Evil Media Distribution Centre

„Die Wahrnehmung von Ideen führt zu neuen Ideen.“

Sol LeWitt, Sentences on Conceptual Art (1969)

 

Der Schulterschluss zwischen Theorie und Praxis ist ein weit verbreitetes Anliegen vieler Diskurse zu zeitgenössischer Kunst. Ziel ist es, neue Perspektiven einzunehmen, Relevanz von Kunstwerken über formale Aspekte hinaus zu schaffen und sprachliche Abstraktion mit der Materialität und den Erfahrungen des Lebens zu verknüpfen. Auch für die transmediale ist dieser Schulterschluss wesentlich. Mit ihrem weitläufigen und vielfältigen Programm, das aus Ausstellungen, Installationen, Performances, Workshops und der Konferenz besteht, behandelt die transmediale Theorie und Praxis nicht als separate Sphären, sondern als grundlegend miteinander verbundene Bereiche der Reflexion. Theorie ist nicht nur Theorie, Praxis ist nicht nur Praxis. Das Festival erkundet die Vorstellung des für theoretische Diskurse bedeutsamen Kunstwerks sowie die Vorstellung von Theorie als spezifische Form der Praxis, die wie ein Kunstwerk spekulative Kritik entfaltet und Visionen zu unserer Mediengesellschaft entwirft. Über institutionelle und disziplinäre Grenzen hinaus untersucht die transmediale Theorie als inhärenten Teil der Praxis und Praxis als inhärenten Teil der Theorie, um so ein querläufiges Verständnis der Energien, der Erkenntnisse und der Perspektiven zu ermöglichen, die durch dieses Verhältnis entstehen, und um das daraus resultierende Potenzial für ein kritisches und kreatives Engagement in der Gesellschaft zu durchleuchten.

 

In diesem Sinne ist das Evil Media Distribution Centre von YoHa (Matsuko Yokokoji und Graham Harwood) ein genuines transmediale-Projekt, denn es ist eine direkte Manifestation des Ziels, Theorie und Praxis als Einheit zu präsentieren. Die Installation ist eine künstlerische Antwort auf das vor kurzem erschienene Buch Evil Media (2012) von Matthew Fuller und Andrew Goffey. Darin sprechen sich die Autoren für eine erweiterte Auffassung von Medien und Formen der Vermittlung sowie für ein tieferes und komplexeres Verständnis davon aus, wie diese Medien unser tägliches Handeln, Wahrnehmen und Denken beeinflussen. Dabei konzentrieren sie sich auf weit verbreitete „graue Medien“, deren Mediationen „die Entstehung verstörender, doppeldeutiger sozialer Prozesse, fragiler Netzwerke voller störanfälliger Aktivitäten und undurchsichtiger Wissenszonen – das Böse der Medien – ermöglichen und erweitern.“ Die Argumentation folgt einer Serie von Stratagemen, die „nicht auf einfache Formeln heruntergebrochen werden, sondern als operative Konstrukte aufgefasst werden können, insofern sie aufgegriffen, genutzt und bearbeitet werden wollen (...).“ YoHa setzt um, was hier antizipiert wird: Die Einbindung der Stratageme in experimentelle Praktiken außerhalb der Seiten des Buchs. Die Künstler baten 48 Autoren, ein graues Medium auszuwählen und dazu einen Text zu verfassen. Objekte und Texte werden gemeinsam in einer an ein Kuriositätenkabinett angelehnten Installation ausgestellt, die in Form eines Auslieferungslagers aufgebaut ist. Auch die Präsentationsmedien – Paletten, Gabelstapler, Plastiktüten, Klemmbretter und Projektoren – werden von einem Text begleitet. Mit dieser Nähe zwischen Text und Objekt, Idee und Materialität steht die Installation für eine Denkweise und Methode, in der es nicht um den Schulterschluss zwischen Theorie und Praxis per se geht, sondern dieser zur Arbeitsbedingung für die kritische Auseinandersetzung mit dem Bösen der Medien wird.

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