transmediale 2016

transmediale/conversationpiece

Everybody's talking at me
I don't hear a word they're saying
Only the echoes of my mind

Es stimmt tatsächlich: „Everybody is talking“, und es geht einem wahrscheinlich wie dem Protagonisten dieses ikonischen Songs aus den 1960er Jahren – statt Worten hört man nur das Echo der eigenen Stimme durchs Netz hallen. Als Folge des globalen Wettbewerbs zwischen Staaten, Unternehmen, Netzwerken und Individuen um die Hoheit über die Kontexte und Rahmenbedingungen für Konversationen und Diskurse scheint sich Frustration auszubreiten. Dieser Wettbewerb ist ein Prozess, in dem wichtige globale Angelegenheiten auf Worthülsen reduziert werden: der Krieg gegen den Terror, Wirtschaftswachstum, die Flüchtlingskrise, Klimawandel und Big Data, um nur einige der unterschiedlichen, aber dennoch eng zusammenhängenden Inhalte zu nennen. Schon in der Vergangenheit hat sich die transmediale mit diesen und vielen anderen Themen beschäftigt. Mit der diesjährigen Ausgabe möchten wir einen kritischen Blick auf die Konversation an sich werfen und das Format des postdigitalen kulturellen Events neu denken.

Der Titel Conversation Piece bezieht sich auf idealisierte Szenen der Unterhaltung zwischen mehreren Personen im Rahmen des gleichnamigen Malereigenres, das im 17. und 18. Jahrhundert populär wurde. Die Gemälde zeigen Ausschnitte aus dem Alltagsleben des Bürgertums: Teegesellschaften, Picknicke, Ausstellungsbesuche oder Salons, in denen sich Menschen zwar in privaten und informellen, aber immer auch hierarchischen Situationen unterhalten. Natürlich kann man diese idealisierten Szenen einer einheitlichen Gesprächskultur weder eins zu eins in die Gegenwart übertragen, noch ist das erstrebenswert. Unterhaltungen sind an sich schon fragmentarisch im Rahmen dessen, was wir globale Öffentlichkeit nennen; und innerhalb dieser Sphäre ist das Privileg der Teilnahme am Gespräch zumindest teilweise demokratisiert und dezentralisiert worden. Oberflächlich betrachtet mag diese Entwicklung positiv erscheinen, doch anstatt uns der radikalen Vielzahl von Themen und Positionen zu stellen, beobachten wir, wie Gesellschaften zu hierarchischen Formen der datafizierten Konversation zurückkehren: Datengewinnung tritt an die Stelle von Inhalten, der Kontext wird zunehmend wichtiger als der Text. Das einzige am historischen Conversation Piece, das sich aufzugreifen lohnt, ist die Schaffung einer gemeinsamen Grundlage für Argumente und Ansichten. Es geht nicht etwa um die beständige Grundlage eines traditionellen Wertekanons, sondern eher um das Formulieren einer Vielzahl gemeinschaftlicher Vorstellungen, und, noch wichtiger, um das Commoning von Inhalten und Ressourcen, damit diese Vorstellungen in ihrer Unterschiedlichkeit und Vielschichtigkeit anerkannt werden können.

Neue Vokabulare und Sensibilitäten sind erforderlich, um die verschiedenen sozialen, ökonomischen und technologischen Modelle benennen und unterscheiden zu können, die momentan in Reaktion auf die immer prekärer werdenden Lebensbedingungen in der Welt entstehen. Diese Situation bringt neue Vorstellungen dessen mit sich, was ein Gespräch sein kann, und einen neuen Umgang mit den im Spätkapitalismus vorherrschenden Ängsten. Auf dieser Website stellen wir die vier Aufhänger des Programms der transmediale 2016 vor: Anxious to Act, Anxious to Make, Anxious to Share und Anxious to Secure.

In Anlehnung an das historische Malereigenre Conversation Piece stellen diese mögliche ideale Szenerien dar – nur eben nicht aus dem Alltag des Bürgertums, sondern aus dem Feld zeitgenössischer kultureller Praktiken, die im gleichen Maße zwanghaft geworden sind, wie ihre Ausrichtung auf die Zukunft von ägstlicher Unsicherheit unterlegt ist. transmediale/conversationpiece hat nicht den Anspruch, den gegenwärtig herrschenden Drang, etwas tun zu müssen, aufzulösen, sondern will lediglich der Tatsache Rechnung tragen, dass der gegenseitige Austausch einen Wert an und für sich besitzt. Durch die künstlerische, multimodale Auseinandersetzung mit den diskursiven, sinnlichen und ästhetischen Aspekten der verschiedenen Themen sollen neue gemeinsame Gesprächsgrundlagen entstehen.

 

We want to act but not in vain.
We want to make but not without agency.
We want to share but not be exploited.
We want to be secure but not at the expense of others.

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Konferenz-Themenstränge: Anxious to Act, Anxious to Make, Anxious to Share, Anxious to Secure
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Festivalarchitektur transmediale 2016

Festival Architecture 2016

The Forum Romanum is the epitome of a place that has, due to centuries of densifying building activities, become an urban space of communication.

The superposition of building axes and of aesthetic and functional architectural systems has produced a high spatial density. This compactness corresponds, in raumlaborberlin's imagination, to the density of conversation of political, religious, cultural and economic nature which was once concentrated at this location. The Forum Romanum was the inspiration for the installation in the foyer of the House of the World Cultures for this year's transmediale.

The furniture of the house: chairs, tables, deck chairs, etc., everyday tools for the creation of situations of communication, was used as building material to construct small temples of conversation. By carefully layering and stacking the elements, raumlaborberlin set up a spatial composite of apparently functionless enclosed and interstice spaces that await their appropriation through the festival visitors. Space will be offered there to spontaneously continue discussions or let new conversations arise, aside from the planned formats.

Legende:
I FORUM
II CIRCUS
III STADION
IV ARENA
V ATRIUM
VI META SUDANS
VII COLOSSUS
VIII CARCER
IX BASILICA

Picture of Clemens Apprich, Heba Y. Amin and Simona Levi at the panel "MediaActs"
Picture of Keller Easterling at the Keynote Conversation "Anxious to Share"
"Still Be Here", performance by Hatsune Miku
Picture of Ben Vickers (left) and Oliver Lerone Schultz (right) at the hybrid event "Re-examining Global.Ports"
Impression of transmediale/conversationpiece
Picture of Phoebe Osborne (left) and Liat Berdugo (right) at the workshop "Unpatentable Multi-touch Aerobics"
Picture of "Parallelograms", hybrid event with a tlak between Brian Holmes and Steve Rowell
Impression of "Atlas of MediaThinking and MediaActing in Berlin"
Picture of Teresa Dillon (left) and Ed D'Souza (right) at "Superschool: Conversation Starter"