Für eine non-monetäre Ökonomie

Für eine non-monetäre Ökonomie

Roman coins. Photo by Nikita Andreev on Unsplash

Stefan Heidenreichs kürzlich im Merve Verlag erschienenes Buch trägt den Titel Money. Es stellt nicht direkt eine Polemik gegen Geld dar, sondern vielmehr eine Spekulation darüber, dass wir Geld vielleicht gar nicht mehr benötigen. Obwohl die Idee, dass Währungen bald obsolet sein könnten, für viele neu sein mag, schreibt Heidenreich, dass wir uns wahrscheinlich bereits in der ersten Phase eines Medienwechsels befinden, der zu diesem Punkt führt. Dank der komplexen Informationsinfrastrukturen, die für die Dokumentierung von Transaktionen entwickelt wurden, um Konsumentenverhalten mit Identitäten zu verknüpfen und zukünftige Tauschhandel vorauszusagen, ist die Basis für eine neue Art der Wirtschaft bereits geschaffen. Heidenreich erkundet mögliche Funktionsweisen dieses Systems, teilweise basierend auf ausgeklügelten „matching“ Formeln, die in ein Zeitalter führen, das fairer und gleichberechtigter sein könnte – jedoch auch in völlig neuem Maße ein Potenzial für Monopolisierung und Kooption birgt.

 

Vorwort

Geld dient unter anderem dazu, Güter und Arbeit zu verteilen. In Zukunft werden wir diese Aufgaben auch anders lösen können, ohne Geld und stattdessen mit Hilfe von Netzwerken, Algorithmen und künstlicher Intelligenz.

Warum auf Geld verzichten? Im Medium Geld ver­bin­den sich drei Funktion: zahlen, bewerten und speichern. In jeder monetären Ökonomie tendiert das Speichern dazu, die bei­den anderen Funktionen zu dominieren. Dabei handelt es sich um eine unvermeidliche, weil im Geld angelegte Ten­denz. Das Kommando »Mehr!« ist ihm von Anfang an ein­ge­schrieben. Es drängt zu einem Zustand, in dem alle Zah­lungen und jegliche wirtschaftliche Aktivität dazu die­nen Tribute abzuführen. Jede Bewertung von Gütern oder Beru­fen verschiebt sich zugunsten der Vermögen und ihrer Vermehrung. Einkünfte und Eigentum sind immer unglei­cher verteilt. Kein Wunder, beschränken sich die Maß­nahmen der Zentralbanken nach der Krise 2008 auf die seitdem kontinuierlich fortgesetzte Rettung der Ver­mö­gen.

Der Entwurf einer non-monetären Ökonomie setzt der Geld­wirtschaft eine fundamentale Utopie entgegen. Sie kommt ohne Geld aus, streicht das Speichern von Wert und Vermögen und ersetzt die Funktionen des Bewertens und Zahlens durch eine algorithmisch unterstützte Ver­tei­lung der Dinge und Tätigkeiten. Technisch ist das möglich, da wir inzwischen alle Transaktionen digital notieren und genü­gend Daten verrechnen können, um die Infor­ma­tions­funktion des Marktes zu unterlaufen. In diesem Sinn stellt die non-monetäre Ökonomie eine radikale linke Utopie dar: eine Wirtschaft, die ökonomische Gleichverteilung anstrebt, indem sie das gegenwärtige System an einer fundamentalen, weil medialen Stelle umbaut.

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1. Verteilen

Aufgabe der Ökonomie ist es, Güter und Arbeit zu ver­tei­len. Dazu braucht es kein Geld. Historisch hat es sich so erge­ben, dass über das Medium Geld die nötigen wirt­schaft­lichen Informationen gebündelt und vermittelt wur­den. Heute läuft fast die gesamte Ökonomie unterm mone­tä­ren Regime. Damit ist jedoch weder das Ende der Ge­schichte noch eine optimale Lösung erreicht. Seit Daten und Rechner groß und schnell genug sind, können wir andere, geldlose und wahrscheinlich bessere Ver­fah­ren der Verteilung ins Auge fassen. Dazu müssen wir bei Fra­gen der Distribution und der Allokation zu beginnen und nicht erst bei Märkten und deren monetärer Ein­rich­tung.

Die Aufgabe, sehr viele verschiedene Dinge unter sehr vie­len Beteiligten zu verteilen, stellt ein typisches Problem in Netzwerken dar. Schließlich geht es um eine Vielzahl von Verknüpfungen. Das Kernelement dieser Ver­knüp­fun­gen bildet eine soziale Relation, sei es durch Gabe oder durch Hilfe oder durch Kommunikation. Was verteilt wird, sind Verknüpfungen oder »Links«.

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Mit der Dichte und Menge an Daten verändert sich das Ver­hältnis von Preisen zu Information radikal. Preise brin­gen nur noch nachträglich zum Ausdruck, was wir über das Ver­halten des Konsumenten am Markt ohnehin wissen. Wir sehen heute schon beim Buchen von Flügen, wie Prei­se von Algorithmen gemacht werden. Der Datenvorsprung betrifft nicht nur Endkonsumenten, sondern auch große Han­delsplätze. Die sporadischen Flash-Crashs zeigen, was passiert, wenn Algos mit Aktien und anderen Papieren spe­kulieren. Wenn sich aus unserem Profil, unseren Likes und unserer Konsumgeschichte errechnen lässt, was wer wann kaufen wird, schnurrt der Markt auf einen singulären Moment zusammen. Im Preis liegt dann keine zusätzliche Infor­mation mehr. Formell wird die Verteilung noch auf Prei­se abgebildet und in Geld verrechnet, aber in den zugrun­de liegenden Datenströmen zeigt sich bereits die tech­nologische Basis einer non-monetären Ökonomie.

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2. Transaktionen

Transaktionen bilden die Basis jeder Ökonomie. Die ein­fachste aller Transaktionen ist die Gabe. Eine Person (A) gibt etwas (x) an eine andere Person (B) - notiert als Tupel (A,B,x). Person bezieht sich hier auf jede Art von Akteur, die oder der oder das als handelnd auftritt, also nicht nur Men­schen, sondern auch Automaten, Programme, Maschi­nen oder andere Lebewesen. Als Gabe wiederum kann alles gelten, was sich geben lässt, also nicht nur Wa­ren, sondern auch Informationen, Ereignisse, Zugänge, Handlungen, Hilfeleistungen und ähnliches.

Warum soll das Geben und nicht die Arbeit als Basis der Ökonomie gelten? Aus dem einfachen Grund, dass man sehr wohl arbeiten kann, ohne Teil der Ökonomie zu wer­den, also ganz für sich selbst und ohne weitere Effekte für andere. Dagegen stellt eine Transaktion immer ein sozi­ales Verhältnis her. Das macht bei der Arbeitsteilung das Teilen zur grundlegenden Handlung, und nicht die Arbeit. Ohnehin müssen wir noch genauer betrachten, was ökonomisches Tun bedeutet. Arbeit gehört zur Geld­wirt­schaft und der Idee bezahlter, entfremdeter Pro­duk­tions­tätigkeiten. Im non-monetären Feld entscheidet sich der ökonomische Wert einer Tätigkeit daran, ob und wie sie geteilt wird.

Sämtliche Formate und Strukturen des Gebens und Tau­schens wie Zahlungen, Preise, Werte; Käufer, Kon­sum, Angebot, Nachfrage oder Märkte lassen sich auf ein­fa­che Transaktionen zurückführen. Man kann die Gesamt­heit aller ökonomischen Verhältnisse von der ele­men­taren Transaktion des Gebens her begreifen.

Das heute als Normalfall angesehene Kaufen kam in der lan­gen Geschichte ökonomischer Verhältnisse eher spät auf, und mit ihm das Geld. Vorher waren einfache Trans­ak­tionen die Regel, also Gaben, durchaus auch erzwun­gene, etwa in Form von Steuern. Dass die Gaben bemes­sen und in Zahlenform notiert wurden, begann nicht mit dem Geld, sondern mit Aufschreibesystemen, die meis­tens an Tempel angeschlossen waren. Alle jene Geschich­ten des Geldes, die die Wirtschaft mit dem Tausch beginnen lassen, liegen nicht nur historisch falsch, son­dern weigern sich, eine Ökonomie vor dem Geld anzu­er­ken­nen, und taugen deshalb auch nicht dazu, eine Öko­no­mie ohne Geld zu denken.

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3. Medien und Netze

Wann Daten die Aufgaben des Geldes übernehmen kön­nen, hängt vom Verhältnis der Rechenkapazitäten zu den Trans­aktionen ab. Sobald Computernetzwerke groß und schnell genug sind, um sämtliche Zahlungsvorgänge zu ver­arbeiten, besteht technisch gesehen die Möglichkeit, die Funktion des Geldes algorithmisch zu emulieren. Wir ste­hen heute genau an dieser Schwelle. Wahrscheinlich haben wir sie schon überschritten.

Ganz neu sind geldlose Wirtschaftsformen nicht. Vor dem Aufkommen des Geldes wurden größere öko­no­mi­sche Einheiten durch Aufschreibesysteme verwaltet. De­ren Reste finden wir nicht nur in den Ruinen der Tempel, son­dern auch in den Schuldmythen vieler Religionen. In einem der wohl bekanntesten aller Gebete fordern Chris­ten auf aller Welt tagtäglich millionenfach ein Ende der Ver­schuldung: »Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir ver­geben unseren Schuldigern.« Den ökonomischen Kern die­ser Zeilen haben sie leider vergessen. Mit der Umstel­lung von einem zentralen Aufschreibesystem auf ein dezen­trales, nämlich Geld, kamen die Schuldenerlasse aus der Mode. Nicht von ungefähr, denn die vielen Gläu­bi­ger, die an die Stelle der einen Zentralmacht getreten waren, hatten mehr Interesse, Schulden einzutreiben als abzu­schreiben. Das Christentum reagierte, indem es Schul­den durch Sünden und den Schulderlass für alle durch die Beichte für jeden Einzelnen ersetzte, sprich durch Kontrolle.

Historisch gesehen beginnen ökonomische Verhält­nisse nicht mit dem Tausch und schon gar nicht mit dem Bezah­len. Zuerst wird gegeben, geholfen, geliehen. Besitz ist unbekannt. In dörflichen Gemeinschaften reicht das Gedächt­nis der Leute aus, um ungefähr nachzuvollziehen, wer wem was gegeben hat.

Erst die Erfindung der Schrift führt dazu, dass sich größere öko­nomische Einheiten längerfristig organisieren lassen. Auf­zeichnungen von Gaben und Schulden finden sich an sehr vielen Ausgrabungsorten alter Zivilisationen. Letztlich geht die Erfindung der Schrift auf solche Archive von Gaben und Abgaben zurück. Zusammen mit dem ersten gene­rellen Medium und den Aufschreibesystem wachsen die neuen ökonomischen Einheiten. Die Herrschaft dieser Auf­schreibeökonomien, meistens um Tempel und Städte, kann sich genau so weit ausdehnen, wie ihre Macht reicht Abgaben einzutreiben.

Geld kommt erst später. Im streng technischen Sinn ist es kein Medium, sondern ein Verfahren, das ver­schie­denste Medien einsetzt, um Aufschreibsel transportabel zu machen und read-only zu prozessieren. Für die Ökonomie bedeutet das Geld eine grundlegende Neuerung, da es die ein­fache Transaktion der Gabe in einen symmetrischen Tausch auflöst. Wenn jemand für den Erwerb eines Dinges bezahlt, bleibt kein Rest. Es muss nichts mehr notiert wer­den. Geld spart Daten.

Die Expansion des Geldes läuft parallel zu krie­ge­ri­schen und expansiven Staatswesen, die mit Hilfe des Gel­des einen Kreislauf von Steuern, Sold und Versorgung der Armee in Gang setzen.

Über der Zirkulation der Güter und Arbeiten baut sich nun langsam ein verschachteltes Gebäude von mehr oder weni­ger geldnahen Notationsformen für Zahlungen und Zah­lungsversprechen auf, von der Münze zum Schuld­schein, dem Wechsel, dem Papiergeld bis hin zu digitalen Geldern. Am Ende sind wir wieder bei einem Auf­schrei­be­system gelandet, das nicht nur sämtliche Zahlungen notiert, sondern dazu auch noch die abenteuerlichsten Deri­vate und Wetten auf Zahlungsversprechen kon­stru­iert. Dass Geld Daten komprimiert, interessiert nicht mehr, seit wir genug Daten prozessieren können.

Peer-to-Peer Gelder und Kryptowährungen fügen diesem System nichts grundsätzlich Neues hinzu. Bei Bitcoins han­delt es sich nach wie vor um Geld, auch wenn es einer zen­tralen Institution entzogen ist. Auf dem Weg zur Abschaffung des Geldes stellen sie lediglich einen Umweg dar. Denn das Prinzip der Zahlung erhalten auch digitale und P2P-Zahlungssysteme aufrecht. Sie bilden einfach nur das alte Geld auf das neue mediale Fundament eines ver­teilten Netzwerks ab. Das entspricht der ersten Stufe eines medialen Umbruchs.

In der Medientheorie ist seit Marshall McLuhan die Regel geläufig, dass neue Medien erst einmal alte Inhalte abbil­den. Wir haben es bei medialen Umbrüchen dem­zu­folge oft mit einem zweiphasigen Ablauf zu tun. Erst findet die Abbildung das Alten im Neuen statt, wie in unserem Fall durch Bitcoin als Netzwerk-Abbild des Geldes. Erst in einer zweiten Phase stellt sich heraus, welches Eigen­leben sich im neuen Medium entfalten kann. Dieser Schritt steht für das Geld noch aus. Er liegt in der Übernahme der öko­nomischen Funktionen des Geldes durch intelligente Netzwerke.

Bemerkenswerter als die bloße Imitation von Geld erscheint an den P2P-Währungen die Architektur im Hin­ter­grund, die sogenannte Blockchain. Sie legt die Basis für ein dezentrales Verwaltungsverfahren, über das Trans­ak­tio­nen anonym vermittelt und überprüft werden. Das Verfahren taugt für Geld genauso gut wie für andere geld­lose und dezentrale Notationssysteme. Damit stellt die Block­chain einen möglichen Baustein für eine Ökonomie nach dem Geld dar.

Die zweite Phase eines medialen Wandels betrifft die Fra­ge, wie eine geldlose Ökonomie entstehen und wo­durch genau sie das Geld ablösen könnte. Die technische Entwicklung lässt hier viele Möglichkeiten offen. Wir haben es nicht mit einem fest bestimmten Weg zu tun, der deter­mi­nistisch medialen Vorgaben folgt. Technologischer Fort­schritt eröffnet Möglichkeiten für künftige Aktivitäten, im infor­mationsökologischen Sinn »Affordances«. Sie wer­den in der Regel in einem chaotischen Prozess voller Wider­sprüche erschlossen. Was den Wandel voranbringt, sind nicht Pläne oder Folgenabschätzungen, sondern im Gegen­teil der Missbrauch der Möglichkeiten, die Gegen­kul­tur, das Hacking und das Nutzen von Fehlern und Lücken. Das gilt auch für eine Ökonomie nach dem Geld. Wir werden sie nicht planen können. Sie wird in den Nischen und obskuren Ecken der Netzwerke aufkommen und sich von dort aus ausbreiten.

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4. Matching

Das Matching ist der wichtigste Vorgang in einer geldlosen Öko­nomie. Es übernimmt Funktionen, die ansonsten durch Preise und am Markt gesteuert werden. »To match« meint so viel wie Zuordnen, Zuweisen oder Verknüpfen. Da mit dem Vorgang aber weder eine »Ordnung« noch eine »Weisung« verbunden ist, trifft das englische Wort die Sache am besten.

Der Matchingprozess dient dazu, bei einer Trans­aktion alle Beteiligten und deren Wünsche, Bedürfnisse, Mög­lichkeiten, Fähigkeiten und Angebote zusammen zu brin­gen, um zwischen ihnen zu vermitteln, bei der Ent­schei­dung beratend zur Seite zu stehen, die Verhand­lun­gen zu begleiten und das Resultat zu notieren.

Theorien von Algorithmen und Netzwerken bezeichnen mit Matching jede Zuordnung von Elementen zweier ver­schie­de­ner Mengen. Bei diesen Elementen kann es sich in unse­rem Fall um Dinge oder Personen oder Ereignisse oder Zeitpunkte oder Orte oder Objekte aller Art handeln. Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass Elemente der­sel­ben Menge miteinander gematcht werden, also etwa zwei Men­schen bei der Vermittlung von Partnern, ein Team von Pro­grammierern für die Entwicklung eines Projektes, oder Last­wagen und Container für einen Transport.

Formell gesehen vermittelt das Matching eine bedingte Gabe in einer netzwerkförmigen Umgebung. Das Ergebnis lässt sich als Differenz zwischen dem Vorher- und einem Nach­her-Zustand beschreiben, wobei jede gematchte Trans­aktion Effekte über alle unmittelbar Beteiligten hinaus hat, wenn auch kleine. Die Umgebung umfasst alle Ver­bindungen und Informationen, die in das Matching ein­ge­hen, im Verlauf verarbeitet und beim Abschluss notiert wer­den. Dabei werden alle laufenden Entscheidungen berück­sichtigt, sowohl von der Geben-Seite, der Nehmen-Seite, als auch vom gegebenen Gut und betroffenen Drit­ten. Zu den Faktoren gehören vergleichbare Trans­ak­tio­nen, die Geschichte der Transaktion im Profil der Beteilig­ten, sowie deren Wünsche, Bedürfnisse und Fähigkeiten.

Das Matching verarbeitet alle diese Parameter, um eine oder mehrere mögliche Lösungen vorzuschlagen. Es tritt dabei nicht als Auktionator auf, sondern als Mediator. Das heißt, es ist nicht das Ziel, die beste Lösung zum idealen Preis zu berechnen und es dabei zu belassen, son­dern es geht darum, zwischen einer Reihe von Inter­essen zu vermitteln. Das Matching skaliert dabei je nach Bedarf. Nicht alle Optionen müssen immer ausgeschöpft wer­den. Für Dinge des täglichen Gebrauchs wird es zur Form­sache und nimmt dann weniger Zeit in Anspruch als heute das Bezahlen. Betrifft das Matching dagegen einen weiter reichenden politischen Prozess, erstreckt es sich auf all die Gremien, Behörden und Interessierten, die auch heute daran beteiligt wären und wird sich daher ähnlich lang hinziehen.

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Das Matching macht auf dem Weg zur Entscheidung Vor­schläge, zeigt Gelegenheiten und begleitet den Fin­dungs­prozess. Mag sein, der Algorithmus wird voraus­schau­end aktiv, bevor wir überhaupt daran denken, etwas Bestimm­tes zu wollen. Manche Empfehlungs-Apps tun das heute schon, indem sie unsere Wünsche auswerten und vorausahnen. Ob wir diese Einflussnahme wollen oder nicht, ist vielleicht eine hypothetische Frage. Je mehr Vor­teile sich die Leute von den Algorithmen versprechen, desto eher werden sie darauf zurückgreifen. Auf diese Wei­se entstehen sozial anerkannte Verhaltensmuster von selbst. Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit medialer Ver­änderungen sind an ihrer Basis nie einer sozialen Absicht unterstellt, sondern immer von technischen Eigen­dy­namiken angetrieben.

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Von den Anwendern aus betrachtet, beginnt jedes Mat­chingverfahren meistens mit einem Wunsch oder einem Bedürfnis. Der Algorithmus schlägt daraufhin ver­schie­dene Lösungen vor. Falls eine davon passt, werden die ande­ren Beteiligten, also etwa Produzenten, Anbieter, Erfin­der, Maschinen oder Algorithmen angesprochen. Für den Fall, dass man sich einigt, wird die Transaktion durch­geführt und notiert. Der Impuls zum Matching kann von jeder der vier beteiligten Seiten ausgehen – also vom Inter­essierten, vom Anbieter, vom Produkt selbst oder auch vom Algorithmus.

Die meisten Schritte eines Matchings sind uns im Grun­de vertraut. Wir führen sie ständig aus, wenn wir etwa im Netz nach etwas suchen oder etwas selbst anbieten und ver­kaufen.

Das Matchingverfahren umfasst ein ganzes Bündel an Funk­tionen rund um eine Transaktion. Ob uns diese Funk­tio­nen in einem einheitlichen Rahmen begegnen oder auf­ge­spalten in eine Vielzahl von Apps, bleibt sich von der Seite der geldlosen Ökonomie her gleich. Der ent­schei­dende Umstand liegt darin, dass das Matching nicht mehr mit Geld operiert, sondern Verteilung direkt organisiert. Das bedeutet auch, dass Transaktionen zwar notiert und gespei­chert, aber nicht in festen Preisen bewertet und abge­rechnet werden.

Matching ist an sich nichts Neues. Auch innerhalb einer mit Geld operierenden Ökonomie findet es laufend statt. Wenn wir Dinge kaufen oder jemand uns für Arbeit bezahlt, wer­den ebenfalls Zuordnungen getroffen. Sie folgen nur ande­ren Regeln als in einer geldlosen Welt. Ohne Geld fällt das Selektionskriterium eines einfachen und ein­di­men­sionalen Wertes weg. Stattdessen steht eine ganze Reihe verschiedener Entscheidungsfaktoren zur Verfügung.

Betrachten wir für einen Moment, wie Matching unter Geld­bedingungen abläuft. Angenommen, wir gehen in einen Laden und kaufen etwas ein. Das Produkt hat in dem Moment bereits eine Geschichte hinter sich. Jemand hat es gestaltet, andere haben es hergestellt, der Laden hat es im Sortiment, weil mit Kunden wie uns zu rechnen war. Unserem Kauf gehen also etliche Entscheidungen vor­aus, die alle mit dem Austausch von Information ver­bun­den sind.

Bevor wir die Ware tatsächlich nehmen und bezahlen, füh­ren wir eine mehr oder weniger intensive Beratung mit uns selbst durch, um Kosten, Guthaben, Wünsche und Bedarf abzuwägen. Dieses internalisierte Matching kann von Mensch zu Mensch und von Umständen zu Umstän­den sehr verschieden ablaufen. Manche müssen jeden Cent bedenken, andere sind davon weitgehend befreit. Auch in einer geldlosen Ökonomie werden nicht alle in jedem Fall von derartigen Abwägungen erlöst sein. Uner­füllte Wünsche wird es weiter geben, genauso uner­füll­bare. Wir werden uns auch in einer Wirtschaft ohne Geld nicht alles beschaffen können, was uns unterm Geld­regime verwehrt wird. Nur die Bedingungen und Abläufe wer­den sich ändern, und zwar gründlich und zum Bes­se­ren.

Ob mit oder ohne Geld, unsere persönliche Ent­schei­dung ist immer in einem weiteren Informationskreislauf eingebunden. Unser Kauf sendet die Information, dass mehr vom gleichen Gut benötigt wird. Sie bündelt sich mit ähn­lichen Informationen beim Händler und erreicht von dort die Produzenten. Parallel zum Fluss des Geldes und der Zahlungen gibt es immer noch einen zweiten Strom von Information, der steuert, wie Produktionswege orga­ni­siert und Güter verteilt werden. Das Matching dockt direkt an diesen zweiten Informationsfluss an.

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5. Wert

Ohne Geld gibt es keine Preise, jedenfalls nicht in dem her­kömmlichen Sinn, dass auf beiden Seiten einer sym­me­trischen Transaktion dieselbe Ziffer aufscheint. Die Abbil­dung von Werten auf einen einzigen allgemein gül­ti­gen Maßstab hat sich erledigt. Das bedeutet nicht, dass in einer datenbasierten algorithmischen Ökonomie ohne Zah­len gerechnet wird. Die Frage ist nur, was sie zählen und an welcher Stelle.

Betrachten wir einen Moment, was Preise in der Geld­wirt­schaft meinen. Der Preis bildet idealerweise ab, auf was sich sämtliche an der Transaktion und an ver­gleich­ba­ren Transaktionen Beteiligten geeinigt haben. Der ab­strak­te Ort dieser Einigung heißt Markt. Lokale Preise kön­nen vom Marktpreis abweichen, aber nicht zu sehr, sonst wer­den sie durch Arbitrage angeglichen. Werte dagegen gel­ten immer relational, also für jemand bestimmtes, zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem bestimmten Ort. Sprachlich findet dieses Verhältnis seinen Ausdruck, indem etwas einen Preis hat, aber einer Person sound­so­viel wert ist. Im Wert bilden sich Bedürfnisse, Wünsche, Erwartungen und Aufwand ab. Am Markt bilden sich Prei­se. Matching bezieht sich immer auf Werte.

Der Matchingprozess hat als Input die Vielzahl unter­schied­licher Werte, die einer Transaktion von den ver­schie­denen Beteiligten her zugesprochen werden. Ver­gleich­bar und verrechenbar werden sie nicht durch die Abbil­dung auf einen gemeinsamen Preis, sondern im Hin­blick auf das Verhalten und die ökonomische Geschichte jeder und jedes Einzelnen. Am Ende steht nicht eine für alle verbindliche Summe, auf die man sich geeinigt hat, son­dern die gemeinsame Entscheidung über eine Trans­aktion, also die Antwort auf eine Verteilungsfrage.

Da Werte immer für jemand gelten, können sie eine Reich­weite haben. Das heißt, sie gelten für eine bestimmte Grup­pe von Personen und bezogen auf einen bestimmten Moment oder einen Ort. Den einen allgemeinen Wert eines Dinges oder eines Gutes gibt es nicht. Stattdessen kön­nen wir grob drei Wertbereiche unterscheiden, die jeweils unterschiedliche Reichweiten repräsentieren.

Im kleinsten Radius, dem Mikrobereich, findet die Bewer­tung einer Transaktion in einer ganz bestimmten Situ­ation und für eine bestimmte Person statt. Diese Art von Wert entspricht am ehesten unserer persönlichen Erfah­rung und unserem alltäglichen Verhalten. Individuell und situativ bezieht sich dieser Wert auf unsere persön­liche Stimmung und die augenblicklichen Befindlichkeiten.

Diese alltägliche Form der individuellen Bewertung wird unter dem Regime des Geldes durch einen mess­ba­ren allgemeinen Wert überschrieben. Dessen All­ge­mein­heit ist allerdings eingeschränkt und nicht allumfassend.

Gegenüber der Mikrodimension momentaner persön­li­cher Bewertung bildet die zweite Art von Bewertung eine mittlere Reichweite ab. Sie umfasst weder die Gesamtheit noch das Singuläre, sondern eine begrenzte Umgebung ver­gleichbarer und verknüpfter Transaktionen. Diese Bewer­tung ist damit am ehesten unserem Preis zu ver­glei­chen, wie er sich am Markt bildet.

Über den mittleren Wertbereich hinaus lässt sich für die größte mögliche Reichweite eine Gesamtbewertung kon­stru­ieren, die sämtliche Externalitäten und künftigen Fol­gen miteinbezieht, also im Ideal den gesamten Globus für eine beliebig ausgedehnte Dauer. Damit entsteht ein Wert im Makrobereich größtmöglicher Nachhaltigkeit. Wir fin­den derartige Bewertungen heute etwa bei den For­de­run­gen der Klimaschützer, die langfristigen Auswirkungen unse­rer Ökonomie stärker zu berücksichtigen.

Den verschiedenen Wertbereichen begegnen wir all­täg­lich. Nehmen wir etwa das Beispiel einer Reise. Ange­nom­men ich würde gerne einen Freund besuchen, ohne dass es damit eine besondere Dringlichkeit hat. Wenn der Preis für den Flug an einem mir gelegenen Termin weit genug fällt, nutze ich die Gelegenheit und kaufe das Ticket, sobald mein persönlicher Mikrowert den Marktwert über­steigt. Müsste ich allerdings den »Nachhaltigkeits«-Wert mit einkalkulieren, würde ich wohl eher auf die Reise ver­zich­ten oder ein anderes Verkehrsmittel wählen.

In einer geldlosen Ökonomie können alle diese drei Wert­bereiche in das Matching mit einfließen. Nicht in Form einer Gutmenschen-Geschmackskontrolle – »ihr sollt jetzt alle nachhaltigkeitshalber heute keine Lust auf Fleisch haben« -, sondern frei vermittelt, so dass also immer die Wahl »ist mir Wurst« bleibt. Der Unterschied zu heute läge ver­mutlich darin, dass der Makrowert nicht mehr wie der­zeit üblich erst einmal ignoriert wird.

Tatsächlich ist die Entscheidung, wie der Mat­ching­algo­rith­mus mit den Bewertungen umgeht, eine politische, da sie zwi­schen persönlicher Freiheit und allgemeinem Interesse ver­mittelt. Das betrifft den Umgang mit den drei Wert­be­rei­chen zentral, denn sie entsprechen einer politischen Ent­schei­dung über das Verhältnis der Wertskalen.

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6. Tun statt Arbeit

Kaum ein Begriff wird so verworren gebraucht wie der der »Ar­beit«. Das beginnt mit den »Arbeitern«, die heute »Ar­beit­nehmer« heißen, als würden sie etwas nehmen. Ihnen gegen­über stehen sogenannte »Arbeitgeber«, die ihnen etwas »geben«, als handele es sich um einen barm­her­zi­gen Gnadenakt. Tatsächlich geben die Arbeiter ihre Arbeit den Unternehmen, und diese geben ihnen dafür Geld. Zu der verdrehten politisch-ökonomischen Rhetorik gehört auch das Gerede vom »Schaffen von Arbeitsplätzen«. Wann immer davon die Rede ist, geht es so gut wie nie um das Wohlergehen der Arbeiter, sondern meistens um die För­derung von Unternehmen und die Verbesserung von Inves­titions-, sprich: Profit-Bedingungen.

Dem Neusprech von Investoren und Politik steht ein Alt­sprech auf Seiten der Linken gegenüber, das kaum weni­ger obskur daherkommt. »Arbeit« dient als politischer Kampf­begriff. Sie ist fest mit Ausbeutung, Herrschaft, Zwang und Erniedrigung verbunden. Die Aufteilung der Welt in ausgebeutete Arbeiter und den Mehrwert abzie­hen­de Ausbeuter beschränkt sich auf ein simples Schema von Gut und Böse. Dem ewigen Klassenkampf liegt dieser mora­lische Begriff der Arbeit zugrunde. Er besetzt damit eine ideologisch unverzichtbare Stelle. Nahezu dog­ma­tisch gilt: wer arbeitet, muss leiden. Arbeit als Pas­sions­geschichte ruft ein urchristliches Motiv auf. Wer dagegen wagt, Gefallen an seiner Arbeit zu finden, macht sich als Häre­tiker verdächtig.

Die verquere politische Rhetorik der Arbeit erstreckt sich über die Gegenwart hinaus auch auf die Zukunft. Künst­liche Intelligenzen, Algorithmen und Roboter werden uns unsere Arbeit wegnehmen, heißt es. Laufend kommen neue Listen bedrohter Berufe auf. Als wären auto­ma­ti­sier­bare Tätigkeiten etwas, das wir vor den Maschinen retten müss­ten. Aber brauchen wir wirklich den Beruf des Last­wa­genfahrers? Was ist mit der Wäscherin, die die Kleider von Hand im Fluss wäscht und deren Beruf von der Wasch­maschine vernichtet wurde? Warum nicht zurück zu den menschlichen »Computern«, vornehmlich Frauen, die einst in Großraumbüros von Hand Berechnungen durch­führten?

Es macht keinen Sinn, den Maschinen auto­ma­ti­sier­ba­ren Arbeiten zu verwehren, nur damit Menschen ihre Jobs – meistens miserable dazu – behalten können. Das Pro­blem liegt nicht in der Ausbreitung der Maschinenarbeit, son­dern in der Unfähigkeit des ökonomischen Regimes, den Nutzen der Automatisierung gerecht zu verteilen.

Seit der Erfindung der ersten Werkzeuge haben Men­schen immer mit Technologien zusammengearbeitet und an deren Rändern neue Aufgaben gefunden. Das wird sich bei den sogenannten intelligenten Maschinen nicht ändern. Welche Arbeiten in Zukunft von Maschinen und Bots übernommen werden, ist in einer geldlosen Ökono­mie unerheblich.

Für jede Aufgabe, die wir einem Automaten über­las­sen, entstehen in dessen Umfeld wieder neue Tätigkeiten. Die Idee, dass Maschinen uns Arbeit wegnehmen, begeht den Fehler, vom einzelnen Ereignis auf eine künftige wirt­schaftliche Gesamtheit zu schließen. Würden sämtliche Auf­gaben automatisiert und alle Arbeiter entlassen, hätten wir am Ende eine Armee von Robotern, die zwar alles anbie­ten, aber für nichts Abnehmer finden, da niemand genug verdient, um es sich zu leisten. Das wird so nicht eintreffen. Nicht einmal die Spirale der Entwertung von Arbeit, wie sie die Übergangsphase kennzeichnet, kann sich endlos weiter drehen, ohne auf den Widerspruch einer Welt zu treffen, in der es alles gibt, aber niemand etwas hat.

Derzeit bilden sich zwei Kategorien von Arbeit heraus, unter der Maschine oder über der Maschine. Im ersten Fall arbei­ten wir den Maschinen zu und treten mit ihnen in einen fatalen Wettbewerb. Der Lohn dafür konkurriert mit den Kosten der Maschinen und reicht daher nicht zum Leben. Die Lösung, Menschen zu subventionieren, etwa über ein sogenanntes Grundeinkommen, würde nur dazu füh­ren, sie weiter zu unterbezahlten Arbeiten nötigen, die eigent­lich Maschinen erledigen könnten.

Im anderen Fall, der Arbeit über der Maschine, dürfen die Menschen, die die Maschinen steuern, Teil der schrum­pfenden Mittelklasse bleiben. Diener sind diese Arbeiter ebenfalls, nur eben der Investoren.

Das Eigentum der Produktionsmittel, das im klassisch indus­triellen Schema die Macht über die Maschinen und damit die Arbeit gebracht hat, wird unter den Bedingungen glo­baler Netzwerke von einem anderen Privileg abgelöst. In der neuen digitalen Ökonomie treten die Plattformen an die Stelle der Produktionsmittel. Da dem Netzwerkgesetz zufolge das größte Netzwerk immer das attraktivste ist, bil­det sich für jede Funktion ein Monopol, immer auf eine Auf­ga­be beschränkt – Suchmaschinen, Verkaufsplattformen, Freun­deskreise, Bilderzirkel. Der größte Anteil an den Gewin­nen fällt den großen Netzwerken zu.

An deren Monopolen wird der Verzicht auf das Geld we­nig ändern. Diese Frage muss anders gelöst werden. Aber selbst wenn der tendenziell monopolistische Charakter unter den Bedingungen einer geldlosen Öko­no­mie erhalten bliebe, würde doch die Gewinne mangels Geld nicht mehr im selben Maß anfallen.

In einer geldlosen Ökonomie tritt an die Stelle der klas­si­schen Arbeit eine andere Aufteilung unserer Tätigkeiten. Arbeit ist von dort aus gesehen nichts anderes als eine his­torisch durch die Industrialisierung hervorgebrachte Orga­nisationsform menschlichen Tuns, und zwar unter Geld­bedingungen.

Um künftige »Arbeit« zu untersuchen, müssen wir beim dem abstrakten Oberbegriff des »Tuns« im allgemeinen anset­zen. Wir tun die meiste Zeit etwas.

Was unsere Tätigkeiten betrifft, genügt es fürs erste, zwei Arten des Tuns zu unterscheiden, relationale und nicht-relationale. Ob etwas, das wir tun, relational wird oder nicht, hängt von den anderen Nutzern ab, nicht von uns selbst. Einfach irgendetwas zu tun, heißt noch lange nicht, dass dieses Tun auch einen Wert bekommt. Erst im Gebrauch durch andere erweist sich eine Tätigkeit als rela­tional und sinnvoll. Die Relationen haben dieselbe Struk­tur wie Links. Sie zeigen auf etwas, und darin liegt schon eine Bestätigung. Wenn jemand auf einen Link klickt, ist damit eine Art von Wert der Information bereits aner­kannt. Wenn etwas gebraucht, weitergeleitet oder ver­wertet wird, stellt sich eine Relation her. Erst diese Rela­tion gibt dem Tun einen Wert.

Welche Beziehung unser Tun hat, bestimmt dessen öko­no­mische Position. Wenn viele Leute eine Nachricht lesen, bezie­hen sie sich darauf. Dadurch gewinnt die Nachricht Wert, aber auch die Lektüre als eine Form der Wertschöpfung. Es ist erst die erfolgreiche Relation, die eine Tätigkeit in ein ökonomisches Verhältnis bringt.

Wie lässt sich eine solche relationale Tätigkeit bewerten? Hier gilt analog das, was unter dem Stichwort »Wert« gesagt wurde. Die Position und der Vektor in einem Netz­werk machen den Wert aus. Das gilt gleichermaßen für Dinge, Informationen oder Tätigkeiten.

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7. Dinge und Daten

Viele Dinge sind bereits von Daten umgeben. Das betrifft nicht nur Informationen über die Dinge, sondern auch Din­ge, die durch Daten miteinander reden und über ihre Um­welt Bescheid wissen. Die Zeit der gedankenlosen Objekte nähert sich ihrem Ende. Das hat eine Reihe von Kon­sequenzen, sowohl für den ökonomischen Status der Dinge als auch für den philosophischen.

Als Ding gilt hier jedes Objekt im Sinn objektorientierter Pro­grammiersprachen – also nicht nur materielle Dinge, son­dern auch Ereignisse, Lebewesen, Schnittstellen, Archi­ve, Daten (ja, es gibt auch Daten über Daten) oder auch Protokolle und Verbindungen. Der Begriff »Ding« passt besser als der des »Objekts«, da Ob-jekt direkt über­setzt Gegen-stand meint, also etwas uns Gegen­über­ste­hen­des. Die Dinge aber gibt es ohne uns. Das ist ein ent­schei­dender Punkt, wenn es um denkende Dinge geht.

Handelnde Dinge erzeugen eine Wirklichkeit, die unsere klassische sprachorientierte Epistemologie her­aus­fordert. Der Mensch verliert das alleinige Privileg, die Welt zu erkennen und in ihr zu wirken. Manche der den­ken­den Dinge werden uns noch Auskunft über ihre Wirk­lich­keit geben, andere tun einfach, was sie für richtig hal­ten. Indem sie handeln, nehmen sie an der Ökonomie teil. Sie werden damit zu Akteuren im Wirtschaftsleben, nicht unbe­dingt gleich berechtigt und mit eigenem Parlament, sondern ding-bezogen mit den ihrer Wirklichkeit ange­mes­se­nen Rechten.

Die Dinge werden klug werden, also nicht mehr nur ein­fach mehr wissen als wir selbst, sondern auch miteinander reden und aus den durch Kommunikation und Handeln bezo­genen Kenntnissen ihre Schlüsse ziehen. Ihr Han­deln und ihre Entscheidungen könnten uns helfen, die im Geld eingeschrieben Warenform zu überwinden. Statt dem Produktcharakter, der uns heute als so wichtig er­scheint, treten die Prozesse und Tätigkeiten hinter den Din­gen hervor.

Programmtechnisch gesagt: die Funktionen werden wich­tiger als der Datentyp. in philosophischer Hinsicht treten Prozesse an die Stelle des Seienden, Funk­tio­na­lis­mus statt Ontologie. Es interessiert nicht, was etwas ist, son­dern was es tut. Mag sein, es handelt sich dabei um eine vage theoretische Hoffnung, aber an manchen Stel­len lässt sich der Wandel bereits beobachten. Betrachten wir die Veränderungen an drei Beispielen: an Daten­din­gen, an Autos und am Haus.

Im Umgang mit Datenobjekten kehren sich einige Grund­annahmen der bisherigen Ökonomie um. Daten lassen sich beliebig oft und ohne Kosten kopieren. Aufwand fällt also nur bei der Herstellung an, egal ob es sich um einen Film, ein Buch oder ein Stück Musik handelt. Reproduktion und Distribution sind umsonst. Davon waren zuerst kul­tu­relle Dinge betroffen, insofern sie aus Daten bestehen und weder ein bestimmtes Material noch die Präsenz von etwas oder jemandem erfordern.

Um das herkömmliche, auf materieller Reproduktion beru­hende Vermarktungsmodell nicht zu verlieren, wurde zuerst der freie Zugang zu den Daten verstellt. Eine ganze Rei­he von technisch vollkommen angemessenen Zugriffs­for­men – download, streaming etc. – wurden kriminalisiert, um die Knappheit der vordigitalen Waren künstlich zu erhal­ten. Mittlerweile setzen sich Plattformen durch, die gegen eine monatliche Gebühr einen vereinfachten Zugriff erlauben. Um ihren Service verkaufen zu können, sind sie nach wie vor darauf angewiesen, die freie Weitergabe wenigs­tens zu erschweren.

Das Paradox liegt darin, dass der einzig sinnvolle Ge­brauch von Kultur, nämlich die Rezeption, nicht schon selbst als wertschöpfend gilt. Dabei liegt der eigentliche Sinn eines Textes darin, gelesen zu werden, einer Musik, gehört zu werden, und eines Kunstwerks, gesehen oder sonst­wie wahrgenommen zu werden. Der geldförmige Umgang mit Kultur nötigt uns geradezu dazu, Kultur­pro­dukte gegen ihren eigentlichen Zweck zu behandeln. In einer geldlosen Ökonomie kehrt sich dieses Verhältnis um. Ein Werk wird dann umso wichtiger und erhält umso mehr Wert zugesprochen, je öfter es »gebraucht« wird.

(...)

 

11. Der Übergang

Es braucht keine Revolution, um das Geld loszuwerden. Ver­mutlich geschieht es von alleine. Vielleicht werden wir den Übergang zuerst nicht einmal bemerken. Schon heute spricht viel dafür, dass der Wandel bereits im Gang ist. Wir sehen es nur nicht, weil wir noch nicht begriffen haben, was im Kommen ist.

Dass ein Umbruch und die Begriffe, in denen er beschrie­ben wird, zeitlich auseinander fallen, ist nicht wei­ter ungewöhnlich. Erst ändert sich etwas und nur viel spä­ter, wenn wir beginnen zu verstehen, was geschehen ist, fin­den wir dafür die richtigen Worte.

Im Kapitel über Medien war von den zwei Phasen eines Medien­wandels die Rede, eine erste Phase, in der alte Prak­tiken in neuen Medien imitiert werden, und eine zwei­te Phase, in der sich eigene Ästhetiken und Formate her­aus­bilden. Diese zwei Phasen betreffen auch die Begriffe, in denen wir unsere Umwelt und deren Wandlungen beschrei­ben und beobachten.

In der ersten Phase bleibt es bei den alten Begriffen. Neue Technologien und ihre Erscheinungsformen werden in Metaphern der Überforderung beschrieben, als »Flut«, als »Risiko«, als »Herausforderung«. Das Vokabular be­nennt das Neue nicht, sondern bildet es als Gefahr auf das ab, was wir schon kennen. Die Haltung bleibt abwehrend, defensiv, skeptisch und furchtsam.

Die zweite Phase bringt eine Reihe von Begriffen her­vor, in denen die neuen Praktiken ihre eigene Be­schrei­bung erfinden, ohne aber zu den vorherigen Betrach­tungs­wei­sen vermitteln zu können oder ein größeres historisches Verständnis der Zusammenhänge zu schaf­fen. In den letzten Jahrzehnten hat sich für das Markieren eines Wandels die Vorsilbe »post-« eingebürgert, obwohl damit nichts weiter als das Fehlen eines adäquaten Begriffs ausgesagt wird.

Die gültige Beschreibung des Wandels bildet sich erst am Ende der zweiten Phase heraus, nämlich dann, wenn man von einer etablierten neuen Praxis aus rückblickend der Lauf der Dinge betrachtet. Was als Wahrheit gilt, ent­schei­det sich nicht daran, ob es zutrifft, sondern ob es von der richtigen Seite der Geschichte her gesagt wird. Die Ver­gangenheit muss immer wieder erfunden werden. Erst im Nachhinein berichtet die gültige Erzählung aus der Per­spek­tive, die sich durchgesetzt hat, also im Sinn der domi­nie­renden sozialen Praxis in einem medial und technisch deter­minierten Feld.

Derzeit befinden wir uns in der ersten Phase des Über­gangs, mit Aussicht auf Phase zwei. Noch müssen die Spra­che und die Begrifflichkeit erst erfunden werden, um später zu beschreiben, was heute vor sich geht. Alles was jetzt gesagt wird, wird sich daher im Nachhinein als feh­ler­haft, obskur, romantisch entrückt oder verschroben lesen. Genau das aber macht den Reiz der Spekulation aus. Es bleibt uns daher fürs erste keine andere Wahl, als in die­sen hermeneutischen Kreisverkehr gegen Fahrrichtung ein­zubiegen.

Am deutlichsten sehen wir die Anzeichen der Ablösung des Geldes heute im Verhältnis von Daten zu Preisen. Je genauer die Daten sind, über die wir verfügen, desto unwich­tiger wird das Signal der Preise und die Information, die sie überhaupt noch generieren.

(...)

Dass wir uns schon mitten im Übergang zu einer non-mone­tären Ökonomie befinden, sehen wir nicht, weil wir unse­ren ökonomischen Alltag noch nicht anders als im Medium Geld wahrnehmen können. Es gibt Praktiken, die in der Hinsicht weiter sind, Freundeskreise in Social Media-Platt­formen oder Clans in Computerspielen, aber auch sie ahnen noch kaum, dass sie auf dem Weg zur Abschaffung des Geldes sind.

Dieser Textauszug aus Heidenreichs Buch Money erschien im transmediale journal – face value edition. Die Printausgabe des Journals ist hier erhältlich.

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