Everything We Build

Interview
20.05.2020

Everything We Build

In dem Gespräch Everything We Build diskutiert Lorena Juan mit Aay Liparoto über die queer-feministische Wiki-Plattform Not Found On, die Liparoto 2019 ins Leben gerufen hat. Die kollaborative Plattform etabliert - aus einer intersektionalen Perspektive heraus - ein Umdenken der Art und Weise, wie kollektive, Open-Source-Projekte und Wissensressourcen durchgeführt und gepflegt werden. Mit ihrem Online-Dienst, der für die breite Öffentlichkeit nicht zugänglich ist, versuchen Liparoto und die Kollaborateure das Online-Äquivalent eines Safe Spaces für Individuen (oder Dividuen) und Communities zu schaffen, die aufgrund ihres prekären sozialen Status nicht unbedingt auf den sogenannten offenen und partizipativen Mainstream-Plattformen exponiert werden wollen. Ruft man sich Flavia Dzodans Aufschrei ‘Mein Feminismus wird intersektional sein oder er wird Schwachsinn sein!’ ins Gedächtnis, ist es möglich dieses Projekt als Abwandlung früherer cyberfeministischer Praktiken zu sehen, das diese an eine post-digitale öffentliche Realität anpasst. Eine Realität die  sowohl durch eine höhere Sichtbarkeit von LGBTQIA+ Personen als auch durch einen beunruhigenden Anstieg von Hassreden und  -verbrechen in Verbindung mit dem Erstarken des rechten politischen Flügels charakterisiert ist.

 

Feministische queere ‚Räume‘ sind oft viel mehr als bloß Bars, Lesegruppen, Partys, Sportteams, Zeitschriften oder Performances – sie sind mehr als bloß das. Sie sind Räume, in denen Gemeinschaften entstehen, Räume des Widerstands, Räume der politischen Organisierung, Räume der Veränderung, Räume der Gesundheitsversorgung, Räume des Überlebens und Räume, in denen Wissen produziert wird. Wie können wir diese queer-feministischen Praktiken auf für uns sinnvolle Weise aufzeichnen und teilen? Was können wir voneinander lernen?1

Aay Liparoto schafft multidisziplinäre Kunst und konspiriert seit Langem mit der Kuratorin Lorena Juan. Die beiden begegneten sich 2011 in Berlin und verbrachten schon bald ihre Freitagabende damit, am Küchentisch über Kunst und Feminismus zu reden. Im Rahmen von Liparotos kollaborativem Projekt Not Found On (seit 2019) und der Audioinstallation no bodies welcome | all bodies welcome (zusammen mit dem HOT BODIES-Chor,2 2019) reflektieren die beiden über ihre gemeinsamen Interessen: den Aufbau von Gemeinschaften und Strategien, queer-feministisches Wissen zu feiern – sowohl online als auch ‚im echten Leben‘.

Nun in Brüssel, nutzt Aay Liparoto Langzeit-Performance als Form der Forschung, um die Macht des Banalen zu untersuchen. Liparoto schafft vornehmlich Video-, Text- und Performancekunst. Hierin werden barrierearme Technologien, persönliche digitale Archive und selbstgemachte Strategien genutzt, um über die Mechaniken des Alltagslebens nachzudenken. Lorena Juan arbeitet in ihrer kuratorischen Praxis mit experimentellen Formaten, öffentlichem Raum und Prozessen der Zusammenarbeit. Sie ist Mitgründerin von COVEN BERLIN, einem Kunstkollektiv und Online-Plattform mit dem Ziel, einen Raum zu eröffnen, in dem assimilierte gesellschaftliche Strukturen von Geschlecht und Sexualität dekonstruiert werden können. Auch wenn sich die beiden oft im Cyberspace treffen, führten ihre Praktiken und Forschung zur Festigung ihrer gemeinsamen Grundlage.

Lorena Juan: Durch die Demokratisierung digitaler Technologien und die Digitalisierung der Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten konnten wir beobachten, wie soziale Bewegungen und politische Kunst neue Formen des Ausdrucks, der Gemeinschaft und der Verbindung gefunden haben. Seit seinen Anfängen ist das Internet ein transformativer Raum für Kunstschaffende gewesen, besonders für jene, die zu historisch ausgeschlossenen oder ins Private verbannten Gruppen gehören. Queerer und feministischer Aktivismus hat in den neuen Medien gewiss neue Werkzeuge gefunden. Wie verortest du deine Praxis und insbesondere das Projekt Not Found On in dieser Genealogie?

Aay Liparoto: In meiner Kunst beschäftige ich mich mit der Dekonstruktion von Machtdynamiken in Alltagsgegenständen: Ich bin ein Mensch mit einem Körper und einem Telefon und ich verlasse das Haus selten nackt. Unser Alltagsleben ist von alten und neuen Technologien durchdrungen, von Werkzeugen, die uns verändern und mit denen wir gemeinsam existieren. Kleidung und Mobiltelefone sind Technologien der körperlichen Erweiterung. Durch sie senden wir verschiedenen Öffentlichkeiten Codes oder Signale. Beim Telefon ist jedoch das Maß der Öffentlichkeit anders. Mich interessiert es, solche Technologien aktiv zu nutzen, um zu hinterfragen, wie ihre Materialien Verhalten produzieren und wie wir vielleicht etwas verschieben, stören und entmystifizieren können. Aus diesem Hinterfragen heraus initiierte ich dann Not Found On. Das kollaborative Projekt soll einen Online-Raum schaffen, in dem queer-feministische Kunst und gesellschaftliches Wissen aufgezeichnet, geteilt und gewürdigt werden. Es basiert auf einer Open-Source-Wiki-Struktur und wurde in Workshops mit, von und für queer-feministische Körper gestaltet, entwickelt und geschrieben. Die kollektiven Prozesse des Denkens und Tuns laden dazu ein, die Kultur und Politik der von uns genutzten Online-Plattformen zu hinterfragen, und folgen der Idee, dass „das Internet an sich keine Garantie zur Veränderung bietet“.3

LJ: Entstand Not Found On aus der Dringlichkeit heraus, eine Alternative zur Wikipedia für die Verbreitung queer-feministischen Wissens zu schaffen?

AL: Am Anfang stand der Wunsch, mein Buch Andrew Has His Period (Andrew hat seine Tage) im Rahmen eines offenen Archivs zu publizieren. Das entstammte meiner Erfahrung, bei der Recherche Schwierigkeiten zu haben, an Medien und Informationen in weit entfernten feministischen Archiven zu gelangen – sei es aufgrund ihres Ortes, hoher Preise oder weil Veröffentlichungen vergriffen waren. Es war für mich zentral, zugänglich zu publizieren und die vorhandenen Zugänge zu würdigen und zu teilen. Es schien selbstverständlich, in die Dokumentationen der Wikipedia zu schauen; doch ich stellte schnell fest, dass mein Textvorschlag anhand von deren Aufnahmebedingungen keinesfalls zugelassen würde: ein Schreibstil mit einem ‚neutralen Standpunkt‘, kein originärer Inhalt, erforderliche Relevanz und Kriterien der Nachprüfbarkeit.

Ich versuchte dann, diese Bedingungen auf große Teile der Kultur, Zeitschriften, Räume und Kunstschaffenden anzuwenden, die ich schätzte, las und besuchte. Und es wurde deutlich, dass sie alle nicht akzeptiert würden – einschließlich ganzer Communitys und Netzwerke, die sich über mehrere Städte erstreckten. Es handelt sich um Netzwerke selbstorganisierter Gegenöffentlichkeiten, die sich aus dem Bedarf heraus entwickelten, die Lücken im Mainstream von Publizistik und Programmierung zu schließen. Um jedoch in die Wikipedia aufgenommen zu werden, bräuchten sie die Anerkennung durch Mainstream-Medien, um sich zu legitimieren. Es war eine Erinnerung an die Leere der Behauptung, die Wikipedia sei eine „Enzyklopädie aus freien Inhalten, zu denen du sehr gern beitragen kannst“.4 In Wirklichkeit handelt es sich hier um einen Raum mit rigiden Machtstrukturen samt rassistischen und sexistischen Voreingenommenheiten, wo manche Arten von Wissen respektiert werden und andere nicht.

Wo würdigen und teilen feministische queere Körper das Wissen, das in unseren Gemeinschaften geschaffen wird? Auf Facebook-Seiten, Tumblr, Reddit, Mailinglisten und ihren eigenen Webseiten, in Archiven, Zines und Bars, an Küchentischen? Was ist die Politik der von uns genutzten Räume? Wem gehören die gesammelten Informationen und Bilder? Wie werden unsere Erfahrungen reguliert und verbreitet?

LJ: Wiki-Technologien gibt es schon lange. Warum sollten wir sie immer noch nutzen?

AL: Wikis sind nicht sexy. Sie sind klobig, arbeitsintensiv und haben definitiv ihre Schwächen. Und trotzdem sind sie ein Open-Source-Werkzeug, das gemeinsames Schreiben mit einer größeren Anzahl von Leuten ermöglicht und mehrere Medienformate beinhaltet: Text, Audio und Video. Wikis sind zudem stabil und es ist leicht, eine eigene Version einzurichten. Entscheidend ist zumal, dass die Technologie von einer großen Community instandgehalten wird, was bei einem begrenzten Budget für die Langlebigkeit des Projekts notwendig ist.

Hinzu kommt die schlichte Schönheit der sichtbaren Versionsgeschichte, die Transparenz der Entwicklung von Ideen durch die entstehenden Schichten eines Eintrags. Ich bin durch das Projekt in diese Wiki-Welt eingestiegen und habe sie als einen guten Ort der Entschleunigung wahrgenommen, um von der Verführung der glatten Oberflächen und Dienstleistungsumgebungen zurückzutreten und sich stattdessen der Organisierung von Strukturen bewusster zu werden. Als Raum zum Lernen und Ausprobieren ermöglicht diese Langsamkeit mehr Zeit zum Hinterfragen, was wir teilen möchten und weshalb.

Auf gewisse Weise ist der Wunsch absurd, in einem Wiki einen Raum zu schaffen, um ‚Queerness‘ zu dokumentieren – etwas so Klebriges und Unscharfes, etwas, das in seinem Wesen undefiniert ist. Das Wiki Not Found On will daher eher ein Verteilerkasten sein, in dem bestimmte Stückchen Wissen gesammelt werden, die aber auch mit anderen Orten, Projekten und Netzwerken verbunden sind.

LJ: Kollektivem Arbeiten in den Künsten – dem Trotz gegen die Vorstellung von der Autonomie der Autor*in – wohnt etwas Queeres inne. Sind persönliche Treffen im echten Leben, um zusammen und kollaborativ zu schreiben, ein großer Teil von Not Found On?

AL: Uns zu treffen und zusammen zu arbeiten, ist entscheidend, um unsere Beziehungen zueinander durch die digitalen Medien zu verstehen. Zusammen zu lernen und etwas zu erschaffen, ist wesentlich für Not Found On als feministische Praxis. Das Projekt begann im März 2019 mit einem Think-Tank-Tag mit zehn Gästen – wie Dir selbst (Lorena Juan), Mert Sen, Tyna Adebowale, Marnie Slater und Karol Radziszewski –, die zu queerem selbstorganisiertem Publizieren, Aktivismus und Organisierung arbeiten. Ziel war die Diskussion darüber, wie ein geschützter Online-Raum geschaffen werden könnte, um queeres Wissen zu dokumentieren und zu teilen. Es gab auch einen Workshop von Just For The Record, einer Gruppe, die sich damit befasst, „wie Geschlecht in den neuen Medien sowie in Schreib- und Publikations-Werkzeugen wie der Wikipedia repräsentiert wird und wie das die Art der Geschichtsschreibung beeinflusst“. 5 Die Veranstaltung, die mit dem Internationalen Frauen*kampftag zusammenfiel und im WORM-Multimediazentrum in Rotterdam stattfand, war ein richtiger Katalysator, um Probleme anzusprechen und Strategien vorzuschlagen.

Das Projekt wurde durch bestehende Netzwerke von queer-feministischen DIY-Organisationen in elf nachfolgenden Workshops in Brüssel, Liverpool und Rotterdam aufgebaut. Die Seite ging im Mai 2019 in Betrieb und wurde von etwa 95 Queer-Feminist*innen gestaltet. Besonders involviert waren die aktivistische Programmiererin und Grafikerin Christina Cochior und in verschiedenen Funktionen Laura Deschepper, Priya Sharma, Carlos Marfil Rodriguez und Conway. Not Found On ist ein intensiver, fortwährender Prozess des gemeinsamen Lernens, wobei alles Schritt für Schritt durch Workshops im wirklichen Leben aufgebaut wird. Unser dringlichster Schwerpunkt ist die Zusammenarbeit mit verschiedenen Gruppen, um die Eingabeformen, Oberflächen und Zugänglichkeit zu testen und anzupassen.

Es steckt enormer Aufwand im kollektiven Arbeiten. Es erfordert Zeit und Fürsorge und lässt Fehler und Verantwortungsübernahme zu. Der Wunsch nach einer physischen Community ist etwas, das immer wieder in unseren Workshops aufkam und ein Kern des Projekts bleiben wird. Wir suchen immer noch Leute, die mit uns daran arbeiten wollen, diesen Ort weiter zu gestalten.

LJ: Ist Deine Arbeit mit dem Chor HOT BODIES eine Erweiterung dieser Praxis?

AL:Das Projekt no bodies welcome | all bodies welcome in Zusammenarbeit mit dem Chor HOT BODIES handelt von der verkörperten Erfahrung von Wissen und dessen Übermittlung. Ich wollte eine Arbeit über Forschung und Methodologie schaffen, ohne direkt die Plattform Not Found On offenzulegen, die eine spezifische Öffentlichkeit und Absicht hat.

In einer Workshopreihe suchten wir nach einem Weg, die Schreib- und Gesangspraktiken des HOT-BODIES-Chors in Brüssel mit dem kollaborativen Schreiben bei Not Found On zusammenzubringen. Um Worte und Stimme zu finden, um gemeinsam unsere Verstrickung mit digitalen Technologien als queerfeministische Körper anzuerkennen: für Arbeit, Sex, Unterhaltung, Kommunikation, Sozialleben, Gesundheitsversorgung und Kombinationen aus all diesen Aspekten. In no bodies welcome | all bodies welcome übertragen wir eine klebrige Mischung aus Überlegungen zum Cyberspace und bieten unaufgeforderten Rat, der durch eine Audioinstallation direkt in deinen Gehörgang geschickt wird.

LJ: Der virtuelle Raum kann die Gewohnheiten der Subjekte verändern, die ihn bewohnen und folglich eine Auswirkung auf die breiteren Dynamiken der gesellschaftlichen Produktion und Reproduktion haben. Doch wie Rosi Braidotti herausstellt, bestätigt in Zeiten der großen technologischen Entwicklungen die Westliche Gesellschaft ihre traditionellen Gewohnheiten – besonders die Neigung zur Herstellung von Hierarchien. Wir bezeichnen es als ‚Pink Washing‘, wenn Unternehmen sich die Kämpfe queerer Körper aneignen, um wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzen zu erlangen. Welche Strategien wendet ihr in Not Found On an, um Euch dieser Kommodifizierung zu widersetzen?

AL: Ich möchte hier mehrere Punkte ansprechen: Erstens, die praktische Funktion und Struktur des Projekts Not Found On, und zweitens, den Verlass marginalisierter Körper auf kommerzielle Räume sowie die Mainstream-Werdung der Vorstellung von ‚Identitäten‘.

Das Projekt entspringt dem Widerstand gegen die sauber verpackte Kommodifizierung von Identitäten. Es will ein Knotenpunkt für die Aufzeichnung vielfacher Stimmen in ihrer eigenen Komplexität sein und sich mit anderen Projekten und Menschen verbinden. Auf einer praktischen Ebene wissen wir, wie unser Server aussieht, wo er steht und kennen die Menschen/Politik, die sich um ihn kümmern. Das ermöglicht es uns, kollektiv einen Gemeinschaftsraum zu betreiben, indem wir unsere Praktiken, unsere Verhaltensregeln und unsere Inhalte etablieren können. Die Seite selbst ermuntert zu Verwirrungstaktiken und wird keine Daten verkaufen.

Von Reddit-Gruppen zur Trans*-Gesundheitsversorgung und queeren Städte-Gruppen bis hin zu spezifischen Dating-Apps, haben marginalisierte Gruppen heute – wie immer schon – einen großen Bedarf, Gegenöffentlichkeiten zu bilden. Wir wollen uns online und im wirklichen Leben mit Menschen wie uns verbinden und die Informationen suchen, die wir an anderen Orten nicht finden. Doch was bedeutet es, diese oft ‚kostenlosen‘ Räume zu nutzen, die unsere Daten zu Geld machen? Wie Friedman formuliert: „Unternehmen, die unsere Nutzungsdaten in Wert setzen, haben sich die ‚Internet-Gemeingüter‘ angeeignet, indem sie einen Teufelshandel anbieten und den Zugang zu globalen Netzwerken gegen persönlichen Datenschutz eintauschen.“ 6 Wir erlauben, dass ‚unsere Identitäten‘ bereinigt und im besten Fall an uns zurück verkauft werden – im schlechtesten Fall werden wir in der realen Welt geschädigt. Leiden wir an digitaler Apathie oder wiegt das Bedürfnis, uns mit anderen zu verbinden, einfach schwerer als die Zeit und Energie, die erforderlich ist, um diese Räume infrage zu stellen?

Ich fürchte, dass mit der erhöhten Präsenz von intersektionalen feministischen, queeren und LSBTIA+-Narrativen in den Mainstream-Medien eine Zunahme an rechter Politik in ganz Europa und den USA einherging und – das ist besorgniserregend – auch eine Zunahme an Hassverbrechen. Obwohl man denken könnte, dass mehr Sichtbarkeit helfen würde, diese Machtungleichheiten zu unterbrechen, frage ich: Wer erzählt diese Narrative? Wer profitiert von ihnen? Ich bin misstrauisch gegenüber Feminismus, Dekolonisierung und Queerness als ‚Trends‘. Das sind keine Trends und waren es nie: Es sind Dringlichkeiten, und solange diese Unterdrückungssysteme fortbestehen, gibt es die Notwendigkeit, sich dagegen selbst zu organisieren und Wege zu finden, in unseren Gemeinschaften Energien zu schaffen und zu bündeln.

LJ: Beim Hinterfragen der von uns bewohnten und genutzten Räume kommt mir das Kunstwerk von Tabita Rezaire in den Sinn. In Afro Cyber Resistance (2014) bezieht sie sich auf Diskurse des E-Kolonialismus und zeigt so das Internet als ‚weißen Raum‘ auf. Wie siehst du Not Found On in diesem Zusammenhang?

AL: Was in Tabita Rezaires Arbeit nachklingt ist das Bedürfnis von Menschen, ihr eigenes Wissen und ihre verkörperte Erfahrung aufzuzeichnen, wie in ihrem Beispiel des Wiki Africa; sich der Unterordnung durch bestehende Machtstrukturen zu widersetzen, die nun online reproduziert werden. Das Werk ist ein Aufruf zu Bewusstsein und Handlung.

Not Found On hat nicht den Anspruch, ein Modell zu sein, das für alle passt, und könnte diesen auch gar nicht erfüllen. Diese Plattform entstammt den Bedürfnissen und Begehren eines bestimmten Kontextes: auf Englisch verfasst, in Westeuropa verortet und mit Vorstellungen von Westlichem Feminismus, Queerness, Geschlecht und LSBTIA+-Narrativen verknüpft. Wir erkennen die reichhaltigen und verschiedenen weltweit existierenden Ausgestaltungen von Geschlechtern und Sexualitäten ebenso an, wie die fortbestehenden Erblasten kolonialer Gesetze, die noch immer auf mehrheitlich Schwarze und Braune queere Körper angewendet werden.

Not Found On ist in zweierlei Bedeutung konzipiert: Erstens geht es um alles, was in historischen und dominanten Kanons nicht angemessen aufgezeichnet oder respektiert wird. Die Narrative, die uns in der Schule nie erzählt wurden; die Künstler*innen, Denker*innen und Errungenschaften, die aufgrund von Klassismus, Rassismus, religiöser Dominanz und HeteroSexismus ausgelassen wurden und werden. Zweitens ist dieser Ort ein Versuch, diverse queer-feministische Erfahrungen zu beherbergen und miteinander zu verbinden. Zugleich ist klar, dass er nie repräsentativ sein kann und diesen Anspruch auch nicht anstreben sollte.

Not Found On beruft sich auf Flavia Dzodans Ausruf „MY FEMINISM WILL BE INTERSECTIONAL OR IT WILL BE BULLSHIT!“ ("Mein Feminismus wird intersektional sein oder er ist Mist!") als Grundorientierung. Diese Zeilen sind jedoch ein bloßes Lippenkenntnis, wenn sie nicht in Teilhabe, Handlung und Kritik angewendet werden. Wir möchten die Werkzeuge und Sprache der Seite so bearbeiten, dass sie sich nicht in bestehende Machtdynamiken einordnen – z.B. indem wir alternative Wegen finden, um Informationen zu organisieren und zu suchen, indem wir nicht-standardisierte Sprache verwenden, indem wir die Nutzenden um eine Aussage zu ihrer gesellschaftlichen Verortung bitten und indem wir unsere Begrenzungen, die Ursprünge des Projekts und seine Finanzierung transparent machen. Die Seite selbst lädt Euch dazu ein, kritisch mit den Räumen zu sein, in denen ihr teilhabt – einschließlich unseres Wikis.

LJ: Radikale queere und feministische Offline-Räume wenden Strategien an, um ‚geschützte Räume‘ zu schaffen. Kann eine Plattform im Internet anstreben, ein ‚geschützter Raum‘ zu sein? Wenn ja, welche Regeln muss es hierfür geben?

AL: Ich denke, die Frage sollte immer sein: Was ist ein geschützter Raum und für wen? Egal ob offline oder online, können wir sowieso bloß von ‚geschützteren‘ Räumen sprechen, nicht von ‚geschützten‘ Räumen. Bei einem geschützteren Raum geht es dann eher um die Gemeinschaft und Kultur, die in diesem Raum aufgebaut wird, was ein aktiver und fortwährender Prozess ist.

Unser Ziel ist es, für eine spezifische Öffentlichkeit von Nutzen zu sein. Aber das ist online natürlich heikel, weil dort kein privater Raum erwartet werden kann. Wir ziehen es vor, nicht von Suchmaschinen gezeigt zu werden und möchten nicht beworben und in sozialen Medien geteilt werden. Das ist jedoch keine Garantie. Es ist wichtig für uns, dass unserer Community die Struktur bewusst wird, an der wir teilhaben. Zum Beispiel machen wir deutlich, dass eine Registrierung möglich ist, ohne eine E-Mail-Adresse oder einen amtlichen Namen zu hinterlassen. Trotzdem hinterlässt die IP-Adresse eine Spur und Nutzer*innen könnten durch ihren Standort, Namen oder Internet-Vertrag identifiziert werden.

Wir nutzen in unserer Datenstruktur keine Kategorien, sondern definieren jeden Eintrag durch eine Bandbreite von Beschreibungen. Davon beruhen einige auf eher buchstäblichen Eigenschaften wie Standort oder Form, andere aber auch auf Energie, Stimmung oder Assoziationen. Wir suchen nach alternativen, überlappenden und subjektiven Wegen, Inhalte und ihren Kontext zu finden und darüber nachzudenken. Wir versuchen, die Wiki-Struktur unkonventionell zu nutzen, um der Giftigkeit zu entkommen, die von Taxonomie ausgeht.

Aktuell sind wir gewollt klein und öffnen uns für neue Menschen persönlich in Workshops. Während das Projekt wächst, wird es neue Dringlichkeiten geben – in dem Spannungsfeld zwischen dem Schutz vor Vandalismus und dem Erreichen eines breiteren Publikums. Wir veranstalten bald Workshops zu Not Found On, die sich mit bestehenden sozialen technischen Protokollen in feministischen und LSBTQIA+-Foren, privaten Gruppen und Archiven befassen. So soll kollektiv behandelt werden, ob diese Protokolle Menschen mit einem legitimen Anspruch an den Raum abschrecken, und wie wir auf Not Found On eine Gemeinschaft aufbauen und zugleich eine gewisse Ungestörtheit und Privatheit wahren können.

LJ:Für mich geht es bei Not Found On um Selbsterhalt und zugleich um eine Akzeptanz von Verletzlichkeit. Das Projekt liegt unseren ersten Begegnungen am Küchentisch und unserem Bedürfnis nach Gemeinschaft also nicht allzu fern.

Projekte nehmen so oft ihren Anfang in einer Küche. Ich denke, das ist womöglich der am wenigsten anerkannte Sitz von Wissen, aber ebenso ein lebendiger Ort, besonders für jene Körper, die zu Anderen gemacht werden! Der Wunsch, sich selbst zu organisieren und Räume zu kuratieren, die wir brauchen, ist immer noch so relevant – so ähnlich, wie ihr es mit COVEN BERLIN tut. Während wir direkte Gemeinschaft in unseren Wohnorten mit uns persönlich bekannten Menschen aufbauen möchten, geht das glaube ich auch über Verbindung als rein soziale Funktion hinaus – es geht um Netzwerke, die Wissen stützen.

Ich glaube, das kollektive Aufzeichnen ist entscheidend, um den Kreis zu brechen, der dafür sorgt, dass die dynamischen Energien von Menschen im Heute erst 20 oder 30 Jahre später ‚entdeckt‘ und gefeiert werden, wenn sie keine Bedrohung mehr für Machtsysteme darstellen. Diese Unhörbarmachung durch einen Mangel an Wahrnehmung und Aufzeichnung im öffentlichen Bereich macht es für dieses Wissen viel schwieriger, sich generationenübergreifend zu bündeln.

Not Found On ist eine Geste, dies zu ändern. Wir möchten queer-feministische Körper einladen, mitzumachen, sich Zeit zum Wachsen zu nehmen und Scheitern zu dürfen.

„Alles, was du hast, musstest du auf gestohlenem Grund aufbauen, aber jetzt bauen wir nach Innen. Tiefer fern von allem sammle die Steine und baue mit uns7

  • 1. Textauszug aus der Einleitung von Not Found On introduction, 2019.
  • 2. HOT BODIES, Chor, Gérald Kurdian, www.wearehotbodiesofthefuture.org.
  • 3. Elisabeth J. Friedman, Interpreting the Internet: Feminist and Queer Counterpublics in Latin America, Berkeley: University of California Press, 2016, p. 4.
  • 4. Siehe die Einführung auf der Hauptseite der Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Hauptseite. In der englischsprachigen Wikipedia lautet die Formulierung: „the free encyclopedia that anyone can edit“ (die freie Enzyklopädie, die alle bearbeiten können) (https://en.wikipedia.org/wiki/Main_Page).
  • 5. Just for the Record, http://justfortherecord.space/.
  • 6. Friedman, Interpreting the Internet, S. 13.
  • 7.  „Everything you own you’ve had to build on stolen ground but now we build inwards. Deeper away from all pick up the stones and build with us.“ (Textauszug aus zu neunt verfasstem Text bei Schreibtreffen Not Found On, Liverpool, 2019).

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