In Widersprüchen Leben. Notizen zum Study Circle Uneasy Alliances

Essay
29.10.2019

In Widersprüchen Leben. Notizen zum Study Circle Uneasy Alliances

Die feministische Philosophin Ewa Majewska hat gemeinsam mit dem Künstler Wojciech Kosma den Study Circle Uneasy Alliances bei der transmediale 2019 moderiert. In ihrem Essay beschreibt sie ihre Erfahrung, Teil dieser interdisziplinären Arbeitsgruppe zu sein, die online diskutierte und sich im Vorfeld des Festivals persönlich traf, um das Konzept des unbequemen Bündnisses zu verstehen und zugleich eines einzugehen. Ihre Beobachtungen führen zu der zentralen Frage, ob alle Bündnisse – in gewissem Maße – unbequem sind. Anstatt über die unbehagliche Lage zu klagen, die aus solchen Situationen der Zusammenarbeit erwachsen kann, will Majewska zu einem transversalen Ansatz anregen, der die Koexistenz subjektiver und kollektiver Erfahrung mit all ihren Widersprüchen ermöglicht.

 

To live in the Borderlands means to put chile in the borscht,
eat whole wheat tortillas, speak Tex-Mex with a Brooklyn accent; be stopped by la migra at the border checkpoints (…)

– G. Anzaldúa, To Live in the Borderlands Means You1

Die Chicana-Feministin Gloria Anzaldúa hat über die Grenzregionen geschrieben und darüber, wie die Erfahrung des Lebens an den Grenzen dich verändert; wie es immer überschreitet, aber auch fortschreitet; wie die Erfahrung der Grenze uns lehrt, dass es Schubladendenken ist, das uns trennt, und nicht die erlebte Erfahrung von Widersprüchen.2 Die institutionalisierten, bewachten Staatsgrenzen verschränken sich in Anzaldúas Erzählung mit kulturell tradierten. Sie münden in einem hybriden Identitätsgefühl, das der Vorstellung von einem sauberen, homogenen europäischen Subjekt deutlich entgegensteht.

So fühlt sich das Konzept der „unbequemen Bündnisse“ an. Doch verhandelt es nicht (nur) staatliche und kulturelle Grenzen, sondern eröffnet auch weitere Aspekte unserer gelebten Erfahrungen, wie die kulturelle Produktion, Zusammenarbeit, Treffen, Festivals, Beziehungen… Bei genauerer Betrachtung kommt eine weitere Option auf: Ist womöglich jedes Bündnis unbequem? Vielleicht bringt nicht nur die Verwendung von Sprache ein Gefühl der Entfremdung mit sich, wie Walter Benjamin in „Die Aufgabe des Übersetzers“ argumentierte, sondern jede kulturelle Aktivität, einschließlich der Zusammenarbeit und Verbündung mit anderen?"3

Der Titel Unbequeme Bündnisse bezeichnet einen Widerspruch – einen vertrauten Widerspruch, denn wir wissen alle intuitiv, was er bedeutet. Er erscheint wie eine Neuformulierung von Immanuel Kants „ungeselliger Geselligkeit“, der phänomenalen Neigung der Menschen, im Streben nach individuellen, oft egoistischen Zielen Kollektive zu bilden.4 Das Unbehagen wird also als eine Erfahrung des Widerspruchs zwischen unseren individuellen Zielen und den kollektiven Bedürfnissen unserer Spezies verstanden. (Ja, Kant war sehr interessiert an der menschlichen Art. Er lud dazu ein, zuallererst die Fähigkeiten zu verstehen, die wir als Spezies miteinander teilen. Darüber hinaus forderte er dazu auf, zwischen dem zu unterscheiden, was der menschliche Verstand zu wissen fähig ist und was andere Arten vielleicht wissen mögen. Das ist vielfach als Strategie kritisiert worden, die menschliche Überlegenheit zu bewahren. Doch ich lese es vielmehr als eine Warnung, das eigene Verständnis nicht auf andere – wie Götter, Engel oder Tiere – zu projizieren; also als einen nützlichen Vorschlag, wenn wir etwa versuchen, mit Tieren zu denken, auch wenn er zuweilen reduzierend ist.)

In unserer Praxis während des diesjährigen transmediale-Festivals haben wir versucht, ein unbequemes Bündnis einzugehen und es mit anderen zu teilen: durch einen Workshop, eine öffentliche Veranstaltung und ein paar schriftliche Materialien, wie diesen Text und ein bereits veröffentlichtes Gespräch. Es war eine schwierige Aufgabe: Unter anderem übersetzten wir, moderierten, tauschten uns aus, mischten neu, theoretisierten und übten. Unsere Arbeitsgruppe „Uneasy Alliances“ bestand aus acht bis zehn Personen, die mehrere Monate lang miteinander diskutierten und schrieben, die sich trafen (vor dem Festival nur ein Mal, aber wir waren auch über Chat und Videochat in Kontakt), um Infrastrukturen für Diskussionen, Austausch, Präsentationen und eine gemeinsame Praxis aufzubauen. Ein Ziel, zumindest für mich – und ich bin den Kurator*innen und Produzent*innen der transmediale wirklich dankbar für diese Möglichkeit – war es, Formate und Strukturen für einen nicht-hierarchischen, horizontalen öffentlichen Austausch zwischen zahlreichen einander unbekannten Menschen zu schaffen, die in dem Versuch entworfen wurden, Fehler von sonst üblichen öffentlichen Debatten zu vermeiden. Ich halte unsere Versuche bis zu einem gewissen Grad für produktiv. Doch wirksamer und mit zufriedenstellenderen Ergebnissen war unsere Arbeit im kleineren Maßstab, wenn eher 50 als 150 Leute beteiligt waren. Hieraus können wir etwas lernen: Für die Mehrheit der Menschen ist es eine unangenehme Situation, öffentlich in Mikrophone und im Scheinwerferlicht zu sprechen. Die von uns angewandten Mittel, um diese besondere Schwierigkeit unserer öffentlichen Veranstaltung zu überbrücken, waren nur für manche Teilnehmende wirksam, für andere waren sie eher anstrengend. Das allgemeine Unbehagen, sich mit Unbekannten zu verbünden, ist nur schwer zu erleichtern.

An der unbequemen Schnittstelle von Aktivismus, Kunst, Hacking, Performance, feministischen und queeren Inspirationen erlebten wir auch schwierige Momente. Es war nicht leicht, Filme in die Auseinandersetzung einzubeziehen, insbesondere da wir sie nur in Auszügen zeigen konnten. Doch für mich waren zwei Momente besonders problematisch: Zum einen, als negative Gefühle in Form einer Anschuldigung aufkamen, und zum anderen als Privilegien als weiteres Mittel der Schuldzuweisung und endlosen Vorwürfe ins Gespräch gebracht wurden. Letzteres sollte durch Mutmaßungen darüber, „wie privilegiert“ wir Teilnehmenden wohl seien, unsere Fähigkeiten zur kritischen Auseinandersetzung untergraben. Beide dieser eher unangenehmen Momente entstanden während der öffentlichen Veranstaltung des Study Circles Uneasy Alliances durch Interventionen aus dem Publikum. In diesen Momenten des Unbehagens stellte ich fest, dass ich selbst durch Schuld getriebene Kritik zu vermeiden versuche. Ich glaube, dass es mehr kulturelle Schuld gibt, als wir uns je vorstellen könnten; und dass diese von Schuld getriebene Kritik – die jede Bemühung, Bündnisse aufzubauen, untergräbt – nicht nur unbequem ist, sondern in dem Maße zerstörerisch, dass sie jegliche Verbindungen auflöst, die wir durch gemeinsame Ziele aufbauen könnten. Aus diesem Grund glaube ich, dass unbequeme Bündnisse achtsame Vermittlungsarbeit erfordern, die Schuld eingrenzt statt zuzulassen, dass sich Vorwürfe verbreiten. Unbehagen muss nicht zwangsweise Schuld bedeuten; es kann sich auch um eine kulturelle Konditionierung handeln statt um eine logische Notwendigkeit. Hierüber denke ich infolge unserer Debatten während der diesjährigen transmediale nach; sowie über weitere vom Unbehagen eröffnete Möglichkeiten für Diskussionen und für kulturelles und politisches Handeln.

Eine der wichtigen Inspirationen für unseren Study Circle war das Konzept, das Raymond Williams in Structures of Feeling5 einführt. Diese einfühlsame Analyse der gesellschaftlichen Aspekte von Affekten war ein Leitkonzept, das uns in verschiedene Richtungen führte. Für manche war es eine Bekräftigung der Empfindsamkeit des Kollektivs, für andere eine Dialektikübung. Für wieder andere bot es eine Möglichkeit, den Materialismus zu bewohnen, ihn als etwas zu verstehen, das von sinnlichen Wesen belebt wird. Williams‘ Hinwendung zu den Strukturen von Gefühl hat ein doppeltes Ziel: Einerseits geht es um eine Rückkehr zum Einzelnen und Kontingenten als Teil des Gesellschaftlichen, auf den es ankommt; und andererseits gilt es, jenen Teil von Erfahrung anzuerkennen, der nicht unmittelbar als materiell oder rational erkannt werden kann – den Affekt. Das ist aus der Perspektive der Theorie- und Philosophiegeschichte relevant. Doch sollten wir wahrscheinlich fragen: Warum ist es wichtig für unser Hauptthema im Studienkreis?

Das „unbequeme Bündnis“ verweist auf die grundlegenden Widersprüche des Gesellschaftlichen. Es betont die individuelle Erfahrung und das individuelle Empfinden (von Unbehagen) sowie die Erfahrung und das Empfinden des Sozialen (in Bündnissen). Es bringt also nicht nur das Individuelle in das Gesellschaftliche, sondern offenbart auch die sozialen Affekte und das Individuum als Struktur. Ich glaube, dass diese Komplexität hier entscheidend ist. Und ich misstraue hier irgendwie Judith Butler, wenn sie nahelegt, dass Affekt und somit auch Widerstand, nur individuell seien.6 Sie schreibt – und das war das Motto unserer Studiengruppe: „Die soziale und politische Transformation beginnt mit dem kleinen Schritt, dem täglichen Anruf, der wöchentlichen Demonstration, wenn wir uns aus unseren Komfortzonen heraus bewegen, wo wir uns alle miteinander identifizieren können, hinein in das unbequeme Bündnis, das sich gegen Ungerechtigkeit stellt.“ Butler spricht hier definitiv von individueller Erfahrung. Die Frage lautet: Wie können wir hierauf ein kollektives Konzept begründen? Denn diese Erfahrungen können und sollten auch als sozial verstanden werden: So entsteht Solidarität.

Hier stoßen also offenbar die individuelle Logik von Butlers Widerstand und die soziale Logik von Williams aufeinander. Es handelt sich um zwei starke philosophische Traditionen des politischen Denkens: Butlers liberaler Kern steht Williams‘ Marxismus gegenüber. Wir wollten uns selbstverständlich nicht auf diese technischen Unterscheidungen konzentrieren, sondern ein interessantes Projekt gestalten. Doch können diese Unterscheidungen unser Bemühen, die unbequemen Bündnisse zu besprechen, zugleich langweiliger und aufregender machen: Denn das Bündnis zwischen Individualismus und Marxismus ist par excellence und per Definition unbequem. Es handelt sich um ein Bündnis, infolgedessen der Wunsch aufgegeben werden muss, Affekt, Widerstand und Erfahrung auf das Individuum zu begrenzen. Es handelt sich um ein Bündnis, bei dem wir mit ein bisschen Mühe vielleicht gewisse grundlegende Probleme beider Perspektiven lösen können. Es handelt sich auch um ein Bündnis, in dem wir neu sprechen lernen. Eine neue Sprache, um genau zu sein. Eine Sprache, in der der Binärcode durch Viren, Hybride, durch Queeres und Ungerades ersetzt wird – wie Anzaldúa und Benjamin nahelegen, auf die ich oben verweise.

Durch diese Sprache erreichen wir Dialektik. Das ist vielleicht nicht der beliebteste Begriff in Zeiten des verhängnisvollen Posthumanismus. Doch ist er hilfreich, weil er ermöglicht, unsere Ausdrucksformen von Affekten im Gesellschaftlichen zu verorten, ohne sie künstlich als Bestandteile individueller Erfahrung abzutrennen. Er ermöglicht uns auch, die vermeintlichen Widersprüche als Teil eines Prozesses und durch Interaktion ausgebildet zu erkennen. Nehmen wir das Thema der Solidarität. Der Affekt der Solidarität ist nicht als individuelles Phänomen vorstellbar (– versuche es einmal selbst). Solidarität ist ein sozialer Affekt par excellence; oder zumindest erfordert sie eine Person und eine Gruppe – oder zwei Gruppen, da nicht einmal zwei Einzelpersonen genug erscheinen. Wenn wir alle Themen in Betracht ziehen, die wir in unserem Arbeitskreis angehen wollten – Technologie, Entfremdung, falsche Prämissen von Kollektivität, die durch Soziale Medien künstlich hergestellt werden etc. – dann erscheinen sie definitiv unbequem. Besonders, wenn wir zu diesen Themen Bündnisse eingehen wollen.

Unbehagen kann mit Scheitern verknüpft werden. Wir streben nach den Gefühlen des Glücks und der Freude, weil sie bedeuten, dass wir erfolgreich waren. Doch ist das wirklich so? Wenn ich ein Buch fertig geschrieben habe, fühle ich mich oft traurig und müde, nicht glücklich. Bedeutet das, dass ich gescheitert bin? Das passiert auch in Zusammenarbeiten – wir fühlen uns oft müde und traurig. All diese Emails und Kommunikation; all die Missverständnisse und Ärgernisse. Zusammenarbeit ist unbequem, weil sie Bemühen erfordert, ja; aber auch, weil sie sich allem widersetzt, was uns der Neoliberalismus lehrt. Sie geht über unseren Wunsch hinaus, sofort erfolgreich zu sein, unmittelbar Befriedigung zu erhalten, Bequemlichkeit. Unbequeme Bündnisse sind also vielleicht repräsentativ für alle Bündnisse, zumindest in neoliberalen Gesellschaften des Spätkapitalismus, wie wir ihn kennen. Im Einklang zu arbeiten, nicht nur mit der kleinen Gruppe anderer Künstler*innen, sondern auch mit Theoretiker*innen, Aktivist*innen und Kurator*innen, mag als einfache Aufgabe erscheinen. Die Internationalität der Gruppe macht die Herausforderung komplexer, eröffnet aber auch die Möglichkeit weiterer Differenzen und Bündnisse durch Hybridität und Transversalität. Ich glaube, dass die experimentelleren Formate, die wir dieses Jahr ausarbeiten konnten, ein Schritt in Richtung eines verstärkten Austauschs und einer Ermöglichung öffentlich zugänglicherer Debatten sein können. Ich bin dankbar, mit meiner Arbeit und Vorstellungskraft zu diesem „unbequemen Bündnis“ beigetragen zu haben.

Übersetzung aus dem Englischen von Jen Theodor.

  • 1. A.d.Ü. Der Satz lautet auf deutsch etwa: „In den Grenzregionen zu leben, bedeutet, den Borscht mit Chili zu würzen, Vollkorn-Tortillas zu essen, mit einem Brooklyner Akzent Tex-Mex zu sprechen; an den Checkpoints vom Grenzschutz kontrolliert zu werden [...]“
  • 2. Gloria Anzaldúa, „To Live in the Borderlands Means You“, in: Frontiers: A Journal of Women Studies, Vol. 17, No. 3 (1996), 4-5.
  • 3. Walter Benjamin, „Die Aufgabe des Übersetzers“, Vorwort in: Charles Baudelaire, Tableaux Parisiens. Deutsche Übertragung von Walter Benjamin mit einem Vorwort über die Aufgabe des Übersetzers, französisch und deutsch, Verlag von Richard Weißbach, Heidelberg 1923.
  • 4. Siehe: Immanuel Kant, „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“, in: Berlinische Monatsschrift, November 1784, 385-411. Online verfügbar im Projekt Gutenberg: [https://gutenberg.spiegel.de/buch/idee-zu-einer-allgemeinen-geschichte-i... letzter Zugriff am 25.4.2019.
  • 5. Raymond Williams, „The Structures of Feeling“, in: Marxism and Literature (Oxford, UK: Oxford University Press, 1977).
  • 6. Judith Butler, „This Is What Resistance Looks Like“, Lecture at Luskin School of Public Affairs, University of California, Los Angeles, USA, 15.02.2017.

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