Die Kraft der Selbstorganisation

Interview
02.09.2019

Die Kraft der Selbstorganisation

Jennifer Bennetts künstlerische Arbeit ist von der persönlichen Auseinandersetzung mit einer in vielerlei Hinsicht hegemonial beherrschten Welt geprägt. In ihrem knapp 700-seitigen Buch SAVE, das über einen Zeitraum von fünf Jahren entstand, geht sie den Möglichkeiten eines Paradigmenwechsels nach, der Menschen und Dinge nicht länger in monetären Wertzuschreibungen verortet. Dafür reiste sie als Ich-Erzählerin Jen von Deutschland nach Argentinien, Chile, Mexiko und in die USA, um mit Vertreter*innen selbstorganisierter Initiativen und indigener Gemeinschaften ins Gespräch zu kommen und von ihnen zu lernen. Jennifer Bennett nahm im Rahmen der transmediale 2019 am Uneasy Alliance Study Circle teil und zeigte dort mit Corporation of people’s situations (COPS) die eigens für das Festival entwickelte Performance Real Estate of Emergency.

 

Florian Wüst: In 2016 hast du ein, wie ich finde, beeindruckendes Buch mit dem Titel SAVE veröffentlicht. Keine Bilder, kein Weißraum, Text von Anfang bis Ende. Selbst das Cover ist kein Cover im eigentlichen Sinne, sondern die erste Seite des Buches. „Ich will weg und weiß doch nicht, wohin und was da zu wollen wäre.“ Mit diesem Satz beginnend, kommst du auf die Französische Revolution zu sprechen, dazwischen ein kurzer Absatz über eine Kindheitserinnerung. Das setzt den Ton für das gesamte Buch: eine Montage persönlicher und politischer Geschichten – wobei ich nicht sagen will, dass man das trennen könnte – eine Enzyklopädie von Begegnungen, die meisten davon mit Menschen, die sich für soziale Veränderung einsetzen. Verwirrung als Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit Dingen von hoher Dringlichkeit. Was gab den Anstoß, was hat dich für ein solches Vorhaben motiviert? Hast du vorher geschrieben und publiziert?

Jennifer Bennett: Die Idee, mit dem Text gleich auf dem Cover zu beginnen, kam vom Grafiker Christoph Steinegger, der meine Herangehensweise sehr gut verstanden hat. Geschrieben habe ich, seitdem ich schreiben gelernt habe. Es wurde zu einer Möglichkeit für mich, Gedanken und Gefühle zu formulieren, ohne dass ich dieses „Sprechen“ zwingend mit jemandem teilen musste. Das Schreiben eröffnete mir einen privaten Raum, für mich und meine Gedanken. Das erste Mal habe ich 2000, nach einer Reise in die USA, kurze Texte im Selbstverlag publiziert. An einem Buch wie SAVE zu arbeiten wurde inspiriert durch ein konstantes Entfremdet- und Befremdet-Sein von einer Lebens- und Konsumkultur, die mit meinen Vorstellungen davon, wie ich meine Lebenszeit mit anderen verbringen will, kaum etwas gemein hat. Auch spielte der Eindruck eine Rolle, Komplizin von Umständen zu sein, die ich ablehne: Paternalismus, Nationalstaaten, Ausschluss, Verschwendung, Verschmutzung, Ausbeutung, Unterdrückung usw. Ich wusste, dass ich nicht die einzige bin, dass diese Abneigung von vielen geteilt wird, und wollte Stimmen versammeln, die über tatsächliche Probleme sprechen, die von anderen Möglichkeiten der Organisierung, des Zusammenlebens, der Wertvorstellungen und der Kollaboration erzählen. Ich wollte all diese Kräfte am liebsten auch in der Realwelt verbinden und eine Kollaboration anstoßen, welche zur Überwindung des von mir Abgelehnten führen würde. Mir schwebte eine Art transnationale Verbindung vor, welche unsere derzeitige nationalstaatlich, repräsentativ organisierte Strukturierung ablösen würde. Ich halte viel von der Kraft der Selbstorganisation, welche immer am Werk ist, auch unter den derzeitigen Bedingungen. 

Florian Wüst: Das lebendige Moment des „Sprechens“, des Miteinandersprechens, der Suche nach passenden Worten, Gedanken setzen sich im Fluss der Rede zusammen: All das ist in SAVE beibehalten, nicht redigiert. Ich lese das als eine Geste oder besser eine Haltung, einerseits nicht durch die Glättung der Sprache die Pluralität der Stimmen zu unterwandern, andererseits die Rolle von Subjektivität und Lokalität hervorzuheben, eben gerade wenn es um den Widerstand gegen hegemoniale Ordnungen geht. 

Jennifer Bennett: Da kommen verschiedene Dinge zusammen. Einerseits habe ich die Gespräche in den Sprachen der Befragten geführt. Im Spanischen bedeutete dies, dass ich die Sprache erst während des Transkribierens übersetzte, und teilweise vom Gesagten auch erst während des Niederschreibens wirklich alles verstand. Dieses zaudernde Verstehen wollte ich nicht durch eine professionelle Übersetzung zum Verschwinden bringen. Die Sprachen, in denen die Gespräche geführt wurden, sind im Text spürbar, von den englischen Gesprächen sind teilweise ganze Abschnitte auf Englisch belassen, da eine Sprache schon auch eine explizit eigene Ausdrucksweise, im Prinzip eine eigene Art des Denkens enthält. Zudem ging es mir, wie du sagst, darum, lesbar zu machen, dass diese Gespräche entstehen, weil zwei Leute aufeinandertreffen und dieses Aufeinandertreffen ein spezifisches Sprechen auslöst. Ich mag es, bewusst zu machen, dass ich auf manche Gedanken nur wegen eines spezifischen Gegenübers komme, also Kommunikation etwas immer wieder Einzigartiges ist.

Cristóbal Moro, Jurastudent, Chilenisches Recht, Santiago de Chile

Jen: Eine andere Frage, gibt es an deiner Uni Mapuche?
Cristobal: Es gibt einen, er ist der Entspannteste von uns allen. Das bringt auch Probleme mit sich, er kommt immer zu spät, so funktioniert er, unsere Chefin regt sich immer auf. Es geht um ein unterschiedliches Funktionieren.
Jen: Er hat unseren Druck nicht.
Cristobal: Ich hätte das gerne. Es ist ein philosophisches Prinzip und ich glaube, dieser Diskurs ist total wichtig. Unser okzidentales System ist autodestruktiv. Der Diskurs des „guten Lebens“ würde uns gut tun. Weil er impliziert eine Reduktion des Fortschrittsdenkens. Er impliziert Dinge zu berücksichtigen, die total natürlich und menschlich sind. Eine Relation zur Erde, Identität. Es ist eine Konzeption, welche essenzieller ist. Den Konsum zu reduzieren. Es gibt trotz allem, auch wenn darüber nicht geredet wird, ein etwas magisches Bewusstsein. Wie ein Korn des „imaginismo magico“. Trotzdem gibt es ein sehr calvinistisches Arbeitsverständnis, man muss immer beschäftigt sein. Santiago ist eine hysterische Stadt. Alles ist immer in Bewegung.

Wir diskutierten über das TTIP-Abkommen und Fracking.

Jen: Es ist, als wäre die USA ein wild gewordenes Tier und dass das noch immer der stärkste Partner der EU ist, sehe ich als Problem.
Cristobal: Ich glaube, das nächste große Ding, was passieren wird, wird in Südamerika passieren. Aber ich glaube, Chile ist verloren. Es sind hier so wenige, die hier unglaublich viel Macht und Mittel haben. Wenige Familien – und die Leute wissen, wer diese sind. Zum Beispiel vor der Metro und den Bussen gab es ein anderes System, welches zwar chaotisch war, aber funktionierte. Dann hat Michelle Bachelet ein Copy & Paste von dem europäischen System gemacht und es funktioniert nicht, die Realität hier ist anders. Und anstatt das System zu zerstören, siehst du ewige Schlangen von Leuten, die schweigend warten. Wenn das in Argentinien passiert, der Bus kommt nicht, zerstören sie einfach das ganze Ding. Darum glaube ich, das Trauma der Diktatur, weil diese so brutal war, das hat die Leute ruhig gemacht. Wenn ich ein Diktator wäre, würde ich nach Chile kommen. Das Ding ist, Pinochet ist gestorben und die Leute haben auf der Straße gefeiert, weil er tot war, aber er war nie vor Gericht. Das heißt, er ist gestorben mit der Legitimation seiner Diktatur.
Jen: Glaubst du, so etwas könnte sich wiederholen?
Cristobal: Im internationalen Kontext nein. Das wäre schwierig. Aber es sind wenige Familien, denen dieses Land gehört und sie haben Angst und sie haben Grund dazu. Aber das Level der Brutalität der Polizei ist nach wie vor hoch. In Argentinien hatten sie auch eine Diktatur, aber dem Typen wurde der Prozess gemacht, das ist ein großer Unterschied. Aber unsrer ist einfach nur gestorben.
Jen: Ich war im Museum der Erinnerung und einer der Zeitzeugen sagte, das Schlimme war, dass das Land geteilt war.
Cristobal: Und es immer noch ist. Wenn es soziale Unruhen auf der Straße gibt, gibt es Leute, die sagen, es ist Zeit, dass wir das Militär wieder auf die Straße holen. Es gibt eine Normalisierung der Gewalt.

Florian Wüst: In deine Beobachtungen und Gespräche sind Hintergrundinformationen zu bestimmten Begriffen, historischen Ereignissen und Personen eingestreut, sichtbar gemacht durch eine andere Schrift. Man könnte sagen, dass es sich bei SAVE um einen hyperverlinkten Text in Buchform handelt. Stand diese Idee von Anfang an? Ist es dir nicht in den Sinn gekommen, das Ganze als Internetblog zu realisieren? Und diesen fortwährend mit direkten Links zu den vielen Quellen zu versehen, die du dir für das Buch sowieso aus dem Netz geholt hast?

Jennifer Bennett: Am Anfang schwebte mir eine Art Fortsetzungsroman vor, so wie die Groschenromane, die man am Kiosk kaufen kann. Als sich jedoch mein Partner in diesem Vorhaben von mir trennte, machte ich erstmal eine Pause von drei Jahren. Dann reiste ich nach Argentinien, um eine alte Freundin zu besuchen. Ich nahm meine Notizen mit und plante die Umsetzung des Buches. Recherche-Fragmente habe ich eingefügt, weil ich beim Überarbeiten der alten Notizen gemerkt habe, wie sehr historische Ereignisse, verschiedene Unternehmen und Personen auf mein Leben einwirken, weil sie den Lauf der Geschichte prägen. Die Geschichte in Büchern zu dokumentieren, macht insofern Sinn, als dass Bücher etwas ziemlich Langlebiges sind. Ich fand es spannend, wie das Internet unsere gegenwärtige Wissensproduktion prägt. Viele der Recherche-Einschübe sind von Wikipedia, teilweise furchtbar formuliert und verkürzt. Trotzdem habe ich ziemlich viel gelernt, und ich wollte den Fokus darauf richten, was es mit dem Denken und Verstehen macht, wenn es stets durch eine Aufzählung von Fakten unterbrochen wird. Eine Bekannte nannte das Buch dann auch Post-Internet-Literatur. Zudem habe ich während der Reise 2014 tatsächlich einen Blog betrieben, auf dem ich Orte und Organisationen verlinkte. Aktuell überlege ich, das Buch online zu stellen, durch Links zu erweitern und eine weitere Bearbeitung durch andere zu ermöglichen, um vielleicht auch eine Plattform der Vernetzung zu schaffen. Aber das wird Zeit brauchen.

Denis Rochac, Earthworks, Boggs School, Detroit

Jen: Man sieht, dass Führungspersonen nach wie vor wichtig sind.
Denis: Ja, schon, obschon ich davon kein Fan bin.
Jen: Ich denke, wir sind so erzogen, dass wir Leaders brauchen.
Denis: Es gibt keinen flow of leadership und die Geschichte ist so – also Rosa Parks hat entschieden, sitzen zu bleiben, aber es gab davor schon viel Aktion und Workshops und solche Sachen, sie war nicht allein. Aber das ist der Grund, dass wir immer an die Leader glauben, wie Martin Luther King und so, but they all could be diminished, aber das kapitalistische System will immer ein Logo, das man verkaufen kann. Sie geben Dir ein Che-Guevara-T-Shirt und lassen Dich denken, dass Du Teil von etwas bist und klar wollen wir alle Teil von etwas sein, versteh mich nicht falsch. Aber ich denke, wir müssen so viel wie möglich selber tun ohne Funding und am Ende haben wir vielleicht alle keine Jobs, aber wir werden andere Dinge haben, aus denen sich etwas entwickeln wird.

Florian Wüst:Mir gefällt die Ambivalenz des Titels. Save mit „v“ und nicht mit „f“. Etwas sparen, Geld zum Beispiel. Etwas sichern oder retten: das eigene Leben, die Welt. Etwas bewahren. All das beschreibt aktives Handeln.

Jennifer Bennett: Es fiel mir ziemlich schwer, einen Titel zu finden. Da ich so viel schrieb und immer wieder die Funktion Save/Speichern aktivierte, hat sich dieser Begriff ein wenig aufgedrängt. „Save“ meint aber auch genau das, was du sagst: Es ging mir darum, Sichtweisen zu sichern, die marginalisiert werden und nicht in den Mainstream der Geschichte eingehen. Zumindest noch nicht. Es wäre mir schon ein Anliegen, zum Beispiel das Wissen über unterschiedliche Arten des Commoning voranzutreiben.

Florian Wüst: Gut, dass du das ansprichst. Über Commoning wird ja inzwischen viel geredet, vor allem im Stadtdiskurs. Es scheint mir aber, dass sich die Voraussetzungen für die Schaffung und Bewahrung gemeinsamer Räume, die nicht nur geteilt werden, wie Stavros Stavrides schreibt, sondern das Teilen selbst mitbestimmen, stark unterscheiden. Ich meine nicht, dass das hier, sagen wir in Berlin, wo es eine vergleichsweise funktionierende, gleichzeitig extrem formalisierte staatliche Infrastruktur gibt, einfacher wäre als anderswo. Im Gegenteil. Bezogen auf deine Begegnungen mit den verschiedenen, vor allem indigenen Initiativen zwischen Temuco im Süden Chiles und Detroit: Wie materialisiert sich die von dir erwähnte Kraft der Selbstorganisation? Lassen sich lokal entwickelte Methoden übertragen und abstrahieren?

Jennifer Bennett: An Edelsteinen lässt sich gut beobachten, dass sich manche nur an bestimmten Orten bilden. Auch wenn wir wünschenswerterweise und in Anbetracht der Probleme zu einer globalen Gemeinschaft zusammenwachsen, denke ich, es wäre ein Verlust, regionale Unterschiede nivellieren zu wollen. Daher jein. Es lässt sich etwas lernen von anderen, aber Copy & Paste funktioniert in der Realität oft nicht. Grundsätzlich denke ich, dass Selbstorganisation mit kollektiver Praxis zu tun hat. Die Kraft der Selbstorganisation bedeutet, dass Menschen gemeinsam auf Lösungen hinarbeiten, die erlauben, dass sie sich emanzipieren und dadurch neue Erfahrungen machen. Eine Gruppe der Mapuche in Chile besetzt gemeinsam Land, was sie als ihnen zustehend ansehen. Wir hier in den europäischen Städten kommen erst langsam wieder auf die Idee, dass uns etwas – abgesehen von unserer Arbeitskraft – zustehen könnte. Dieses Selbstverständnis haben wir hier wenig ausgebildet. Für eine Besetzung muss man sich organisieren, das ist die Kraft der Selbstorganisation. Die Instrumentalisierung der Selbstorganisation durch partizipative Verfahren, die nur dem Schein dienen, stellt jedoch in meinen Augen ein Problem dar. Wie ich auch in Gesprächen mit Angehörigen verschiedener indigener Gruppen herausfand, welche bei Infrastrukturprojekten laut Übereinkommen 169 der ILO, der Internationalen Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen, miteinbezogen werden müssen, waren die wesentlichen Entscheidungen bereits im Vorfeld gefallen. Mir erscheinen diese sogenannten Bürgerbeteiligungen wie ein Binden von Zeit und Energie, ohne dass dabei über wichtige Punkte entschieden oder ein geplantes Projekt ganz abgelehnt werden könnte.

Kyle, Member Dancing Rabbit Eco Village, Alternative building enthusiast

Kyle: Ich möchte noch eine Sache sagen, zu dem, was Du am Anfang gesagt hast, also wie die Leute complicit sind mit einem System, das sie nicht verstehen und nicht unterstützen wollen. Ich dachte an Formen von Kontrolle und sagt dir das Konzept von Hegemonie etwas, also controlling people through positive converts essentially, und ich habe das Gefühl, eine major component von unserem gegenwärtigen System und wie es läuft und alle sind einfach drin and not really paying attention to what’s going on, das wird alles ermöglicht durch recht günstige Energieressourcen, die wir haben, durch fossile fuels. Ich denke dadurch, dass wir viel Öl, Kohle und Petroleum haben, ermöglichen diese Ressourcen auf künstliche Weise ein System, where people can achieve comfort and achieve material happiness, ohne dass dieses System, it’s not going to sustain itself. Wenn diese Möglichkeiten verschwinden, werden die Leute wahrscheinlich auf nicht einfache Weise gezwungen, diese Systeme zu erkennen. Daher ist für mich so etwas wie Dancing Rabbit sehr wichtig, weil ich das Gefühl habe, bei uns gibt es ein Konzept, Ressourcen zu konservieren. Wir sind in living sehr konservativ, nicht politisch, aber damit, was wir konsumieren und wie wir mit Raum umgehen. Wir finden raus, wie man so in einer Gesellschaft leben kann. Also die ganze Marx-Idee that the resources determine the superstructure. Daher denke ich, realistisch mit den Ressourcen umzugehen, ist ein fundamentaler Teil of redefining nation states or society or ecovillages or whatever.

Florian Wüst: In der Uneasy Alliances Study Circle-Diskussion während der transmediale 2019 stelltest du die Frage: „How to disrupt the status quo?“ Ich nehme an, es ging dir nicht primär um den Status Quo eines politischen Alltags, in dem progressive Ansätze von unten vereinnahmt und neutralisiert werden – eben wie es allzu oft in Beteiligungsverfahren geschieht. Das Thema des Study Circles drehte sich ja um die Herausforderung, neue Formen von Zusammenschlüssen zu denken und zu praktizieren, außerhalb dessen, was vertraut, naheliegend, was „easy“ ist. Wie würdest du selbst die Frage beantworten?

Jennifer Bennett: Ich bin verleitet zu sagen: den Status Quo der Unterdrückung. Diesen können wir verunsichern indem wir tatsächlich andere Arten von Beziehungen eingehen. Gleichberechtigte Beziehungen zu allem, was uns umgibt, in Anerkennung dessen, dass alles um einen herum die gleiche Daseinsberechtigung hat wie man selbst. Das ist schwierig, ich merke es in Situationen, wo ich jemanden von meinen eigenen Ansichten überzeugen will. Es geht mir nicht darum, Argumentation zu negieren, es ist schön, in einer Kommunikationsbewegung zu sein und langsam von seinen eigenen Überzeugungen abzukommen, weil man bereit ist, etwas von jemand anderem zu lernen. Gleichzeitig geht es darum, Differenzen zu akzeptieren, Möglichkeiten zu schaffen, dass differente Vorstellungen in einen Austausch kommen und dadurch ein gegenseitiges Bewegtwerden möglich wird. Rosi Braidotti schreibt in ihrem lesenswerten kleinen Buch Politik der Affirmation darüber: „Zusammen werden wir etwas anderes als was wir waren, bevor wir uns nahe wurden.“

Florian Wüst: Am Ende deines Buches kehrst du nach Hamburg zurück, wo du das letzte Interview mit Andreas Blechschmidt von der Roten Flora führst. Du sprichst ihn auf die Schwierigkeit an, über die eigene Peergroup hinauszugehen, andere Leute dafür zu sensibilisieren, dass sie mit dem politischen Kampf der Besetzerszene mehr gemein haben als sie denken, wie zum Beispiel das Problem der steigenden Mieten. Also die Schwierigkeit, in eine Kommunikationsbewegung einzutreten, so wie du das gerade genannt hast. Wo siehst du dich heute, in Berlin lebend, ganz konkret in deiner Praxis und im Vergleich zu vor vier bis neun Jahren, als du an SAVE gearbeitet hast? Das Buch beginnt nicht nur mit einer offenen Frage, sondern schließt auch in ähnlicher Weise unter dem Eindruck eines drängenden und ungelösten Hier und Jetzt: „Es ist zum Die Wände Hochgehen. Ich muss etwas rausfinden. Ich muss irgendetwas tun. Dass ich und wir nicht leben können, wenn es jetzt nicht mal aufhört, diese Verkehrtheit der Welt. Verkehrt, es funktioniert nicht. Es funktioniert für zu wenige.“ Seit einiger Zeit bist du mit Kunstblock and beyond aktiv, einem Zusammenschluss von Künstler*innen, der sich vornehmlich mit dem Thema der Gentrifizierung in Berlin beschäftigt und dagegen kämpft.

Jennifer Bennett: Ich sehe es als Notwendigkeit, als Künstlerin aktiv zu werden und dafür ist der Kunstblock eine gute Form der Organisierung. Alle, die wollen, können sich beteiligen. Wir treffen uns einmal im Monat und arbeiten zusätzlich in Arbeitsgruppen, oft schreiben wir gemeinsam Texte, wofür wir Online-Pads nutzen. Es ist irrelevant, wer was gemacht hat, wir versammeln uns zu gemeinsamen Aktionen. Zum Beispiel, um Proteste von Wohnungslosen zu unterstützen oder Artwashing-Strategien aufzudecken und publik zu machen. Wir sind eine überschaubare Gruppe, obwohl es x Baustellen gibt, um die man sich kümmern könnte. Wenn man sich erstmal auf eine Auseinandersetzung mit den raumpolitischen Brandstellen einlässt, werden sie immer zahlreicher. Obschon in der sogenannten BerlinStrategie, dem Stadtentwicklungskonzept 2030, darüber geschrieben wird, dass Berlin eine solidarische und vielfältige Stadt sein soll, merkt man davon wenig – in einer Realität, in der Baugenehmigungen für hochpreisige Co-Working Spaces vergeben werden, wo Eigentum gefördert wird und es einen Fokus auf Touristifizierung gibt. Ich verstehe nach wie vor nicht, warum man eigentlich überhaupt für Umweltschutz und Gemeinwohl kämpfen muss – die kapitalistische Realität zeigt aber, dass es nötig ist. Wenn es nicht nötig wäre, gäbe es weder Wohnungslose noch Insektensterben. Es kommt mir vor, als müsste ich, seit ich denken kann, zusehen, wie alles, was man falsch machen kann, auch falsch gemacht wird. Manchmal ist es mir nahezu unerträglich und erzeugt Aggression und Frustration in mir. Zu diesen Gefühlen stehe ich, auch wenn ich mir schon öfters vorwerfen lassen musste, negativ zu sein. Aber ich möchte wirklich, dass verstanden wird, dass, dieser Satz am Schluss des Buches – „Verkehrt, es funktioniert nicht. Es funktioniert für zu wenige.“– real ist und dass wir darüber nicht einfach hinwegsehen können. Der Philosoph Frithjof Bergmann benennt das in unserem Gespräch für SAVE als ein Verhältnis von 20% Oasenmenschen und 80% Wüstenmenschen. Eine Ordnung, für die ein solches Verhältnis ein Gleichgewicht darstellt, finde ich problematisch. Ich halte es für nötig, wie eingangs gesagt, diese Ordnung abzulösen. Dafür braucht es in meinen Augen auch eine Überwindung des repräsentativen Regiert-Werdens durch politische Parteien. Politik sollte kein Wettbewerb sein und auch kein Kampf zwischen links und rechts oder oben und unten. Gegenwärtige Probleme gehen alle an und wir sollten dafür sorgen, ein Problembewusstsein zu schaffen, Verbindungen zu stärken und nicht Verfeindung voranzutreiben. Ralph Heidenreich hat mal etwas Inspirierendes bezüglich der Französischen Revolution gesagt. Er meinte, dass diese nur möglich war, weil im Bereich der „Verwaltung“ alles dafür vorbereitet war, die herrschende feudale Klasse abzulösen. Um also eine alte Struktur abzulösen, muss eine neue erarbeitet werden und sich etablieren können. Kunst kann eine Möglichkeit sein, im Rahmen kollektiver Arbeit und partizipativer Projekte Testfelder zu schaffen und über solche Fragestellungen zu reflektieren. Mir persönlich hilft es, künstlerisch nicht nur allein, sondern auch im Kollektiv zu arbeiten, um Zusammenarbeit zu üben und mich differenten Herangehensweisen gegenüber zu öffnen.

Andrea Stander, Executive Director of Rural Vermont

Jen: Kannst Du mir als erstes erzählen, wie Rural Vermont angefangen hat?
Andrea: Sicher. Es hat 1985 angefangen, weil es in der Zeit eine Krise für die Farmer in Vermont gab. Es war ein Zusammenschluss von Leuten, die Farmer waren and people who cared about farmers, um rauszufinden, was man tun könnte, damit deren Stimme gehört würde und sie Einfluss hätten auf die Gesetze, die gemacht wurden, die sie und die Möglichkeit, auf ihrem Land ein Einkommen zu verdienen, beeinflussten. Weiterhin ist die Mission der Organisation, die Leute, die auf dem Land arbeiten, zu ermächtigen, sich für ihre gemeinsamen Anliegen zusammenzutun und einen Weg zu finden, diese Anliegen an die Orte zu bringen, wo Veränderungen passieren können – sei dies auf dem lokalen Level in ihren Gemeinden oder im Staat oder auch auf dem nationalen Level, obschon ich sagen würde, dass wir uns hauptsächlich um Dinge hier in der Gegend von Vermont kümmern.
Jen: Das macht im Sinne der regionalen Interessen Sinn.
Andrea: Ja, und wir waren immer sehr klein und grassroots focused, insofern als wir unsere Richtung von unseren Mitgliedern erhalten und unser Board/Gremium, da waren die meisten immer selber arbeitende Farmer. Wir haben nicht sehr viele Angestellte und sind auf die freiwillige Mitarbeit unserer Mitglieder angewiesen. In den fast dreißig Jahren sind viele Probleme gleich geblieben, als Beispiel, die ökonomische Fairness ist ein wichtiger Aspekt. Besonders die kleinen Betriebe, die hauptsächlich Familienhöfe sind, müssen auf dem gleichen Level spielen, wie die großen Agrikultur-Unternehmen, das ist ein Problem.
Jen: Weißt du, warum große Unternehmen subventioniert werden? Das macht keinen Sinn.
Andrea: Nein, nichts macht Sinn in dieser Diskussion. Ich sage Leuten immer, wenn du in diese Arena gehst, gib deine Logik an der Garderobe ab, es macht keinen Sinn. Es ist ein politisches System, das sich seit den 70ern entwickelt. Ich weiß nicht, ob jemand schon mal den Namen Earl Butts erwähnt hat, Secretary of Agriculture in the 70ies. Er sagte zu den Farmern im mittleren Westen, als es da noch viele kleinere Familienhöfe gab, „Get big or get out.“ Und damit fing die Veränderung in der Agrikultur an. Es wurde politisch entschieden, dass es wichtiger war, billiges Essen zu produzieren, als gutes Essen zu produzieren. Viele politische Entscheidungen wurden gefällt und die Corporations wuchsen. Während dieser Zeit glaubten die Politiker, wenn die Nahrungsmittelpreise zu doll anstiegen, und damals sah es ganz danach aus, würde es eine Revolution in diesem Land geben, es war ein Weg das zu stabilisieren. Sie haben die Preise künstlich unten gehalten. In den letzten Jahren sind die Preise dennoch massiv angestiegen, aus unterschiedlichen Gründen.
Jen: Wer kontrolliert die Preise, zum Beispiel für Milch?
Andrea: Wenn du am globalen Markt teilnimmst, hast du keinerlei Einfluss darauf. Wenn du auf dem Farmers Market verkaufst, ist das viel lokaler. Hier in verschiedenen Regionen, siehst du sehr große Preisunterschiede. Es hat dann mit der Bevölkerung zu tun und was für Preise diese bezahlen kann. Aber es macht keinen Sinn, dass so etwas Wichtiges wie die Ernährung von großen Unternehmen, die kein Interesse an nährstoffreicher Ernährung haben, kontrolliert wird.
Jen: Welche Wahl haben die Leute tatsächlich, insbesondere arme Leute. Sie haben nicht wirklich eine Wahl. Und ich denke, es wird gedacht, bisher wurde niemand geschädigt, oder wir wissen nicht, wie schädlich genmodifiziertes Essen ist.
Andrea: Ja, das ist ein weiteres Problem, die Drehtür zwischen den Regulierern und den Unternehmen. Es gibt manche, die heute politisch im Sektor Agrikultur arbeiten, die vorher für Monsanto gearbeitet haben. Und diese Interessen haben so viele Entscheidungen der letzten dreißig Jahre beeinflusst. Und manche glauben wirklich daran, dass diese technischen Lösungen funktionieren werden und glauben wirklich, dass dies nicht schädigend ist. Ich denke, es gibt genug Zweifel, Unsicherheit und genügend verstörende Beweise.
Jen: Seit wann gibt es GMO in den Staaten?
Andrea: Die ersten wurden in den frühen 90ern ins menschliche Nahrungssystem eingeführt.
Jen: Es wird also seit den 90ern angepflanzt?
Andrea: Ja und davor wurde es bereits für Tiere genutzt. Und erst seit kürzerem wird GMO für direkten menschlichen Verzehr produziert. Das meiste wird indirekt verzehrt, eben weil es an Tiere verfüttert wird. Oder Inhaltsstoffe in processed food. Und es wird immer gesagt, „Ach, es ist so eine kleine Menge, das macht nichts.“ Aber was in meinen Augen am überzeugendsten ist, ich habe zwei Grafiken gesehen, die nichts miteinander zu tun haben. Eine ist eine Grafik der Zunahme an genmodifizierten Nahrungsmitteln, die andere Grafik zeigt die Vermehrung von verdauungsspezifischen Erkrankungen und die sieht für die gleiche Zeitperiode genau gleich aus. Natürlich hat das auch mit anderen Faktoren zu tun, dass wir uns keine Zeit zum Essen nehmen, die ganze Zeit im Gehen essen und solche Sachen. Aber unser Unwissen gegenüber der Gentechnik ist riesig, wir wissen sehr wenig. Es ist ein Trial-and-error- Vorgehen, was hauptsächlich dadurch angetrieben ist, was wir als Menschen wollen, also „Oh, wir mögen dieses besser als das, lass uns davon viele machen.“ Und jetzt werden diese Entscheidungen von multinationalen Unternehmen gefällt, deren einziges Interesse es ist, mehr Geld zu machen. Uns nicht als Teil der Welt zu sehen, uns davon so sehr zu separieren, ist möglicherweise einer unserer größten Fehler.

 

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