Co-Curricular Infrastructure

Essay

Co-Curricular Infrastructure

Berlin Night, Credit: Chris Hadfield /@Cmdr_Hadfield
Berlin Night, Credit: Chris Hadfield /@Cmdr_Hadfield

Haben User_innen das Recht, Infrastrukturen, welche ihr Leben bestimmen, zu verstehen, zu sehen und sogar zu manipulieren? Die Kuratorin des neuen transmediale Co-Curricular Programms, Daphne Dragona, beschreibt, wie die Veranstaltungen in ihrem Programm die derzeitige technologische Infrastruktur in Frage stellen, auf die wir uns verlassen und in diesem Prozess ein neues Netzwerk, eine neue Infrastruktur, des Co-Curricular Programms selbst entstehen ließ.


Die vernetzte Welt von heute ist eine undurchsichtige Welt. Was Nutzer_innen über die Netzwerkplattformen, -systeme und -infrastrukturen wissen können, auf denen ihre Kommunikation beruht, liegt im Verborgenen. Sie haben einen Punkt erreicht, an dem das Internet „nicht existiert“ und die Gegenwart der unsichtbaren „Cloud“ an erster Stelle steht. Sie genießen ein ständiges Vernetztsein, das jedoch neue Ängste und Unruhen mit sich bringt.

Wie können die heutigen Nutzer_innen denn gänzlich frei agieren, handeln, teilen und sichern, wenn die Prozesse und Netzstrukturen doch unbekannt bleiben? Wie können sie die Mystifizierung und Souveränität der Cloud übertrumpfen und sich auf andere Systemen zu bewegen, von denen sie selbst Besitz ergreifen und die sie selbst kontrollieren können? Gibt es ein Recht auf Infrastrukturen und wenn ja, wie könnte man es wieder zurückerlangen? Welche neuen Formen von Medienkompetenz können Nutzer_innen wieder befähigen und wie genau?

Um sich diesen Fragen zu widmen, initiierte die transmediale 2016 mit Unterstützung der Allianz Stiftung ein neues Co-Curricular Programm. Im Einklang mit den vergangenen Festivalaktivitäten war es als Kuratorin des Programms mein Ziel, Medienkompetenz zu festigen und gleichzeitig zu stärken, dass Künstler_innen, Wissenschaftler_innen, Aktivist_innen und Theoretiker_innen der verschiedensten Bereiche und Generationen ihre Erfahrungen und ihr Wissen miteinander teilen. Der Name Co-Curricular spiegelt auf der einen Seite eine Möglichkeit für junge Künstler_innen und Wissenschaftler_innen wider, sich in neuen Formen informeller Bildung außerhalb des üblichen Curriculums zu engagieren und auf der anderen Seite eine Herausforderung für die transmediale selbst, ihr Netzwerk an Kollaborateur_innen auf dem Forschungsbereich zu auszuweiten. Als Antwort auf die Ängste und Unruhen der post-digitalen Kultur, welche die diesjährige Festivalausgabe anging, bot das Programm eine gemeinsame Plattform, im Rahmen derer die Möglichkeiten einer neuen Form von Infrastrukturkompetenz durch eine aktive Gemeinschaft erkundet wurden, die bereits an autonomen Netzwerksystemen und Infrastrukturen arbeitet.

Das Programm beinhaltete Workshops, Seminare und weitere partizipative Formate, die sowohl Theorie als auch Praxis miteinbezogen. Es umfasste zwei Geltungsbereiche: zum einen sollte auf die undurchsichtigen Prozesse der Datensammlung hinter den heutigen vernetzten Systemen aufmerksam gemacht werden und zum anderen sollten aufstrebende und spannende Alternativsysteme und Infrastrukturen besprochen werden, welche die Nutzer_innen selbst unterstützen, besitzen und kontrollieren können. Gemeinschaftliche Netzwerke, offline geteilte Archive und autonome, verteilte Systeme rückten in den Mittelpunkt und stellten verschiedene Infrastrukturen vor, die einer Smart City bis hin zu denen eines Smart Home. Für ihre Projekte nahmen sich die Künstler_innen, Wissenschaftler_innen und Netzwerkpraktiker_innen verschiedenster Praktiken und Methodologien an, die auch Elemente aus dem Bereich der Medienarchäologie, des Critial Design, Commoning, DIY Netzwerken und Aktivismus beinhalteten.

Das Co-Curricular Programm startete mit der Live-Performance Hello, City! des „spekulativen Architekten“ Liam Young. Er legte den Schwerpunkt auf die Infrastrukturen von Smart Cities und darauf, wie diese unser tägliches Leben in naher Zukunft beeinflussen werden. Young nahm die Zuschauer_innen mit auf eine Tour in einem fahrerlosen Taxi und lud dazu ein, sich eine Zukunftsstadt durch die Augen der Roboter, die sie managen, anzuschauen. Er zeigte ein städtisches Umfeld, in dem alles aufgezeichnet, miteinander korreliert und vorhergesagt werden kann – alles nur dank der fortschrittlichen technologischen Infrastrukturen. Die Problematisierung der Smart City wurde auch von der Soziologin Jannifer Gabrys und der Künstlerin Helen Pritchard untersucht. Für ihren Workshop Rethingifying the Smart City luden sie die Teilnehmer_innen dazu ein, die Prozesse der Smart City „umzufunktionieren und mit neuer Infrastruktur zu versehen“; besonders ökologische Bedenken standen hier im Vordergrund. Die Teilnehmer_innen nutzten Videos, Photos, Quellcode, Netzwerkinfrastrukturen, Sensoren, spekulatives Design und Kunstwerke, um mögliche Modelle und Prototypen zu diskutieren.

Im Co-Curricular Panel wurden weitere neue Praktiken in den Vordergrund gestellt, die als Antwort auf den Black Box-Charakter der allgegenwärtigen Datenverarbeitung und der Infrastrukturen von Smart Cities entstanden waren. In der Veranstaltung Reprogramming the Internet of Things, moderiert von Dimitris Charitos und Iouliani Theona, diskutierten Jennifer Gabrys, Jaromil Rojo und Soenke Zehle über die Herausforderungen und Möglichkeiten der asymmetrischen Logik des Internets der Dinge. Die Redner_innen stellten vor allem neue Arten von Hierarchien und Kolonien heraus, die hinter dem Vorwand der großen Narrative in der Smart City entstehen. Es wurden kleinere, von Nutzer_innen kontrollierte Systeme vorgestellt, die als Werkzeuge für Achtsamkeit und Emanzipation dienen könnten.

Doch in welchem Ausmaß ist es wirklich möglich, dass Nutzer_innen ihr Recht auf Infrastrukturen zurückerlangen? Off-the-Cloud Zone, die größte Veranstaltung im Rahmen von Co-Curricular unterstrich die Größe dieser Herausforderungen. Forscher Panayotis Antoniadis, Netzwerkpraktiker James Stevens und ich selbst hatten in gemeinschaftlicher Zusammenarbeit eine Veranstaltung organisiert, die eine Gemeinschaft von Künstler_innen, Ingenieur_innen, Theoretiker_innen und Praktiker_innen zusammenbrachte, welche allesamt an Systemen gegen die Zentralisierung von Datenansammlung arbeiten. Modelle gemeinschaftlicher Netzwerke, mobile Ad Hoc-Netzwerke, offline geteilte Archive und autonome Systeme der Datenerfassung und -sammlung wurden präsentiert und diskutiert. Die Veranstaltung zeigte unter anderem das Team von dyne.org, welches das Projekt Dowse vorstellte. Dowse ist ein Zentrum für lokale Netzwerke und bietet einen Gegenentwurf zum Internet der Dinge. Außerdem präsentierte das Team des gemeinschaftlichen Netzwerks Sarantaporo ein Netzwerk, das die Einwohner_innen einiger Dörfer im Norden Griechenlands miteinander verbindet.

Eines der Hauptziele von „Off-the-Cloud“-Systemen ist es, vertrauenswürdige Netzwerke für Nutzer_innengemeinschaften zu bauen. Die Künstler Cristoph Wachther und Mathias Jud diskutierten in ihrem Seminar Infrastructural Violence die Mitwirkungsmöglichkeiten und Emanzipation in der Machtausübung innerhalb von Netzwerkinfrastrukturen. Die Künstler hatten mit Minderheiten und Randgruppen gearbeitet, um autonome Gemeinschaftsnetzwerke zu entwickeln und betonten, dass der neuen Form von infrastruktureller Gewalt nur entgegengewirkt werden kann, wenn die individuellen Mitglieder nicht mehr abhängig von den auferlegten Kommunikationssystemen sind. Beispiele von Netzwerken in Syrien, der Türkei, China und dem Iran, die von den Künstlern in Zusammenarbeit mit Aktivisten geschaffen worden waren, verdeutlichten das Potenzial dieser alternativen Kommunikationswege.

Der DIY Packet Radio Workshop schaute sich ebenfalls gemeinschaftliche Medien an, allerdings aus einem ganz anderen Winkel. Die Künstler Dennis de Bel und Roel Roscam Abbing waren vom kabellosen Radio inspiriert worden und entschieden sich, dieses ältere Medium gemeinsam mit den Workshop-Teilnehmer_innen zu untersuchen. Während sie einer künstlerischen Praxis folgten, die sich der Medienarchäologie zu eigen machte, erinnerten die Künstler die Teilnehmer_innen an die Pluralität und die Möglichkeiten von verschiedenen autonomen und widerstandsfähigen Netzwerken. Im Rahmen des Workshops stellten sie außerdem ihr eigenes DIY Radiosystem vor und erklärten, wie es sofort vor Ort in Betrieb genommen werden kann.

Im Allgemeinen zielte das Co-Curricular Programm darauf ab, die Dynamik der wachsenden Gemeinschaft von autonomen Infrastrukturen aktiv zu stärken. Ein Team von postgradualen Studierenden der Kommunikations- und Medienwissenschaften an der Universität Athen, der Partnereinrichtung des Programms, reiste zur transmediale an, um an den Veranstaltungen teilzunehmen. Später wurden die Studierenden interviewt, um ihre Erfahrungen zu beschreiben und Feedback zu geben. Ihre Antworten betonten die folgenden Aspekte: die Nützlichkeit der praktischen Demonstrationen und Workshops, um theoretisches Wissen zu ergänzen, die Wichtigkeit der Anwesenheit von Künstlern in den partizipativen Workshops und Veranstaltungen, die Notwendigkeit eines kritischen Bewusstseins in Bezug auf die Bequemlichkeit der zentralisierten Vernetztheit und die Erforderlichkeit eines Wachsens und Ausbaus dieser lebendigen Gemeinschaft von Denker_innen, Künstler_innen, Wissenschaftler_innen und bewussten Nutzer_innen. Einer der Studierenden beschrieb es folgendermaßen: „Es ist sehr wichtig, dass ein Festival ein Programm, einen Raum, anbietet, welches die Infrastrukturen aufnimmt, die wir in naher Zukunft haben möchten. Man kann die Systeme ausprobieren, direkt mit den Machern sprechen und sich selbst fragen: Wie reif sind wir dafür und was können wir verändern?“

Vielleicht ist dies eine der ehrlichsten Fragen, die wir uns alle stellen sollten. Wie können wir in Zeiten der Vernetztheit von einem bewussten und unruhigen Zustand zu einer heiß diskutierten kritischen Befähigung und Emanzipation gelangen? Wie viel unserer Zeit und unserer Bequemlichkeit wollen wir wirklich opfern, um geübte und bewusste Nutzer_innen zu werden? Wenn man solch ein Programm kuratiert, gerät man in das Risiko, dass es als bloßes Bildungsprogramm angesehen wird oder als ein Programm, das sich nur an ein ganz bestimmtes Festivalpublikum wendet. Dadurch, dass ich jedoch die Dringlichkeit einer Infrastrukturkompetenz unterstrich, wollte ich etwas Anderes erreichen. Die Fähigkeit zu handeln, auf die sich jede Kompetenz bezieht, ist in diesem Fall abhängig von den Rechten, die Nutzer_innen in heutigen Infrastrukturen haben. Dies bezieht sich nicht nur auf das Öffnen der „Black Box“, um Systeme sichtbar und greifbar zu machen, sondern auch auf die Zugänglichkeit der Informationen über die Politik und die Macht hinter diesen Infrastrukturen. Vor diesem Hintergrund ist die Arbeit der interdisziplinären Gemeinschaft von Künstler_innen, Ingenieur_innen und Theoretiker_innen von großer Bedeutung. Ihre Arbeit umfasst ein breites Spektrum an von Nutzer_innen in Besitz genommenen und kontrollierten Systemen, während sie gleichzeitig dazu ermutigt, die heutige kommodifizierte „smarte“ Welt zu problematisieren. Co-Curricular zielte ganz bewusst darauf ab, sich ihrer Ansätze anzunehmen und die Möglichkeiten für neue erfolgreiche Zusammenarbeit unter all den Einzelakteur_innen, kulturellen Organisationen und Universitäten zu erforschen. So wird sie hoffentlich über das Festival hinausgehen und in unterschiedlichen Netzwerken an verschiedenen Orten fortgeführt werden.

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