Revisiting the Innovative resource Project

Gedanken zur Entwicklung eines ganzjährigen Festivalprogramms von Tatiana Bazzichelli

Workshop: 36 15 Circuit Bending [Minitel Hacking], Foto: Maria Silvano, www.mariasilvano.com
Workshop: 36 15 Circuit Bending [Minitel Hacking], Foto: Maria Silvano, www.mariasilvano.com

Von 2011 bis 2014 gestaltete Tatiana Bazzichelli das Veranstaltungsprogramm reSource transmedial culture berlin mit, das Projekte rund um die transmediale aufgegriffen und erweitert hat. In der vorliegenden ausführlichen Auseinandersetzung (die 2016 bereits im Band across & beyond publiziert wurde) beschreibt Bazzichelli das Projekt als einen Versuch: als ein Experimentieren mit den Möglichkeiten der Interaktion, der Ergänzung und wechselseitigen Unterstützung zwischen Institutionen und Kulturnetzwerken in einer durchgängigen, über Einzelveranstaltungen und Festivals hinausgehenden Programmgestaltung. Da Bazzichelli in den gleichen Jahren auch Kuratorin für das transmediale-Festival war, ist ihre Perspektive in beiden Programmkontexten verortet und ermöglicht eine Metareflexion des aufregenden und manchmal chaotischen Austauschs.

Dieser Essay reflektiert die praktischen Erfahrungen des Kuratierens und Netzwerkens jenseits des Digitalen im Rahmen der mit der transmediale verbundenen Reihe reSource transmedial culture Berlin, deren Projekte und Aktivitäten das Festivalprogramm in den Jahren 2011 bis 2014 ganzjährig erweiterten. Die Entwicklung eines ganzjährigen Programms basierte auf der Idee, ein Labor des gemeinsamen Wissens innerhalb der transmediale zu etablieren und ein Projekt für lokale und translokale dezentrale Netzwerke zu schaffen, die in Berlin und anderswo aktiv sind. Angesichts der Veränderungen, die das digitale Paradigma ins Alltagsleben eingeführt hat, kam eine postdigitale Perspektive zum Einsatz, die eine Analyse der breiteren gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen und künstlerischen Landschaften ermöglichte. Ziel war die Einbindung all jener, die nicht nur direkt mit Netzwerktechnologien zu tun hatten, sondern die sich auch kritisch für gemeinsame und dezentrale Strategien der Teilhabe und Zusammenarbeit engagierten – im Kontext von Kunst, Hacking, Aktivismus und unabhängiger Kulturproduktion sowie in feministischen, queeren und Porno-Communitys.

Da ich von 2011 bis 2014 zudem als Programmkuratorin zum transmediale-Team gehörte, umfasst meine Analyse sowohl eine darin situierte Perspektive als auch eine Metareflexion zum Aufbau einer Gemeinschaft im Kontext der Programmentwicklung eines Festivals. Da ich mich zur Beschreibung eines vernetzten kuratorischen Wegs innerhalb des Untersuchungsgegenstands verorten muss, bezeichne ich meinen praxisbasierten Ansatz als „Ethnographie der Vernetzung“ – eine Methode, die ich bereits in Arbeiten über italienische und internationale Hacking-Communitys und aktivistische Gruppen seit den späten 1990er Jahren erproben konnte.[1] Durch diese Methode, in der die theoretische Vorstellung eng mit dem eigenen Erfahren des Forschungsthemas verknüpft ist, bringe ich mich direkt in die Entwicklung der Analyse und ihrer konkreten Herausforderungen ein. Angesichts der Tatsache, dass ich persönlich als Programmplanerin im transmediale-Team sowie als Netzwerkerin im reSource-Projekt situiert war, soll meine Perspektive hier nun also nicht bloß im Sinne traditioneller Kuration Theorie vermitteln.

Launch der reSource for transmedial culture, Foto: Genz Lindner / transmediale

Dieser Textbeitrag ist ein erster Versuch der Evaluation und Reflexion über die Idee, in ein Kunstfestival mit einer rund dreißigjährigen Geschichte ein wandelbares Element einzuführen. Die Entwicklung des Vernetzungsprogramms hatte offensichtliche Konsequenzen für die Struktur des Festivalteams, für die Programmplanung sowie für die Wahrnehmung der Festivalaktivitäten im lokalen und translokalen Kontext Berlins. Diese Analyse richtet sich vor allem an all jene, die sich neue Formen der Erweiterung eines Festivalprogramms zu einer ganzjährigen Aktivität überlegen möchten, in der die lokalen Communitys aus Kunst, Aktivismus und Kulturproduktion rund um Kunst und Digitalkultur direkt angesprochen werden. Des Weiteren soll diese Analyse alle an der reSource-Erfahrung Beteiligten dazu einladen, weiter und breiter über den Prozess nachzudenken, eine Methode der Vernetzung auf eine verfestigten Festivalstruktur zu legen. Dieser Text soll also eine kollektive Diskussion darüber eröffnen, was in der Zukunft dieses und ähnlicher Projekte wiederholt werden könnte und was vermieden werden sollte.

Die Vorstellung von einer „transmedialen“ ReSource

Die Entwicklung von reSource transmedial culture berlin folgte einer kuratorischen Vision, künstlerische Praktiken und Sprachen mit kritischen Überlegungen zu Medienkultur zusammenzubringen. Das verband die reSource-Programmplanung mit der allgemeinen kuratorischen Entwicklung des transmediale-Festivals. Die Aktivitäten des reSource-Programms entstanden durch die Organisation von über das ganze Jahr verteilte Veranstaltungen mit in Berlin und anderswo tätigen Künstler*innen, Hacker*innen, Aktivist*innen, Forscher*innen und Kulturproduzent*innen – und mit zusätzlichen Manifestationen zu jedem Festival.[2] Die reSource-Initiative wurde zudem als eine dezentralisierte Plattform zum Netzwerken anvisiert. Sie sollte zudem die theoretische Untersuchung der Bedeutungen und  Praktiken von vernetzter Kunst, Hacking und kollaborativer Kunstproduktion im Kontext eines internationalen Kunstfestivals ermöglichen. Im Prozess des Aufbaus einer solchen Community wollten wir mit einer durchgängigen kuratorischen Methode arbeiten, die mit der Entwicklung des Festivalprogramms verbunden war. Zudem wollten wir uns ein Festival als eine geteilte Ressource für eine breitere Gemeinschaft in Berlin und darüber hinaus vorstellen.

Theoretisches Ziel war es, jenseits des Hypes um das technologische oder das digitale Paradigma die hybriden Verbindungen zwischen Kunst und Kultur im Alltagsleben in den Blick zu nehmen, in denen sich verschiedene Medien und Disziplinen vermischen. So wollten wir einem Pfad folgen, den die Fluxus- und frühere Avantgarde-Bewegungen vor Jahrzehnten initiiert hatten und der bereits von diversen Denker*innen analysiert worden ist.[3] Während viele Fluxus-Künstler*innen jedoch das Alltagsleben in die Kunst holen wollten, zielten viele gegenkulturelle Kunstprojekte in den späten 1970er und 1980er Jahren darauf ab, künstlerische Praktiken ins Alltagsleben zu übertragen und das Konzept dieses „Alltagslebens“ zu hinterfragen. Eine der anfänglichen konzeptuellen Herausforderungen in der Entwicklung des reSource-Projektes war die Frage, wie eine Festivalperspektive in das „Alltagsleben“ der unabhängigen Berliner Szene um Kunst und postdigitale Kultur einzubringen sei, die sehr fragmentiert und der Dynamik von „Großveranstaltungen“ gegenüber oft kritisch eingestellt ist.

Hieraus ergab sich nicht nur ein strukturelles Problem, da das Festival bis dahin als einmal jährlich stattfindende Veranstaltung wahrgenommen worden war, sondern es lag auch ein politisches Problem in dem Risiko, einer breiteren unabhängigen Community eine Top-Down-Struktur aufzudrücken. Eine konzeptuelle Frage, die ich im transmediale-Team zur kuratorischen Debatte aufwarf, lautete, warum ein Festival wie die transmediale genau in der Stadt Berlin entstand und was das für seine kollektive Repräsentation bedeuten kann.[4]

Mit Bezug auf Die unsichtbaren Städte von Italo Calvino aus dem Jahr 1972 habe ich Berlin an anderer Stelle als modernes Eutropia beschrieben: „Berlin/Eutropia ist die Stadt, die sich immer verändert und immer gleich bleibt. Für viele ist sie die Stadt des Flusses, der Prekarität und des Vorübergehenden. Doch sie ist auch die Stadt, in der Prekarität und das Vorübergehende die Norm darstellen, sie wiederholen sich wieder und wieder und nehmen in der Illusion der Bewegung des Fortschritts von Jahrzehnt zu Jahrzehnt unterschiedliche Formen an.“[5] In einem – transmedialen – Festival, das verschiedene Medien mit Kultur zusammenbringt und so „hindurch und darüber hinaus [across and beyond]“ geht, lag die Herausforderung darin, wie die beweglichen und dynamischen Facetten der Stadt angesprochen werden konnten, in der das Festival sich bewegt. Berlin ist eine Stadt der Verbindungen, wo künstlerische, mediale, politische und wirtschaftliche Stränge miteinander verwoben sind. Daher stellten sich zentral die Fragen, wie wir die lokale Dimension der Stadt in das Festival einbringen und es zugleich international erweitern können und wie wir wiederum die internationale Dimension des Festivals in den lokalen Kontext der Stadt einbringen können.

reSource 006: Overflow, Psychogeografischer Rundgang mit John Wild: Network Noise Drift, Foto: Maria Silvano www.mariasilvano.com

Das kuratorische Ziel hinter der Konzeption von reSource transmedial culture berlin war das Zusammenziehen interdisziplinärer Ausrichtungen, um das Programm so für künstlerische, politische, wirtschaftliche und körperliche Praktiken zu öffnen. Aus einer postdigitalen Perspektive auf die Bildung eines Pfades der Vernetzung, lag die eigentliche „Ressource“, die das Festival anbieten wollte, in der Schaffung von Kontexten für Begegnung, Austausch und Diskussion unter Hacker*innen, Aktivist*innen, Künstler*innen, Kulturproduzent*innen, Akademiker*innen und Projekträumen – also der komplexen Vielfalt der freien und unabhängigen Berliner Szene. Die wesentliche Herausforderung war nicht nur struktureller, sondern auch politischer Natur: Das reSource-Projekt zielte auf einen Wandel in der Produktion des Festivals ab, auch in der ursprünglichen Vorstellung eines Festivalprogramms. Wir wollten ein verteiltes und ganzjähriges Projekt erzeugen, das ebenso innovativ mit dem Festivalformat umgehen konnte, wie mit der Wahrnehmung dessen, was ein Festival hervorbringen und in der Stadt gestalten muss. Hierauf gehe ich am Ende des Essays noch ein.

Der Ansatz: Vernetzen-Forschen-Kuratieren

reSource transmedial culture berlin nahm seinen Ursprung in einer Initiative, die Festivalaktivitäten der transmediale zu einem ganzjährigen Programm zu erweitern, mit Höhepunkten zu jedem Festival. Die allgemeine Richtung war die Organisation von Veranstaltungen, Vorträgen, Workshops, Performances und Konstellationen aus Aktivitäten, die sich mit dem Festivalprogramm überschnitten. Das reSource-Programm startete im September 2011 mit dem Ziel, ein Konzept der Vernetzung-Forschung-Kuration zu erarbeiten und in die Praxis umzusetzen. Diese Methode erweiterte die Festivalproduktion und verknüpfte verschiedene Bereiche aus Theorie und Praxis: Überlegungen zu experimentellen Formen der Vernetzung und des Aufbaus einer Gemeinschaft, Forschung über disruptive künstlerische und aktivistische Praktiken im postdigitalen Kontext und einen dezentralisierten kuratorischen Ansatz, bei dem es um die Schaffung eines Prozesses geht statt um die bloße Produktion und Präsentation ausgewählter Kunstwerke.

Die erste öffentliche Einführung des reSource-Projektes war die Formulierung einer  Interessenbekundung im Oktober 2011 während der Planung der Vortragsreihe für die transmediale 2012.[6] Die Erklärung stellte das reSource-Vorhaben einer breiteren Öffentlichkeit vor und setzte einige spezifische Ziele entlang der theoretischen Perspektive einer Verschiebung vom digitalen Paradigma zu postdigitalen Praktiken im Zusammenhang  mit Gesellschaft, Kultur, Politik und Alltagsleben.[7] Ausgehend von der Annahme, dass die zunehmende Kommerzialisierung von Praktiken des Teilens und Netzwerkens die Bedeutung von Kunst und Partizipation verändert hat, richteten sich die zentralen Fragen des Textes an Künstler*innen, Aktivist*innen, Hacker*innen und Kulturproduzent*innen, die kritisch zur Idee des Netzwerkens arbeiten.

Die Erklärung fragt nach der Rolle kultureller Institutionen, die sich mit Kunst und digitalen Technologien befassen, und zeigt auf, dass Hacking- und Kunst-Praktiken auf die fundamentalen Transformationen in ihrem Teilhabekontext reagieren und häufig ihre kulturelle und ökonomische Prekarität widerspiegeln. Da im Berlin der letzten Jahrzehnte Hacking-, aktivistische und künstlerische Praktiken vornehmlich außerhalb von Kunstinstitutionen umgesetzt wurden, betont der Text die Tatsache, dass diese Praktiken zur Veränderung der wirtschaftlichen und kulturellen Vermögen der Stadt beigetragen haben und  zudem leichte Ziele für marktförmige Ausbeutung geworden sind. In einem Kontext, in dem Märkte und Finanzen starken Einfluss auf die Kulturproduktion – und allgemein aufs Alltagsleben – nehmen, entstand die Frage, wie direkte Partizipation und gemeinsames Engagement ermutigt werden kann, ohne die allgegenwärtigen Geschäftslogiken und hierarchischen Formen der Steuerung zu reproduzieren.

Von Anfang an spiegelten die Fragestellungen von reSource transmedial culture berlin das Bedürfnis, die Landschaft und die Wirkungen künstlerischer und hacktivistischer Praktiken in dezentralen sozialen Netzwerken zu analysieren und zugleich für die Widersprüche und Uneindeutigkeiten aufmerksam zu bleiben, die ein Phänomen der breiten Vernetzung mit sich bringen kann. Wir reflektierten über Machtstrukturen und Methoden der sowie über das Verhältnis zwischen Kunst und Netzwerkökonomien. Die dem reSource-Projekt zugrunde liegende Forschung bot eine Analyse disruptive Hacking- und künstlerischer Praktiken im Bereich der Netzwerkkultur, aber auch eine tiefergehende Untersuchung von Vernetzung als Forschungsmethode. Meinem Forschungsweg zu diesen Themen folgend, konnte ich aufzeigen, dass es notwendig war, Konzepte wie Innovation und Störung, Kooptierung und Opposition als wechselseitige Feedbackschleifen neu zu denken, in denen die verschiedenen an diesem Prozess beteiligten Subjekte einander beeinflussen.[8]

Diese Forschung machte deutlich, wie wichtig es war, den wechselseitigen Austausch von Methodik, Wissen und Projektraumerfahrungen zu fördern und auf diese Weise neue Möglichkeiten zu erkunden, um eine kulturelle Öffentlichkeit zu bilden und über die kuratorische Aktivität des transmediale-Festivals nachzudenken. Dieser Rahmen prägte das erste Plenumstreffen mit Kurator*innen und Kulturproduzent*innen im Berliner Projektraum General Public während der Veranstaltung reSource 001: Trial Crack im Mai 2012. Entsprechend eines Vorschlags von Panke e.V. und Art Laboratory Berlin, wurde dieser transdisziplinäre Ansatz in monatlichen reSource-Netzwerktreffen in verschiedenen Projekträumen und mit verschiedenen Kurator*innen weiter entwickelt – die seither regelmäßig stattfinden. Im August 2012 mündeten diese Aktivitäten in der Erstellung der Mailingliste reSource-net als Vernetzungsplattform, um Erfahrungen, Fragen und Probleme in der künstlerischen und weiteren Szene der digitalen Kulturproduktion (und darüber hinaus) auszutauschen und zu entwickeln.[9]

Ein weiteres Ergebnis dieses Austauschs war die Publikation reSource Chats im September 2013, einer kreativen Montage aus Interviews mit verschiedenen Kulturproduzent*innen und Organisator*innen lokaler Projekträume in Berlin im Rahmen der Initiative „Networking Berlin’s transmedial culture“.[10] Nach dem transmediale-Festival 2012 hatte ich begonnen, die Wahrnehmung des neu gegründeten reSource-Projekts und der transmediale im Allgemeinen durch verschiedene Kulturproduzent*innen, Künstler*innen und Kurator*innen in Berlin zu untersuchen. Das hieraus entstandene Interview-Projekt sollte die Ansichten und Gedanken von Berliner Kulturproduzent*innen und die Bedeutung von deren Arbeit im Kontext von Kulturpolitik und Vernetzungsmodellen dokumentieren. Das Projekt betonte die Stärken und Schwächen der genre-übergreifenden Arbeit in der Kulturlandschaft Berlins und nahm den hybriden Charakter von Aktivitäten in den Blick, die Medien, Praktiken und Sprachen vermischen und denen es meist ebenso an politischer und kultureller Anerkennung mangelt wie an finanziellen Mitteln.[11]

Die kuratorische Entscheidung, die reSource als einen Vernetzungsprozess zu gestalten, lag auch der Verknüpfung des Projekts mit der Vorspiel-Produktion zugrunde, dem Partnerprogramm der beiden Festivals transmediale und CTM. So sollte eine offene Plattform zur Verbindung verschiedener lokaler Räume entstehen, um Ressourcen zu teilen und die wechselseitige Sichtbarkeit zu unterstützen. Das Vorspiel-Programm förderte die digitale und postdigitale Kultur unter den unabhängigen Organisationen, Projekträumen, Galerien und weieren Veranstaltungsorten in Berlin und stärkte so deren Vernetzung. Durch das Schaffen  eines Rahmens für Austausch und Synergien im reSource-Netzwerk und dessen Umfeld sollte die Vorspiel-Produktion also zum strategischen Ergebnis eines Vernetzungsprozesses werden – anstatt eine bloße Folge der Auswahl von Projekten und Kunstwerken aus dem Festival zu sein. Dieser Prozess mündete in der Veranstaltung reSource 003: P2P Vorspiel im Februar 2013 und wurde in den folgenden Vorspiel-Veranstaltungen weiter entwickelt – als eine Reihe in der Stadt verteilter Aktivitäten vor und während der Festivals transmediale und CTM.

SPACE US THE PLACE Performance, Liebig12 während reSource 003: P2P Vorspiel, Foto: Veronica Santos Ruiz / transmediale

reSource der fortwährenden Kunstproduktion

Eine der Herausforderungen in der Entwicklung von reSource transmedial culture berlin zwischen 2011 und 2014 bestand darin, das Projekt als Labor für Kunstproduktion zu gestalten. Es sollte nicht nur bestimmte Kunstwerke zur Präsentation beim Festival hervorbringen, sondern auch am Prozess der Vernetzung und an dezentralen Interventionen – auf der Grundlage langfristiger Beziehungen zwischen dem Festival und den Szenen rund um Kunst und (post)digitale Kultur – arbeiten. Im Sommer 2012 organisierte ich die praxisorientierte Konferenz und Veranstaltungsreihe reSource 002: Out of Place, Out of Time. Vom 22. bis 24. August fanden im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien offene Diskussionen, Panels, Workshops und Performances statt. Sie beleuchteten die Praktiken von Künstler*innen, Aktivist*innen und Hacker*innen, die sich kritisch mit Interventionen im Bereich von Kunst und Technologie auseinandersetzen. Der Organisation dieser Veranstaltung ging eine intensive Forschung zu Praktiken des Netzwerkens voraus, die für analoge (unzeitgemäße) Vernetzungsprozesse aufmerksam war und die Verschiebung kultureller Paradigmen durch Netzwerktechnologien beachtete. Die dreitägige Veranstaltung reflektierte über Formen der Kunstproduktion im Rahmen von digitaler Kultur und Netzwerkökonomien und ermöglichte zugleich einen kollektiven Einblick in die Themen der kommenden Festivals der transmediale und CTM.[12]

Die Veranstaltung war auch Gelegenheit zum Auftakt dreier großer Installationsprojekte, die in den Folgemonaten entwickelt und bei der transmediale 2013 gezeigt wurden. Das Erste war OCTO P7C-1 (mit dem verbundenen Mail-Art-Projekt PNEUMAtic circus), das aus einer Zusammenarbeit zwischen dem reSource-Projekt, dem transmediale-Festival, dem Berliner Kunstkollektiv Telekommunisten, der Berliner Architekturgruppe raumlabor und einem Netzwerk aus mehr als einhundert internationalen Mail-Art-Künstler*innen hervorging. Die Installation war sowohl eine lebendige Metapher eines sozialen Netzwerks als auch eine Hommage an die lokale Berliner Rohrpost (eine öffentliche pneumatische Rohrpostanlage, die ab 1865 errichtet wurde). Das zweite Projekt war ReFunct Media 5, eine Circuit-Bending-Installation (die Schaltkreise veralteter Technologien werden zur Klangkreation kurzgeschlossen), die im Haus der Kulturen der Welt während der transmediale 2013 ausgestellt wurde. Dieses weiterhin bestehende kollektive Projekt war im August 2012 aus einem Minitel-Hacking-Workshop von Benjamin Gaulon und Karl Klomp hervorgegangen. Beim dritten Projekt Composting the City / Composting the Net von Shu Lea Cheang handelte es sich um eine Kunstinstallation, die entsorgte Essensreste sowie den immateriellen Abfall von Netzdaten verarbeitete. Nachdem sechs Monate lang kollektiv kompostiert worden war, kam während der transmediale 2013 ein Netzwerk von Leuten zu einer Live-Performance zusammen.[13]

Die Veranstaltung reSource 002 schlug also das praxisbasierte „Ausprobieren“ der kommenden Festivalthemen vor und bot ein dezentrales genre-übergreifendes Programm unter Einbezug verschiedener Künstler*innen, Hacker*innen und Performer*innen aus lokalen und internationalen Netzwerken.[14] Dieser interdisziplinäre, translokale Ansatz war wesentlich für die folgenden reSource-Veranstaltungen im Jahr 2013, in denen wir versuchten, die lokale Debatte mit den aufkommenden internationalen Debatten um Whistleblowing zu verbinden.[15] Diese Auseinandersetzungen wurden bei der transmediale 2014 im Konferenzstrang „Hashes to Ashes“ kuratorisch wieder aufgegriffen, in deren Rahmen die Zukunft von politischer Handlungsfähigkeit, freier Meinungsäußerung und Informationsfreiheit diskutiert wurde. Hier gab es Gelegenheit für Gespräche über die Strukturen der Einschüchterung und Bedrohung, die Whistleblower*innen, Cyber-Aktivist*innen und Journalist*innen zum Schweigen bringen sollten.[16] Dieses kritische Nachdenken über die postdigitale Gesellschaft wurde in der letzten Veranstaltung der Reihe reSource 00+ weiterentwickelt, die vom 12. bis 14. September 2013 mit dem Titel reSource 006: Overflow wieder im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien stattfand. Die Veranstaltung beleuchtete verschiedene Strategien, um digitale und physische Räume neu zu denken, und befasste sich mit Fragen rund um den Datenüberlauf, wie Eigentum und Datenschutz sowie Möglichkeiten der Verbreitung und gemeinsamen Nutzung komplexer Daten – allesamt Themen, die die Debatten rund um die transmediale 2014 prägten. Der Zustand des „Überlaufs“ warf auch Licht auf den zunehmenden Wunsch, Teil eines erweiterten, verbundenen Kollektivs zu sein, das bewusste Strategien des Netzwerkens, der Kommunikation und der Teilhabe von unten erfindet.[17]

resource 006: Overflow, LEAKAGE CURRENT Workshop von Jamie Allen und David Gauthier

Methodisch sollte die Reihe reSource 00+ die Verbindung zwischen Grassroots-Initiativen der Kunst- und Digitalkulturszenen Berlins und der transmediale stärken, indem einige davon im Festival selbst ins Leben gerufen wurden. So sollte sich ein experimentelles Labor entwickeln, das durch das Zusammenlaufen des reSource-Programms mit dem transmediale-Festival als Ganzem einige der kuratorischen Pfade des Festivals beeinflussen könnte. Dies erzeugte hervorragende Ergebnisse wie die oben beschriebenen Projekte der transmediale 2013 und 2014 – aber auch einige politische und strukturelle Herausforderungen im Kontext des Vernetzungsprozesses sowohl innerhalb als auch außerhalb des Festivals.

Versuch und Irrtum in Berlins Landschaft der Kulturproduktion

Eines der Hauptziele des reSource-Programms war es, die Verknüpfung der Kulturproduktion durch Kunstfestivals mit kollaborativen Netzwerken rund um Kunst und Technologie, Hacktivismus und Politik zu stärken – und unter diesem Dach die Zusammenarbeit und das Teilen von Ressourcen und Wissen zwischen dem transmediale-Festival und der lokalen und translokalen Szene der Berliner Kunst und Digitalkultur zu fördern. Das reSource-Projekt wirkte auf mehreren Ebenen der Konzeptualisierung und kuratorischen Entwicklung und umfasste überaus vielfältige Akteur*innen: das ganzjährig tätige Team des transmediale-Festivals, die temporär zur Festivalproduktion zusätzlich eingestellten Teammitglieder, die institutionellen Kooperationspartner*innen des reSource-Projekts und die Community rund um Kunst und Digitalkultur in Berlin, die an den monatlichen Netzwerktreffen und an den Vorspiel-Veranstaltungen beteiligt ist. Das reSource-Teamarbeitete an der Entwicklung einer dezentralen und vernetzten kuratorischen Festivalstrategie sowie an der Schaffung greifbarer und konkreter Aktivitäten in der ganzen Stadt, die das Festival über das ganze Jahr erweitern können. Hierbei handelte es sich in hohem Maße um ein Experiment, was zeigt, dass eine Methodologie von Versuch und Irrtum in der kuratorischen Entwicklung des reSource-Programms schon seit dessen Namensgebung verankert war. Im Oktober 2011 schrieb ich in der anfänglichen Projekterklärung:

„Wenn eine Quelle [source] der Anfang – der Ursprung – von etwas ist, dann wird reSource in diesem Kontext als ein Ausgangspunkt verstanden, von dem aus ein dezentraler Prozess des Austauschs und ein gemeinsames, ausführbares (künstlerisches) Programm produziert wird. Die so anvisierte reSource für transmediale Kultur soll in einer Form verbreitet werden, die zu einer ganzjährigen Aktivität mit Manifestationen zu jedem Festival erweitert wird. Diese Form umfasst sowohl deren ausführbare Dateien als auch ihren Quellcode. Quellcodes sind von Nutzen, um ein Programm zu modifizieren oder um zu verstehen, wie es funktioniert. Indem wir dieses Konzept im Sinne einer reSource für transmediale Kultur breiter fassen, entsteht die Zielsetzung einer vernetzten, verteilten Plattform und einer (ausführbaren) Metareflexion über die Bedeutung und die Praktiken von vernetzter Kunst, Hacking und kollaborativer Kunstproduktion im Kontext eines internationalen Kunstfestivals.“[18]

Von Anfang an legte das Projekt einen kuratorischen Ansatz des „Vermutens und Prüfens“ nahe. Ein „Trial-Crack“, ein Test-Crack [Crack: Softwarekopie durch Knacken von Code], wurde als konzeptuelles Experiment vorgeschlagen. So erhielt die erste kollektive Veranstaltung im Mai 2012 ihren Namen. Der erste Tag von reSource 001: Trial Crack eröffnete eine Diskussion zwischen Berlinre Kulturproduzent*innen über vernetzte Methoden des Kuratierens und eine dezentrale Logik der Kunstproduktion. Wir sprachen über die Verantwortung und Rolle von Kulturinstitutionen, die sich mit Kunst und digitalen Technologien befassen, hinsichtlich eines kritischen Ausdrucks von Kulturproduktion. Zusammen mit anderen aktiven Gruppen im unabhängigen Berliner Kulturkontext diskutierten wir Ideen, wie eine stärkere Verbindung zwischen den lokalen – und translokalen – Akteur*innen in den Bereichen von kritischen Medien, Kunst und Hacktivismus in der Stadt zu schaffen sei. Derselbe Vernetzungsansatz prägte die folgenden reSource-Netzwerktreffen, die – wie bereits erwähnt – seither regelmäßig und spontan von den Mitgliedern der Berliner Projekträume ausgerichtet werden.

Diese Vernetzungsveranstaltungen waren gute Plattformen, um gemeinsam über die Schwierigkeit nachzudenken, in einer Stadt mit derart vielen zeitgleichen Veranstaltungen Verbindungen aufzubauen. Durch diese Begegnungen konnten langfristige Beziehungen zwischen einigen der Projekte gedeihen, die weiterhin schöne Ergebnisse hervorbringen. Es wurde möglich, einen engen Kontakt mit der vielfältigen und fragmentierten Szene aus Projekträumen in der Stadt aufzubauen und Gelegenheiten zum Austausch unter Kulturproduzent*innen, Künstler*innen und Kurator*innen zu schaffen. Zudem konnte die Etablierung des Vorspiel-Programms sowohl neuen als auch stadtbekannten Projekträumen zu mehr Sichtbarkeit verhelfen – wobei der Plan, dezentrale Veranstaltungen in einem engen Zeitrahmen zu bündeln auch Schwierigkeiten mit sich brachte, wie die Überschneidung von Programmpunkten oder die gleichzeitige Teilnahme an mehreren Veranstaltungssträngen.

Positive Ergebnisse des reSource-Programms waren die Verbindung von Akteur*innen und die durchgängige Präsenz der transmediale über die Festivalveranstaltungen hinaus – und im Dialog mit ihrem Berliner Kontext. Der Prozess, ein ganzjähriges, lokal wie international ausgeführtes Programm je als ein Netzwerk aus lokalen Akteur*innen und als kuratierte Veranstaltungsreihen vor und während des Festivals zu etablieren, warf jedoch auch vielfältige Fragen hinsichtlich basisdemokratischen Engagements, organisatorischer Hierarchien und Nachhaltigkeit auf. Welche Rolle nehmen Festivals in der Ökologie der Kunstproduktion ein? Wie können sie hier neue kreative Wege eröffnen? Welche Bedeutung haben sie für die Szenen, die sie einbinden? Wie bemessen wir den Einfluss der Festivals auf diese Akteur*innen? Kann ein Festival nachhaltig zugleich an einem lokalen Programm und an einer internationalen Veranstaltung arbeiten? Wie profitieren unabhängige Projekträume von der Kooperation mit einem Festival – über die offensichtlich hinzugewonnene Sichtbarkeit hinaus?

Die Beantwortung dieser Fragen ist komplex. In meiner eigenen in den Fragen situierten Perspektive – als Beteiligte und Koordinatorin des reSource-Netzwerks sowie als Kuratorin des transmediale-Festivals von 2011 bis 2014 – stand ich häufig zwischen und quer zu zwei verschiedenen Kontexten mit ihren jeweiligen Prioritäten: einem großen Festival und einer heterogenen Szene. Der Prozess, Gemeinschaft aufzubauen, ist sehr langsam und hat keine unmittelbaren Ergebnisse. Im Kontext des reSource-„Experiments“ ging es bei diesem Prozess vor allem darum, das Vertrauen von Personen, Gruppen und Institutionen zu gewinnen. Bei einer vom Festival angetriebenen Initiative lag die Gefahr darin, dass die Organisator*innen als „Top-Down“-Koordinator*innen kollektiver Veranstaltungen wahrgenommen würden – da das Festival über eine gefestigte Reputation und mehr Mittel als die lokalen Projekträume verfügt. Das so entstehende Risiko, eine hierarchische Struktur zu wiederholen und Ausbeutung zu ermutigen war also von besonderer Bedeutung – ein Festival kann ein gewisses Maß an „Sichtbarkeit“ anbieten, aber keine wirtschaftliche Anerkennung für eine breite Szene von Akteur*innen und Partner*innen ermöglichen.

In der Moderation eines basisdemokratischen Netzwerks als ein großes Festival wahrgenommen zu werden, erzeugt auch Erwartungen hinsichtlich der Verteilung von Ressourcen und Geldern. Doch rennt ein Festival, das relativ „experimentell“, unkommerziell und kleiner ist, als es womöglich erscheint (das Team ist nur zum Festivalzeitraum breit aufgestellt) selbst den eigenen Deadlines und Finanzierungsherausforderungen hinterher, um das Weiterbestehen des Festivals zu sichern. Die Folgen hiervon waren auch in der Produktion des reSource-Programms deutlich. Das Programm hätte eine kontinuierliche, tiefergehende, interne Analyse der Etablierung einer gemeinschaftlichen Vernetzung erfordert. Doch da die Personen, die das reSource-Vorhaben entwickelten, gleichzeitig auch am Festivalprogramm arbeiteten, konnten wir der Vernetzung, den politischen Aktivitäten und diesbezüglichen Diskussionen oft nicht ausreichend Zeit und Ressourcen widmen.

Eine der lebhafteren Debatten im reSource-Team drehte sich um den Widerspruch zwischen der Tatsache, dass die reSource-Idee einer kuratorischen Vision innerhalb des Festivals entsprungen war, sich aber eine breiteren Szene öffnete, die sich nicht unbedingt mit dem Festival identifizierte. Während die Präsenz eines Festivals im Prozess der Gemeinschaftsbildung selbstverständlich eine gute Gelegenheit für gesteigerte Sichtbarkeiten bot, wurde das reSource-Projekt von vielen Akteur*innen dieser Gemeinschaft auch als Möglichkeit genutzt, um eigene basisdemokratische Netzwerke zu schaffen, die ohne externe „mächtige“ Einflussnahme autonom aufgebaut wurden – so entstand die Plattform unabhängiger Projekträume Technology Based Art (TBA) Berlin, die von einer Untergruppe des reSource-Netzwerks parallel entwickelt wurde.[19]

resource 006: Overflow, LEAKAGE CURRENT Workshop von Jamie Allen und David Gauthier,  Foto: Maria Silvano www.mariasilvano.com

Zugleich gab es im transmediale-Team Probleme, das reSource-Programm überhaupt langfristig zu erhalten, da die Schaffung eines ganzjährigen Programms mit Höhepunkten zu den Festivalzeiten sich auf die Programmentwicklung und die Produktionskapazitäten des Teams auswirkte. Während meiner Zeit als Kuratorin des reSource-Programms hatte das Festival Schwierigkeiten, genug Zeit und Ressourcen für diese neue Vernetzungsstruktur und das dezentrale Veranstaltungsprogramm aufzubringen. Eigentlich hätte die Arbeit des reSource-Projekts ein eigenes Team und Budget erfordert, doch wegen der allgemeinen Finanzplanung mussten ausreichend Ressourcen für die Umsetzung und Veröffentlichungen der regulären Festivalveranstaltungen der transmediale zurückgehalten werden.

Die Notwendigkeit der Öffentlichkeitsarbeit für das Festivalprogramm hatte oft Vorrang; das reSource-Team war mit der Herausforderung konfrontiert, die interne Strukturinnovation zu erhalten und zugleich mit seiner anderen kuratorischen Ausrichtung und Methodik die politische Sicht des Festivals selbst zu beeinflussen. Der langsame Prozess der gemeinschaftlichen Vernetzung, die Planung von Veranstaltungen über das ganze Jahr hinweg und die gesamte Produktion des Festivals waren oft schwierig zusammenzubringen, zu kommunizieren und zu koordinieren – manchmal prallten sie aufeinander. Die Notwendigkeit einer nachhaltigen Arbeitsumgebung und der Akquise ausreichender finanzieller Mittel für sowohl die ganzjährigen Aktivitäten als auch das Festivalprogramm erschwerten die Entwicklung des ganzjährigen Programms, insbesondere im Rahmen der allgemeinen Festivalproduktion. Wenn ein Festival schon Schwierigkeiten hat, ausreichend Gelder und Ressourcen zu akquirieren, um seine intensiven Arbeitsabläufe in Gang zu halten, wie kann es dann eine leitende Rolle in der Entwicklung einer breiteren Vernetzung einnehmen? Welcher Strukturen bedarf es, um ein jahresübergreifendes Projekt wie reSource transmedial culture berlin nachhaltig zu etablieren und langfristig ein Koordinations- und  Moderationsteam der Vernetzungsaktivitäten zu erhalten? Wie können die Zielsetzungen eines Festivals Seite an Seite mit jenen einer heterogenen Gemeinschaft unabhängiger Kulturproduzent*innen und Projekträume entwickelt werden?

Diese Fragen weisen auf ein allgemeines politisches Problem in der Wahrnehmung von Kulturproduktion hin, dessen Folge ein allgemeiner Mangel an Ressourcen ist, die überhaupt auf eine breitere Szene verteilt werden könnten. Zugleich zeigen sie die Herausforderung auf, ein System nachhaltiger Maßnahmen zu schaffen, die gerechte Arbeitsbedingungen innerhalb und außerhalb der Festivalstrukturen gewährleisten können.[20] Eine Stadt wie Berlin braucht nicht nur tolle öffentliche Veranstaltungen, sondern auch eine lebendige Gemeinschaft aus Projekträumen, die ein Netz aus Makro- und Mikroaktivitäten hervorbringt: Müssen sich diese Logiken denn unbedingt widersprechen?

In meiner Erfahrung mit reSource transmedial culture berlin waren diese unterschiedlichen, scheinbar aufeinanderprallenden Perspektiven überaus spürbar. Das Projekt brachte künstlerische Experimente, Ideen, Verbindungen und Aktivitäten im Jahresverlauf und während des Festivals hervor. Es folgte der Vorstellung, das Festival näher an die Menschen seiner Berliner Umgebung heran zu tragen und wollte den Prozess hinter dem Festival gemeinschaftlicher gestalten. Dennoch bleiben diese Widersprüche offen. Das reSource-Projekt konnte weder den Produktionsmodus des Festivals noch dessen strukturelle Hierarchien in größerem Maße verändern. Die Partner*innen der reSource waren an den Veranstaltungen verantwortlich beteiligt, indem sie durchweg ihr intellektuelles Engagement einbrachten oder auch Räumlichkeiten zur Verfügung stellten. Doch blieb die Produktion der Veranstaltung in den Händen des Festivalteams der transmediale. Die reSource-Programmentwicklung wurde also von vielen Faktoren beeinflusst: von der Perspektive der Community, vom kuratorischen Konzept, von der Festivalorganisation und von finanziellen Grenzen.

Auch bleibt die Frage offen, wie ein Festival finanziert und geleitet werden kann, dass nicht nur an der Logik ausgerichtet ist, „Großveranstaltungen“ zu produzieren. Es bedarf der weiteren Auseinandersetzung mit Möglichkeiten der Finanzierung und der Stärkung von langfristiger dezentraler Vernetzungsarbeit, die keine unmittelbaren Ergebnisse hervorbringt. Wie können wir Kulturproduktion anregen und fördern, die auf der Etablierung von Netzwerken basiert, und so die lokale und die internationale Perspektive ermöglichen? Wie können wir diese Fragen in einem größeren Kontext analysieren – nicht nur bezüglich des Mangels an Geldern? Wie ist es möglich, gemeinsam und mit weiteren Netzwerken von Produzent*innen und Institutionen am Aufbau eines dezentralen und kollektiven Veranstaltungsprogramms zu arbeiten?

Wie eingangs erwähnt, besteht die Herausforderung darin, weiterhin Möglichkeiten der Kulturproduktion zu entwickeln, die auf Vernetzungsarbeit beruhen, die wiederum nicht leicht zu monetarisieren ist. Zugleich gilt es, nach besseren strukturellen Bedingungen und gerecht verteilten Kulturinvestitionen zu streben, jenseits von unterbezahlten Jobs oder den Politiken von Praktika und Gentrifizierung. reSource transmedial culture berlin hat gleich zum Auftakt diese Problemstellungen in der öffentlichen Erklärung hervorgehoben und mit ähnlichen Nachhaltigkeits- und Beziehungsherausforderungen experimentiert, die mit der Entwicklung hybrider Kulturprojekte und -gemeinschaften zusammenhängen. Das Projekt wurde gewissermaßen ein Spiegel dieser Probleme und ein wichtiges Experiment zur Erprobung der Widersprüche, die in der Entstehung von Vernetzungsstrukturen und -prozessen eingelassen sind.

Nach dem Frühjahr 2014 beschloss ich, ein neues kuratorisches Projekt zu entwerfen: das Disruption Network Lab, das seit 2015 als Reihe von Konferenzveranstaltungen (und in Kooperation mit dem Kunstraum Kreuzberg/Bethanien) im Studio 1 des Kunstquartiers Bethanien stattfindet. Über Digitalkultur an sich hinausgehend, festigt das Disruption Network Lab meine zuvor angewendete kuratorische Herangehensweise der Vermischung mit anderen Praxisfeldern – wie Hacking, Aktivismus, Politik, Sexualität und Whistleblowing – und erzeugt so Diskussionskontexte, in denen lokale und internationale Expert*innen sich begegnen und kollaborativ die Themen entfalten. Hier nimmt nun eine „Methodologie der Montage“ Form an: Verschiedene Expert*innen aus unterschiedlichen Szenen und Bereichen, die selten miteinander in Dialog treten, kommen in vernetzend gestalteten Vorträgen und Gesprächen zusammen und nehmen spezifische Themen in den Fokus.[21]

Die Entscheidung, dieses Programm durch verschiedene Veranstaltungen über einen Zeitraum von mehreren Monaten zu entwickeln und das Format des „Labors“ vorzuschlagen, hat eine dezentral erweiterte kuratorische Perspektive zum Ziel, die fortwährende, in der Stadt Berlin verteilte Aktivitäten umfasst. Dieser kuratorische Ansatz verfolgt auch den politischen Zweck, ein nachhaltiges Programm zu erzeugen, das sich über das Jahr verteilt, anstatt die Ressourcen auf wenige Tage der öffentlichen Arbeit zu konzentrieren. Das fördert einen langsameren und tiefergehenden Prozess, in dem lokale und internationale Netzwerke Austausch und Dialoge in den Bereichen von Kunst, Technologie, Hacktivismus und Politik entwickeln und die wechselseitige Wahrnehmung stärken. Wie die Philosophin, Kunstkritikerin und Feministin Carla Lonzi nahelegt, beruht jede Entstehung eines Kunstwerks notwendigerweise auf einem bestehenden Netz an Beziehungen.[22] Aus diesen Beziehungen und Dialogen heraus lassen sich neue Formen der Imagination und schließlich neue Formen der Praxis fördern.

 


[1] Tatiana Bazzichelli, Networked Disruption, Rethinking Oppositions in Art, Hacktivism and the Business of Social Networking (Aarhus: Digital Aesthetics Research Center, Aarhus University, 2013), 36–50.

[2] Ich habe von September 2011 bis März 2014 im Dialog mit dem künstlerischen Leiter Kristoffer Gansing für die transmediale das Programm des Festivals kuratiert und das Programm des reSource-Projekts entwickelt. Diese Tätigkeit gestaltete sich gemeinsam mit Daniela Silvestrin, die von September 2011 bis Februar 2012 Programmassistenz im reSource-Projekt war und von September 2013 bis Februar 2015 Projektmanagerin der Konferenz der transmediale. Von März 2012 bis Februar 2013 arbeitete dann Georgia Nicolau als reSource-Projektmanagerin mit mir zusammen. An der Entwicklung des Programms reSource 003 P2P Vorspiel im Februar 2013 war zudem Heiko Stubenrauch als Projektassistenz beteiligt. Er hat auch gemeinsam mit Georgia Nicolau die reSource Chats transkribiert, die von Lina Zuppke und mir lektoriert wurden und in der ersten Ausgabe des transmediale-Magazins Uncertain Space: Media Art All Over? (Berlin, 2013) veröffentlicht sind. Schließlich möchte ich Kim Voss danken, die an der Programmproduktion zum Vorspiel 2015 mitwirkte, sowie Georgia Nicolau für ihre Gedanken und Vorschläge zu diesem Text.

[3] Siehe The Everyday Life Reader, hg. von Ben Highmore (London: Routledge, 2002).

[4] Ich konnte diese Überlegungen bereits bei einem internen Strukturworkshop vorstellen, der am 29. April 2013 im Büro der transmediale im Podewil in Berlin stattfand. Der Workshop ermöglichte dem transmediale-Team einen Austausch über unsere Visionen für das Festival.

[5] Bazzichelli, „Networking Berlin’s transmedial culture“, in: Uncertain Space – Media Art All Over? Nr. 1, 2013, 14.

[6] Die erste Veranstaltung, die im Rahmen des reSource-Projekts vor dem Festival organisiert wurde, war die Konferenz in/compatible Research an der Berliner Universität der Künste im November 2011. Die Konferenzreihe war das Ergebnis einer Kooperation des reSource-Projekts mit der Aarhus University. Die Kooperation sollte eine Forschungsagenda in das transmediale-Festival einbringen. Die gemeinsam organisierten Forschungsworkshops hatten das Ziel, zu den Festivals ein Peer-Review-Journal herauszugeben. Die Entwicklung des fortbestehenden Projekts „APRJA: A Peer-Reviewed Journal About“ ist auf der Webseite nachvollziehbar: http://www.aprja.net (letzter Zugriff auf alle hier verwiesenen Links am: 4.6.2017).

[7] Siehe Bazzichelli, „reSource for transmedial culture: Statement of interest & call for collaborations“, Oktober 2011, http://www.transmediale.de/content/resource-statement-interest. 

[8]2012 wurde reSource transmedial culture berlin Teil einer institutionellen Zusammenarbeit zwischen der  transmediale und dem Centre for Digital Cultures der Leuphana Universität Lüneburg. Als Postdoc  schrieb ich dort das Projekt Transmedial Culture: A Practice-Based Research Project of Networking Art and Culture. Dieses gemeinsame Forschungsprojekt verknüpfte von Juli 2012 bis März 2014 die transmediale mit dem Centre for Digital Cultures. Das Forschungsziel beschrieb reSource transmedial culture berlin als ein Projekt zur Etablierung eines Labors des geteilten Wissens für lokale und translokale dezentrale Netzwerke und zum Austausch zwischen akademischen und nicht-akademischen Bereichen der Wissensproduktion. Es sollten praxisorientierte Reflexionskontexte entstehen und durch einen interdisziplinären und dezentralen kuratorischen Ansatz der Organisation von Veranstaltungen, Workshops und Vorträgen auf einer lokalen, regionalen und internationalen Ebene sollte Feedback an Theorie und Praxis zurückgegeben werden.

[9] Siehe Bazzichelli, „reSource-net: the mailing list of the ‚reSource transmedial culture berlin‘“, August 2012, https://transmediale.de/content/resource-net.

[10] Die Initiative begann im Frühling 2012 als Teil meines Forschungsprojekts Transmedial Culture: A Practice-Based Research Project of Networking Art and Culture am Centre for Digital Culture der Leuphana Universität Lüneburg in Zusammenarbeit mit dem transmediale-Festival.

[11] Die Interviews wurden ab Mai 2012 und mit folgenden Personen geführt: Christian de Lutz / Art Laboratory Berlin; Georg Hotz / ausland; Dr. Podinski / Citizen Kino; Francesco Macarone Palmieri aka Warbear / Gegen; Daniel Franke, Kai Kreuzmüller und John McKiernan / LEAP; Allegra Solitude / Liebig12; Erika Siekstelyte und Justas Rudziaskas / Panke e.V.; Pit Schultz und Diana McCarty / reboot.fm; Ela Kagel / Supermarkt; Florian Wüst / Haben und Brauchen. Sie sind online verfügbar: http://www.transmediale.de/resource/chats. Ein Auszug wurde als kreative Montage in der Rubrik „snapchat:#bln“ („reSource Chats 1-2-3“) im transmediale-Magazin veröffentlicht: Uncertain Space: Media Art All Over?, 1, 2013, 4–13. Bei der Vorstellung der reSource Chats bei der Veranstaltung reSource 003: Overflow vom 12. bis 14. September 2013 im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien in Berlin fanden weitere Gespräche mit unabhängigen Kulturproduzent*innen statt – unter anderem mit Christian de Lutz, Dr. Podinski, Ela Kagel, John McKiernan, Kai Kreuzmüller und Daniel Franke, Francesco Warbear Macarone Palmieri, Erika Siekstelyte und Allega Solitude (siehe: https://transmediale.de/de/content/resource-006-overflow).

[12] Einige Aktivitäten wurden in Zusammenarbeit mit Wissenschaftler*innen am Centre for Digital Cultures, d.h. Mitgliedern des Post-Media Labs und der Gruppe Hybrid-Publishing durchgeführt. Clemens Apprich und Oliver Lerone Schultz (Post-Media Lab) kuratierten gemeinsam den Runden Tisch Networks Out of Hands mit lokalen und translokalen Aktivist*innen, während Simon Worthington von Hybrid Publishing auf dem Panel Imaginary Network sprach. Durch die im Rahmen des Ansatzes „Vernetzen-Forschen-Kuratieren“ entwickelte praxisbasierte Kooperation entwickelte sich die Zielsetzung der interdisziplinären Beziehung und Zusammenarbeit zwischen dem transmediale-Festival und der Leuphana Universität Lüneburg weiter. Diese konkrete Kooperation war ein positives Ergebnis der vorhergegangenen Monate der Zusammenarbeit (das Post-Media Lab war schon seit April 2012 Partner des reSource-Projekts).

[13] Für eine detailliertere Beschreibung der vom reSource-Projekt ausgerichteten künstlerischen Workshops, siehe: Bazzichelli, „reSource: Three Ongoing Network Projects“ im Festivalkatalog der transmediale 2013.

[15] Ein Beispiel war die Veranstaltung im Rahmen von reSource 005 zur Unterstützung von Chelsea Manning am 5. Mai 2013 bei Urban Spree, The Medium of Treason – The [] Manning Case. Bei der Veranstaltung sprachen Birgitta Jónsdóttir, Andy Müller Maguhn und John Goetz sowie die Free Chelsea Manning Initiative Berlin (damals noch unter dem Namen „Free Bradley Manning Initiative Berlin“). Die Veranstaltung kuratierte ich in Zusammenarbeit mit Diani Barreto (https://transmediale.de/resource-005/the-medium-of-treason).

[16] Im Kontext des transmediale-Festivals vom 29. Januar bis 2. Februar 2014 habe ich in Zusammenarbeit mit Kristoffer Gansing die Festival-Konferenz kuratiert. Die Konferenz war in drei thematische Stränge gegliedert: „Hashes to Ashes“ (von mir kuratiert und geleitet), „Will You Be My Trashure?“ (gemeinsame Leitung durch Francesco Macarone Palmieri und Katrien Jacobs) sowie „An Afterglow of the Mediatic“ (gemeinsame Leitung durch Jussi Parikka und Ryan Bishop). Ich moderierte das zentrale Panel am 30. Januar 2014 – Art as Evidence mit Jacob Appelbaum, Trevor Paglen und Laura Poitras – und konzipierte andere Panels in diesem inhaltlichen Teil. Der Strang „Hashes to Ashes“ sollte insbesondere Whistleblower*innen, Hacker*innen, Künstler*innen und Aktivist*innen in Kontakt bringen, um über die Kunst der Aufdeckung als Strategie aufzuklären und ein Bewusstsein über versteckte Fehler in soziopolitischen Systemen zu schaffen. Der Strang „Will You Be My Trashure?“ verknüpfte Kartierungen und Territorien der sexuellen Kontrolle, des Umgangs mit Sozialen Medien, Neue-Medien-Performances, Körperpolitiken und queeren Aktivismus. Der Fokus von „An Afterglow of the Mediatic“ lag darauf, wie das Geologische und das Geophysische in unserer zeitgenössischen Kunst, Politik und Gesellschaft eingebettet sind.

[17] Im Sinne einer Vorstellung vom reSource-Projekts als fortwährender Kunstproduktion präsentierte John Wild sein Projekt Mapping the reSource Network im Rahmen von reSource 006. Von Mai bis September 2013 arbeitete Wild mit dem reSource-Projekt zusammen, um das reSource-Netzwerk unabhängiger technologischer Kunst- und Hacking-Räume in der Stadt zu kartieren. Diese Präsentation bot einen Überblick der Projektergebnisse: eine funktionale Android-App, die unabhängige Kunst/Hacking-Räume in Berlin sichtbarer machen sollte, sowie Klangabstraktionen des Netzwerks. Für weitere Informationen, siehe: https://transmediale.de/content/mapping-the-resource-network.

[18] Siehe Bazzichelli, „reSource for transmedial culture: Statement of interest & call for collaborations“, Oktober 2011, http://www.transmediale.de/content/resource-statement-interest.

[19] TBA (Technology Based Art) Berlin ist ein unabhängiges Netzwerk für Künstler*innen, Kurator*innen, Wissenschaftler*innen und alle anderen, die sich im Bereich der technologiebasierten Kunst in Berlin bewegen. Helena Lingor hat die TBA-Webseite erstellt und betreut auch die facebook-Gruppe: http://www.tbaberlin.de/, www.facebook.com/TBAberlin.

[20] Einige dieser Fragen habe ich bereits bei der Veranstaltung What Drives Us? A Forum on Festival Sustainability angesprochen, einer Konferenz und Gesprächsrunde beim HTMlles 11 „Zero Future“ – Feminist Festival of Media Arts and Digital Culture in Montreal, Kanada, vom 7. bis 15. November 2014.

[21] Für mehr Informationen zu diesem Projekt, siehe: www.disruptionlab.org.

[22] Siehe Carla Lonzi, Autoritratto (Milan: et al./Editions, [1969] 2010).

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