welches den Online- und Printbereich durchkreuzt.

Sarah Sharmas Keynote über technologisch unterstützen Eskapismus, Gefangensein und die männliche Fantasie des (S)exit

Was macht ein echter Mann, wenn es zu Hause hart auf hart kommt? Er geht raus und kauft sich Zigaretten. So zumindest lautet die Männerfantasie, wie Sarah Sharma es in ihrer Keynote für den jährlichen Marshall McLuhan Salon, eine Kollaboration zwischen transmediale und der Kanadischen Botschaft, erklärt. Die Männerfantasie des Verlassens, des Sich-Zurück-Ziehens, des "Exit" oder Sexit, wie Sarah Sharma sie betitelt, erfüllt das maskuline kulturelle Imaginäre auf jeder gesellschaftlicher Ebene, vom häuslichem bis hin zum politischen Bereich. Nach Grexit und Brexit sollte es reichlich klar sein, dass "herausziehen", also einen Rückzieher machen, eine täuschend einfache Lösung für die Irrungen und Wirrungen des realen Lebens sind und dass darüberhinaus diese priviligierte Strategie Männern vorbehalten ist. In folgendem Essay präsentiert Sharma die wesentlichen Punkte ihres faszinierenden, herausfordernden und ihres konzeptionell wertvollen Vortrags.

Arielle Bier tauscht sich mit dem Künstler über Identität, Hexerei und über die Heilung der Welt aus

Für transmediale 2017 präsentierte Multimedia- und Performance-Künstler Johannes Paul Raether im Rahmen der Gruppenausstellung "alien matter" seine neueste Installation Protekto.x.x. 5.5.5.1.pcp (2016), welche die Smartphone-Fetischkultur untersucht. Raether nahm neben Steve Kurtz und Diana McCarthy auch in der Kexnote Conversation “Strange Ecologies: From Necropolitics to Reproductive Revolutions” teil, in welcher sie Tod und Reproduktion im Zeitalter des Kapitalozäns diskutierten. In diesem Interview mit Autorin und Kuratorin Arielle Bier spricht der form-wandelnder Künstler über Geschlechterfluidität, Technologie als Erweiterung des Selbst und über das Zusammenspiel von Ritualen, Kapitalismus und Magie.

Interplanetare Kommunikation

Finn Brunton betritt die Grauzone der Medienkultur: außerirdische Kommunikation

Die Frage, wie Menschen mit Außerirdischen kommunizieren könnten ist gleichzeitig existenziell, semiotisch und technologisch. Der Nachrichteninhalt, welchen wir Aliens vermitteln wollen würden ist ein wesentlicher Bestandteil dessen Übermittlung. Welche Grundlagen des menschlichen Lebens und der menschlichen Zivilisation sollten vermittelt werden und welche Grundlagen von Medientechnologie würde uns die Vermittlung ermöglichen? Für das Panel "Prove You are Nonhuman" im Rahmen von ever elusive präsentierte Autor und Medienwissenschaftler Finn Brunton eine eigenwillige Geschichte von wilden, imaginativen und obskuren Medienkonzepten im Dienste außerirdischer Kommunikation.

Ist "Infrastruktur" eine leere Worthülse? Fiona Shipwright forscht nach

Fachbegriffe schwirren auf Konferenzen nur so herum, manchmal erstarren sie in einem geteilten Referenzsystem und manchmal lösen sie sich in Rauch auf. Commons. Versammlung. Neoliberalismus. Wir nehmen an, dass wir alle über das selbe sprechen –aber ist dem so? Jeder weiß, dass wenn man einen Begriff nur oft genug wiederholt er anfängt absurd zu klingen. Fiona Shipwright nahm sich einem dieser Koversationskennzeichen während transmediale 2017 an: dem schwer fassbaren [ever elusive] Wort Infrastruktur.

Ryan Bishop über Laurie Andersons "Language of the Future"

transmediale 2017 schloss mit einer Performance von Laurie Anderson, The Language of the Future. Aus diesem Anlass reflektiert Ryan Bishop in diesem Essay über Sprache und Narrativen in dem sich über Dekaden erstreckenden Werk von Anderson als eine Künstlerin, welche sich aller Kategorisierung entzieht —"ein Zusammenfließen von technologischer Reichweite, Ambition und Scheitern in Kombination mit ironischem Humor".

Der Künstler Steve Kurtz über Leben, Tod und Widerstand

Gibt es einen Umgang mit den „Grundlagen“ von Lebens- und Kunstpraktiken, der weder rückschrittlich noch zukunftsbesessen ist? Diese Frage kam in einer Paneldiskussion bei der transmediale 2005 auf. Der Künstler Steve Kurtz nahm am damaligen Panel teil und griff die Frage in seinem Keynote-Vortrag beim Festival 2017 erneut auf. Kurtz, Mitglied des schon seit Jahrzehnten bestehenden, legendären Critical Art Ensemble (CAE), musste 2005 große rechtliche Hürden überwinden, um bei der Veranstaltung „Basics“ über seine Arbeit zu sprechen. 2017 beschrieb er den Verlauf dieser Arbeit in den letzten 12 Jahren angesichts der neuen Ausformungen von Biomacht, mit denen wir es zu tun haben.

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